Ein toller Text

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Ich pudere mir die Nase - niemand hupt

Wer einen Porsche Cayenne Turbo fährt, ist (fast) unverwundbar. Auch für Frauen ein gutes Gefühl

von Antje Wewer

Die Parkhauskarte ist abgelaufen. Verdammt. Ich sitze in meinem smaragdgrünen Hochsitz, einem nagelneuen Porsche Cayenne Turbo, und eine rot-weiße Schranke lässt mich nicht auf die Straße. Ich schaue nervös in den Rückspiegel. Hinter mir wartet eine schwarze Limousine. Bestimmt wird der Fahrer gleich hupen. Schlimmer: Er steigt aus. Ein Mann im dunkelgrauen Anzug lächelt mich freundlich an. "So ein Schmuckstück sollte so schnell wie möglich bewegt werden", sagt er und schenkt mir seine Parkkarte.

Mit einem Porsche Cayenne bekommt man etwas, von dem eine Polo-Fahrerin nur träumen kann: uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

Der Wagen rollt aus der Tiefgarage. Es ist meine erste Fahrt in einem SUV, einem Sport Utility Vehicle. Diese luxuriösen Geländewagen werden angeblich meist von Männern gekauft und von Ehefrauen gefahren, weil die am liebsten oben sitzen. Dann fühlen sie sich den Anforderungen des Verkehrs gewachsen und den Rüpeln am Steuer überlegen. Es stimmt. Ich gleite wie auf einem Thron über den Asphalt, schaue auf das goldglänzende Porsche-Zeichen auf dem Lenkrad und fühle mich unverwundbar. Mir kann keiner was. Ich stehe an der Ampel und pudere mir die Nase.

Die Ampel springt auf Grün. Niemand wagt es zu hupen. Der Cayenne ist nämlich nicht irgendein Hausfrauen-Mobil mit Allradantrieb, er gleicht eher einer gefährlichen Kreuzung aus Sportwagen und Schützenpanzer. Er flößt Respekt ein. Dann tippe ich das Gaspedal an. Der Wagen macht einen Raubtiersprung über die Kreuzung. Der mächtige V8-Motor scheint ein Eigenleben zu führen. Schneller, flüstert er, schneller.

Dann bin ich endlich auf der A 24. Um mich herum: Leder, nichts als Leder. In einem Braunton, der an Karamellpudding erinnert. Cremig, warm, zum Reinbeißen. Ein fahrendes Designer-Wohnzimmer mit elektrisch verstellbarem Sofa, Klimaanlage und Surround-Anlage. Das Armaturenbrett ist beruhigend übersichtlich: Tachometer, Drehzahlmesser, Tankanzeige, keine verwirrenden Lämpchen oder Knöpfchen. Ich drücke mich ins weiche Leder und schließe kurz die Augen. Gefühlte Geschwindigkeit: 120 km/h. Gemessene Geschwindigkeit: 207 km/h. Es ist wie im Bordrestaurant des ICE: Draußen rauschen die Wiesen Mecklenburgs vorbei, kaum ein Fahrgeräusch ist zu hören, im Tassenhalter dampft heißer Kaffee.

Ich ziehe an etlichen BMW und Audi vorbei. Das Überholspur-Phänomen: Es liegt an den ovalen Porsche-Scheinwerfern. Wer sie im Rückspiegel leuchten sieht wie die Augen eines gefräßigen Tieres, verlässt automatisch die linke Spur. Nur dass der Cayenne nicht wie der Carrera an einen kleinen Haifisch erinnert, sondern eher an einen Killerwal, der durch keinen Sturm und keinen Wellengang vom Kurs abzubringen ist. Seitenwind? Kann mich nicht erschüttern. Sintflutartige Regenfälle auf der Autobahn? Alle fahren langsamer, ich schneller. Richtung Sylt.

Noch bevor ich die A 7 erreicht habe, weist mich der Bordcomputer darauf hin, dass ich bald tanken sollte. An der Raststätte kommt der Schock. Auf den letzten 250 Kilometern habe ich 50 Liter Super Plus verbraucht - ungefähr so viel wie mein Polo in einem Monat.

Der zweite Schock kommt an der Auffahrt zum Autozug nach Westerland. Der Mann am Ticket-Schalter verlangt den Fahrzeugschein. "142 Euro", fiept es durch den Lautsprecher. Fast doppelt so viel wie sonst. "Sie müssen den Lastwagen-Tarif zahlen. Ihr zulässiges Gesamtgewicht beträgt mehr als drei Tonnen."

Als ich erklären will, dass ich kaum Gepäck dabei habe und dass mein tatsächliches Gewicht unter 3000 Kilo liegt (was geflunkert ist), verzieht sich das Gesicht hinter der Scheibe zu einem amüsierten Grinsen. "Sie fahren so ein Auto und wollen mit mir wegen ein paar Euros streiten?" Ich gebe auf, lege meine Kreditkarte in das elektrische Schubfach. Kurz darauf bin ich um 142 Euro ärmer.

Dass man mit so einem Porsche Cayenne aber auch Geld sparen kann, zeigt sich auf Sylt. Vor dem Reetdachhaus meines Vermieters steht ein blauer Porsche Carrera. Er bietet mir das Ferienapartment zum Sonderpreis an. Als Gegenleistung möchte er eine Probefahrt machen.

Ich stimme zu und rutsche auf den Beifahrersitz.

Er streichelt über das Lenkrad und testet Funktionen, von denen ich bisher nichts geahnt habe. Im Stand bewegt sich der Wagen langsam nach oben und dann wieder nach unten, als würde er ein- und ausatmen. Dass man das Fahrgestell je nach Gelände dank der Luftfederung anheben und absenken kann, ist mir neu. Dann legt mein Vermieter die Hand auf den Schaltknüppel wie auf das Knie einer Frau und fährt an. Als wir über die Keitumer Landstraße fliegen, schwärmt er vom animalischen Motorenlärm seines Carrera und wundert sich, dass vom Cayenne so gut wie nichts zu hören ist. Sein Fazit: fährt sich toll, doch für seinen Geschmack zu viel Limousine und zu wenig Sportwagen.

Fürs Gelände ist der Wagen eigentlich auch zu schade. Da könnte er ja schmutzig werden. Und außerdem sieht ihn dort niemand.

Ich fahre lieber zum Cruisen in die Whiskey-Straße in Kampen. Vor dem "Go-Gärtchen" ist eine exponierte Parklücke. Ich stelle mich vor die Louis-Vuitton-Boutique gegenüber und beobachte, wie die Spaziergänger ihre Schritte verlangsamen, wenn sie auf den Wagen zugehen. Plötzlich kommt ein braun gebrannter Mann mit einem Stück Mohnkuchen in der Hand aus dem Go-Gärtchen. Es ist Rolf, der Besitzer. "Ach ja", sagt er in einem väterlichen Ton, "jetzt fällt er noch auf, aber im Sommer haben wir hier 20 davon."

Er geht dabei langsam um das Auto herum, fragt nach der Leistung des Motors und lobt den Retro-Look des Cockpits. Dann steigt er in seinen silbernen Passat, winkt und fährt davon. Den Mohnkuchen hat er auf dem Dach vergessen.

Ich mache mich auf den Weg zum nördlichsten Punkt Deutschlands. Vorhin hat es noch gestürmt, jetzt ist die Wolkendecke aufgerissen. Die Saison hat noch nicht angefangen, am Ellenbogen ist kein Auto zu sehen. Bis auf eins. Am Ende der Straße glänzt ein silberner Koloss im Abendlicht. Es ist ein Porsche Cayenne. Aber kein Turbo, nur ein S-Modell. Ich bin ihm um 110 PS überlegen. Ich lasse die Tür hinter mir zufallen und gehe zum Strand. Am Himmel kreischen ein paar Möwen.

Artikel in der WamS erschienen am 9. Mai 2004 und einfach zu schön, um nur von WamS-Lesern gelesen zu werden!

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