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Warum die gesellschaftlichen und weltanschaulichen Eliten in Deutschland an Akzeptanz verlieren / Michael Vester über die Krise der politischen Repräsentation

Die große Mehrheit der Deutschen will nicht ohne Gegenleistung vom Wohlfahrtsstaat versorgt werden. Allerdings beginnt sich Politikerverdrossenheit zu einer Grundhaltung der Enttäuschung zu verfestigen. Denn die Menschen sind zwar mit den Institutionen zufrieden, nicht aber mit deren Personal. Und sie sehen ihre eigene Leistung nicht genügend gewürdigt. Zu diesen Ergebnissen kommt Michael Vester, Sozialwissenschaftler an der Universität Hannover. Analyse in einer gekürzten Fassung ohne Tabellen und Grafiken.

Seit den 1990er Jahren sind die Regierungsmehrheiten in Europa zunehmend unsicher geworden. Die anhaltende Umstrukturierungskrise des Kapitalismus ruft nach neuen Konzepten politischer Regulierung des Wirtschafts- und Sozialsystems. Nachdem die Wählerinnen und Wähler die Lösung zunächst europaweit bei der Sozialdemokratie gesucht hatten, gewinnen konservative und neuerdings auch konservativ-rechtspopulistische Koalitionen wieder an Boden.

Die anhaltende politische Vertrauenskrise erinnert an eine ähnliche Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch damals veränderte ein großer Schub der Modernisierung die Wirtschaftsweise und die Lebensstile und mündete schließlich 1929 in eine lange Wirtschaftskrise. Auch damals stellte diese Dynamik die Institutionen und Regelungen des nationalen und transnationalen Zusammenhalts in Frage.

Die alten politischen und weltanschaulichen Eliten verloren an Akzeptanz in den sozialen Milieus. Durch neue Wählermehrheiten oder gewaltsame Machtergreifungen kamen fast überall andere Eliten mit anderen Konzepten der Regulierung des Sozialsystems an die Macht. Es war der große Kampf zwischen faschistischen und kommunistischen, sozialdemokratischen und bürgerlich-revolutionären Alternativen. Erst nach langen Konflikten und schließlich dem Zweiten Weltkrieg hat sich dann in den hoch entwickelten Ländern das neue, breit akzeptierte Modell des Wohlfahrtsstaates - in seinen konservativen, liberalen und sozialdemokratischen Varianten - durchgesetzt.

Dieses Modell ist nun seinerseits in Frage gestellt. Seine Institutionen, Autoritäten und Leitbilder stehen auf dem Prüfstand. Alte und neue Elitemilieus konkurrieren mit ihren Sozialmodellen um die Führungsrolle. (. . .)

Das verbandliche oder "korporatistische" Aushandlungsmodell (. . .) war modernisierungs- und konfliktfähiger als das staatsbürokratische Modell, das nach 1945 mit Hilfe der Sowjetunion in Ostdeutschland installiert worden war. Nachdem jenes aber 1989 zusammengebrochen war, blieb das westdeutsche Modell nur noch mit seinen eigenen Mängeln konfrontiert.

Auf Grund dessen steht das Modell von zwei Seiten unter Druck. Zum einen fordern kleine, aber in Politik und Medien einflussreiche neoliberale Eliten seinen Abbau. Umgekehrt fordern die großen sozialen Gruppen, die auf Verbandsvertretung angewiesen sind, dessen Modernisierung: mehr Mitwirkungsrechte und einen weniger bevormundenden Politik- und Organisationsstil. Zu ihnen gehören sowohl die anwachsende Gruppe der modernen, besonders gut qualifizierten Arbeitnehmer wie auch die klassischen benachteiligten Gruppen der Frauen, Ausländer, gering Qualifizierten, Jugendlichen und Rentner.

Zwischen diesen widerstreitenden Ansprüchen ist integrative Mehrheitspolitik schwierig geworden.

Die Regierung Helmut Kohls konnte die großen Wählerpotenziale der Union nur so lange halten wie sie, trotz mancher Abstriche, die Grundsubstanz des Sozialmodells nicht zu sehr antastete. Als sie es tat, insbesondere durch den Angriff auf die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, verlor sie 1998 die für eine Regierungsmehrheit entscheidenden Arbeitnehmerstimmen.

Die dann gewählte rot-grüne Regierung verfing sich in den gleichen Widersprüchen. Die Parole der "Neuen Mitte" war von Beginn an doppeldeutig. Denn sie sprach, wie die Landkarte der sozialen Milieus zeigt, gleichzeitig zwei sehr gegensätzliche Milieugruppen an, ein vermeintliches postmodernes "Leitmilieu" der modernen Unternehmer und die große moderne Mitte der gut qualifizierten Facharbeiter und Angestellten, die ihre Interessen nicht als Unternehmer, sondern als Arbeitnehmer verstehen.

Die neuen Spitzenpolitiker, selber soziale Aufsteiger, waren fasziniert von den Symbolen und Attitüden der Up-starts der "New Economy" und der postmodernen Avantgarden des Lebensstils und der Medien. Von Blairs Berater, Anthony Giddens, ließen sie sich raten, sich von der "schrumpfenden Basis der traditionellen Arbeiterschicht" zu lösen, die nur materielle Umverteilung wolle, um sich in der komfortablen Hängematte des Wohlfahrtsstaates auszuruhen. Es folgten Vorschläge, die Bildung kostenpflichtig zu machen und die Arbeitslosen nicht zu sehr durch Sozialhilfe und Arbeitslosengeld zu verwöhnen. Auch wenn diese Signale relativiert wurden, hatten sie einen verheerenden demobilisierenden Effekt. In einer Landtagswahl nach der anderen flüchteten die gemeinten Stammwähler in die Wahlenthaltung. Paradigmatisch wurde Nordrhein-Westfalen, wo SPD und Grüne zusammen sechs Prozent verloren.

Diese Verluste waren nur die Spitze eines breiteren Eisbergs der Unzufriedenheit. Dessen Ursache war, wie im Weiteren gezeigt werden wird, nicht die Leistungsunwilligkeit verwöhnter Wohlstandsbürger. Verprellt wurde vor allem die moderne Arbeitnehmermehrheit, die gerade auf das Prinzip "Leistung gegen Teilhabe" setzte, aber ihre Arbeitsleistung wie auch ihre immer besseren Bildungsabschlüsse abgewertet sah. Trotz aller Mängel findet das historische Sozialmodell der Bundesrepublik immer noch Akzeptanz bei mehr als 80 Prozent, die seine Verbesserung, nicht seine Abschaffung wollen.

1. Das Paradox neoliberaler Sparpolitik

Stagnation trotz Wachstums der Produktivität: Seit den 1970er Jahren müssen sich die Milieus erneut auf weitere horizontale Strukturverschiebungen umstellen, jedoch unter den Bedingungen eines wachsenden Sockels der Arbeitslosigkeit. Während in den goldenen Jahren des "Wirtschaftswunders" die horizontalen Umstellungen meist in bessere Beschäftigungen führten, wurden die sozialen Flankierungen der Umstellungen jetzt brüchig. Die benötigte Arbeitsqualifikation nahm zu, aber sie wurde auf verschiedene Weise entwertet, insbesondere durch das Zurückbleiben des Einkommenswachstums hinter dem Wirtschaftswachstum, durch höhere Belastungen, durch unsichere Arbeits- und Einkommensverhältnisse und oft auch durch Arbeitslosigkeit.

Von den Entwertungen betroffen waren fast alle Arbeitnehmer im mittleren und unteren sozialen Raum, besonders aber die klassischen diskriminierten Gruppen: Frauen, Zuwanderer, unterprivilegierte Milieus und Einwohner geringer entwickelter Regionen.

Mit der Ölkrise von 1973 wurde das Paradox der Grenzen des Wirtschaftswachstums sichtbar. Die beschleunigte technologische Revolution, die die wirtschaftliche Produktivität erhöhte, war keineswegs mit einem beschleunigten Wachstum des Wohlstands verbunden. Vielmehr begann eine heute noch anhaltende langfristige Stagnation, eine anhaltende Nachfrage- und Wachstumsschwächung bei steigendem "Arbeitslosensockel". Die Ursachen lagen, wie die keynesianische Theorie es erklärt, gerade im gewachsenen Wohlstand. Er ermöglichte es den "besser verdienenden" Gruppen, große Teile ihrer Einkommen nicht mehr in die Nachfrage nach Waren, sondern in Anlagekapital bzw. Aktienspekulation zu investieren.

So stiegen z. B. von 1980 bis 1997 die Nettogewinne um 119 Prozent, die Nettolöhne aber nur um 20 Prozent. Die fehlende Nachfrage verursachte eine krisenverschärfende Spirale der Kostendämpfung durch die Unternehmer, den Staat und das Maastrichter Abkommen der Europäischen Gemeinschaft, das die staatliche Kreditaufnahme bremste. Der Export konnte dies nur begrenzt ausgleichen, da sich die Nachfrage aus den gleichen Gründen auch in den anderen hoch entwickelten Ländern abgeschwächt hatte. Die Exportbranchen versuchten zunehmend, ihre relative Position durch kosten- und arbeitssparende neue Rationalisierungen und Hochtechnologien zu verbessern. Zugleich wurde gering qualifizierte Arbeit mehr und mehr in Schwellenländer mit niedrigen Lohnniveaus ausgelagert.

Zusammengenommen bilden die mit dieser Entwicklung Unzufriedenen etwa 60 Prozent der Gesellschaft. Obwohl sie eine nach Lagen und Milieus heterogene Gruppe sind, hat die Unzufriedenheit einen gemeinsamen Nenner. Die Abwertung der Arbeitsleistung wird erfahren als Verletzung des Grundkonsenses des historischen Sozialmodells der Bundesrepublik, des Prinzips der "Leistungsgerechtigkeit" und der Hilfe bei "unverschuldeter Not".

Die in Medien und Politik vorherrschende Argumentation sieht dies aus einer anderen Perspektive. Die von den neoliberalen Kräften durchgesetzten Sparzwänge des Maastrichter Abkommens begünstigten die neue Philosophie des Mangels und des Sparens. Für sie liegt die Ursache der knappen Mittel im geringen Arbeits- und Bildungseifer der Bevölkerung.

Die Diffusität der Unzufriedenheit hängt damit zusammen, dass die wirtschaftlichen Laien diesem hegemonialen Diskurs der politischen und medialen Experten keinen intellektuellen Diskurs entgegenhalten können, sondern nur ihr Ethos, das ihnen sagt, dass sie zwar genug leisten, dafür aber zu wenig Teilhabe erhalten. So bleibt nur ein "Gefühl", die Verdrossenheit.

Das Gerechtigkeitsempfinden ist nicht nur verletzt, wenn es um krasse materielle Not geht. Es geht ihm eben nicht nur um Einkommenshöhen, sondern um Fragen der Verhältnismäßigkeit und der Qualität der "Lebensweise als Ganzer". Die Vorstellungen darüber sind zwar von Milieu zu Milieu verschieden, aber der Mehrheit ist es um eine kontinuierliche und geachtete Arbeit zu tun, um die Belohnung aufgewandter Mühen durch Erfolg, um die Freiheit von Zukunftsangst, um die Achtung und Anerkennung anderer, um die Kredit- und Glaubwürdigkeit.

Ein Gegendiskurs, der sich diese Sichtweise der Arbeitnehmermehrheit zu Eigen machte, wurde zwar in den 1990er Jahren von den Gewerkschaften und von Intellektuellen wie Pierre Bourdieu organisiert, blieb aber gleichwohl ohne Einfluss auf die herrschende Politik. In der veröffentlichten Meinung blieb weitgehend verdeckt, dass die eigentlichen Ursachen des finanziellen Mangels gerade nicht in einer zu geringen, sondern in einer "zu hohen" Produktivität der Arbeit liegen.

Es ist das enorme Wachstum der Arbeitsproduktivität, mit dem die Gesellschaft nicht umgehen kann. Unter der neoliberalen Sparpolitik wird dieser Überfluss in Überflüssigkeit verwandelt. Es kommt zu einer Art "Überproduktion" von Bildungskapital. Zum einen braucht die Gesellschaft immer mehr Berufe, die eine hohe Fachbildung, Eigenverantwortung und kommunikative Fähigkeiten verlangen. Ihr Anteil ist seit 1950 von etwa fünf auf mehr als 30 Prozent gewachsen. Zum anderen wirkt die Sparpolitik dahin, diese hochproduktive Arbeit unter ihrem Wert zu bezahlen oder die Arbeitsplätze im Wissenschafts-, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem abzubauen. Ein Beispiel von vielen ist die derzeitige Befristung der Arbeitsverträge der jüngeren Generation des wissenschaftlichen Nachwuchses der Universitäten. Ein Sprecher des Bundesforschungsministeriums nannte sie zutreffend "Verschrottung": hochwertiges investiertes Bildungskapital wird nutzlos.

In der Logik der Wirtschaftsentwicklung ist dies keineswegs notwendig. Das Wachstum der Produktivität ist potenziell hoch genug, um eine anhaltende Vermehrung von Wohlstand, Sozialausgaben und Arbeitszeitverkürzung finanzieren zu können. Selbst ein moderates Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent führt rechnerisch in 28 Jahren zu einer Verdoppelung des Sozialprodukts. Davon wären die steigenden Kosten "des demographischen Problems" (wachsende Renten), "der Jugend" (Bildungsausgaben) und "der Soziallasten" (Sozial- und Gesundheitsausgaben) durchaus finanzierbar.

Allerdings ist die Produktivität so hoch, dass auch die Erhöhung dieser strukturnotwendigen Ausgaben heute nicht mehr zur Vollbeschäftigung führen würde. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass sich weiterhin nach jeder Zwischenkonjunktur eine zusätzliche Erhöhung des Arbeitslosensockels einspielt. Dieser könnte nur noch dann abgebaut werden, wenn in der Tat eine tief greifende Arbeitszeitverkürzung mit Einkommensausgleich durchgesetzt würde. (. . .)

2. Die Krise der politischen Repräsentation

Zu wenig Leistungsgerechtigkeit und Bürgerbeteiligung: "Politiker können versprechen, was sie wollen, ich glaube ihnen nicht mehr." Dieser Feststellung, Ausdruck der so genannten "politischen Verdrossenheit", stimmen seit Beginn der 1990er Jahre mehr als 60 Prozent der Bevölkerung zu. Politiker sehen die Motive häufig in einer "materialistischen" Mentalität des Habenwollens. Die Wähler seien von der "Hängematte" des Wohlfahrtsstaats verwöhnt und könnten nicht verstehen, dass sie heute mehr Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft zeigen müssten. Differenzierende Befragungen belegen dagegen, dass die Milieus sehr wohl fähig und bereit sind, sich auf das von der Modernisierung der Produktivkräfte in der Tat geforderte Mehr an eigenverantwortlichem Handeln, an beruflichem Umlernen und an vernetzender Kommunikation umzustellen. Verdrossen sind sie darüber, dass diese Bereitschaft nicht gerecht und leistungsgerecht motiviert und belohnt und in ihren sozialen Risiken abgesichert wird.

Im Einzelnen und im zeitlichen Vergleich lässt sich dies an den Ergebnissen von zwei bis in feine Details differenzierten repräsentativen Erhebungen aus den Jahren 2000 und 1991, an denen wir beteiligt waren, darstellen. Diese Befragungen unterscheiden sich von der gängigen politischen Meinungsforschung. Sie zielten nicht auf kurzfristige Sympathiewerte, sondern auf die unterschiedlichen Grundeinstellungen der großen gesellschaftlichen Gruppen, die nach der Methodik von Bourdieu nach Typen aufgeschlüsselt und sehr genau ausgeleuchtet wurden.

Die Ergebnisse der Befragung bestätigen keineswegs die gängige These, dass die Grundeinstellungen der Wählerinnen und Wähler kurz- und mittelfristig stark schwanken und durch geschickte Medienauftritte der Politiker beliebig beeinflusst werden können. Die Grundvorstellungen sozialer Gerechtigkeit ändern sich vielmehr sehr langsam, vor allem im Rhythmus des Generationenwechsels. Für jede Generation und für jedes Milieu fungieren sie als langfristig stabile Maßstäbe, nach denen Erfahrungen bewertet und die sich wandelnden sozialen Verhältnisse beurteilt werden.

Die Perspektive derjenigen Politiker, die vom raschen Meinungswandel ausgehen, gleicht der von Zugpassagieren, die meinen, der Bahnsteig fahre ab, während es doch die Züge sind, die sich bewegen. Ähnlich scheint es sich bei der Beurteilung der so genannten "politischen Verdrossenheit" zu verhalten. Um 1980 hatte sie noch wenig über zehn Prozent gelegen, 1991 war sie, allen Umfragen zufolge, auf 60 Prozent gestiegen, und auf diesem Pegel verharrt sie und verfestigt sie sich bis heute. Waren es die Wählerinnen und Wähler, die sich verändert haben, oder war es die Politik?

Die nachfolgend kurz resümierten Befragungsergebnisse zeigen den Vorgang aus der Perspektive der breiten Bevölkerung. Sie fürchtet, um im Bilde zu bleiben, den Zug zu verpassen oder schlecht transportiert zu werden. Dabei richtet sich ihr Verdruss, wie die Befragungen auch belegen, nicht auf die Institution der Bahn, sondern auf ihr leitendes Personal. Das heißt, das politische Misstrauen stellt die bisherige Demokratie- und Sozialverfassung der Bundesrepublik nicht grundsätzlich in Frage, sondern nur die Haltung der politischen Klasse bei der Weiterentwicklung des Sozialmodells. Die politischen und sozialen Institutionen finden in ihrem Kern eine sehr hohe Akzeptanz, die bis zu 90 Prozent reicht. Aber die Tugenden der Verantwortung, Beweglichkeit und Vernetzung, die den Bürgern abverlangt werden, werden in der Politik vermisst. (. . .)

3. Kritik an der Leistung der Politiker

Für mehr Demokratie von unten: Der zweite herausragende Befund der Befragungen lag darin, dass das Misstrauen gegenüber den Politikern zwar zugenommen hat, aber bei der großen Mehrheit der Befragten nicht auf einer passiven Erwartung beruhte, ohne Gegenleistung vom Wohlfahrtsstaat versorgt zu werden. Vielmehr war es mit einer wachsenden Bereitschaft zu Leistung und vor allem mehr aktiver politischer Mitwirkung verbunden.

Das Misstrauen in die Politiker, das den 60 Prozent der mit sozialen Gerechtigkeitsfragen Unzufriedenen entspricht, hat sich seit 1991 von einer verdrossenen Stimmung sichtlich zu einer Grundhaltung der Enttäuschung verfestigt.

Zwar hat sich der Prozentsatz derer nicht erhöht, die meinten: "Politiker können versprechen, was sie wollen, ich glaube ihnen nicht mehr." Er liegt bei 63 Prozent. Aber die Zustimmung ist entschiedener geworden: Statt 23 Prozent stimmten jetzt 31 Prozent dem zitierten Satz "voll" und nicht nur "eher" zu. Dabei hatte die nachhaltige Enttäuschung der Frauen die der Männer eingeholt. Sie war um zehn Prozent (auf 31 Prozent) gestiegen (Männer: um sechs Prozent auf 30 Prozent).

Die politische Kritik richtet sich vor allem gegen undurchsichtige und undemokratische Entscheidungsprozesse. 70 Prozent finden es nicht richtig, dass "immer häufiger politische Entscheidungen außerhalb der dafür vorgesehenen Gremien ausgehandelt" werden. 89 Prozent bestehen darauf, dass "politische Entscheidungen durch demokratische Verfahren zu Stande kommen". Dabei urteilen die Befragten offenbar weniger politisch-analytisch als von ihrem Ethos aus , d. h. mit einer besonderen moralischen Färbung: 59 Prozent finden es richtig, "an Politiker höhere moralische Maßstäbe anzulegen als an andere Menschen".

Gleichzeitig gab es eine erstaunliche, seit 1991 verstärkte Mehrheit für eine wesentlich erhöhte Partizipation, d. h. die direkte betriebliche, politische und ehrenamtliche Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Mit anderen Worten: Die Lösung der Krise der Repräsentation sahen viele darin, dass sie weniger an die Repräsentanten delegieren und mehr kraft eigener Kompetenz selbst regeln wollten.

72 Prozent (zwei Prozent mehr als 1991) befürworteten die Forderung "Das Mitspracherecht der Arbeitnehmer an ihrem Arbeitsplatz muss sehr viel größer werden". Dabei hatte sich der Anteil derer, die "voll" statt "eher" zustimmten, sogar auf 44 Prozent verdoppelt.

Überdurchschnittlich sind insgesamt die Befürwortungen bei Frauen (79 Prozent), Facharbeitern (79 Prozent), mittleren Angestellten und Beamten (77 Prozent), Arbeitslosen (85 Prozent) und Ostdeutschen (78 Prozent). 1991 war zum Vergleich auch nach der Befürwortung einer Mitsprache der Gewerkschaften im Betrieb gefragt worden. Sie lag etwa 20 Punkte tiefer und nur zu 13 Prozent bei einer "vollen Zustimmung". Dies war kein schlechtes Ergebnis. Aber ganz offensichtlich wollen die Befragten ihre Kontrolle öfter lieber selbst ausüben als sie zu delegieren - ein indirekter Hinweis auf einen Mangel an direkten Partizipationsmöglichkeiten in Gewerkschaften.

80 Prozent (11 Prozent mehr als 1991) befürworteten die direkte Bürgerpolitik: "Wenn man heute als Bürger politisch etwas erreichen will, muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen." Der Feststellung stimmten "voll" zu von allen 49 Prozent (30 Prozent mehr als 1991), von den Männern 45 Prozent (25 Prozent mehr) und von den Frauen 53 Prozent (35 Prozent mehr). Ähnlich tendierten die Antworten zu der Frage "Sollten in dieser Gesellschaft an wichtigen politischen Entscheidungen die Bürger direkt beteiligt werden, oder sollten dafür die gewählten Politiker verantwortlich sein?" 66 Prozent befürworteten eine solche Bürgerbeteiligung, überdurchschnittlich vor allem Befragte unter 40 Jahren.

Bezeichnend ist auch, dass trotz der so genannten Verdrossenheit das politische Desinteresse abgenommen hat. Statt 66 Prozent, wie 1991, meinten nur noch 52 Prozent: "Für mich gibt es wichtigere Dinge zu tun, als sich um Politik zu kümmern." Der Anteil derer, die Politik eher für wichtig halten, ist um 13 Prozent auf 47 Prozent gestiegen. 28 Prozent geben an, eine unentgeltliche soziale oder karitative Tätigkeit auszuüben, und zwar Männer und Frauen praktisch gleich. Eine andere ehrenamtliche Tätigkeit, z. B. in einem Verein oder einer Partei, geben 29 Prozent an, und zwar 38 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen.

Insgesamt bestätigen die repräsentativen Daten das hohe Gewicht der Unzufriedenheit mit qualitativ-partizipatorischen Standards im Vergleich zur Unzufriedenheit mit quantitativ-materiellen Standards der Lebensweise. Die Zweifel an der Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit sind dabei überdurchschnittlich hoch bei den Frauen, bei den einfachen Arbeitern und den Facharbeitern, bei den Befragten ohne (oder ohne sicheren) Arbeitsplatz und bei den Ostdeutschen, teilweise auch bei der jüngeren Generation.

4. Chancen eines integrativen Sozialmodells

Im Dezember 2000 berichtete Die Zeit über eine Studie, die vor allem die autoritäre und ausländerfeindliche Verarbeitung der sozialen Unsicherheiten betont. Dies signalisierte schon der Titel: "Starke Hand gesucht. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt: Autoritäre Einstellungen und Angst vor den Fremden steckt auch in den Köpfen der bürgerlichen Mitte". Die Studie, so hieß es, "untermauert die Annahme, dass in der Bundesrepublik nach wie vor eine stark autoritäre Mentalität zu Hause ist - im Osten wie im Westen, in Unter-, Mittel- und Oberschichten".

Auch unsere Befragung verwies auf ein nicht geringes autoritäres Potenzial. Jedoch ließ sich dieses genauer in bestimmten gesellschaftspolitischen Lagern lokalisieren, die wir in der Landkarte der sozialen Milieus einordnen können. Demnach sind die bedrohlichen autoritären Potenziale nicht überall, wie suggeriert wird, sondern in ganz bestimmten Milieus am rechten und unteren Rand der sozialen Landkarte zu finden: im so genannten "enttäuscht-autoritären Lager" mit doch immerhin 27 Prozent der Bevölkerung. Dieses Potenzial flottiert auch nicht frei, beliebig von rechten Demagogen mobilisierbar, sondern es ist mehrheitlich noch von den großen Volksparteien gebunden.

Aber diese Bindung ist, wie Wahlerfolge des Rechtspopulismus zeigen, nicht mehr sicher, vor allem solange die Politik die Modernisierungsverlierer vernachlässigt.

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