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Die Zukunft liegt in der "personennahen Arbeit"

Friedhelm Hengsbach SJ über den Abschied von der industriellen Arbeitsgesellschaft und neue Formen von Erwerbsarbeit und Beschäftigungspolitik

Die klassische Erwerbsarbeit wird noch lange Zeit das Fundament der Arbeitsgesellschaft bilden. Doch daneben bilden sich neue zukunftsträchtige Formen von Arbeit und Erwerbs - tätigkeit heraus. Diese beschreibt Friedhelm Hengsbach SJ als "personennahe Arbeit", etwa in der Bildung und der Medizin. Der Autor ist Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik in Frankfurt am Main.

Helmut Kohl hatte als Bundeskanzler versprochen, die Zahl der Arbeitslosen bis zum Jahr 2000 zu halbieren. Bundeskanzler Schröder wollte den Erfolg seiner Politik an der deutlichen Senkung der Arbeitslosenzahlen messen lassen. Die Hartz-Kommission hat sich erneut das ehrgeizige Ziel gesetzt, innerhalb von drei Jahren die Arbeitslosigkeit um die Hälfte zu verringern. Sind die führenden Politiker naiv oder böswillig, die Bevölkerung an der Nase herumzuführen? Sind sie einfach ohnmächtig und handeln fahrlässig, wenn sie derartige Versprechen abgeben?

Ohnmächtig sind sie nicht, denn sie haben lange Zeit an dem Aberglauben festgehalten, dass die Privatwirtschaft in sich stabil und die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft stark genug seien, Vollbeschäftigung zu erreichen. Öffentliche Interventionen würden dabei nur stören, Wirtschaftspolitik finde in der Wirtschaft, in den Unternehmen statt, haben sie gedacht. Sie vertrauten sich hoch dotierten Experten an, die in dem hohen Lohnniveau, der starren Lohnstruktur, den komfortablen Sozialleistungen und der Staatsverschuldung die Arbeitslosigkeit verursacht sahen. Sie haben die Kapitalmärkte liberalisiert, den Börsenrausch begrüßt, die Fusionen hoch konzentrierter Unternehmen abgesegnet, die Konzerne steuerlich entlastet und die solidarischen Sicherungssysteme demontiert.

Politisch inaktiv waren sie nicht. Aber mit marktradikalen Theorien im Kopf und im Wind eines medialen Meinungsklimas haben sie Chancen verspielt, Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen.

1. Verspielte Chancen

In einer demokratischen Gesellschaft ist das politische Ziel der Vollbeschäftigung nicht überflüssig, wie Ralf Dahrendorf meint. Es ist auch keine sozialromantische Utopie, wie Meinhard Miegel erklärt. Die Chancen eines beschäftigungspolitischen Durchbruchs sind meiner Ansicht nach jedoch bisher durch zwei grobe Fehldiagnosen verspielt worden.

2. Mikroblick

Der Mikroblick, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, verführt dazu, die Massenarbeitslosigkeit durch individuelles Versagen zu erklären. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit verengt sich dann auf ein Lamentieren über arbeitsunwillige Sozialhilfeempfänger und Geringqualifizierte. Da es jedoch das Millionenheer arbeitsunwilliger Sozialhilfeempfänger nicht gibt und die Unternehmen nicht brennend daran interessiert sind, Langzeitarbeitslose einzustellen, trifft auch die Wahlkampfmusik der Hartz-Kommission auf zugestellte Ohren.

Ähnlich kritisch sind die Programme individueller Qualifizierung einzuordnen. Denn aus der Erkenntnis, dass Geringqualifizierte relativ schneller und stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind, folgt nicht im Umkehrschluss, dass eine Höherqualifizierung das Beschäftigungsrisiko beseitigt. Die Arbeitslosen in den neuen Bundesländern sind meist nicht arbeitslos wegen mangelnder Qualifizierung. Auch im Westen bewerben sich Ingenieure hundertfach, ohne einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden. Die neuen Reformvorschläge sprengen dazu den Rahmen solidarischer Risikoabsicherung. Ein öffentlicher Grundrechtsanspruch des Betroffenen wird durch ein privates Markt- und Tauschverhältnis abgelöst. Erst nachdem der Arbeitslose eine marktfähige Leistung erbracht hat, soll er einen Anspruch auf staatliche Gegenleistung haben.

Ein plausibler Einwand gegen den arbeitsmarktpolitischen Mikroblick ist der Ursprung der Massenarbeitslosigkeit, die sich in mehreren Rezessionsschüben 1965/66, 1973/74, 1980/81 und 1992/93 aufgeschaukelt und verfestigt hat. Er nährt Zweifel an der Hypothese, der Arbeitsmarkt könne zum Diagnoseschlüssel der Massenarbeitslosigkeit werden. Solche Zweifel werden verstärkt durch die empirisch erhärtete Vermutung, die selbst für die 80er und 90er Jahre belegt ist, dass nämlich der Arbeitsmarkt ein abgeleiteter Markt ist. Er kommt in Bewegung, wenn sich auf den Gütermärkten vorher eine dynamische und anhaltende kaufkräftige Nachfrage geregt hat.

3. Maastricht-Kriterien

Die Konvergenz-Kriterien der EU treiben die europäischen Staaten in eine Beschäftigungsfalle. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte Mitte der 70er Jahre den Konflikt zwischen fünfprozentiger Arbeitslosigkeit und fünfprozentiger Inflation drastisch formuliert und die eigene Präferenz bekundet. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass eine fortlaufende Geldentwertung kein taugliches Mittel ist, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Dass die Inflation ein "erloschener Vulkan" sei, wurde vor ein paar Jahren weltweit begrüßt. Gilt diese Euphorie auch noch, nachdem die quasi-absolute Geldwertstabilität mit einer anhaltenden Wachstumsschwäche und einer hohen Arbeitslosigkeit einhergeht? Die Europäische Zentralbank ist fest entschlossen, jede Inflationsgefahr jenseits des "statistischen Rauschens" von zwei Prozent zu bekämpfen. Aber den Konflikt zwischen Geldwertstabilität und beschäftigungsfreundlichem Wachstum kann sie nicht ausräumen. Die Kapitalmarktzinsen verharren auf einem Niveau, das die goldene Regel des Wachstums (Domar-Regel) verletzt, nach der die Kapitalmarktzinsen nicht über den durchschnittlichen Gewinnerwartungen der Unternehmen liegen sollten, die von der unterstellten Wachstumsrate des Volkseinkommens abgeleitet werden. Eine rigide Geldpolitik riskiert, die Geldvermögenseigentümer zu begünstigen und Unternehmen, die reale Investitionen planen, zu entmutigen. Ein beschäftigungsfreundliches qualitatives Wachstum wird nicht wieder gewonnen, solange die geld-, finanz- und tarifpolitischen Entscheidungen in der EU weiterhin widersprüchlich bleiben.

Beschäftigungspolitische Chancen verspielen auch die EU-Grenzwerte der öffentlichen Haushaltsdefizite und Verschuldung. Obwohl sie im Vertrag von Maastricht nicht verbindlich vorgeschrieben sind und zeitlich beschränkte Ausnahmen zulassen, interpretieren die Politiker sie derzeit extrem eng. Staatliche Sparprogramme werden meist damit begründet, dass bei hoher Staatsverschuldung die gegenwärtige Generation auf Kosten der zukünftigen Generationen lebe. Darüber hinaus verdränge der Staat die privaten Investoren vom Kapitalmarkt.

Beide Gründe sind theoretisch anfechtbar und empirisch nicht belegt. Denn Gläubiger und Schuldner gehören derselben Generation an; wenn Verbindlichkeiten vererbt werden, dann auch die ihnen entsprechenden Forderungen. Sobald private Haushalte Geldvermögen aufbauen, entsprechen ihre Einnahmeüberschüsse den Einnahmedefiziten der Privatunternehmen und des Staates. Wollte der Staat Schulden abbauen, müssten die Unternehmen sich stärker verschulden. Ob sie das tun, um reale Investitionen zu finanzieren, ist angesichts geringer Profiterwartungen unwahrscheinlich. Umgekehrt belasten staatliche Sparprogramme zukünftige Generationen real, wenn öffentliche Investitionen in die Bildung, die Gesundheitsvorsorge und den Umweltschutz, die der nächsten Generation nutzen, unterbleiben.

4. Arbeit jenseits des industriellen Kapitalismus

Durch die Massenentlassungen, die Großbanken und Versicherungskonzerne androhen, werden jene Propheten noch nicht bestätigt, die das Ende der Arbeitsgesellschaft proklamieren, der die Arbeit ausgehe. In den IT-intensiven Banken und Versicherungen wiederholt sich jener Produktivitätsschub, den die Autoindustrie seit den 80er Jahren kennt. Dass die Welt auf einen Kapitalismus ohne Arbeit zutreibt, wie Ulrich Beck ahnt, ist unwahrscheinlich. Wohl aber ist damit zu rechnen, dass der industrielle Kapitalismus keine Vollbeschäftigung mehr herstellt, weil dessen Produkte mit erheblich weniger Arbeitseinsatz und mehr Technikeinsatz zu vermarkten sind.

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Daniel Cohen schließt daraus, dass die reifen Industrieländer die Schwelle zu einem Zeitalter des Arbeitsvermögens betreten. Das Zeitalter des Arbeitsvermögens sei durch einen wachsenden Anteil jener Arbeit bestimmt, die sich den Menschen selbst zuwendet. Die Arbeit am Menschen, die Bildung und Pflege des Arbeitsvermögens werde die Produktion und Vermarktung von Waren verdrängen. Folglich sei die kostbarste Ressource des kommenden Jahrhunderts nicht das Kapital, sondern das in den arbeitenden Menschen verkörperte Wissen.

5. Personennahe Arbeit

Der Strukturwandel zur Dienstleistungswirtschaft ist auch östlich des Rheins in aller Munde. Aber unter Dienstleistungen werden meist die industrie- oder unternehmensnahen Dienstleistungen verstanden, die in Banken und Versicherungen, bei Bahn und Post erledigt werden. Manche denken auch an einfache, niedrig entlohnte Dienste, die anzubieten derzeit in Deutschland noch als anmaßend und die nachzufragen noch als entwürdigend empfunden wird.

Ich meine jedoch in erster Linie personennahe Dienstleistungen im medizinischen, pädagogischen und sozialen Sektor, das Helfen, Pflegen, Beraten und Begleiten, kulturelle Dienste. Solche personennahe Arbeit sehe ich im Brennpunkt zusätzlicher Beschäftigungschancen. Die reifen Industrieländer stehen an einer Wendemarke wie die Agrargesellschaften beim Übergang zur Industriegesellschaft. Damals waren 80 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft beschäftigt, heute sind es zwei bis vier Prozent. Damals mussten neun Bauern einen Nichtbauern mit ernähren, heute kann ein Bauer 82 Nichtbauern mit versorgen.

Personennahe Arbeit hat folgende Merkmale: Sie wird nicht zu verschiedenen Zeitpunkten geleistet und verbraucht, sondern im selben Augenblick angeboten und nachgefragt, kann also nicht gespeichert werden. Für den Erfolg personennaher Arbeit ist die Kooperation zwischen Lehrenden und Lernenden, Ärzten und Patienten, Anwälten und Mandanten nötig.

Personennahe Arbeit ist sprachlich vermittelte, verständigungsorientierte Beziehungsarbeit, die auf Gegenseitigkeit beruht. Im Dialog werden Handlungsorientierungen und Lebensentwürfe geändert, Menschen zu guten und richtigen Entscheidungen ermächtigt, psychosoziale, politische und moralische Lernprozesse angestoßen. Die Perspektive des konkreten Anderen, der Respekt vor dessen autonomer Lebenswelt sowie das Einfühlungsvermögen sind für die personennahe Arbeit charakteristisch. Sie ist alles andere als einfache, niedrig entlohnte Beschäftigung für Langzeitarbeitslose mit geringer Qualifikation. Um sie zu leisten, braucht es eine hohe fachliche und soziale Kompetenz.

6. Öffentliche Arbeit

Personennahe Arbeit ist vorrangig öffentliche Arbeit. Sie ist überwiegend den "Vertrauensgütern" zuzuordnen. Trotz der erwähnten Gegenseitigkeit besteht zwischen denen, die sie anbieten, und denen, die sie in Anspruch nehmen, ein ungleiches Verhältnis der Kompetenz. Da die Nachfragenden die Qualität personennaher Arbeit, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, nicht ganz und sofort durchschauen können, sind sie darauf angewiesen, denen zu vertrauen, die diese Dienste anbieten. Sie brauchen außerdem eine Verhandlungsposition, die sie der Marktmacht der Anbieter beispielsweise von Gesundheits- und Bildungsgütern nicht ausliefert.

So gibt es bereits gute ökonomische Gründe dafür, Gesundheits- und Bildungsgüter öffentlich bereitzustellen. Darüber hinaus entspricht es dem Grundsatz demokratischer Beteiligung, sie als verfassungsfeste Grundrechte anzuerkennen. Was medizinisch notwendig ist sowie eine Grundbildung, die reale Chancengleichheit verbürgt, sollte jeder Bürgerin und jedem Bürger unabhängig von ihrer Kaufkraft zugänglich sein. Deshalb ist der Staat berechtigt, einen Teil des Volkseinkommens zu beanspruchen und die Wirtschaftssubjekte nach ihrer Leistungsfähigkeit zu besteuern, um jene Ausgaben zu finanzieren, die für die Bereitstellung personennaher Arbeit wie der Bildungs- und Gesundheitsgüter notwendig sind.

Für personennahe Arbeit fehlt weithin noch ein geeigneter Bewertungsmaßstab. Die in der Industrie bewährte Produktivität taugt dazu nicht. Die Leistung eines Physiotherapeuten oder einer Rechtsanwältin kann ja nicht nach deren Arbeitsergebnis pro Zeiteinheit beurteilt werden. Die Wertschöpfung personennaher Arbeit ist entscheidend von der Qualifikation derer, die sie anbieten, abhängig. Diese muss erst noch erworben werden. In der Industriewirtschaft nämlich waren Qualifikationen wie das Zählen, Wiegen, Messen gefragt, in der kulturellen Dienstleistungsgesellschaft ist die Kompetenz des Heilens, Beratens und Spielens wichtiger.

7. Andere Arbeit

Die Erwerbsarbeit wird noch auf absehbare Zeit der Hauptschlüssel der gesellschaftlichen Integration bleiben, wenngleich nicht der einzige Schlüssel. Eine solche Prognose sollte jedoch nicht gegen die Arbeitslosen gewendet werden, ihren Anspruch auf Beteiligung an der gesellschaftlich organisierten Arbeit abzuwehren und ihnen mehr zivilgesellschaftliches Engagement oder ehrenamtliche Bürgerarbeit zu empfehlen. Aber für eine demokratische Arbeitsgesellschaft insgesamt bieten sich vier sinnvolle Alternativen sowohl zur Erschließung von mehr Erwerbsarbeit als auch zu deren normativer Überdehnung an. Unter Einschluss solcher Alternativen könnte das politische Ziel einer Vollarbeit an die Stelle der herkömmlichen Vollbeschäftigung treten.

(1) Der Produktivitätsanstieg, der durch die neuen Techniken erzielt wird, gestattet eine allgemeine Verkürzung der tariflichen Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden der Woche. Dieser Vorschlag wird meist als defensiv zurückgewiesen, weil das gesellschaftliche Arbeitsvolumen keine fixe Größe sei. Das stimmt, nur ist es in den letzten 30 Jahren tendenziell gesunken, während sich das Bruttoinlandsprodukt fast verdreifacht hat. Da die verfügbare Gütermenge nicht weniger wird, müssten mit der Erwerbsarbeitszeit auch die Einkommen anders verteilt werden.

Nun bieten die Arbeitgeber eine Flexibilisierung der individuellen Arbeitszeit als vorzugswürdig an, weil sie den betrieblichen und persönlichen Interessen entgegenkomme. Diese löst jedoch einen weiteren Produktivitätsschub und, solange die Nachfrage konstant bleibt, einen weiteren Abbau von Arbeitsplätzen aus. Außerdem ist der Widerspruch von materiellem Wohlstand und Zeitnotstand nicht allein durch mehr individuelle Freizeit aufzulösen. Festzeit, die ich nur mit anderen gemeinsam erlebe, hat eine andere Qualität als isolierte Freizeit.

(2) Eine Mehrzahl von Arbeitsformen sollte simultan gewählt werden, etwa herkömmliche Erwerbsarbeit, private Kinder- oder Elternarbeit, zivilgesellschaftliches Engagement und reine Hobbyarbeit. Wenn die Mitglieder demokratischer Gesellschaften nicht bloß das sind, was sie für den Markt und gegen Bezahlung herstellen, und wenn sie nicht nur leben, um erwerbstätig zu sein, sollte nicht die Erwerbsarbeit, sondern die gesellschaftlich nützliche Arbeit im Brennpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen - und zwar unabhängig davon, ob sie marktförmig organisiert wird oder nicht und ob sie bezahlt wird oder nicht. Vollarbeit kann demnach so definiert werden, dass alle Arbeitsfähigen und Arbeitswilligen das Recht und die reale Chance haben, an der gesellschaftlich nützlichen Arbeit beteiligt und gegen soziale Risiken abgesichert zu sein.

Die solidarischen Sicherungssysteme, die bisher an die Erwerbsarbeit gekoppelt waren, sollten an der gesellschaftlich nützlichen Arbeit anknüpfen. Die Grundlage ihrer Finanzierung sollte breiter angelegt sein, indem die unternehmerische Wertschöpfung bzw. alle entstehenden Einkommen ohne Bemessungsgrenze mit Abgaben zur Sozialversicherung und Fürsorge belegt werden.

(3) Die derzeitige familienpolitische Debatte ist fast ausschließlich auf die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung zugespitzt, weil diese als ein Problem definiert wird, das Frauen bewegt. Seltsamerweise gerät dabei die geschlechtsneutrale Neu- und Umverteilung gesellschaftlich nützlicher Arbeit auf Frauen und Männer, sowohl der herkömmlichen Erwerbsarbeit als auch privater Kinder- und Elternarbeit nicht in den Blick.

Warum darf der zunehmenden Neigung der Frauen zur Erwerbsarbeit nicht eine wachsende Neigung der Männer zur privaten Kinder- oder Elternarbeit folgen? Neben dem anerkannten Recht der Männer auf Teilzeitarbeit sollte ein gemeinsames Wahlrecht von Eltern, wie sie Erwerbsarbeit und private Erziehungsarbeit jeweils kombinieren wollen, gesetzlich geregelt und gegen betriebliche Interessen geschützt werden. Die Männer sollten entdecken, dass sie an Lebensqualität gewinnen, wenn sie eine größere Distanz zu ihrer Erwerbsarbeit einnehmen und selbst lernen, Erwerbsarbeit und private Beziehungsarbeit miteinander zu vereinbaren.

(4) In zivilen Gesellschaften wird das Recht des Menschen auf ein Leben in Würde anerkannt, das dem Recht auf Erwerbsarbeit vorausgeht. Würde kommt der menschlichen Person unabhängig davon zu, ob sie gesellschaftlich nützliche Arbeit leistet oder nicht. Eine demokratische Gesellschaft ist keine Horde von Arbeitstieren. Deshalb ist der Tanz der industriellen Arbeitsgesellschaft um die Erwerbsarbeit, sobald er sich aggressiv gegen Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger richtet, krankhaft. Durch ein steuerfinanziertes Grundeinkommen, das an keine gesellschaftlich nützliche Arbeit geknüpft ist, sondern auf der Grundlage einer demokratischen Solidarität gewährt wird, könnte die materielle Voraussetzung dafür geschaffen werden, dass alle Bürgerinnen und Bürger im Stande sind, sich an den öffentlichen Willens- und Entscheidungsprozessen aktiv zu beteiligen.

 

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