Eine schöne Sauerei ...

Guido und ich arbeiten in der Pressestelle im Bundeskanzleramt, ich bin Susanne. Papa ist Wirtschaftswissenschaftler und ist auf die Regierung Schröder nicht gut zu sprechen.
Unser Nachbar von Gegenüber ist herübergekommen.

Unser Nachbar fragt: Eine schöne Sauerei, das! Oder was sagst du, Herrmann?
Papa fragt: Ich weiß nicht was du meinst, Karl ...
Guido: Ich wette, er meint die BA-Geschichte ...
Papa: Meinst du die?
Karl: BA, was ist das?
Papa: Bundesanstalt für Arbeit, du weißt doch: Arbeitsamt, Riester, Jagoda und so?
Karl: Ja, genau das meine ich.
Papa: Was ist damit, Karl?
Ich sage: Papa, er meint bestimmt den Skandal um die frisierten Vermittlungszahlen.
Papa: Ach, so?
Nachbar: Genau!
Papa: Ja, was hier offenbart wurde, ist eine Bankrotterklärung für eine der Säulen unseres sozialen Sicherungssystems. Mit den gefälschten Statistiken haben die nicht nur ein falsches Bild gezeichnet, sondern auf dieser Basis wurden jahrelang auch falsche Entscheidungen getroffen. Das ist der eigentliche Skandal.
Karl: Genau, so seh ich das auch ...
Guido: Wir werden die Arbeitsverwaltung reformieren, neu ordnen.
Papa: Glaubst du, das gelingt?
Guido: Ganz sicher! Schröder hat die Angelegenheit zur Chefsache gemacht, wußtest du das nicht?
Karl: Und, was hat er vor?
Papa: Würde mich auch interessieren. Obwohl, damit, daß er die Angelegenheit zur Chefsache machte, hat er Riester zum Sündenbock gestempelt und der wird Jagoda zum Teufel jagen.
Guido: Ja.
Papa: Was, ja?
Guido: Schröder macht Florian Gerster zum Chef der BA.
Papa: Ist ja interessant. Florian Gerster, Erfinder des "Mainzer Modells", wird neuer Chef der Bundesanstalt für Arbeit.
Karl: Wer is'n das?
Papa: Der rheinland-pfälzische Sozialminister, Karl.
Karl: Was glaubst du, kann der tun?
Papa: Die Arbeitslosen bekämpfen, Karl, die Arbeitslosen ...
Guido: Ist doch Blödsinn, Herrmann ...
Papa: Wart's ab, mein lieber Guido, wart's ab.

Drei Tage später ist Sonntag und Papa und unser Nachbar von Gegenüber treffen sich um elf bei uns am Gartenzaun.

Papa: Tag, Karl ...
Karl: Grüß dich, Herrmann ...
Papa: Was gibt's neues, Karl?
Karl: Du hattest recht, Herrmann ...
Papa: Womit, Karl?
Karl: Mit dem Gerster, Herrmann ...
Papa: Ach, ja?
Karl: Ja, dieser Gerster will abschaffen bis zum abwinken und die Stütze kürzen bis die Arbeitslosen unter Brücken hausen.
Papa: Das ist traurig, Karl. Willst'n Bier mit mir trinken?
Karl: Gern, Herrmann ...
Papa: Dann komm, geh'n wir ins Haus. Ah, sieh nur, da kommen Susanne und Guido.

Wir landen an, und treffen uns im Wintergarten.

Papa: Genosse Gerster ein Parteischädling, Guido?
Guido: Hör bloß auf. Kann ich auch ein Bierchen haben?
Papa: Bedien dich ...
Guido: Mhm, Gersters Vorschläge sind nicht mehrheitsfähig in der SPD- Fraktion, überhaupt nicht unsere Position, Herrmann. Ich betrachte sein Vorpreschen keineswegs als parteischädigend.
Papa: Typischer Kollateralschaden, hm?
Karl: Kolatte..., was?
Papa: Kollateralschaden, Karl. Wer einen Extremisten ruft, darf sich nicht wundern, wenn er einen bekommt. Oder, Guido?
Guido: Mach den Deckel drauf, Herrmann.
Karl: Moment mal. Dieser Gerster hat im Fernsehen gesagt: Man müsse einem Arbeitslosen zu Beginn seiner Arbeitslosigkeit soviel Geld lassen, daß er sich auch wirklich noch selbst um einen Arbeitsplatz kümmern kann ...
Papa: Karl hat recht, Guido. Als erstes kürzt man ihm so sehr das Geld, daß er kaum noch in der Lage ist, sich selbst um eine neue Arbeit zu kümmern. Wie weit kommt er mit fünfundzwanzig oder dreißig Euro am Tag? Er muß sein Auto abmelden und kann die Raten fürs Haus oder die Miete für seine Zweizimmerwohnung nicht mehr bezahlen. Vom Arbeitsamt bekommt er Stellennachweise, die ein halbes Jahr alt und bei Nachfrage längst besetzt sind. Im ersten Jahr bekommt er vielleicht vier davon und ab dem zweiten Jahr wird er nur noch verwaltet. Danach, wenn nicht gleich, wird er in die Industrie, die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände für sich selbst installiert haben abgeschoben, in deren Bildungswerke nämlich. Mich wundert, daß Bildungswerke noch nicht an der Börse gehandelt werden, denn die machen wirklich Geld. Statt Arbeitslosen wie in Dänemark, die Mobilität zu erhalten, betoniert man sie ein, als Austellungsstücke sozusagen. Vorhandenes Geld, zweiundzwanzig Milliarden Euro, um nur mal eine Zahl zu nennen, wird in dubiose Bildungswerke verschoben. Private Arbeitsvermittler bringen einen Arbeitslosen innerhalb von vier Wochen wieder in Arbeit, wie wir heute wissen.
Rund zweihundertfünfzig Milliarden Euro, gehen der Volkswirtschaft jährlich durch die Arbeitslosigkeit verloren, wie mein Institut schätzt. Der Buchhalter des Staates in Sachen Arbeitsmarkt, das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung -IAB, hat errechnet, was quantifizierbar ist: Den Staat kostete die Arbeitslosigkeit im Jahr 2001 rund siebzig Milliarden Euro. Fiskalische Kosten nennen wir Ökonomen das und meinen damit zum einen die Ausgaben des Staates für Arbeitslosengeld, Sozialhilfe und Wohngeld, zum anderen seine Einnahmelöcher bei Steuern und Sozialbeiträgen. Siebzig Milliarden Euro; wenn die nicht wären, müßte der Staat in diesem Jahr keine neuen Schulden machen und hätte noch Geld über. Er könnte das Lohnsteueraufkommen halbieren, oder jedem Bürger 850 Euro auszahlen. In bar, versteht sich. An anderer Stelle habe ich dir, Guido mal gesagt: daß der Staat jährlich fünfhundert Milliarden Euro durch den Schornstein schickt, wovon niemand etwas hat. Das ist eine gigantische Geldvernichtung für die Millionen von Menschen in Deutschland hart arbeiten.
... So, und nun mach ich den Deckel wirklich drauf. Ich denke, wir können essen. Tschüß, Karl.

Wir drei starren meinen Papa an. Guido mit offenem Mund und Karl kratzt sich gedankenverloren den Hinterkopf bevor er sich erhebt und irgendetwas murmelt.

Papa: Is noch was, Karl?
Karl: Ich denk grad: könnte es nicht sein, daß dieser Dieter Hundt, ihr wißt schon, ... ob der nicht vielleicht dem Gerster ein Fax geschickt hat und der hat das was drin stand ...

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