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Sitzen geblieben!

Guido und ich arbeiten in der Presseabteilung im Bundeskanzleramt, ich bin Susanne. Papa ist Volks- und Wirtschaftswissenschaftler und auf die Führungsriege unserer jetzigen aber auch der vorigen Regierung nicht gut zu sprechen.
"Die wirklich Gefährlichen auf dieser Welt sind die Unwissenden. Wären die Menschen nicht so ignorant, bequem und kritiklos, könnte hier niemand benutzt oder manipuliert werden", sagt Papa.

Pisa

Guido: Das Programme for International Student Assessment (Pisa) bescheinigt unseren Schülern in allen getesteten Fächern im Schnitt ungenügende Leistungen. Herrmann, was sagst du dazu?
Papa antwortet: Ich habe das auch gelesen.
Guido: Nirgendwo sind die Unterschiede zwischen guten und schlechten Schülern so groß wie hier bei uns in Deutschland.
Papa: Ja, es ist erschütternd.
Guido: Ein Skandal ...
Papa: Unser Schulsystem produziert demnach nicht nur schwache Leistungen, es ist auch ungerechter als jedes andere: Nirgendwo haben es Schüler aus unteren sozialen Schichten so schwer, ihre geistigen Fähigkeiten zu entfalten, wie in der Bundesrepublik. Der Schulerfolg bei uns ist abhängig vom Einkommen der Eltern. Je besser die Ausbildung und je höher das Einkommen der Eltern, desto besser schneiden ihre Kinder ab - auch wenn sie keine besonders guten Leistungen vorzuweisen haben. Dazu tragen auch Vorurteile der Lehrer bei, die Kinder aus weniger gebildeten Elternhäusern unabhängig von Testergebnissen einfach schlechter beurteilen. Deutschland ist einfach Spitze in der sozialen Exklusion.
Guido: Bei uns wächst offenbar eine Generation heran, der es in großen Teilen an elementaren Voraussetzungen fehlen wird, sich im Beruf wie im Leben zurechtzufinden.
Papa: ... zu denken, also. Ein Armutszeugnis, ja.
Guido: ... für die Wirtschaft entmutigend, oder?
Papa: Für manche Erstklässler ist spätere Langzeitarbeitslosigkeit bereits beschlossene Sache.
Guido: Wer trägt die Schuld daran?
Papa: Na, da fragst du noch...Politik und Wirtschaft, natürlich.
Guido: Wie bitte?
Papa: Du hast die Studie doch gelesen, sie stellt die Ergebnisse der Bildungsökonomie doch infrage. In Deutschland fließt viel Geld dorthin, wo die sozial Privilegierten unterrichtet werden: in die gymnasiale Oberstufe. Doch wer mehr Schüler zu einem Abschluß, mehr Jugendliche zu Abitur und Studium führen will, muß das Geld verstärkt dort investieren, wo Bildungskarrieren entschieden werden: in Kindergärten und Grundschulen. Mir ist unverständlich, daß ein Universitätsstudium bei uns gratis zu haben ist, Eltern für den Kindergartenplatz dagegen bezahlen müssen.
Guido: Warum schneiden skandinavische, asiatische und angelsächsische Länder so viel besser ab als wir?
Papa: Ich könnte jetzt antworten: Ihre Lehrer geben besseren Unterricht, aber so einfach ist das nicht.
Guido: Moderne didaktische Konzepte, die nicht belehren, sondern anregen, selbst zu lernen, findet man auch an unseren Schulen.
Papa: Ja, aber die meisten deutschen Lehrer unterrichten noch traditionell. Traditionell orientiert sich die deutsche Schule an der Idee, was hinein soll in die Köpfe, und nicht daran was dabei herauskommt. Die meisten Eltern sind damit zufrieden - so haben sie ja selbst gelernt.
Guido: Deutsche Lehrer haben versagt, ist das so?
Papa: Nein ...
Guido: Nein, dann haben Eltern auch nicht versagt? Aber irgendwas müssen sie falsch machen?
Papa: Ich sagte doch schon: Politik und Wirtschaft sind Schuld an dem Desaster. Eltern kann man den Vorwurf machen, daß sie sich keine Zeit nehmen für Zuwendungen, die Kinder dringend brauchen. Sie wissen einfach nicht, wie sie ihre Kinder lieben sollen. Eltern sind zu sehr mit ihrem beruflichen Erfolg beschäftigt. Kinder sind nur noch eine Randerscheinung oder dazu da, die Ehe zu kitten.
Guido: Wer seine eigene berufliche Entwicklung zurückstellt und sich auf die eigenen Kinder konzentriert, ist in unserer Gesellschaft nicht so hoch angesehen wie die, die Geld und Karriere machen ...
Papa: Stimmt!
Guido: Einen bedeutenden Teil der Schuld am schlechten Abschneiden deutscher Schüler beim Pisa-Test tragen also doch die Eltern.
Ich denke: Oh, Mann ...
Papa: Vor fünfzig Jahren, war alles ein wenig anders. Mein Vater war Alleinverdiener, Mutter und Großmutter arbeiteten auf dem Feld. Lohn gab es nicht, bezahlt wurde in Naturalien.
Guido: Ihr hieltet Haustiere, denk ich mal ...
Papa: Ja, natürlich...Mein Vater baute ein Haus und später noch eins. Das wäre heute undenkbar, ist aber auch nicht vorgesehen.
Guido: Wie meinst du das?
Papa: Wer heute ein Haus bauen will, der muß sehr, sehr gut verdienen oder die Frau muß mitverdienen. Kinder müssen sehen, wie sie klar kommen. Noch bevor das Haus abbezahlt und der Ernährer der Familie gerade mal fünfzig ist, wird er entlassen. Den Rest könnt ihr euch ausmalen...Aber zurück zur Schule. Unser Schulleiter mußte auch unterrichten. [] ein Schulleiter auch nur Lehrer, seine Arbeit aber ist die eines Betriebsleiters, etwas, was er nicht gelernt hat. Schulleiter und Lehrer hassen mit Inbrunst Ministerialbürokraten und Bildungspolitiker und das zu recht. Lehrplan und Schulbücher: Wer von euch weiß denn schon, wie sehr hier Einfluß von Seiten der Industrie- und Handwerkskammern genommen wird.
Guido: Deutsche Schüler verstehen Texte schlechter als ihre Altersgenossen in anderen Ländern. Auch in Naturwissenschaften und Mathematik liegt ihr Können klar unter dem internationalen Durchschnitt.
Ich sage: Kein anderes Industrieland zählt prozentual so viele Bildungsverlierer wie wir. Mathematisches Können liegt bei fast einem Viertel der Fünfzehnjährigen auf Grundschulniveau, heißt es.
Papa: Susanne, du weißt, ich habe dich streng aber gerecht und mit viel Liebe erzogen. Du hast studiert und du verdienst eine Stange Geld, könntest dir ohne weiteres eine eigene Wohnung leisten...was wollte ich sagen? Ach ja, deine Mutter brauchte nicht zu arbeiten, war immer für dich da und so ist aus dir geworden, was du heute bist. Noch einmal wäre das nicht möglich, heute jedenfalls nicht. Heute gehen Mütter arbeiten, aus vielerlei Gründen und das hat natürlich Folgen.
Guido: Der Junge meiner Schwester hat seinen Vater gestern ein Arschloch genannt, weil der ihm kein Handy kaufen wollte.
Papa: Wie alt ist der Junge?
Guido: Sieben.
Papa: Seht ihr: Erst kam das Fernsehen, dann Gameboy und Computer und nun das Handy. Ich will Eltern ja nicht schlecht reden, aber viele interessieren sich immer weniger dafür, was ihre Kinder in der Schule treiben, sie haben sich ihrer Verantwortung entledigt. Lehrer sind damit überfordert und den Staat mit seiner über Jahrzehnte sozialdemokratisch geprägten Schulreform, den kümmern Kinder wenig. Pisa enthüllt ein von Sozis angerichtetes soziales Dilemma ungeahnten Ausmaßes. In den eben genannten Ländern sagt man sich: Nur gute Schüler haben eine Zukunft. Bei uns haben Dummheit und Unvernunft die Oberhand, das gilt für die Vorstandsetagen der Unternehmen, wie für unsere Regierung. Wobei die jetzige fast wöchentlich für den ökonomischen Unsinn den sie verzapft von der EU gescholten wird...Allein auf sich gestellt und ohne Perspektiven, sagen sich die Kids: Wozu Lesen und Schreiben lernen wenn wir eh keinen Ausbildungsplatz bekommen. Das die Industrie diese zudem massenhaft abbaut, sagen die Lehrer ihren Schülern schon aus reiner Bosheit. Selbst Schüler und Studenten aus reichem Elternhaus machen sich nicht mehr die Mühe etwas zu erarbeiten. Die kopieren sich was gefordert wird im Internet und legen das ihren Prüfern vor. Die Ehrlosen werden dafür noch nicht einmal bestraft.
Guido: Du übertreibst mal wieder, Herrmann.
Ich sage: Glaub ich nicht, Guido. Genau so habe ich das auch in einer Wochenzeitung gelesen.
Guido: Was wird dann aus den Kindern?
Papa's Antwort darauf fällt knapp aus: Wahrscheinlich nicht besonders viel.

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