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Die fünfte Gewalt

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"Talk funny and make money": Bei der vergeblichen Suche nach einfachen Lösungen ist der Beratungsskandal der Platzhalter einer Reform VON PROF. NORBERT BOLZ

Wenn man nicht weiter weiß, kann man immer noch die Führung auswechseln. Diese jedem Bundesligatrainer längst vertraute Erfahrung musste jetzt auch Florian Gerster machen. Ist es ein Skandal, wenn eine "Agentur" des Staates, die Arbeitslosen bei der Jobsuche helfen soll, millionenschwere Beraterverträge abschließt? Und ist dann die Versuchung nicht unwiderstehlich, den Chef der Agentur selbst auf der Suche nach einem neuen Job zu imaginieren? Die Karikatur zeichnet sich fast von selbst. Gerster war chancenlos. Ähnlich wie Ulla Schmidt ist er das Opfer einer simplen Logik: Je geringer die Reformfähigkeit einer Organisation, desto größer die Anfälligkeit für Skandalisierung. Der Skandal ist gewissermaßen der Platzhalter der Reform.

Gerster sollte die Bundesanstalt für Arbeit reformieren, wusste aber nicht wie. Nun ist es eigentlich ein Zeichen von Intelligenz, zu wissen, dass man nicht weiß, was man nicht weiß; es ist aber kein Zeichen von Führungsstärke. Deshalb muss der Boss das eigene Nichtwissen in einen "Geheimniszustand" (Novalis) versetzen - und da ist es verlockend, sich den fehlenden Sachverstand von Experten zu kaufen.

Wer einen Berater verpflichtet, wird meist von der irrigen Vorstellung getrieben, man könne Sachverstand von außen in die eigene Organisation importieren. Der Wunsch ist so verständlich wie verbreitet, aber hoffnungslos naiv. In fast allen Fällen könnte man von einem Kollegen oder Mitarbeiter einen besseren Rat bekommen als von einem Berater. Dem Berater fehlt nämlich das kontextspezifische Wissen der jeweiligen Organisation. Er kann deshalb nur vergleichen: Wie machen es erfolgreiche andere? Und er kann mit neuen Organisationsideen und Zauberformeln spekulieren. Bei Lichte betrachtet, können Berater eigentlich nur erzählen, was andere erfolgreiche Leute heute machen, und das Ganze mit Management-Talk würzen. Der amerikanische Kommentar zu unserem Thema lautet: "Consultants talk funny and make money."

Die Consultative

Das soll aber nicht heißen, dass man sich das Geld, das man für Beraterverträge ausgibt, auch sparen könnte. Die Consultants leisten durchaus Bedeutsames - aber nicht das, was sich die meisten ihrer Klienten erhoffen. Vor allem helfen die Berater beim Vergessen. Berater helfen vergessen, warum frühere Reformen gescheitert sind. Das ist für Politiker, die unsere Gesellschaft verbessern wollen, überlebenswichtig. Denn der Glaube an die Reformfähigkeit einer Organisation nährt sich vom Vergessen früherer Reformanstrengungen. Deshalb sollte man auch regelmäßig die Berater wechseln.

Jeder Reformimpuls ist ein Verbesserungsvorschlag, der die Vergangenheit als schlecht konstruieren muss. So funktioniert heute etwa "Pisa" als Negativ-Mythos, der wunderbare neue Ideen von der Ganztagsschule bis zur Elite-Universität ermöglicht. Wenn jetzt die Gesamthochschulen, selbst ein Reformprodukt par excellence, wieder in Universitäten rückverwandelt werden, bleibt offen, ob sie gescheitert sind (CDU) oder so erfolgreich waren, dass sie nicht mehr nötig sind (SPD). Bei einer Reform zwischen Erfolg und Fehlschlag zu unterscheiden, ist nämlich Sache der Interpretation. Deshalb sprechen Politiker immer häufiger davon, es sei ihnen nur noch nicht gelungen, ihre guten Entscheidungen richtig zu kommunizieren. Sie suchen dann wieder Hilfe bei Beratern, diesmal: Kommunikationsexperten.

Das ist kein deutscher Tick - überall in der westlichen Welt läuft es so. Die demokratische Gewaltenteilung moderner Gesellschaften kennt neben den Schulbuchinstanzen Exekutive, Legislative und Jurisdiktion noch zwei weitere Gewalten: die Massenmedien und die von Otto Schily so genannte Consultative. Die Consultative ist die Gewalt der Kommissionen, Beiräte und Berater. Man lässt sich beraten, weil man nicht weiter weiß oder weil man eine unangenehme Botschaft mit einem anderen Absender versehen will.

Und so bieten die Consultants im Wesentlichen auch zwei Leistungen an: Sie machen Vorschläge, wie man Kosten spart, und entwerfen Image-Kampagnen, in denen die beratene Not leidende Organisation als "Marke" profiliert wird.

Sehnsucht nach einfachen Lösungen

Dass das Beratungsgeschäft bei Regierungen und Verwaltungen boomt, scheint damit zusammenzuhängen, dass die Wirtschaft immer sparsamer mit diesen Dienstleistungen umgeht. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, die Politik schaffe ABM-Stellen für arbeitslose Werber und Berater. Aber viel wichtiger sind die strukturellen Gründe. Es gibt nämlich keine Organisationstheorie komplexer Systeme - und dieses Vakuum füllen die Consultants mit ihren Formeln. Berater trivialisieren eine Organisation als krank - und schreiben ein Rezept aus; oder als kaputt- und empfehlen eine Reparatur. Mit anderen Worten: Berater verschreiben Probleme, die lösbar sind.

Das ist ganz und gar unrealistisch. Politik hat es mit dynamischen Systemen in einer turbulenten Umwelt zu tun; hier kann man nur durch lose Koppelung Stabilität erreichen. Berater können deshalb mit ihrem Wissen keine Möglichkeiten des Durchgriffs eröffnen, sondern nur orientieren. Sinnvolle Beratung zielt auf Betriebsblindheit: Sie stellt das, was alle akzeptieren, als auch anders möglich dar.

Aber gerade deshalb ist die Beratung von Politik so schwierig; denn dort besteht wenig Interesse an Alternativen. Mit der Komplexität der Gesellschaft wächst auch die Sehnsucht nach einfachen Lösungen. Statt Patentrezepte zu verkaufen, müsste der Berater die Organisation, die er berät, voll in den Gestaltungsprozess einbeziehen. Im politischen Prozess, der Entscheidungen am Fließband produziert, ist das aber unmöglich.

Wir haben es also mit einer Paradoxie zu tun: Das Letzte, was Politiker an der Macht brauchen können, ist gute Beratung, denn die würde sie irritieren und zeigen, dass es überall dort, wo die Regierung behauptet, es gäbe zu ihrer Politik keine Alternative, auch anders ginge. Wenn man sich Kommissionen wie den Ethik-Rat ansieht, erkennt man rasch, dass die Politiker von den Beratern eigentlich nur eine nachträgliche Rationalisierung schon gefallener Entscheidungen erwarten.

Es gibt darüber hinaus eine Art Kassandra-Consulting, das es den Politikern ermöglicht, in die Rolle des Retters zu schlüpfen - hier geht es um die negative Gefälligkeit des Beraters, der Probleme herbeischafft. Also doch: Geldverschwendung? Mit der Beratung scheint es wie mit der Werbung zu sein: Man weiß nicht, ob und wie sie wirkt, aber man kann nicht riskieren, es nicht damit zu versuchen. Es ist nicht klar, ob Alexander trotz oder wegen der Beratung durch Aristoteles der Große war.

Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaft an der TU Berlin.

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