Die Firma - Kurzinhalt

Teil 2

Samstag, 1. April

Es ist drei Uhr in der Früh am Samstagmorgen und Bruns beendet seinen Bericht in dem Haus, in dem seine Schwester seit einer Woche zu Gast ist.

Sarah liegt auf dem Sofa und schläft.

>>Ihr kann diese böse Welt nichts anhaben. Was hast du nur mit Sarah angestellt?<<

>>Nichts weiter. Sie behauptet neuerdings steif und fest eine werdende Mutter zu sein. Wenn das zutrifft und sie wirklich schwanger ist, macht sie mich zum Vater und zum glücklichsten Menschen unter der Sonne.<<

>>Das du das nicht für dich behalten kannst, das habe ich mir beinahe gedacht. Wie finden sie das, Rosa?<< fragt Sarah und gähnt.

>>Süß, sie sollten ihm nicht böse sein. Er ist stolz darauf, dass er Vater wird. Seien sie nachsichtig mit ihm.<<

>>Na schön, wenn sie mich so lieb darum bitten. Ich geh jetzt zu Bett, wir können uns auch bei Tageslicht noch unterhalten.<<

>>Da gebe ich ihnen recht, Sarah.<<

>>Das Gästezimmer ist hergerichtet, gehen wir zu Bett. Morgen ist auch noch ein Tag und ich zeige ihnen gerne die Gegend<<, sagt Rick.

>>Nix da, wir genießen die zwei Tage hier und du karrst meinen Bruder und seine Freundin nicht herum. Nach dem Frühstück zeige ich Bebe den Strand und die Nordsee. Wir gehen allerhöchstens am Abend in die Kneipe.<<

>>Oh, oh<<, hört man Bruno sagen.

>>Was heißt hier, oh, oh? So gefällt sie mir, ich liebe sie über alles, und gerne entdecke ich noch Unbekanntes an ihr. Darf ich euch euer Zimmer zeigen? Oder willst du das machen, mein Lieb. Dann kümmere ich mich um den Kamin, das Licht und ich bringe das Gepäck nach oben.<<

>>Ja, das mache ich gerne. Kommt ihr beiden mit mir mit, ich zeige euch ein wunderschönes Gästezimmer. Drei Badezimmer sind im Haus, eines ist unten im Keller. Dort ist auch eine Sauna und ein Schwimmbecken. Unten im Flur ist ein Bad, wie ihr wisst und oben unter dem Dach. Kommt ihr?<<

Bruns schaut Rosa an und zuckt die Schultern. Oben zeigt Sarah Rosa das Bad.

>>Wenn sie noch duschen möchten, kein Problem. Sehen sie, hier ist alles, was sie benötigen. Handtücher, Bademäntel und Hausanzüge habe ich ihnen ins Zimmer gelegt. Gegenüber ist das Gästezimmer <<

>>Das ist wirklich bezaubernd, ein schönes Zimmer, Sarah.<<

Rosa nimmt sich einen Bademantel vom Bett und sagt: >>Entschuldigt ihr mich, ich möchte mich eben mal kurz duschen, und mir die Zähne putzen.<<

Rick kommt mit dem Gepäck der beiden Gäste nach. Er stellt alles ins Zimmer, nimmt Sarah an die Hand und mit einem Gute-Nacht-Gruß gehen sie in ihr Schlafzimmer.

Bruns sieht sich erst jetzt richtig im Zimmer um. Er packt sein Rasierzeug und die Zahnbürste aus und legt es vor sich auf den Tisch. Dann beginnt er sich bis auf die Unterhose auszuziehen. Er zieht gerade eine Hausanzughose an, als Rosa das Zimmer betritt.

>>Das Bad ist noch frei, Bruno<<, sagt sie lächelnd und bewundert seinen muskulösen Körper. Rosa legt ihre Reisekleidung über eine Sessellehne. Ihren Hosenanzug und die Bluse hängt sie auf. Rosa öffnet ihren Bademantel und zieht ihn aus. Dann hebt sie die Bettdecke an und schlüpft völlig nackt darunter.

Bruno ist sprachlos. Er hat soeben eine wunderschöne junge Frau zu Bett gehen sehen. Eine Frau mit einem wundervollen Körper, den schönsten Rundungen und Brüste, wie er sie noch nie gesehen hat. Er verlässt das Zimmer um ins Bad zu gehen. Nach etwa zehn Minuten kommt er wieder. Er steht mit nacktem Oberkörper am Bett und geht in die Hocke.

>>Rosa, sind sie noch wach?<< fragt er.

>>Nicht mehr lange<<, antwortet sie, >>das Licht brennt noch.<<

>>Soll ich nicht besser nach unten gehen, und auf dem Sofa schlafen?<<

>>Warum denn, hast du Angst vor mir?<<

>>Nein, natürlich nicht.<<

>>Na, dann komm zum Geburtstagskind ins Bett<<, sagt sie und schlägt für ihn die Bettdecke zurück.

Beim Anblick ihrer nackten Brüste und der schön gleichmäßig gebräunten Haut sagt er: >>Oh mein Gott, Rosa, bist du schön... Ich bin ein Mann, das kann nicht gut gehen, auch noch an deinem Geburtstag.<<

>>Pst<<, macht Rosa. Über ihre Lippen hat sie einen Zeigefinger gelegt, >>das ist doch jetzt nicht wichtig.<<

Bruno lässt die Hausanzughose fallen und legt sich zu ihr ins Bett. Der erste Hautkontakt mit Rosa, die über ihn hinweg das Licht aus macht, bringt Bruno fast um den Verstand. Er fühlt ihre Brüste auf seiner Brust und den Flaum ihres Schoßes an seiner Hüfte. Bruno merkt wie ihr heißer Atem sich seinem Mund nähern, und wie sie ihn zärtlich küsst. Er lässt es geschehen und erwidert den Kuss. Bruno, der einen Arm unter ihren Oberkörper hindurch schiebt, beginnt mit beiden Händen zärtlich ihren Rücken und Po zu streicheln. Nach vielen innigen Küssen und Streicheleinheiten, wächst bei beiden das Verlangen nach einer Vereinigung. Rosa legt sich auf den Rücken und ermuntert Bruno zu ihr zu kommen. Rosa fühlt, wie er vorsichtig in sie eindringt und sie zärtlich zu lieben beginnt.



Es ist fast Mittag, als ein glückliches Paar im Wohnzimmer erscheint. Rosa und Bruno waren wach geworden und stellten erstaunt fest, dass sie fast den halben Samstag verschlafen hatten. Daraufhin haben sie beschlossen auf die Schnelle gemeinsam zu duschen um den süßen Duft von Sex, den sie auf der Haut wahrgenommen hatten abzuwaschen. Erfrischt, mit noch nassen Haaren und ordentlich hungrig stehen sie nun da, und sehen in zwei fragende Gesichter.

>>Na, habt ihr gut geschlafen?<< fragt Sarah.

>>Ausgezeichnet<<, sagt Rosa.

>>Wie ein Murmeltier<<, grinst Bruno.

>>Dann kommt mit in die Küche. Ihr werdet frühstücken wollen?<<

Sie nicken. In der Küche nimmt Bruno seine Schwester in den Arm und sagt: >>Und nach dem Frühstück zeigst du uns das Meer ... Rosa hat heute Geburtstag!<< flüstert er ihr ins Ohr.

>>Ja Bebe, wir gehen ans Meer, die Luft wird euch gut tun.<<

Liebevoll küsst sie den Bruder auf den Mund.

>>He, ihr beiden, ich bin auch noch da<<, ruft Rosa.

>>Na, dann komm. Willkommen, in unserer kleinen Familie<<, sagt Sarah und schließt Rosa in die Arme. Die beiden Frauen drücken sich, und küssen sich auf die Wangen.

>>Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Rosa.<<

>>Danke Sarah, woher weißt du?<<

>>Wird nicht verraten, nun esst erst mal. Es ist alles da, Tee, Kaffee und Rick hat frische Brötchen und allerlei Leckereien aus dem Dorf geholt. Uns findet ihr nebenan. Wieder bei Rick, sagt sie zu ihm: >>Es scheint, als habe auch Bruno sein Glück gefunden. Übrigens, Rosa hat Geburtstag.<<

>>Ist nicht wahr?<<

>>Doch. Bruno hat es mir gerade gesagt.<<

Rick geht zur Küchentür, öffnet sie, lehnt sich an die Zarge und sagt zu Rosa und Bruno: >>Houston, euer Kollege hat um zehn angerufen. Das Krankenhaus hat sich gemeldet und ausrichten lassen, das der Zustand von Dr. Simon nun stabil ist. Damit hat er wohl das Schlimmste überstanden.<<

>>Na, Gott sei Dank!<< Antworten Rosa und Bruno wie aus einem Mund.

>>Ich habe mir große Sorgen um den Jungen gemacht. Wir werden diesen Ebert fassen, es ist nur eine Frage der Zeit. Er wird mit internationalem Haftbefehl gesucht<<, sagt Bruno zu Rick.

>>Das glaube ich auch<<, antwortet Rick und geht ganz gezielt zu Rosa an den Tisch. Rick reicht Rosa die Hand und sagt: >>Rosa, ich wünsche ihnen alles erdenklich gute zu ihrem Geburtstag. Ich hoffe, wir können diesen Tag noch gebührend feiern.<<

>>Ich danke ihnen, aber meinetwegen Umstände zu machen, das möchte ich nicht.<<

>>Vielleicht gehen sie und Bruno heute Abend mit Sarah und mir aus, wäre ihnen das recht?<<

>>Das machen wir sehr gerne, nicht wahr, Bruno?<< Bruno nickt.

>>Sehr schön, es wird euch gefallen<<, sagt Rick und geht zurück an seinen Schreibtisch. Dort legt er die Unterlagen, die er von James Scott erhalten hat zurecht. Rick begibt sich mit neuester Lektüre vom MIT zum Sofa.

Sarah telefoniert mit Gudrun. Gudrun will wissen, ob Sarah am Montag nach Amsterdam mitkommt um einzukaufen, und um ihre Lebensgefährtin vom Flughafen abzuholen. Gudrun ist eine Lesbierin, das weiß Sarah seit dem letzten Besuch bei ihr. Gudrun hatte gejammert, weil Susanne ihr so fehle. Sarah verspricht zurückzurufen, sobald sie mit Rick darüber gesprochen hat. Sie sagt ihrer Freundin, dass der Besuch nun da ist, und dass man sich eventuell am Abend noch sehen wird. Man gedenke am Abend aus zu gehen.

Rosa und Bruno kommen aus der Küche. Rick erhebt sich und geht an seinen Schreibtisch.

>>Das solltest du dir ansehen<<, sagt er zu Bruno, und drückt ihm die Unterlagen aus England in die Hand. Bruno blättert darin und gibt einen Teil an Rosa weiter.

>>Das ist gutes Material. Ich denke, wir bekommen die Flugkosten zurück. Danke Rick, dass du dir so große Mühe gemacht hast.<<

>>Ich habe ein Interesse daran, dass du den Fall aufklärst<<, sagt der.

>>Wenn ihr so weit seid, dann sollten wir zum Strand gehen. Für den Nachmittag wird wieder Regen gemeldet.<<

>>Okay, was sagst du zu den Papieren?<< will Bruno von Rosa wissen und gibt ihr, was sie noch nicht gelesen hat.

>>Sie helfen uns sicher weiter. Interessant ist der Weg, den die Unterlagen genommen haben. Mit der Karsibor lagst du wohl richtig. Mich wundert nur, dass CIA und MI6 nichts unternommen haben.<<

>>Der Meinung bin ich auch<<, sagt Bruno und sieht Rick nicken.

>>Kommt ihr nun mit? Ich bin schon fertig angezogen. Rosa, welche Schuhgröße hast du? Glaubst du, die Stiefel passen dir?<< fragt Sarah und reicht Rosa ein paar halblange Lederstiefel.

>>Ich probiere sie mal an<<, sagt sie und schlüpft in den linken Stiefel.

>>Ja, ich denke, die passen<<, sagt sie und läuft einige Schritte darin. Minuten später machen sie sich auf den Weg zum Strand.



In seiner Villa in Starnberg, am Starnberger-See geht Gutzeit ans Telefon. Er brüllt los, als er merkt wer ihn anruft: >>Bist du verrückt, bei mir anzurufen. Ruf Norbert oder Victor an.<<

Wütend knallt Gutzeit den Hörer auf das Telefongehäuse. Er nimmt das Funktelefon, und wählt eine Nummer. Alle paar Tage lässt er sich für dieses Telefon eine neue Guthabenkarte geben. Meist vernichtet er einmal die Woche eine solche Karte. Norbert meldet sich: >>Du, Norbert pass auf, wenn Anton anrufen sollte, dann holt ihn ab, fahrt ihn zu einer Kiesgrube und lasst ihn verschwinden. Ich will nicht, dass er jemals wieder auftaucht. Ihr wisst ja: Er ist total durchgeknallt, gestern hat er einen Polizisten umgelegt. Seid aber vorsichtig, hast du gehört?<<

>>Ja, Chef.<<



Harald Bloch, Chef von Bruns Abteilung bei der Kriminalpolizei in Frankfurt hatte am Freitag mit Dr. Christian Lade, Oberstaatsanwalt in Frankfurt gesprochen. Es ging um Gutzeit. Houston hatte ihnen das Tonbandprotokoll vom Vortag vorgespielt und Dr. Lade ein eigens für ihn angefertigtes Protokoll übergeben. Das Wortprotokoll wurde auch dem Generalbundesanwalt noch am selben Tag zugestellt. Doch dieser wollte einer Telefonüberwachung bei Gutzeit nicht zustimmen. Bruns konnte und wollte sich damit nicht abfinden. Also hat er sich ans Telefon gehängt und einen alten Freund angerufen.



Es ist Samstag, später Nachmittag, als Houston von der Leitzentrale der Frankfurter Kripo ins Präsidium gebeten wird. Bruns ist nicht da, dass weiß man. Houston lässt schweren Herzens seine Freundin alleine und fährt ins Präsidium. Er sucht die Leitzentrale auf und fragt: >>Was ist denn los?<<

>>Schau dir das mal an. Da sind zwei E-Mails gekommen, mit dem Hinweis, sie direkt an Bruns weiterzuleiten.<<

Houston nimmt die E-Mails an sich um sie zu lesen. >>Und wo ist der Text?<< will er wissen.

>>Sydney, du weist doch sicher was ein Hyperlink ist?<<

>>Klar, weiß ich das.<<

>>Na, dann setz sich an den Computer, und klick dich durch.<<

Kopfschüttelnd macht Houston sich auf den Weg zum Computer und startet das E-Mail Programm und hat wenige Sekunden später die beiden E-Mails im Original auf dem Schirm. Ein Mausklick auf den ersten Hyperlink startet einen Internetbrowser. Eine Verbindung zum Internet wird hergestellt. Es erscheint die per Hyperlink aufgerufene Seite. Darin erscheint nach einer freundlichen Begrüßung ein Text, den Houston laut vorliest. Danach reibt er sich die Augen und sagt: >>Das glaube ich nicht ...<< Houston klickt in der zweiten E-Mail, den dortigen Hyperlink an und der Browser öffnet eine weitere Seite. Wieder erscheint eine freundliche Begrüßung, dann der Text.

>>Welches Telefon darf ich benutzen<<, fragt er.

>>Das was dir am nächsten steht.<< lautet die Antwort.

Houston hämmert die Rufnummer von Rick van Straaten in die Tastatur. Er klopft nervös mit den Fingern auf die Tischplatte. Endlich meldet sich van Straaten in den Niederlanden. Houston fragt nach Bruns und als der dann am Telefon ist und sich mit der Frage meldet: >>Sidne, warum bist du so aufgeregt?<< Da unterbricht ihn Houston und fragt: >>Könnt ihr mal ins Internet gehen?<<

Minuten später steht auch bei van Straaten in Holland die Internetverbindung. Houston gibt die Adressen durch. Bruns, und er bleiben über das Telefon in Verbindung. >>Wer ist das, Bruno? Wer steckt hinter den Seiten?<<

>>Freunde von mir, Sidne. Wir haben es jetzt auch auf dem Schirm. Du musst das jetzt ausdrucken, Sydney, wenigstens sichern. Spätestens um achtzehn Uhr kannst du die Seiten nicht mehr aufrufen. Die sind dann für immer und ewig weg. Noch was, Sidne. Herr van Straaten fragt, ob den E-Mails Dateien angehängt sind. Wenn ja, dann musst du diese unbedingt laden und auf die Festplatte sichern. Siehst du mal nach?<< bittet Bruns.

>>Bin schon dabei. Ihr habt recht. Ich lade jetzt die Dateien ... So, fertig. Was soll ich damit tun?<<

>>Nachsehen, ob es Media Dateien Tondatei sind. Nur die Ruhe, mein Junge. Du sollst einfach mal einen Doppelklick darauf machen, sagt van Straaten.<<

>>Du, Bruno, da ist ein Media-Player gestartet. Jetzt lädt der irgendwas und jetzt kommt ein kleines Video mit einem Mann auf einer Terrasse, der am telefonieren ist. Mein Gott, Bruno. Den Ton habe ich auch. Der erteilt gerade einen Mordauftrag. Du wirst es nicht glauben.<<

>>Doch, ich glaube dir. Schade, das ich das nicht mit eigenen Augen sehen kann. Das ist Gutzeit, in Starnberg. Wen will er denn umbringen lassen?<<

>>Einen gewissen Anton. Glaubst du, der meint Ebert?<<

>>Ja, das glaube ich.<<

>>Und wie können wir das verhindern?<<

>>Wie willst du das verhindern? Wir wissen doch nicht, wo dieser Ebert steckt. Wir wissen nicht mal wer die Mörder sind, und wo sie sich aufhalten. Du machst jetzt folgendes: alles was du hast, schön sichern. Wenn du nicht zurecht kommst, lass dir helfen. Dann versuchst du den Oberstaatsanwalt zu erreichen. Bis der da ist, sind die Seiten längst weg. Aber vielleicht kommt ja noch was nach. Alles verstanden?<<

>>Ja, habe alles verstanden. Wenn was ist, ruf ich an.<<

>>In Ordnung. Bis dann, mein Junge.<<

>>Kannst du mir kurz helfen<<, fragt Houston den Diensthabenden.

>>Klar.<<

>>Weißt du, wenn von dem hier etwas verloren geht, dann reißt Bruns mir am Montag den Kopf ab.<<

>>Nur ruhig Blut. Da kommt übrigens schon wieder eine E-Mail, was denn nun noch? Sieh mal, was da steht: Wenn die Deutschen Behörden bis Montag nicht reagiert haben, leiten wir das soeben gesendete Material an, dpa und afp weiter.<<

>>Wer mag bloß dahinterstecken?<< fragt Houston mehr sich selbst. >>So etwas habe ich noch nie erlebt. Ein von Gutzeit erteilter Mordauftrag wird uns per Videoclip ins Haus geschickt. Wir kennen den Auftraggeber und wenn mich nicht alles täuscht, dann unternimmt der Generalbundesanwalt auch diesmal nichts, aus lauter Angst um seine Karriere.<<

>>Sidne, aufgepasst. Hier, eine Zip-Diskette. Von nun an kannst du mit allem, was du soeben heruntergeladen hast, einschließlich der E-Mails und den Internetseiten hausieren gehen.<<

>>Danke<<, sagt der und verlässt den Raum. Sidne geht in sein Büro um den Oberstaatsanwalt anzurufen. Der erklärt sich bereit ins Büro zu kommen.

Der Oberstaatsanwalt schaut sich alles in Ruhe an. Dann greift er zum Telefon und ruft den Generalbundesanwalt in Karlsruhe an.

>>Sie geben wohl keine Ruhe, was<<, faucht dieser Lade an.

>>Wenn sie mich nicht anhören wollen, dann müssen sie die Konsequenzen tragen. Ich habe für dieses Telefonat mit ihnen einen Zeugen.<<

>>Dann schießen sie mal los. Was haben sie denn diesmal?<<

Ruhig und sachlich schildert Oberstaatsanwalt Lade die Geschehnisse der letzten Stunden.

>>Sie glauben diesen Blödsinn, hab ich recht?<< wird er gefragt.

>>Was ich glaube, und was ich nicht glaube, spielt im Augenblick keine Rolle, Herr Generalbundesanwalt. Herr Gutzeit befiehlt einen Mord. Er befiehlt einem uns im Augenblick noch Unbekannten einen gewissen Anton umzubringen und verschwinden zu lassen. Dieser Anton ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Anton Ebert, der einen Beamten vom BKA, fast tot geschossen hat. Wir haben auch keine Zweifel daran, dass eine Verbindung zu den Anschlägen hier in Frankfurt besteht. Wenn sich irgendwann herausstellt, das Gutzeit der Kopf einer Seilschaft ist, einer neuen ODESSA, dann möchte ich nicht in ihrer Haut stecken. Wenn das uns vorliegende Material am Montag der Presse zugespielt wird, dann bin ich es, der der Presse Rede und Antwort stehen muss<<, sagt Lade. >>Wenn sie keinen Handlungsbedarf sehen, dann sorge ich höchstpersönlich dafür, dass das mir vorliegende Material heute noch an andere Bundesbehörden weitergeleitet wird.<<

>>Ich fall doch auf so einen Internetblödsinn nicht herein. Lassen sie lieber den Computer, auf dem die E-Mails eingegangen sind auf Viren untersuchen. Das ganze wird sich als Dummer-Jungens-Streich entpuppen. Verschonen sie mich bitte damit.<<

Der Oberstaatsanwalt legt den Hörer zurück und sagt: >>So ein Arschloch!<<

>>Was machen wir jetzt?<< fragt Houston.

>>Jetzt gehen wir in die Leitstelle, an den dortigen Computer. Mit Hilfe des Diensthabenden schicken wir das ganze Zeug weiter an das BKA und an das LKA in München. Dann warten wir ab. Ich jedenfalls gehe am Wochenende nicht aus dem Haus. Sie können mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen.<<

Eine Stunde später, ist das neue Material per E-Maildienst versandt.



>>Da seid ihr ja endlich, wurde auch Zeit<<, faucht Anton Ebert den Fahrer des blauen BMW an.

>>War gar nicht einfach, dich zu finden. Du kommst mit auf den Hof, dort bekommst du neue Papiere und dann setzt du dich ab.<<

>Quatsch nicht, fahr los. Ich will ein Bad und neue Klamotten<<, sagt Ebert.

>>Klar, Mann<<, sagt der Fahrer.

Nach dreißig Minuten fahrt, will Ebert von ihm wissen: >>kannst du mir mal verraten, wo du hinfährst?<<

>>Wir sind gleich da. Zur Sicherheit bin ich einen Umweg gefahren. Ich musste feststellen ob wir einen Schatten haben.<<

Der Fahrer lenkt den BMW in einen Feldweg. Ebert, der eine Spezialausbildung genossen hat, fühlt das etwas nicht stimmt. Sein antrainierter Instinkt schickt die ersten Sendboten los. Die Waffe in seiner linken Hand unter dem Mantel versteckt richtet sich fast ohne sein Zutun auf den Beifahrer. Dann geht alles rasend schnell. Ebert bemerkt, wie der Beifahrer sich zu ihm herumdreht und gleichzeitig erscheint an der linken Schulter eine Pistole mit Schalldämpfer. Ebert lässt sich auf dem Rücksitz einfach nur nach rechts fallen. Mit dem Plopp der schallgedämpften Pistole bellt seine Waffe gleich zweimal hintereinander. Der Glatzkopf Victor ist auf der Stelle tot. Wieder hat Ebert durch die Rückenlehne geschossen, ohne auch nur zu zielen. Im halbdunklen Innenraum des BMW sieht er sich leicht aufrichtend, wie der Beifahrer in sich zusammensackt und sich von da an nicht mehr bewegt. Norbert, der Fahrer des BMW will anhalten, doch Ebert sagt zu ihm: >>Fahr weiter. Lass beide Hände am Steuer. Wollen doch mal sehen, wo dieser Feldweg hinführt.<<

Das Ende des Feldweges wird erreicht. Der Fahrer hält an.

>>Lass die Hände am Steuer, verstanden?<< Ebert entwaffnet den Fahrer. Der fühlt den kalten Lauf einer Waffe im Nacken.

>>Los, aussteigen. Ich will sehen, wo wir sind.<<

Norbert, der Fahrer steigt aus. Jetzt steigt auch Ebert aus. Ebert muss nur wenige Meter gehen, dann sieht er den See zehn Meter unter sich. Ebert geht zurück zum BMW und richtet die Waffe auf den Fahrer. >>Wo ist der andere Wagen?<<

>>Da hinten im Gebüsch. Du, hör zu, das war nicht meine Idee. Tut mir leid, aber wenn du mich am Leben lässt, helfe ich dir, dass du aus dem Land kommst.<<

>>Nee, lass man. Ich komme ganz gut allein zurecht<<, sagt Anton Ebert und schießt. Er verfrachtet den Toten auf die Rückbank des BMW und setzt sich ans Steuer. Er lässt den Motor an, betätigt das Gaspedal und klemmt es fest. Die Beine hat Ebert längst aus dem Fahrzeug heraus, als er mit der rechten Hand den Schalthebel vom Automatikgetriebe von N nach D zieht. Die Hinterräder des BMW drehen durch und Ebert bleibt noch Zeit das Fahrzeug zu verlassen. Er kann sogar noch die Fahrertür zuschlagen. Doch dann kommt der BMW schlingernd in Fahrt und verschwindet über den Rand des Sees in die Tiefe. Ohne zurückzusehen geht Ebert los. Er findet den zweiten Wagen, einen Mercedes, startet den Motor und fährt zur Landstraße.



Mit großem Hallo, werden Sarah, Rick und die Besucher aus Deutschland in der Kneipe begrüßt. Während Sarah wieder an den Lungenkrebs denken muss, den man sich in dieser Kneipe unweigerlich holt, stellt Rick den bereits Anwesenden Wilhelm de Vries, Ewald Bloom und der ebenfalls Anwesenden Gudrun Deyberg seinen Besuch vor. An diesem Abend sitzt schon ein Fremder am Tisch. Wilhelm de Vries hat einen Besucher mitgebracht. Wilhelms Besucher ist ein befreundeter Maler aus Paris, der, wie sich bei der Begrüßung herausstellt, ausgezeichnet deutsch und englisch spricht. Er heißt Marc Duquesne. Marc ist erfreut, dass Rick seine Heimatsprache spricht und ihn in dieser begrüßt. Es wird ein schöner und geselliger Abend. Nur für kurze Zeit unterbrochen, weil Sarah, Rosa, Rick und Bruno sich an einen anderen Tisch setzen, um zu essen. Die Sofaecke eignet sich nicht dazu. Außerdem hätten sie keine Ruhe gefunden, denn die Besucher aus Deutschland werden mit Fragen schier gelöchert. Kaum, dass sie wieder beisammen sitzen, geht eine Frage von Ewald Bloom an Bruno: >>Wo befinden sich denn nun die Unterlagen, und wie wird mit ihnen verfahren?<<

>>Ich glaube, das weiß keiner so genau<<, sagt Bruns.

>>In der Gauck-Behörde sind heute vor allem die erhalten gebliebenen Akten, welche die Überwachungstätigkeit innerhalb der DDR betreffen. In Personendatenkarteien sollen vier Millionen Ost- und zwei Millionen Westdeutsche gespeichert sein.<<

>>Kommst du als Staatsanwältin eigentlich an die Akten heran?<< will Sarah von Rosa wissen.

>>Anders als bei anderen Archiven und Einrichtungen, können wir Staatsanwälte die Akten der Gauck-Behörde nicht nach Ermittlungsbedarf einsehen, sondern nur nach den Regelungen des StUG. Das behindert die Arbeit sehr, da dieses vorsieht, alle Namen von Personen in ausgehändigten Akten zu schwärzen, die nicht Täter sind, so weit sie ihr Einverständnis nicht gegeben haben<<, sagt Rosa und sieht Bruno dabei an. >>Du wolltest noch etwas sagen?<<

>>Ja, wenn ich darf. So weit wir wissen, gibt es eine unbekannte Anzahl von Dokumenten, die sich auf dem „Freien Markt“ befinden, will sagen, die ehemalige Firmenmitarbeiter als Lebensversicherung an sich genommen haben. Wie wir heute wissen, hatte ja der KGB die Fäden in der Ex-DDR fest in der Hand. Also kann man davon ausgehen, dass eine unbekannte Anzahl von Unterlagen in Moskau lagern. Ich befürchte, dass die KGB-Nachfolgeorgane ehemalige Agenten der „Firma“ weiterführen. Es ist bekannt, dass seit den siebziger Jahre die gesammelten Daten der „Firma“ über den Gegner auch in ein in Moskau befindliches gemeinsames Speichersystem eingegeben wurden. Die CIA soll sich auch im Besitz von Akten befinden, die sie in der Wendezeit aus Stahlschränken der „Firma“ erbeutet hat. Es wird auch behauptet, die CIA habe Akten von KGB-Agenten erhalten.<<

>>Der so genannte „Kalte Krieg“ ist ja nun vorüber. Was glauben sie, machen Spione heute.<<, fragt Marc.

>>Nun, nach dem Kalten Krieg wird Wirtschaftsspionage groß geschrieben, wenn ich einmal für meinen Freund antworten darf?<< sagt Rick. >>Vor dem Hintergrund eines ständig härter werdenden internationalen Wettbewerbes rückt die Wirtschaftsausforschung in den Mittelpunkt fremder Ausspähungsinteressen. Am aktivsten sind nach wie vor die Dienste des früheren Ostblocks. Ich bin der Ansicht, dass selbst unter befreundeten Staaten die Ausforschung nicht ausgeschlossen werden kann. Die USA nutzen ihre Abhörtechnik mit Sicherheit auch um Politik und Wirtschaft befreundeter Staaten auszuhorchen. Dazu hat sich die NSA auf ihrer eigenen Homepage vor kurzem erst bekannt. Besonders neue Materialien, neue Produktionsmethoden, Software, Biotechnologie, Luft- und Raumfahrttechnik sind spionagegefährdet. Nicht zu vergessen die Energie- und Umwelttechnik. Vor allem solche Stellen sind interessant, wo die Informationen in konzentrierter Form, möglichst aus verschiedenen Branchen gleichzeitig vorliegen. Das können Zulieferfirmen oder Technologiezentren sein. Hinzu kommen Datenbanken, Übersetzungsbüros, Unternehmensberater.Denkt doch mal an die EDV mit seinen weltweiten Datennetzen. Das ist die wohl umfassendste Informationsquelle für Spione. Kann sich jemand von euch ein Projekt vorstellen, das nicht über die EDV abgewickelt wird?<<

>>Also, Wilhelm und ich, wir planen unsere Bilder nicht am Computer <<, hält Gudrun dagegen. Diese spontane Erwiderung sorgt für heiteres Gelächter.

>>So wie ich das sehe, wird der nächste Krieg ein Informationskrieg sein. Was ist, wenn die Geheimdienste Computerviren in die Systeme ihrer Gegner einschleusen um diese lahm zu legen. Das könnte das Schlachtfeld der Zukunft sein<<, sagt Ewald Bloom.

>>Darüber kannst du heute schon in den Zeitungen lesen. Eine Meldung über einen neuen Computervirus, wer betroffen war und wie groß der Schaden ist, wirst du immer finden. Der amerikanische Supergeheimdienst NSA entwickelt - wie ich in einem Bericht des Europäischen Parlaments gelesen habe - derzeit Viren, die Informationen stehlen, und Bugs in Programme einbauen<<, sagt Rick.

>>Vielleicht entwickelt sich das Internet einmal vom Informations-Superhighway zum Desinformations-Superhighway. Wer weiß das schon so genau<<, sagt Rosa.

>>Um noch einmal auf die DDR zurück zu kommen: Wie war die SED eigentlich auf die Wende vorbereitet? War die DDR nicht 1982 schon fast pleite? Und wo sind die verschwundenen Milliarden geblieben?<< fragt Marc.

>>Ende November 1989, war der politische Leitgedanke der SED nur noch, wie man die Parteifinanzen in das wieder vereinigte Deutschland hinüberrettet. 1982 war die ehemalige DDR fast pleite. Das habe ich auch im Spiegel gelesen<<, sagt Rick.

>>Und was die verschwundenen Milliarden angeht, lieber Marc, da spricht man heute nur noch von einem dreistelligen Millionenbetrag, so als wären es Pinats. Im DDR Außenwirtschaftsministerium gab es einen Bereich, den nannte man „Kommerzielle Koordinierung“, kurz KoKo. Diese war für die Verwaltung und Beschaffung von Devisen und für die Beschaffung von Westgütern zuständig. Unter der Aktenbezeichnung „KoKo“ wird auch heute noch nach dem Geld gefahndet<<, erklärt Rosa.

>>Was mich noch interessieren würde, das ist die Frage nach den Opfern der SED. Es hat doch viele Opfer gegeben? Auch Ausländer so viel ich weiß.<<

>>Ja, stimmt. Wie man mit Ausländern verfuhr, nachdem sie aus den Gefängnissen entlassen wurden entzieht sich meiner Kenntnis. Im Knast Berlin-Hohenschönhausen wurden Tausende gequält, vergewaltigt und gefoltert. Doch über dieses Unrecht was dort geschehen ist, redet heute kein Mensch mehr. Den Opfern geht es schlechter als den Tätern. Menschen die manchmal jahrzehntelang verfolgt wurden erhalten zwischen siebenhundert und zwölfhundert Mark Rente. Viele leben von Sozialhilfe. Die Täter, also die DDR-Juristen erhalten mühelos zwei bis dreitausend Mark im Monat an Rente. Man denkt in Deutschland über die Rehabilitation der Täter nach, noch bevor man sie verurteilt hat. Die Opfer werden einfach vergessen<<, sagt die Staatsanwältin Rosa Gold.

>>Was ich heute Abend von dir Rosa noch wissen möchte, ist, wie konnte mein Bruder wegen Landesverrat angeklagt werden, während der Chef der „Firma“ vom selben Vorwurf freigesprochen wurde?<< fragt Rick.

>>Als erstes möchte ich richtig stellen, dass dein Bruder nicht angeklagt wurde. Dazu ist es ja nicht mehr gekommen<<, sagt Rosa. >>1995 hat das BVG, also das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass Personen, die ihren Lebensmittelpunkt in der ehemaligen DDR hatten, nach der Vereinigung nur eingeschränkt wegen Agententätigkeit gegen die BRD belangt werden dürfen. Ausgenommen sind Straftaten, die im Zusammenhang mit Spionage begangen wurden. Urkundenfälschung, um ein Beispiel zu nennen. Es ist richtig, was du sagst. Nach dem BVG-Urteil mussten mehrere Verfahren eingestellt und bereits als rechtskräftig angesehene Urteile aufgehoben werden, auch ein Urteil gegen den Chef der „Firma“. Nur wenige hauptamtliche Mitarbeiter wurden verurteilt. Nach herkömmlicher Gesetzeslage ist Spionage gegen die BRD unabhängig vom Tatort zu verfolgen. Der Spruch des BVG vom Mai 1995, hat das alte Recht geändert. Anders sieht es für Westdeutsche aus, die für die „Firma“ gearbeitet haben. Die können wegen Landesverrat oder Agententätigkeit vor Gericht gestellt werden. Dein Bruder hat als Westdeutscher dem Staat gehörende Dokumente gestohlen, vergiss das bitte nicht. Ich fürchte, er wäre verurteilt worden. Hätte er nach der Wiedervereinigung den westdeutschen Behörden die Dokumente übergeben, wer hätte ihn da anklagen sollen?<<

Gudrun nutzt die folgende Pause um Sarah zu fragen: >>Sarah, kommst du nun am Montag mit nach Amsterdam?<<

Sarah sieht Rick an und der sagt: >>Wir haben nichts vor, oder? Ich habe natürlich mit meinem Buch zu tun.<<

>>Dann komme ich mit. Es gibt einige Dinge, die ich einkaufen möchte.<<

>>Dann ist das geklärt. Entschuldigt, wenn ich die Unterhaltung gestört habe, aber es ist ein Uhr durch. Ich bin müde und will ins Bett. Ich geh nach Hause<<, sagt Gudrun.

>>Was, schon nach Eins? Dann geh ich auch<<, sagt Ewald Bloom.

>>Was meint ihr?<< fragt Sarah, >>wollen wir auch?<<

>>Ja, mein Bett ruft auch nach mir. Ich kann meine Augen kaum noch offen halten<<, sagt Rosa.

>>Wir kommen wieder. Bei euch gefällt es mir<<, fügt Bruno hinzu.

>>Kommt, lasst uns gehen, sonst ist der Sonntag vorbei. Spätestens um sechszehn Uhr müssen wir los zum Flughafen<<, sagt Rick und erhebt sich.

Der Wirt kommt an den Tisch um sich für den Besuch zu bedanken und um sich von seinen Gästen zu verabschieden.

>>Soll ich die Sauna anheizen?<< fragt Rick seine Gäste, als sie ins Haus gehen. Dieser Vorschlag findet allgemeine Zustimmung.

>>Weckt ihr uns um neun?<< bittet Bruno Sarah und Rick beim hinaufgehen zu den Schlafzimmern, >>oder ist dir das zu früh?<< will er von Rosa wissen.

>>Neun Uhr ist mir nicht zu früh, aber nur zwei Gänge. Sarah und ich haben beschlossen zu kochen.<<

>>Dann noch eine gute Nacht<<, wünscht Sarah und umarmt ihren Bruder. Sie küsst ihn auf die Nasenspitze und sagt: >>Schlaf schön, Bebe.<< Dann umarmt sie Rosa und wünscht auch ihr eine gute Nacht. Rosa erwidert die Zuneigung, die Sarah ihr entgegenbringt genauso herzlich. Die Männer geben sich die Hand.

>>Das war ein schöner Abend und eine ganz tolle Kneipe <<, sagt Bruno.

>>Ja<<, sagt Rick. >>Wenn ihr wiederkommt, dann bitte für länger. Dann zeige ich euch Kneipen in Amsterdam.<<

Sonntag, 2. April

Sarah ist schon einige Runden geschwommen und Rick hat das Wasser verlassen um einen Aufguss in der Sauna vorzunehmen. Es ist bereits nach neun als Rosa und Bruno in Bademäntel gekleidet erscheinen. Rosa lässt an einer Liege den Bademantel fallen und springt vom Beckenrand kopfüber ins Wasser. Sie taucht wieder auf und schwimmt zu Sarah hin. Sie fassen sich bei den Händen und die Leiber der beiden Frauen verschmelzen für einen kurzen Augenblick, als sie sich mit einem Kuss begrüßen und sich einen guten Morgen wünschen.

>>Wo ist Bebe hin?<< will Sarah wissen.

>>Ich denke, der wird erst einmal kalt duschen, um seine Gelüste zu reduzieren. Dein Bruder ist frisch verliebt, vergiss das nicht.<<

Sarah lacht und schluckt dabei Meerwasser. Dem lachen folgt dann ein husten, spucken und röcheln. Sarah ringt nach Luft, und Rosa tätschelt ihr im Wasser den Rücken.

>>Liebst du Bruno?<< fragt Sarah.

>>Ja Sarah, ich liebe ihn sehr.<<

>>Komm lass uns einen Saunagang wagen. Wir beide haben ja anschließend noch einiges zu tun.<<

>>Okay, dann ab in die Sauna<< antwortet Rosa und sie verlassen das Becken.

>>Mein Gott, Rosa. Bist du schön<<, entfährt es Sarah. >>Du bist die schönste Frau die ich je in meinem Leben gesehen habe.<<

>>Ein bisschen weniger schön wäre mir lieber. Aber an dir gibt es auch nichts auszusetzen, meine Liebe. Die Größe deiner Brüste tät mir schon reichen.<<

>>Was hast du gegen deine Brüste, die sind genau richtig<<, sagt Sarah.

>>Und wie werden sie sein, wenn ich ein Kind bekommen habe?<<

>>Mach dir doch darüber noch keine Gedanken<<, sagt Sarah und öffnet nach dem sie nach einem Handtuch gegriffen hat die Tür zur Sauna. Rick hat es sich dort schon bequem gemacht.

>>Wo steckt denn Bruno<<, fragt er und denkt: Gott, sind die Frauen schön.

>>Der wird gleich kommen<<, sagt Rosa. Die Frauen kichern.

Nach zwei Saunagängen und einer Ruhezeit sind die Frauen der Meinung es sei genug gewesen. Sie duschen und begeben sich zum ankleiden nach Oben. Im Bad stehen sie gemeinsam vor dem Doppelspiegel und frisieren sich die Haare. Auf Schminke und Kosmetik wird verzichtet.

>>Was macht dich so sicher, dass du schwanger bist?<< fragt Rosa.

>>Es ist nur so ein Gefühl. Nachdem ich mit Rick geschlafen hatte stieg dieses Gefühl in mir hoch und hat mich seit dem nicht mehr verlassen. Ganz sicher bin ich mir nicht, dazu ist es noch zu früh. Ich freue mich aber schon riesig auf unser erstes Kind. Ist es nicht schön, wenn ein Kind in Liebe gezeugt wurde?<<

>>Mag Bruno Kinder?<<

>>Natürlich, Bruno liebt Kinder ebenso wie ich. Und wir mögen Tiere.<<

>>Kann Bruno reiten?<<

>>Nicht das ich wüsste, wieso? Kannst du reiten?<<

>>Ich habe sogar ein eigenes Pferd, meinen Moritz.<<

>>Ist nicht wahr?<<

>>Doch, wenn ich es doch sage.<<

>>Kommst du mit, Rosa? Ich muss in euer Zimmer. Meine Unterwäsche habe ich dort in der Kommode.<<

>>Ja, ich bin auch so weit.<<

Gemeinsam gehen sie ins Gästezimmer. Vor dem großen Ankleidespiegel finden sie sich wieder und Rosa fasst mit ihren Händen unter ihre Brüste und hebt sie an.

>>Sieh nur, Sarah<<, sagt sie, >>wie groß meine Brüste sind.<<

>>Nun hör aber auf, Rosa. Die sind doch genau richtig. Schade nur, dass wir nicht tauschen können!<<

>>Wollen wir es versuchen<<, lacht Rosa und umarmt Sarah.

>>Wie gut dass Gudrun uns nicht so sieht. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht versuchen würde dich ins Bett zu kriegen.<<

>>Sag bloß, deine Freundin Gudrun ist eine Lesbe.<<

>>Ja.<<

>>Nein.<<

>>Sie hat dich mit ihren Augen schier verschlungen.<<

>>Und von dir Sarah hat sie nichts gewollt?<<

>>Vielleicht am Abend an dem wir uns kennen lernten. Bei einem Besuch, da habe ich ihr gesagt, dass ich von Rick schwanger bin. Da hat sie sich gleich als Patentante für das Kind angemeldet.<<

Trotz lustiger Plauderei werden sie mit dem Ankleiden fertig, und gehen in die Küche hinunter.



Die Kreisstadt Starnberg, 590 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, hat mit Hadorf, Hanfeld, Landstetten, Leutstetten, Percha, Perchting, Söcking und Wangen etwas mehr als 21.000 Einwohner. Unter den 20 Landkreisen des Regierungsbezirkes Oberbayern übt der Landkreis Starnberg eine besondere Anziehungskraft durch die großzügig angelegten Naherholungsgebiete im Fünfseenland aus: Dem Starnberger See, Ammersee, Pilsensee, Weßlinger See und Wörthsee. Nahezu drei Viertel des Kreisgebietes stehen unter Natur- und Landschaftsschutz. Den Besuchern dieser Gegend, eröffnet sich eine abwechslungsreiche und intakte Erholungslandschaft. Über den Reiz dieser Landschaft als Naherholungsgebiet hinaus ist der Landkreis durch die Nähe zur Landeshauptstadt München und zu den Alpen ein äußerst begehrtes Wohngebiet.

Anton Ebert hat kein Auge für all das. Seit Samstagmorgen hält er sich in Starnberg auf. Die Adresse von Gutzeit war schnell gefunden. Er hat nur eine Telefonzelle aufsuchen müssen um im örtlichen Telefonbuch nachzusehen. Den Mercedes hatte er beim Hallenbad in der Strandbadstrasse abgestellt. Von dort aus war er zu Fuß gegangen. Er war die Seepromenade in Richtung Museum gelaufen, und von dort zum Bahnhof. Die Kaiser-Wilhelm-Straße war er bis zur Jägerhuberstraße gelaufen und die Maximilianstraße wieder runter zum Bahnhof. Bei einem Optiker hatte er ein kleines handliches Fernglas gekauft. Mit einem Taxi ließ er sich zum Krankenhaus an der Milchbergstraße fahren. Den Uferweg war er bis zum Ende gelaufen. Über die Seestraße und die Münchner Straße in nördlicher Richtung gelangte er wieder zum Krankenhaus. Im Krankenhaus hatte er einen Kaffee getrunken und eine Zeitung gelesen. Vom Krankenhaus war er dann erneut den Uferweg entlang gelaufen. Er stellte fest, dass das Anwesen von Gutzeit mit Kameras überwacht wird. Ebert hatte sich vom Krankenhaus wieder zum Bahnhof fahren lassen. An der Seepromenade konnte er ein Boot mieten. Mit dem Boot war er dann das östliche Ufer des Starnberger-Sees abgefahren bis zum Grundstück das Gutzeit gehörte. Nach dem er genug gesehen hatte, gab er das Boot zurück.



Ebert hat die Nacht in einer Pension geschlafen. Es ist elf Uhr in Starnberg. Erneut mietet er ein Boot und fährt in südlicher Richtung auf den See hinaus. Sich zu orientieren fällt ihm nicht schwer. In der Höhe von Berg fährt er das Boot an das östliche Ufer. Ebert findet eine Stelle am Ufer, wo er das Boot festmachen kann. Danach begibt er sich auf das Grundstück von Gutzeit. Durch Bäume und Büsche geschützt, geht er auf das Haus zu. Aus einer guten Deckung und aus ausreichender Entfernung beobachtet er das Haus. Er hat freie Sicht auf die Terrasse. Durch das Fernrohr versucht er die Überwachungskameras auszumachen. Ebert findet sie und sucht den besten Weg um an das Haus heranzukommen. Nach dem auch das geklärt ist, macht er sich auf den Weg. Was Ebert nicht wissen kann, ist, dass er beobachtet wird. Er wird gefilmt und fotografiert. Man beobachtet wie er die Terrassentür aufschiebt und im Inneren des Hauses verschwindet.

Anton Ebert ist überrascht niemanden in dem riesigen Wohnzimmer anzutreffen. Er geht in Gutzeits Leseecke und dreht einen Ohrensessel so, dass die Rückseite zur Tür zeigt. Er setzt sich in den Sessel und kann von der Tür nicht gesehen werden. Geduldig wartet er fast dreissig Minuten. Dann hört er jemanden den Raum betreten. Derjenige, der ohne Umschweife in die Leseecke kommt, weil er sich an den verstellten Sessel stört, ist kein anderer als Gutzeit. Gutzeit flucht still vor sich hin und fasst den Sessel an um ihn wieder richtig hinzurücken. Dabei entdeckt er Anton Ebert, und sieht in den Lauf einer Pistole. Gutzeit erschrickt, wird blass und sucht nach Worte.

>>Wie bist du hier hereingekommen?<< fragt er Ebert.

Der grinst antwortet aber nicht.

>>Was willst du hier?<<

>>Geld, viel Geld und neue Papiere<<, antwortet Ebert.

>>Und woher soll ich das Geld nehmen?<<

>>Von den Operativ-Konten, du Trottel. Wozu wurden diese angelegt?<<

>>Solche Konten gibt es nicht<<, wagt Gutzeit zu behaupten.

>>Lüg mich nicht an, sonst schieß ich dir ins Knie. Vielleicht schieße ich dich hier und heute sowieso in Stücke. Du wolltest mich ja auch umbringen lassen.<<

>>Wie kommst du denn darauf?<<

>>Schluss jetzt mit dem Geschwätz, Gutzeit. Also, wie komme ich an Geld und an neue Ausweispapiere?<<

Gutzeit seufzt. Er ahnt, dass er Ebert nicht wieder los wird. Eher wird dieser ihn Stück für Stück auseinander nehmen um zu bekommen was er haben will.

>>Um die falschen Papiere musst du dich selbst bemühen. Ich gebe dir eine Adresse in München. Ich habe auch noch eine Adresse für dich in Hamburg. Beide arbeiten gut. Welche willst du haben?<<

>>Die Münchner Adresse reicht vollkommen.<<

>>Was das Geld angeht, an wie viel hast du gedacht?<<

>>An drei Millionen Mark.<<

>>Na, gut. Wohin soll das Geld überwiesen werden?<<

>>Zu meiner Bank kann ich nicht gehen, das ist mal klar. Aber ich habe meine bei euch und den Russen verdiente Kohle auf einer Schweizer Bank liegen. Wie bekommst du das Geld dorthin?<<

>>Das wirst du gleich sehen. Komm mit in mein Arbeitszimmer. Die Überweisung erledige ich am Computer.<<

>>Wo ist deine Frau, Gutzeit?<<

>>Die ist nach Dresden zu unserer Tochter.<<

>>Wer ist sonst noch im Haus?<<

>>Niemand, unsere Haushälterin kommt nur wochentags.<<

>>Dann los, gehen wir in dein Büro. Mach aber keine Dummheiten. Ich zögere wirklich nicht zu schießen.<<

>>Was hast du mit meinen Leuten gemacht?<<

>>Das was sie mit mir machen wollten, und nun geh an den verdammten Computer und mach die Überweisung fertig.<<

Gutzeit schaltet den Computer ein und das System startet. Ebert sieht zu, wie Gutzeit einen Browser startet und einen Netzprovider anwählt. Nachdem das geschehen ist bittet Gutzeit Ebert gegenüber vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen.

>>Ich kann nicht zulassen, dass du zusiehst welche Schlüsselwörter ich eingebe. Entweder du setzt dich hin, wenigstens für einen Augenblick oder ich breche ab.<<

>>Na, gut<<, sagt Ebert und tritt ans Fenster. Er lässt Gutzeit nicht aus den Augen. >>Ich will ständig deine Hände sehen.<<

>>Ich brauche jetzt die Daten deiner Bank<<, sagt Gutzeit und beobachtet auf dem Computerbildschirm wie die Bank ihn begrüßt. Ebert nennt die Daten seiner Bank.

>>Du kannst jetzt herkommen und sehen wie das Geld auf dein Konto wandert<<, fordert Gutzeit Ebert auf. Der Angesprochene tritt sofort hinter ihn und sieht ihm über die Schultern. Ein Drucker beginnt zu drucken und Ebert erhält von Gutzeit einen Ausdruck über die getätigte Überweisung.

>>Du kannst jetzt deine Bank anrufen oder hier am Computer aufrufen und nachsehen ob das Geld eingetroffen ist. Noch steht die Verbindung<<, sagt Gutzeit.

>>Gut. Geh bitte zum Fenster und lege deine Hände an den Hinterkopf<<, fordert Ebert. Dann macht er das, was er von seiner Wohnung aus schon sehr oft an seinem Computer getan hat. Er fragt bei seiner Bank in der Schweiz den Kontostand ab. Das Geld ist eingetroffen. Erleichtert bricht er die Verbindung ab. Dann schießt er zweimal in das Computergehäuse hinein, damit Gutzeit die Überweisung nicht mehr stornieren kann. Zu guterletzt feuert er noch auf die ISDN-Anlage.

>>Was nimmt der in München für die falschen Papiere?<< will er wissen.

>>Drei bis fünftausend.<<

>>Gut. Mach deinen Safe auf und gib mir zehntausend Mark. Danach verschwinde ich. Ich rate dir aber dringend dich ruhig zu verhalten. Keine Tricks und schick keinen hinter mir her. Solltest du dich daran nicht halten, dann muss ich dich nochmal besuchen kommen. Dann kommst du aber nicht so ungeschoren davon, das schwöre ich dir.<<

>>Schon gut.<< Gutzeit gibt Ebert die geforderten zehntausend Mark und sieht dann zu wie Ebert verschwindet.



In Frankfurt ist es siebzehn Uhr, und bei Houston in der Wohnung klingelt das Telefon. Er nimmt das Gespräch an.

>>Haben sie einen Computer mit Internetanschluss?<< wird er gefragt.

>>Ja<<, antwortet er und ahnt schon wie das Gespräch weitergehen wird.

>>Dann suchen sie folgende Seite auf ...<< der Fremde am Telefon nennt die Internetseite nur einmal und beendet das Gespräch.

Houston rennt in sein Arbeitszimmer und schaltet den Computer an.

>>Nun mach schon<<, schreit er. Nachdem der Computer gebootet hat, kann er einen Internetbrowser starten. Es öffnet sich, nach dem einloggen eine ähnliche Seite als am Tag zuvor im Polizeipräsidium. Wieder ist es ein Text und ein Videoclip. Er lädt den Clip und sichert die Internetseite. Er sieht sich das Video an und geht ans Telefon. Der Oberstaatsanwalt hört sich an, was Houston zu sagen hat und sagt: >>Ich kann nichts tun. Wir müssen bis Montag warten. Dann ist doch auch Bruns wieder da, oder?<<

>>Ja, der müsste auf dem Rückflug sein<<, antwortet Houston.

>>Gut, ich komme dann gegen acht zu ihnen ins Büro.<<

Montag, 3. April

Bruns betritt sein Büro und findet seine Mitarbeiter in Aufregung vor. Das heißt einer fehlt: Der liegt in einer Münchner Klinik. Der Chef und der Oberstaatsanwalt sind anwesend. Bruns begrüßt sie. Seine Augen leuchten als er Rosa die Hand gibt. Er hatte sie am Abend zuvor direkt nach ihrer Ankunft in Frankfurt nach Hause gefahren und dann seine eigene Wohnung aufgesucht.

>>Was ist denn los? Warum so aufgeregt?<< fragt Bruns.

>>Na, dann komm mal mit. Ich zeig dir was<<, sagt Houston.

>>Nee, du, lass mal. Ich kann mir schon denken ... Chef, Herr Oberstaatsanwalt was kann ich für sie tun? Moment mal, ich habe da was für sie. Sehen sie sich das Material an. Das habe ich aus Holland mitgebracht. Ich hoffe, das reicht um die Reisekosten zurück zu bekommen.<<

>>Wir prüfen das<<, antwortet Bloch. >>... Sie wissen nicht wer den Gutzeit überwacht und uns mit diesen Videos versorgt hat?<<

>>Ich habe keine Ahnung!<<

>>Bruno, Telefon für dich<<, ruft Houston.

Bruns geht ans Telefon.

>>Ja, Bruns.<<

>>Hallo, mein Freund<<, meldet sich eine vertraute Stimme.

>>Ich hoffe, du hattest eine schöne Zeit in Holland?<<

>>Ja, hatte ich, es war sehr schön<<, sagt Bruns, >>was hast du für mich?<<

>>Ach, nur so viel: Gutzeit packt gerade seine Koffer. Der will sich davonmachen. Reicht das?<<

>>Danke, ja.<<

>>Wiedersehen, mein Freund.<<

>>Wiedersehen, und Danke!<< sagt Bruns.

>>Wer war das?<< fragt Bloch.

>>Ein Informant. Gutzeit setzt sich ab.<<

>>Was, Gutzeit setzt sich ab? Dann müssen wir doch was tun.<<

>>Und was?<< fragt Bruns.

>>Die gehen uns durch die Lappen<<, sagt der Oberstaatsanwalt leise.

>>So sieht‘s aus<<, sagt Bruns und sieht auf die Uhr. Dann steht er auf und geht zur Kaffeetheke. Dort steht auch ein Fernseher, den er einschaltet. Auf dem Bildschirm erscheint eine Uhr. Es wird neun Uhr und eine Tagesschausprecherin erscheint auf dem Schirm. Sie sagt: >>Guten Morgen, liebe Zuschauer! Nach der Hessischen Landesregierung hat nun auch die Bayrische Landesregierung ihren Politskandal. Wie die Nachrichtenagentur dpa meldet, hat der bayrische Politiker Wolfgang Gutzeit, der erst nach der Wende in den Westen kam, einen Mordauftrag erteilt. - Nun sollte eigentlich eine MAZ eingespielt werden? - Da ist sie schon.<<

Nachdem der Streifen gelaufen ist, erscheint wieder die Tagesschausprecherin und fährt mit ihren Meldungen fort: >>Wie sie gleich sehen werden, bekommt der Politiker am Wochenende Besuch von einem im Bundesgebiet gesuchten Polizistenmörder. Nach Anton Ebert – hier ein Fahndungsfoto - wird gefahndet, weil er in der Nacht vom Donnertag auf den Freitag der vorigen Woche einen Beamten des Bundeskriminalamtes erschossen hat. Liebe Zuschauer, sehen sie nun noch in einer Einspielung wie Herr Ebert den Minister der Bayrischen Landesregierung Wolfgang Gutzeit in seinem Haus am Starnberger-See besucht. Eine Stellungnahme der Bayrischen Landesregierung war bislang nicht zu bekommen. Wir bleiben noch einen Augenblick in Bayern, wo zwischen der A95 und der U16 ein Pkw mit zwei männlichen Leichen aus einem See geborgen werden konnte. Jugendliche hatten das Fahrzeug mit aus dem Wasser ragendem Heck entdeckt und die Polizei verständigt. Die Kugeln, von denen beide Opfer getroffen wurden, stammen aus der selben Waffe mit der auch der Beamte des BKA getötet wurde. Und nun weitere Meldungen im Überblick.<<

>>Da haben wir den Salat<<, sagt Bruns, >>ihr werdet sehen, die Bayern lassen zu, dass Gutzeit sich nach Argentinien absetzt.<<

Bruns geht ans Telefon und ruft in München an. Es meldet sich der Kollege Alfons Weber. Bruns drückt am Telefon den Knopf für den externen Lautsprecher und fragt: >>Haben wir am Donnertag und Freitag miteinander gesprochen, nachdem unser Kollege Simon von diesem Ebert angeschossen wurde?<<

>>Ja<<, sagt der Kollege in München.

>>Sagen sie, haben sie eben die Nachrichten gesehen oder die Zeitung schon gelesen?<<

>>Worauf wollen sie hinaus, Kollege? Etwa auf diesen Gutzeit. Ich sagte ihnen doch schon, das LKA hat den Fall übernommen.<<

>>Was ist mit den Männern, die ihr aus diesem Baggersee gefischt habt?<<

>>Davon wissen sie auch schon?<<

>>Ja, davon wurde soeben in den Nachrichten berichtet.<<

>>Die wurden mit der selben Waffe erschossen, mit der auch Kollege Simon angeschossen wurde. Übrigens der ist über den Berg und lässt sie grüßen.<<

>>Danke. Hat er Telefon? Kann ich ihn anrufen?<<

>>Telefon hat er noch nicht.<<

>>Was wird denn nun unternommen wegen Gutzeit? Habt ihr schon eine Spur von Ebert?<<

>>Negativ. Nach Ebert suchen wir mit allem, was uns an Leuten und Technik zur Verfügung steht. Und was den Gutzeit angeht, da sind mir die Hände gebunden.<<

>>Na gut, Kollege. Ich melde mich wieder.<<

Bruns legt den Hörer zurück und wirft einen Blick auf die Runde in seinem Büro, die zugehört hat.



Sarah und Gudrun stehen in der Empfangshalle und warten auf Gudruns Lebensgefährtin. Die Maschine ist gelandet. Es ist drei Uhr am Montagnachmittag und sie sind schon eine ganze Weile am Amsterdamer Flughafen Schiphol. Sie haben im Restaurant „De Wintertuin“ im Dorint Airport-Hotel zu Mittag gegessen. Vorher hatten sie einen Einkaufsbummel gemacht. Sarah hat Amsterdam, die liebenswerte alte Hansestadt an der Amstel und am IJ noch mal richtig genossen.

>>Wie wär‘s mit nem Bummel durch die Altstadt?<< hatte Gudrun gefragt und sie hatte gerne zugestimmt. Dieses Mal war der Weg zum „Dam“ mit dem königlichen Palast bis hin zur Oude und Nieuwe Kerk nicht so beschwerlich gewesen. Es waren nur halb so viele Menschen unterwegs, als damals, wo sie mit Rick hier gewesen war. Gudrun hatte in erster Linie Farben und Leinwand eingekauft. Das natürlich in einem Fachgeschäft in dem sie bekannt und mit dem Inhaber befreundet war. Der hatte sie zu Tee mit Rum eingeladen. Den Rum hatten sie aber beide nicht angerührt. Den würde man noch gerochen haben, wenn sie längst wieder in Bergen waren. Sarah hatte für Rick eine ultraflache Armbanduhr gekauft. Sie fand, dass er ein Monstrum trug. Ihr war schon in Bad Nauheim aufgefallen, dass diese Uhr die Rick am Arm trug, nur zu einem gut war, nämlich seine Manschetten zu ruinieren. In Bergen aan Zee hatte sie gesehen, wie viele ausrangierte Oberhemden in der Nähkammer herumlagen, an denen nur die Manschetten hinüber waren. Auf dem Flughafen Schiphol waren Sarah und Gudrun dann noch in die Shopping-Welt der Central Lounge eingetaucht. Entstanden ist am Amsterdamer Flughafen ein Shopping-Center, das sich in Themeninseln aufteilt, aber untereinander durchgängig ist. Betritt man die Welt der Konsumgüter, wehen einem Kleider verschiedener Fabrikate entgegen. Fließend geht es zu den Accessoires, den Gepäckstücken und funkelndem Schmuck. Einzig die Delikatessen werden in einem eigens dafür hergerichteten Geschäft feilgeboten. Eine besondere Freude hat Sarah an der Babykammer (Babykamer), wo Mütter ihre Kinder für ein paar Stunden in Bettchen legen können. Größere Kinder können im Kinderhort herumtoben. Jugendliche, die allein reisen und auf einen Anschlussflug warten, dürfen ebenfalls eigens für sie eingerichtete Räumlichkeiten aufsuchen. Erwachsene Fluggäste können sich im bisher einzigen Flughafen-Casino der Welt vergnügen. Im Hotel Mercure, das notabene auch im Flughafen ist, kann wer möchte einen Saunagang durchlaufen, sich in einer der Duschkabinen frisch machen oder auch ein Zimmer zum Ausruhen buchen. Restaurants und Cafés laden zum Verweilen ein und Geschäfte jedwelcher Art zum Bummeln. Es finden sich verschiedene Anbieter in den Hallen, die dem Fluggast beispielsweise eine Rückenmassage erteilen.

>>Wem es auf diesen Flughafen langweilig wird, dem ist wirklich nicht zu helfen<<, sagt Sarah zu Gudrun.

Da bekanntlich seit Juli Reisende innerhalb der Europäischen Union nicht mehr Steuer- und zollfrei einkaufen können, fürchteten etliche Ladenbesitzer um ihre Existenz. Deshalb schlossen sie sich mit der Flughafenbehörde zusammen und kamen überein, die anfallenden Taxen (Verkaufssteuer) gleich selber zu übernehmen. Von dieser Regelung ausgenommen sind Tabak und Alkoholika, da die Steuer von den Gewerbetreibenden nicht bezahlt werden kann. Dies erklärt auch die aufwendige Bauweise. Ein Teil - durch eine Glaswand abgetrennt - ist jenen Besuchern zum Shoppen vorbehalten, die in ein Land verreisen, das nicht der Europäischen Union angehört. Der zweite Bereich lockt mit anderen Verkaufsständen, die Passagieren der Europäischen Union vorbehalten sind. Es ist ganz einfach: rechts Schengen, links der Rest. Und aus diesem Grund erklärt sich wiederum auch die Bauweise bei den Gates, die - man staune und lese - teilweise zweistöckig sind. Weil, es kann ja sein, dass jemand aus einem Schengen-Land kommt und in ein Nicht-Schengen-Land weiterfliegt - oder eben umgekehrt. In Schiphol ist alles bis ins kleinste Detail durchdacht. Zu 76 Prozent gehört der Flughafen der holländischen Regierung, 22 Prozent hält die Stadt Amsterdam, und den Rest verbucht Rotterdam. In Passagieren ausgedrückt, ist Schiphol heute der viertgrösste Flughafen nach Heathrow, Frankfurt und Paris CDG.

>>Da kommt sie<<, sagt Gudrun und knufft Sarah in die Seite. Doch Sarah hat auch jemanden entdeckt. Peter Egerer nämlich. Der scheint auch aus New York zu kommen. Sarah geht auf ihn zu. Peter der sie gleich erkennt, ruft: >>Das ist eine Überraschung. Obwohl, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie meinetwegen hier sind.<< Er tut, als suche er jemanden und fragt: >>Wo ist Rick?<< Er reicht Sarah die Hand zum Gruß und deutet einen Kuss auf ihre Wangen an.

>>Rick ist zu Hause. Ich bin mit einer Freundin hier. Und sie, Peter, von wo kommen sie?<<

>>New York.<<

>>Und, haben sie länger in Amsterdam zu tun, oder steigen sie nur um?<<

>>Nein, ich habe vor, mindestens bis Mittwoch in Amsterdam zu bleiben. Am Donnerstag muss ich nach Kairo. Ich möchte mich ein wenig ausruhen.<<

>>Wo werden sie wohnen? Ich frage deshalb ... ach was, das war eine dumme Frage. Warum kommen sie nicht einfach mit nach Bergen aan Zee? Rick würde sich freuen.<<

>>Sarah, lieb von ihnen, dass sie mich zu sich einladen<<, sagt Peter, >>ich weiß dass Rick sich freuen würde, aber seien sie mir nicht böse. Ich möchte mal wieder im eigenen Bett schlafen.<<

Peter sieht in Sarahs fragendes Gesicht und lacht: >>Rick hat ihnen wohl nicht viel von mir erzählt? Sarah, ich wohne in Amsterdam. Ich habe hier eine Wohnung, darum rede ich vom eigenen Bett.<<

>>Das habe ich nicht gewusst. Ich dachte, ich mache ihnen und vielleicht auch Rick eine Freude, wenn ich sie einlade.<<

>>Die Idee ist doch gar nicht so schlecht. Mal wieder am Strand spazieren gehen. Ein ernsthaftes Männergespräch mit Rick<<, sagt er augenzwinkernd, >>das reizt mich ungemein. Sagen sie Rick, dass ich morgen um Mittag bei euch bin. Okay?<<

>>Okay ...<<

>>Wer is‘n das?<< fragt Gudrun, die mit Susanne an der Hand näher kommt.

>>So fragt keine Dame, du Dummerchen ... Sie müssen Sarah sein<<, sagt Susanne.

>>Ja, ich bin Sarah. Und der Herr neben mir ...<<

>>Lassen sie nur Sarah, ich kenne die Lesben, und die kennen mich. Hallo Gudrun, alte Pinselquälerin. Susanne mein Engel, lass dich umarmen.<<

Und schon wird geherzt und gedrückt. Das nimmt solche Ausmaße an, dass Fluggäste für einen Augenblick stehen bleiben und grinsen. Sarah ist es fast schon unangenehm und verstohlen sieht sie sich um.

>>Entschuldigen sie Sarah, dass wir uns wie Kinder benehmen. Ich muss das mal eben erklären. Also, mit Susanne Bussjan, so heißt diese Schönheit nämlich, kam ich vor vielen Jahren hier her nach Amsterdam. Rick, den ich schon lange Jahre kannte, zeigte mir diese Stadt in die ich mich sofort verliebte. In Bergen lernten wir Gudrun kennen. Gudrun hat mir Susanne ausgespannt, verstehen sie jetzt?<<

>>Mein Gott!<< sagt Sarah, >>an was für eine Clique bin ich da blos geraten?<<

>>Wollt ihr noch mit zu mir kommen, auf ein Bier, oder Kaffee, oder wollt ihr nach Hause?<< fragt Peter.

>>Ich denke mal, wir fahren nach Hause. Wir bringen dich aber noch zu deiner Wohnung<<, sagt Gudrun.

>>Ach wisst ihr, ich nehme mir ein Taxi. Fahrt ihr nur zu. Wir sehen uns morgen Abend in Bergen in der Kneipe, wenn ihr mögt. Dann machen wir kräftig einen drauf. Okay?<<

Da alle einverstanden sind, trennen sich ihre Wege für diesen Tag. Peter sucht sich draußen ein Taxi. Die drei Frauen gehen zu Gudruns Automobil. Sarah kramt Ricks Funktelefon aus ihrer Handtasche um Rick anzurufen und ihm zu sagen, dass sie auf dem Heimweg sind.



Rosa hat Bruno zu sich nach Hause eingeladen. Um sie nicht vor den Kopf zu stoßen, erklärt er sich einverstanden mit in die Villa Gold zu gehen. Bruno wäre gerne noch ein wenig alleine im Büro geblieben, um dann irgendwann zu Fuß nach Hause zu gehen. Während der Fahrt reden sie über den Tag. Wenn sie recht überlegen dann haben sie nicht viel an Arbeit erledigt. Irgendwie war niemand in der Lage etwas Gescheites zu tun. Sie hatten viel geredet, ja. Aber was war dabei herausgekommen? Es ist kurz vor neunzehn Uhr als Rosa mit der Fernbedienung das Tor zu den Garagen öffnet.

Im Haus begrüßt sie ihre Mutter mit einem Kuss und diese sagt: >>Guten Abend mein Kind, wie war dein Tag?<<

>>So lala. Mutter, ich habe einen Gast mitgebracht. Darf ich ihn dir vorstellen? Das ist Herr Bruns.<<

Die Mutter löst sich von ihrer Tochter und reicht Bruns die Hand: >>Auch ihnen wünsche ich einen Guten Abend, Herr Bruns. Möchten sie mit uns zu Abend essen? Keine Widerrede! Ich sehe doch, dass sie beide noch nichts gegessen haben.<<

>>Sie haben recht, gnädige Frau. Ich nehme die Einladung an.<<

>>Dann kommt.<<

Frau Gold geht voran ins Eßzimmer und sie gelangen an einen reich gedeckten Tisch. Alles sieht fein und vornehm aus. Bruno bemüht sich nicht unangenehm aufzufallen. Obwohl eigentlich kann nichts schief gehen, denn Rosa hat Bruno an die Hand genommen. Frau Gold sieht das wohl, doch sie sagt nur: >>Setzt euch, Kinder.<<

>>Mutter, Herr Bruns wird das unangenehm sein. Er ist seit mehr als dreißig Jahren aus den Kinderschuhen heraus.<<

>>Entschuldigen sie, Herr Bruns! Was möchten sie trinken, Tee, Kaffee?<<

>>Wenn sie haben, dann möchte ich gern ein Bier<<, sagt Bruns. Rosa hält sich eine Hand vor den Mund damit niemand sieht, dass sie lachen muss.

>>Mutter ich gehe schon. Ich hole Bruno ... Bier.<< Rosa verlässt den Raum.

>>Herr Bruns, meine Tochter liebt sie. Das habe ich bereits gestern Abend bemerkt. Und sie, lieben sie Rosa auch? Entschuldigen sie, wenn ich so direkt frage.<<

>>Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ja, ich liebe Rosa.<<

>>Dann ist es gut<<, antwortet Frau Gold.

Rosa kommt mit einem Bier aus der Küche. Mit ihr treten ihre Brüder ein. Frau Gold und auch Bruns erheben sich.

>>Herr Bruns darf ich ihnen meine Söhne vorstellen?<< fragt sie und geht auf ihre Söhne zu, um sie zu begrüßen. Bruno erhebt sich und sieht: diese Frau ist stolz auf ihre Söhne und liebt beide eben so sehr wie die Tochter.

>>Der Große an meiner Hand ist mein Ältester, Franz.<<

Der löst sich aus der Hand seiner Mutter und geht auf Bruno zu um ihm die Hand zu reichen: >>Hallo Bruno, ich habe schon von ihnen gehört. Ich bin Franz. Bleiben wir doch gleich beim Vornamen.<<

>>Guten Abend, Franz.<<

>>Der sich an Rosa festhält, dass ist mein Sohn Richard.<< Richard hält sich keineswegs an Rosa fest. Rosa und Richard haben allerdings eine besonders innige Beziehung zueinander. Als Kinder waren sie nur gemeinsam stark gegen den älteren Bruder.

>>Herzlich willkommen, Bruno, in unserer kleinen Familie.<<

>>Danke, Richard.<<

Man setzt sich. Franz greift nach einer Klingel, und bimmelt was das Zeug hält. Etwas verstört erscheint die Hausgehilfin in der Tür zur Küche. Rosa schüttelt den Kopf und muss schon wieder mit aller Kraft ein Lachen unterdrücken. Die Mutter sieht ihren Franz fragend an.

Der sagt ungerührt: >>Frau Helmers, die Tischordnung wird heute Abend geändert. Zum Mittagessen und zum Abendessen darf ab sofort auf Wunsch auch Bier getrunken werden.<<

Er hebt die Hand und bittet mit einer Geste und einem Blick, Bruno darum zu schweigen.

>>Bring mir bitte auch ein Bier, Helmi?<< Frech grinsend sieht er seine Mutter und Rosa an. Rosa beißt sich auf die Unterlippe und senkt den Kopf.

>>Mir auch ein Bier, Helmi<<, ruft Richard hinter Frau Helmers her. Die schüttelt den Kopf über die absonderliche Änderung der Tischordnung, bringt aber eine Minute später das von den beiden Herren gewünschte Bier.

>>Nach dem das geklärt ist mein Sohn, holst du deiner Mutter doch sicher ein Glas und gibst ihr etwas von deinem Bier ab, ja?<<

>>Mutter, du bist unglaublich. Konntest du mir den Sieg nicht gönnen?<< grinst der und schenkt ihr ein.

>>Man muss mit der Zeit gehen. Jetzt wo die Männer am Tisch in der Mehrheit sind stecken wir Frauen klug wie wir sind zurück.<<

>>Zum Wohle, Bruno<<, ruft Richard.

Bruno ist so gefangen von dem was da eben abgelaufen ist, dass Rosa, mehr seinetwegen lacht. Nicht etwa wegen der Mutter, die den Sieg ihrer Söhne über die Tischordnung zunichte gemacht hat.

Rosa tritt Bruno unter dem Tisch leicht gegen das Schienbein, damit er aufwacht.

>>Übrigens, Rosa, Hans Plot vom Reitstall hat bei uns in der Bank angerufen. Du sollst mal nach Moritz sehen. Der hat scheinbar Depressionen. Er frißt seit drei Tagen nicht richtig. Auch lässt er die Kinder nur ungern an sich ran<<, sagt Richard.

>>Der arme Moritz, ich fahre gleich morgen Abend zu ihm raus und kümmere mich um ihn. Moritz ist mein Pferd, Bruno.<<

Bruno sieht sie erstaunt an.

Dank der jungen Männer und einer lustigen Tochter lebt die Mutter sichtlich auf. Vielleicht liegt es aber auch an dem einen Glas Bier. Auch Bruno hat seine Zurückhaltung abgelegt und unterhält sich bestens mit Franz und Richard. Rosa erzählt der Mutter von ihrem Aufenthalt in Bergen aan Zee und von Sarah und Rick, dem Haus und dem Drumherum. Der Abend verfliegt nur so. Die Mutter will zu Bett gehen und teilt ihren Entschluss mit.

>>Mutter, hast du etwas dagegen wenn Bruno unter deinem Dach schläft?<<

>>Ach, mein Kind, das musst du doch wissen. In Holland wird er doch auch nicht in der Badewanne geschlafen haben. Außerdem hat er Alkohol getrunken und sollte nicht mehr fahren.<< sagt die Mutter.

>>Danke, Mama.<<

>>Wofür?<<

>>Das du es mir so leicht gemacht hast, Bruno vorzustellen. Sieh, nur wie gut die Männer sich verstehen?<<

>>Ja, ich sehe es. Wenn sie nur aufhören würden so viel Bier in sich hinein zu schütten.<<

>>Gute Nacht, mein Kind.<<

>>Gute Nacht, Mama.<< wünscht Rosa.

>>Bruno, ich gehe ebenfalls zu Bett. Die begehrten Frankfurter Junggesellen werden dir hoffentlich mein Zimmer zeigen und nicht in die Besenkammer stecken.<<

>>Geht in Ordnung, Schwesterherz. Wir werden ihn dir später ins Bett legen<<, sagt Franz.

>>So habe ich mir das nicht gedacht<<, antwortet sie.

Fünfzehn Minuten später folgt ihr Bruno. Franz und Richard begleiten ihn bis an die Tür zu Rosas Zimmer. Bruno klopft an und da nicht geantwortet wird, tritt er ein. Franz und Richard flegeln sich bei offener Tür im Türrahmen. Über das ganze Gesicht grinsend sehen sie ungeniert zu, wie Rosa, splitterfasernackt ein Nachthemd anzieht. Rosa die ihre Brüder bemerkt, wirft blitzschnell einen Kleiderbügel in Richtung Tür. Flink springen die Brüder bei Seite und der Bügel landet im Flur. Schnell schließt Bruno, der sich gerade noch hatte bücken können, die Tür von innen. Er tritt zu Rosa und nimmt sie in seine Arme.

Rosa legt den Kopf zurück und sagt: >>Ich liebe dich!<<

>>Ich liebe dich auch. ... Du hast eine wundervolle Familie, weißt du das?<< sagt er und küsst sie.

>>Komm, ich zeige dir das Bad<<, sagt Rosa. Sie hat alles gerichtet was Bruno brauchen wird für die Nacht. Ihre Befürchtung war gewesen, dass ihre Brüder Bruno noch für Stunden aufhalten könnten. Nach einer weiteren Viertelstunde kommt Bruno nur mit einer Schlafanzughose bekleidet ans Bett. Rosa schlägt für ihn die Bettdecke zurück. Bruno legt sich zu ihr und die Liebenden schmiegen sich aneinander. Nun folgende Zärtlichkeiten führen dazu, dass im Hause Gold das letzte Licht erst weit nach Mitternacht erlischt.



Oberstaatsanwalt Dr. Christian Lade ist an diesem Abend wohl der Einzige der sich die Spätnachrichten im Fernsehen ansieht. Ein Thema ist der Politskandal in Bayern. Lade traut seinen Ohren nicht, als der Innenminister des Bundeslandes Bayern vor Journalisten erklärt: >>Herr Gutzeit befindet sich auf einer Reise im außereuropäischen Ausland. Wenn er zurückkommt, dann wird er zu dem Vorfall vom Parteivorstand befragt werden. Das der Kollege Gutzeit auch mal Besuch bekommt, ist sicher nicht ungewöhnlich. Können sie mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass der Besucher dieser gesuchte Schwerverbrecher war. Ich würde sagen: Nach dem ich den Bericht gesehen habe, kann es auch ein Nachbar gewesen sein. Im Augenblick wird die ganze Geschichte vom LKA überprüft. Ich gehe allerdings schon heute davon aus, dass sich die Angelegenheit als Medienspektakel herausstellen wird um der Partei und der Landesregierung zu schaden. Danke, meine Damen und Herren, mehr habe ich dazu nicht zu sagen.<<

Fast so, wie Bruns es vorhergesehen hat, denkt Lade.

Dienstag, 4. April

Peter Egerer ist in Bergen aan Zee eingetroffen. Er fährt den für zwei Tage gemieteten Renault in die Einfahrt von Rick van Stratens Anwesen und stellt den Wagen neben Ricks Kombi ab. Auf sein läuten an der Haustür, öffnet ihm Rick. Sie begrüßen sich herzlich und Rick führt seinen Freund mit den Worten: >>Du kommst gerade richtig, wir können gleich essen<<, ins Wohnzimmer.

>>Möchtest du was trinken?<< fragt er.

Peter Egerer nickt und bittet um ein Bier.

Rick geht in die Küche an den Kühlschrank und nimmt für sich und Peter ein Bier heraus. Sarah und Grete sind mit der Zubereitung des Mittagessens beschäftigt. Sarah sieht erst auf, als Rick zu ihr sagt: >>Peter ist gekommen.<<

>>Wie schön! Sag ihm, ich komme gleich um ihn zu begrüßen.<<

Rick geht wieder ins Wohnzimmer und stellt sich zu Peter ans Fenster. Der nimmt das Bier und sagt: >>Du weißt gar nicht, wie gut du es hast. Ein Traumhaus an der Nordsee. Immer saubere und frische Luft, und dann diese Ruhe. Ich war aber auch schon mal bei dir, da hat man das Meer toben gehört, obwohl es drei Kilometer weit weg ist. Wann war das noch mal?<<

>>Ist lange her<<, antwortet Rick.

>>Peter, da sind sie ja<<, ruft Sarah von der Küchentür her und geht auf Peter zu. Die Beiden begrüßen sich: >>Konnten sie sich von ihren eigenen vier Wänden trennen?<<

>>Schwer, sehr schwer nur, Sarah.<<

>>Aber jetzt sind sie erst einmal hier. Kommen sie, Rick du auch. Wir können essen.<<

Nach dem Mittagessen beschließt man einen Spaziergang an die Nordsee zu machen. Peter erzählt von seinen Reisen und Abenteuern. Später dann, holt Peter eine leichte Ledermappe aus dem Auto. Im Wohnzimmer nimmt er Unterlagen heraus.

>>Rick, sieh dir das an. In Istanbul bin ich zufällig auf eine Spur gestoßen.<<

>>Was ist das?<<

>>Das sind Kopien von Unterlagen, die man mir gegeben hat, damit ich deren Echtheit nicht in Zweifel ziehe.<<

>>Erzähl doch mal die ganze Geschichte, aber von vorne<<, bittet Rick seinen Freund, und der berichtet wie man in Istanbul an ihn herangetreten ist.

>>... Du willst also damit sagen, dass der Mann in Istanbul lediglich die Lagerhaltungskosten ersetzt haben will<<, sagt Rick.

>>So ist es. Ich habe ihm erzählt, was es mit den geheimen Dokumenten und den Magnetbändern auf sich hat. Das in der Türkei wohl niemand in der Lage sein dürfte die Dokumente zu lesen beziehungsweise zu verstehen oder die Bänder für Computer aufzubereiten. Er hat irgendwann begriffen, dass das Material für ihn und die Türkei wertlos ist. Der Lagerbetreiber hat Verwandte in Deutschland, was er mir besser nicht erzählt hätte. Ich gab ihm zu verstehen, was alles mit seinen Leuten in Deutschland geschehen könnte, wenn unsere Behörden spitz kriegen, wer im Besitz der gesuchten Dokumente ist, die Max verschwinden ließ. Natürlich habe ich ihm an Hand von Presseberichten im Internet gezeigt, dass dein Bruder wirklich tot ist.<<

>>Was sagt denn dein Verlag dazu?<<

>>Mein Verlag will für die Kosten nicht aufkommen. Die sagen: das Geld bekommen wir von der Bundesregierung nie zurück. Die stecken das Papier in den Schredder, und die Bänder werden sie auch vernichten. Ich kann meinen Verlag verstehen. Die Gauck-Behörde sollte natürlich scharf auf das Material sein, werden aber kein Geld haben. Die sind ja auf Kohle vom Staat angewiesen.<<

>>Hast du eine Idee, wie man das Zeug nach Deutschland zurückholen kann?<<

>>Nee, hab ich nicht.<<

>>Fragt doch Bruno<<, sagt Sarah.

>>Okay<<, sagt Rick, >>ich rufe ihn nachher an. Die Anschrift des Türken, der Lagerhalle, stimmt die?<<

>>Ja, die stimmt. Der Lagerbesitzer wird es nicht wagen das Material bei Seite zu schaffen. Ich habe ihm zu verstehen gegeben, dann die Türkischen Behörden einzuschalten. Vor denen hat er mächtig Schiss.<<

>>Wenn es uns gelingt, das Zeug wieder nach Deutschland zu schaffen, dann wird mich das sehr erleichtern. Mich belastet nämlich, was Max getan hat.<<

>>Das muss es nicht<<, meint Peter. Und auch Sarah schüttelt den Kopf.

>>Ihr könnt das nicht verstehen!<< sagt Rick.

Eine Pause entsteht.

>>Hast du im Internet mal nach Echelon gesucht?<< wechselt Peter das Thema.

>>Nein, aber das werde ich sicherlich irgendwann tun. Im Moment möchte ich so viel Zeit als möglich mit Sarah verbringen, und ich muss zusehen, dass ich mein Buch beende.<<

>>Ich habe in Amsterdam für dich Kopien meiner Story über Echelon angefertigt. Sieh dir die mal an.<<

>>Lass sehen<<, sagt Rick und nimmt die Fotokopien.

>>Werden sie hier bleiben, oder kehren sie nach Deutschland zurück?<< will Peter von Sarah wissen.

>>Am Dienstag nach Ostern ist mein Urlaub zu Ende. Ich werde mit Rick am Gründonnerstag nach Bad Nauheim zurückfahren. Vielleicht fliegen wir auch. Ich habe meiner Chefin versprochen, solange zu bleiben, bis meine Nachfolgerin eingearbeitet ist.<<

>>Danach werden sie nach Bergen aan Zee übersiedeln?<<

>>Wenn alles gut geht, werde ich hier leben, ja.<<



>>Das ist interessant, was ich hier in der Hand halte<<, sagt Rick, >>wie bist du da dran gekommen?<<

>>Das ist eine Studie des Europäischen Parlaments, welche bereits in der letzten Legislaturperiode auf Betreiben der Grünen Fraktion in Auftrag gegeben wurde<<, antwortet Peter. Und an Sarah gewandt, fährt er fort: >>Die Veröffentlichung der Studie durch den wissenschaftlichen Dienst des Europäischen Parlaments war Anlass für den Ausschuss für Innenpolitik und Grundfreiheiten, eine Anhörung Ende Februar in Brüssel durchzuführen. Laut dieser Studie soll der US-Geheimdienst NSA ein weltweites Abhörsystem geschaffen haben und seit Jahrzehnten unter dem Deckmantel der Sicherheitspolitik Wirtschaftsspionage betreiben. Die Studie geht davon aus, dass die USA mit Hilfe eines globalen satellitengestützten Systems praktisch alle Telefon-, Fax-, Telex-, Internet- und E-Mail-Verbindungen weltweit abhört.<<

>>Als mein Bruder mit seiner Freundin am vorigen Wochenende hier war, haben wir so etwas schon vermutet und diskutiert<<, sagt Sarah.

>>Einiges wusste ich ja darüber, aber das hier ist fast noch schlimmer als das, was die „Firma“ getrieben hat<<, sagt Rick.

>>Eben<<, sagt Peter.

>>Interessant, dass deutsche Behörden keinen Zugriff auf die Informationen von Echelon haben<<, sagt Rick.

>>Die Deutschen, genauer der BND, betreiben ein ähnliches System, sogar gesetzlich legitimiert und hören offiziell alle Auslandtelefonate ab. Natürlich lesen die auch Telefaxe.<<

>>Unglaublich<<, sagt Rick.

>>Zu Echelon kommt noch ein weiteres Projekt hinzu: Enfopol, eine Organisation der EU, die innerhalb der europaweiten Zusammenarbeit der Innen- und Justizministerien geschaffen wurde und ebenfalls außerhalb der parlamentarischen Kontrolle steht. Ziel ist es, die Möglichkeit zur permanenten Überwachung des gesamten Telefon- und Datenverkehrs zu haben und die Verschlüsselung von Firmen- und Privatdaten in Computernetzen zu unterbinden, um sie überhaupt abhören zu können. Enfopol stellt sogar Forderungen an Regierungen und Unternehmen im Computer- und Kommunikationsbereich, in denen definiert wird, wie die entsprechenden Techniken ausgerichtet sein sollen, damit die Voraussetzung für Überwachung gegeben ist, das heißt alle Telekommunikationsdienstanbieter sollen die Durchführung nationaler Überwachungsanordnungen ermöglichen. Die Debatte über die Kryptographie führt Enfopol in Europa mit der NSA in den USA ganz offen. Die Überwachung von Internet und Telekommunikation wäre ohne Zugriff auf verschlüsselte Daten unvollständig; daher sollen die Anbieter der entsprechenden Dienste die übertragenen Daten in Klarform, also unverschlüsselt, bereitstellen. Bei privat anwendbarer Verschlüsselungssoftware wie zum Beispiel PGP, da übt der NSA Druck auf die US-Regierung aus, effektive Verschlüsselungsverfahren zu verbieten und gesetzlich vorzuschreiben, dass in Verschlüsselungsprodukten Hintertüren eingebaut werden sollen, die den Geheimdiensten zugänglich gemacht werden müssten. Auch bei der letzten Bundesregierung gab es einige Vorstöße um das Recht auf Privatsphäre aufzuheben. Da gab es Vorschläge, die selbst so genannten rechtsstaatlichen Grundsätzen widersprachen. So wollte man zum Beispiel das Recht auf Aussageverweigerung faktisch abschaffen, um im Falle eines Ermittlungsverfahrens den Behörden zu ermöglichen, mit Zwangsmitteln wie Beugehaft, Beschuldigte und Zeugen zur Herausgabe von Passwörtern zu zwingen, egal ob sie sich oder Familienangehörige belasten oder nicht. Die Kryptodebatte wurde aber von anderer Stelle und nicht durch die Politik entschieden. Die Industrie sah nämlich ihre Firmengeheimnisse gefährdet und so rückten sie den Politikern auf die Pelle. Sie machten Schluss mit der Kryptodebatte<<, sagt Peter.

>>Und was treiben die Niederländer? Hast du darüber auch etwas in Erfahrung gebracht?<< fragt Sarah.

>>Und ob. Ein neuer Gesetzesentwurf gibt niederländischen Geheimdiensten weitreichendere Vollmachten für das Abhören internationaler Telekommunikation. Das Gesetz über Nachrichten- und Sicherheitsdienste, das derzeit im niederländischen Parlament debattiert wird, ermächtigt den Geheimdienst BVD zum Abhören von internationaler Telekommunikation über Satelliten und Funkstrecken. Es soll ziellos abgehört werden dürfen, um Gespräche, Personen oder Gruppen zu identifizieren, die für den Geheimdienst von Interesse sind. Dabei wird ein System von Schlüsselwörtern benutzt, das ähnlich dem amerikanisch-britischem Echelon-System funktioniert.<<

>>Das ist ja furchtbar<<, sagt Sarah.

>>Ja, Orwell lässt grüßen<<, sagt Rick.

>>Schengen, was sagt euch das?<< fragt Peter.

>>Es gibt das Schengener-Abkommen, genaueres weiß ich nicht<<, sagt Rick, >>oder doch! Warte mal, wurde dort nicht vereinbart, die Grenzkontrollen in der EU abzubauen?<<

>>Genau! 1985 trafen Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten eine Vereinbarung in der Stadt Schengen in Luxemburg. Diese Vereinbarung regelt die gegenseitige Anerkennung von Visa und eine verstärkte polizeiliche Zusammenarbeit. Der Hauptpunkt der Vereinbarung besteht darin, die nationalen Grenzkontrollen zwischen den Ländern abzubauen, während gleichzeitig entlang der Außengrenzen die Kontrollen verstärkt werden sollten. Fünf Jahre später haben dieselben Länder ein neues Abkommen getroffen, wieder in Schengen. Dieses Abkommen schließt die Vereinbarungen von 1985 ein. Es regelt eine Reihe kritischer Fragen zu Grenzkontrollen, grenzüberschreitende Fahndungen sowie grenzüberschreitenden Datenaustausch einschließlich der Erfassung von Personen und Objekten. Das Abkommen ermöglicht eine weitreichendere Erfassung und Überwachung großer Bevölkerungsgruppen in den betroffenen Ländern.<<

>>Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Verwaltungsregister wurden in der europäischen Geschichte schon mal benutzt. Nicht nur um Einzelne, sondern auch ganze Bevölkerungsgruppen zu erfassen. Ich denke da an das Schicksal der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen in den 30er und 40er Jahren im vergangenen Jahrhundert<<, sagt Rick.

>>1999 ergab sich eine wichtige Veränderung. Am 1. Mai trat der Amsterdamer Vertrag in Kraft, der von den EU-Außenministern im Oktober 1997 unterzeichnet wurde. Der Schengen-Exekutivausschuss wurde durch den Rat für Justiz und Inneres ersetzt. Diese Integration erweitert den Einfluss verschiedener Schengen-Vereinbarungen wie die datenbasierte Erfassung und das Überwachungssystem. Hinzu kommt, dass sich die ganze Schengen-Organisation nun auf hunderte EU-Einrichtungen und Arbeitsgruppen verteilt und sich in Tausenden von EU-Dokumenten niederschlägt. Damit hat man erreicht, das Schengen-Aktivitäten, die schon vorher nur sehr schwer zu verfolgen waren, in Zukunft noch schwerer zu untersuchen und zu kritisieren sind. Die nordischen EU-Mitgliedsstaaten - Finnland, Schweden und Dänemark - haben Schengen ebenfalls ratifiziert.<<

>>Und was bedeutet das?<< fragt Sarah.

>>Durch Schengen entsteht ein Netzwerk polizeilicher Zusammenarbeit, Datenerfassung und Überwachung.<< Peter sieht Sarah an und schmunzelt.

>>Das also ist die Realität im Jahre 2000<<, wirft Rick ein.

>>Wer denkt sich so etwas nur aus?<< fragt Sarah.

>>Die Amerikaner<<, erwidert Peter lapidar.

>>Also, nicht nur Echelon, sondern auch Enfopol wurde von den Amerikanern ins Leben gerufen?<< will Rick wissen.

>>Europas Überwachungspläne für das 21.Jahrhundert wurden 1992 in Quantico, Virginia entwickelt. Dort befindet sich eine Ausbildungsakademie und das Forschungs- und Entwicklungszentrum des FBI. Die Überwachungspläne des FBI wurden vom Kongress blockiert. Also versuchte man es 1993 andersherum. Man hat befreundete Staaten nach Quantico eingeladen. Vertreter von Strafverfolgungsbehörden und Nachrichtendiensten trafen dort zusammen. Das dort neugeborene Kind erhielt den Namen International Law Enforcement Telecommunications Seminar, kurz ILETS. Dieses Treffen fand ohne Wissen von Parlamenten und Regierungen statt. Von nun an konnte das FBI mit ILETS die Politik von Regierungen und der Kommunikationsindustrie weltweit steuern. Hinter dem FBI stand - wie könnte es anders sein, die National Security Agency. Die ILETS-Experten trafen sich in den darauf folgenden Jahren in Kopenhagen, Bonn, Canberra und in Dublin. 1998 gab es Treffen in Rom, Vienna und Madrid. Die Expertengruppen schufen neue Anforderungen zum Ausspionieren des Internet. Enfopol war geschaffen, und wäre im selben Jahr beinahe sang- und klanglos wieder untergegangen. Enfopol 98 war plötzlich in die Öffentlichkeit gelangt. Wir sprachen gerade über Schengen. Mit Schengen hatte man ja bereits ein Informationssystem. Mit dem Schengen-Informationssystem SIS, verfügen europäische Strafverfolger bereits über ein einheitliches und erfolgreiches polizeiliches Fahndungsinstrument. Darüber solltest du dich mal mit Bruns unterhalten<<, sagt Peter zu Rick.

>>Sie haben einen interessanten Beruf, Peter. Wie konnten sie nur an all das Wissen kommen?<< fragt Sarah interessiert.

>>Unermüdlich recherchieren. Jedem Hinweis nachgehen, wie ein Kriminalist. So wie ihr Bruder es machen muss, wenn er zum Erfolg kommen will. Ein Staatssekretär im Bundesinnenministerium, hat mir 1998 einiges berichtet. Demnach konnten mehr als achttausend Fahndungstreffer aufgrund deutscher Ausschreibungen in anderen SIS-Teilnehmerstaaten verbucht werden. Umgekehrt führten die Fahndungsnotierungen anderer Schengen-Staaten natürlich auch zu Erfolgen in Deutschland.<<

>>Wo werden die Daten gesammelt?<< fragt Rick.

>>Das Schengen-Informationssystem hat eine zentrale Datenbank in Straßburg, und natürlich nationale SIS-Datenbanken in allen Schengen-Staaten. In allen Datenbanken sind dieselben Daten gespeichert. Deutschland und Frankreich sind die Hauptnutzer.<<

>>Das ist noch lange nicht alles, oder? <<fragt Rick lachend.

>>Womit du recht hast und es erklärt warum du so lange nichts von mir gehört hast. Das SIS ist nur ein System für den Informationsaustausch. Ein anderes System heißt Sirene.<<

Peter sieht in fragende Gesichter.

>>Das System heißt wirklich Sirene. Das ist die Abkürzung für Supplément d'Information Requis a l'Entrée Nationale. Sirene soll den bilateralen und multilateralen Austausch erleichtern und ergänzende Informationen über Personen und Objekte die im SIS registriert sind, liefern. Über das Sirene-System können Polizeibehörden in einem Land über eine Person, die im SIS eines anderen Landes registriert ist, ergänzende Informationen anfordern. Die Polizei hat generell Zugang. Es ist ein sehr schnelles System. Und es ist auf dem neuesten Stand. Es gibt Massen von Informationen. Und natürlich ist das System effizienter als das traditionelle Interpol-System.<<

>>Du hast eine Flut an Informationen, wann schreibst du ein Buch darüber?<< fragt Rick.

>>Schreib du es für mich.<<

>>Warum sollte ich?<<

>>Du bist derjenige, der es kann. Du bist häuslich. Ich kann nicht am Schreibtisch hocken. Dazu bin ich - wie sagt man das am besten - zu unrastig. Das Buch würde nie fertig werden.<<

>>Ich werde darüber nachdenken. Reizen würde mich das schon. Ich werde mit James Scott darüber reden, wenn ich ihn im Sommer in Cornwall besuche.<<

>>Wer ist James Scott?<< fragt Peter.

>>James Scott. Sag blos, du kennst James Scott nicht?<<

>>Woher sollte ich den kennen?<< sagt Peter.

>>James Scott ist Bestseller-Autor. Er schreibt Spionageromane.<<

>>Kenn ich nicht. Ich komm nicht zum Lesen. Das letzte Buch hatte ich glaube ich irgendwann während meines Studiums in Händen. Ich weiß nicht mal, ob ich es überhaupt zu Ende gelesen habe.<<

>>Heißt das, du hast all die Erstausgaben meiner Bücher, die ich dir geschickt habe nicht gelesen?<<

>>Wann sollte ich die lesen? Ich bin doch ständig auf Achse.<<

Rick steht auf, und sagt: >>Ich hole uns mal ein Bier.<<

>>Was hat er denn? Der ist doch nicht etwa gekränkt, weil ich seine Bücher nicht gelesen habe? Rick liest doch sicher auch nicht jeden Artikel von mir.<<

>>Doch, das tut er<<, antwortet Sarah, >>sehen sie nur<<, und sie drückt Peter die letzte Montagsausgabe des Wochenmagazins in die Hand für das Peter schreibt.

>>Rick hat es abonniert. Wie sie sehen, hat er Stellen in ihrem Artikel markiert. Wahrscheinlich um mit ihnen darüber zu reden.<<

>>Ich bin beschämt<<, sagt Peter.

>>Vergiss es, oder glaubst du ich weiß nicht wie sehr du deinen Beruf magst? Das ehrt dich sehr, und deine Storys sind durch die Bank gut. Warum solltest du also deine wertvolle Zeit mit dem Lesen meiner Bücher vergeuden?<<

>>Danke, Rick.<<

>>Komm, lass uns noch ein Bier trinken.<<

>>Um noch mal auf das Buch zurück zu kommen, da wäre noch ein Punkt zu berücksichtigen, weshalb ich das Buch nicht selbst schreiben kann<<

>>Und dieser Grund wäre?<< fragt Rick seinen Freund.

>>Ich erklär‘s dir! Das Schengen-System gibt es nun seit einigen Jahren, darüber haben wir eben ausgiebig gesprochen. Was ihr aber noch nicht wisst, ist, dass das System schon für politische Zwecke eingesetzt wird. Es gibt bereits konkrete Beispiele dafür. Im September 98 wurde einer Greenpeace-Aktivistin, die Einreise in die Niederlande verweigert.<<

>>Warum das?<< fragt Sarah.

Peter sieht Sarah an, und sagt: >>Sie hatte gegen die französischen Atombombentests 1995 protestiert. Die Franzosen ließen sie zur unerwünschten Person erklären. Für die niederländische Polizei Grund genug sie zur unerwünschten Ausländerin nach Artikel 96 des Schengen-Abkommens zu machen. Diese Geschichte hat sich auf dem Flughafen Schipol zugetragen. Wie oft im Jahr komme ich in Schipol an, oder fliege von dort ab? Ich will damit eigentlich nur sagen: wenn von mir ein Buch über Schengen erscheint, dann kann ich meinen Beruf an den Nagel hängen.<<

Eine Minute lang, vielleicht auch weniger, spricht niemand. Doch dann sagt Peter: >>Du kannst das Buch auch nicht schreiben. Dir würde es nicht anders ergehen, am Besten wir vergessen das Ganze.<<

>>Das sehe ich etwas anders! Wenn einer das Buch schreiben kann, dann James Scott auf der grünen Insel.<<

Schipol, denkt Sarah, beinahe hätte ich es vergessen. Sarah steht auf, um ihre Handtasche zu suchen. Sie findet sie in der Küche. Sarah nimmt das kleine Päckchen mit der in Amsterdam gekauften Uhr darin heraus und begibt sich wieder ins Wohnzimmer. Das Päckchen legt sie auf Ricks Schreibtisch.

>>Was ist das<<, fragt Rick.

>>Ach, nur eine Kleinigkeit, die ich dir aus Amsterdam mitgebracht habe. Beinahe, hätt ich‘s vergessen.<<



In München kommt der Kriminalbeamte Alfons Weber vom Mittagessen. Das Telefon auf seinem Schreibtisch läutet. Er nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Dienstellenleiter der Polizei in Wolfrathshausen. Der berichtet von einem Anruf, den er von einem Landwirt links der Isar erhalten haben will. Der Landwirt hatte am Vorabend die Spätnachrichten im Fernsehen verfolgt, und darin sei von dem Gutzeit die Rede gewesen. Der habe ja, bevor er nach Starnberg gezogen sei auf einem Nachbarhof – der dem Gutzeit immer noch gehöre – gelebt. Seit mehreren Monaten habe er auf dem Hof sonderbare Leute beobachtet, die ständig mit einem schwarzen Mercedes unterwegs seien. Landwirtschaft würden die nicht betreiben. Auch sei keine Frau auf dem Hof zu sehen. In den Nachrichten will der Landwirt die Beiden als die Toten aus dem Baggersee erkannt haben. Nun sei seit Montag ein ganz anderer Mann auf dem Hof mit dem selben schwarzen Mercedes. Der Landwirt sei erst auf die Idee gekommen, die Polizei anzurufen, nach dem der Sohn gesagt habe, der Neue auf dem Gutzeit-Hof habe verdammt viel Ähnlichkeit mit dem Bild in der Zeitung, diesem Polizistenmörder. Alfons Weber ist schon nach den ersten Worten hellhörig geworden und sagt zu dem Kollegen in Wolfrathshausen: >>Erklären sie mir mal genau wie der Hof zu finden ist. Eine genaue Wegbeschreibung hätte ich gerne.<< Die bekommt er auch. >>Wir holen sie ab. Bleiben sie in ihrer Dienststelle, bis wir dort sind.<<

Alfons Weber trommelt seine Leute zusammen und fordert ein Sondereinsatzkommando an. >>Das wär was, wenn wir den Ebert schnappen. Harry, hol den Wagen.<<

Harry Ansicht, der mitgehört hatte ist schon aus der Tür. Alfons Weber holt seine Dienstwaffe aus der Schreibtischschublade, nimmt seinen Mantel von der Garderobe und folgt seinem jungen Kollegen zum Auto. Zwei weitere Kollegen von steigen hinten ein. Mit Blaulicht und Unterstützung durch die Autobahnpolizei gelangen sie nach Wolfrathshausen. Hier muss auf das Eintreffen der SEK gewartet werden. Die Männer vom SEK treffen eine ganze Stunde später ein. Es folgt eine Besprechung an der drei Beamte der örtlichen Polizei mit den besten Wegekenntnissen zu beiden Seiten der Isar teilnehmen. Wieder eine Stunde später treffen die Fahrzeuge von Weber, der örtlichen Polizei und die schweren Mercedes-Transporter der SEK mit einer Besatzung von jeweils sieben Mann auf dem Huber-Hof ein. Huber war der Landwirt, der bei der Polizei angerufen hatte. Der glaubt nun im falschen Film zu sein. Die Männer der SEK sind vermummt, und er hatte gedacht, das gäbe es nur im Fernsehen. Der Landwirt führt den Leiter der SEK an eine Stelle, von wo der Hof des Nachbarn Gutzeit gut eingesehen werden kann. Huber wird gebeten, zu seinem Hof zurückzugehen. Nachdem er zehn Schritte gegangen ist dreht er sich um und sieht zurück. Keiner mehr da. Das kann ich mir doch nicht entgehen lassen, denkt er und geht an den Platz zurück, wo er zuletzt mit dem Leiter des SEK gesprochen hat. Was er nun zu sehen bekommt, wird er so schnell nicht vergessen und am Sonntag am Stammtisch zum Besten geben.

Der Gutzeit-Hof wirkt auf ihn still und verlassen. Doch das ändert sich innerhalb von Sekunden. Wie aus dem Nichts tauchen Beamte der SEK unter den Fenstern des Anwesens auf. Sie tragen nun über die vermummten Gesichter auch noch Gasmasken. Ein Beamter hebt die Hand, um sie dann wieder fallen zu lassen. Das ist das Zeichen für die Männer das Gebäude zu stürmen. Hören kann der Huber-Bauer eigentlich nichts aber er sieht die Fensterscheiben zerspringen und gleich darauf grelle Blitze, wie beim Fotoapparat seines Sohnes. Heller Rauch strömt durch die geplatzten Fensterscheiben nach draußen. Mit den Blitzen sieht er die schwarz gekleideten Männer mit ihren Maschinenwaffen in das Haus eindringen. Sekunden später wird ein Mann aus dem Haus geschleppt und im Freien zu Boden geworfen. Vier Männer umstellen den Überwältigten und richten ihre Waffen auf den am Boden liegenden. Ein fünfter Beamter legt dem völlig überraschten Ebert Handschellen an. Der Rest des Sondereinsatzkommandos ist noch im Haus. Über Funk muss man wohl Alfons Weber informiert haben, denn nun sieht Huber die Fahrzeuge die bis vor wenigen Minuten noch bei ihm auf dem Hof standen langsam auf den Gutzeit-Hof zurollen.



>>Ist er’s?<< fragt Weber den Einsatzleiter.

>>Ja, ganz zweifellos<<, antwortet dieser.

>>Harry, geht ihr rein und seht euch ein wenig um. Verständige die Spurensicherung. Die sollen sich aber beeilen.<<

Weber bedankt sich beim Einsatzleiter: >>Gute Arbeit!<<

>>Wir haben nur unsern Job gemacht.<<

>>Trotzdem, Danke. Ich kenne da jemanden im Krankenhaus der sich freuen wird. Ein Kollege von mir in Frankfurt wird auch erleichtert sein.<<

>>Okay<<, ruft der Einsatzleiter, nun unmaskiert. >>Aufsitzen, Männer. Wir rücken ab.<<



In Bruns Büro sitzt man gemeinsam um Brunos Schreibtisch herum und diskutiert dass eben von Rick erfahrene am Telefon. Das Material ist also noch in Istanbul. Wie bekommt man es nach Deutschland zurück.

>>Ist doch eigentlich nicht unser Bier<<, sagt Sidne, >>soll doch die Regierung das Zeug zurückholen. Für uns ist das Material doch völlig ohne Bedeutung. Die Einzigen, die sich dafür interessieren, sind die Leute von Gauck.<<

>>Sidne hat recht. Wir sind schließlich die Mordkommission und haben anderes zu tun. Sag du doch auch mal was, Rosa<<, wendet Bruno sich an die Staatsanwältin.

>>Ich teile eure Meinung und bin dafür, dass wir Bloch informieren. Sollen er und Lade doch entscheiden was mit dem Material in Istanbul geschehen soll. Ich denke, mein Chef wird die Gauck-Behörde informieren, und das war‘s dann.<<

>>So machen wir’s.<<, sagt Bruno. Kaum gesagt, läutet das Telefon auf dem Schreibtisch erneut. Sidne macht einen Arm lang und greift sich den Hörer. Er lauscht ein Weilchen und reicht den Hörer weiter.

>>Für dich, Bruno. München.<<

>>Ja, Bruns hier ... Ach, sie sind es, Weber! Was haben sie für mich?<<

Bruns drückt den Knopf am Telefon für das Lauthören.

>>Können sie das noch einmal wiederholen?<<

>>Wir haben Ebert gefasst!<< klingt es aus dem Lautsprecher.

>>Das ist ja großartig. Wie habt ihr denn das fertig gebracht?<< fragt Bruns.

Alfons Weber erzählt die ganze Geschichte von Anfang an. Als er zum Schluss kommt, gluckst er noch: >>Sie hätten mal die Reaktion vom LKA erleben sollen. Ich hatte fast den Eindruck, als wäre denen das gar nicht recht, dass wir uns den Ebert geschnappt haben.<<

>>Habt ihr ihn schon vernommen?<<

>>Ja, versucht haben wir’s. Aber, der Mann macht den Mund nicht auf. Ich habe aber etwas besseres für sie. Wir haben doch die beiden Toten aus dem Baggersee geholt, wie sie wissen. Der Mercedes auf dem Gutzeit-Hof wurde bis zu ihrer Ermordung von den Beiden gefahren. Wir haben im Kofferraum so einiges gefunden, aber auch im Wohntrakt vom Gutzeit-Hof.<<

>>Nun spannen sie mich doch nicht so auf die Folter<<, ruft Bruns in den Hörer.

>>Wir haben im Haus zwei Koffer gefunden. Einer war leer, und in dem Anderen war ein Raketenwerfer verstaut. Werfermunition war auch da. Dann haben wir in dem Kofferraum des Mercedes einen Koffer mit Gewehr und Zieleinrichtung gefunden. Das alles und noch viel mehr ist ins Labor gewandert. Ich denke, der Werfer den ihr in Frankfurt sichergestellt habt, der passt in den leeren Koffer. Und das Gewehr könnte benutzt worden sein, um den Hubschrauber vom Himmel zu holen. Wir haben nämlich auch Sprenggeschosse gefunden. Ich wette mit ihnen, dass einer von den beiden Wasserleichen einen Hubschrauber fliegen durfte.<<

>>Das heißt, jetzt müssen unsere Labors nur noch gewisse Übereinstimmungen finden. Mensch Weber, das mag ich fast nicht glauben.<<

>>Der Ebert muss in jedem Fall mit einer Anklage rechnen. Er gilt als überführt. Im Fall Simon wegen Mordversuch und schwerer Körperverletzung, und dann hat er die beiden Männer am Baggersee kaltblütig ermordet. Das alles können wir ihm nachweisen. Was er sonst noch alles auf dem Kerbholz hat, das müssen wir noch herausfinden. Vielleicht passen ja noch einige ungeklärte Mordfälle aus der Vergangenheit zu Ebert. Ich halte ihn für einen ausgebildeten Killer. Wir wissen ja beide, das die Russen gerne Leute aus der DDR ihre schmutzige Arbeit erledigen ließen. Warten wir mal ab, was uns die nächsten Tage bringen.<<

>>Weber, ich danke ihnen. Wir telefonieren wieder, ja? Okay, bis dann.<<

>>Wenn die so weitermachen, dann sind wir bald arbeitslos<<, gibt Sidne von sich und grinst.

>>Da war aber auch eine große Portion Glück dabei<<, sagt Bruns.

>>Ich fürchte, meine Tage hier bei euch sind gezählt<<, meint Rosa.

>>Ich schlage vor, wir machen für heute Schluss. Rosa, du wolltest noch nach deinem Pferd sehen, vergiss das nicht.<<

>>Ich fahre gleich zu ihm raus, Bruno. Was hast du noch vor?<<

>>Ich gehe noch zum Chef.<<

Bruns geht mit ihnen zur Tür hinaus, um Bloch aufzusuchen. Er klopft an die Tür zu Blochs Büro und tritt ein. Bloch ist nicht allein. Zwei Herren sitzen vor seinem Schreibtisch.

>>Störe ich?<< fragt Bruns.

>>Nein, komm nur herein. Das passt ganz gut. Ich war allerdings der Meinung, ihr seid schon nach Hause. Bruno, die beiden Herren sind vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Ich mach euch am Besten mal bekannt.<<

>>Die Herren sind wegen Gutzeit bei mir. Sie haben den Auftrag vom Bundesminister des Inneren mit Genehmigung der G10-Kommission Auskünfte über Gutzeit einzuholen. Du erinnerst dich, dass Oberstaatsanwalt Lade die bei uns in der Leitzentrale eingegangenen Dokumentationen an übergeordnete Dienste weitergeleitet hat, nach dem der Generalbundesanwalt sich weigerte aktiv zu werden.<<

>>Ja, ich erinnere mich nur zu gut<<, sagt Bruns.

>>Herr Bruns, Lauschangriffe in oder gegen Wohnungen mit Kleinstabhörgeräten und Richtmikrofonen sind grundsätzlich unzulässig. Das ergibt sich aus Art. 13 GG, der die Unverletzlichkeit der Wohnung schützt.<<

>>Ich weiß, Politiker und speziell Abgeordnete, so wie einige andere Berufsgruppen sind vom Belauschen ausgenommen – und damit Gesprächspartner, die ja allesamt Kriminelle sind oder mit Kriminellen in Kontakt stehen<<, sagt Bruns.

Bloch und die BfV-Beamte sehen Bruns erstaunt an.

>>Sie wissen nicht zufällig, wer diese Lauschaktion bei Herrn Gutzeit angeordnet und durchgeführt hat.<<

>>Nein, woher soll denn ausgerechnet ich das wissen?<<

>>Wir denken, es waren die Israelis. Könnten sie uns einen Grund nennen, warum die das gemacht haben?<<

>>Ja vielleicht, wenn die es waren. Wir haben in der vorigen Woche einen ehemaligen NVA-Soldaten vernommen. Nein es waren zwei, und die haben ausgesagt, Gutzeit habe mit ihnen Kontakt aufgenommen, weil er einen Verein gründen wolle. „Der Deutsche Raum müsse wieder hergestellt werden“, oder so ähnlich habe er sich ausgedrückt. Ich meine, das klingt doch nach nationalsozialistischem Gedankengut. Vielleicht war Gutzeit unvorsichtig und die Israelis sind ihm auf die Schliche gekommen. Wenn sie möchten, hole ich ihnen das Wortprotokoll aus meinem Büro.<<

>>Nein, lassen sie nur. Uns reicht ihre Erklärung<<, sagt einer der Herren und er sieht Bruns lange nachdenklich an.

>>Darf ich ihnen eine Frage stellen, meine Herren?<< sagt Bruns

>>Nur zu, fragen sie.<<

>>Warum reagieren sie so spät? Ich meine, Gutzeit hat sich sofort ins Ausland abgesetzt, als die Berichte über ihn in den Medien erschienen sind. Glauben sie er kehrt noch mal nach Deutschland zurück?<<

>>Wenn sich alles bewahrheiten sollte, was die Medien berichtet haben, erfolgt eine Unterrichtung der Strafverfolgungsbehörden nach § 20 BVerfSchG, dort heißt es wie sie vielleicht wissen: Gewinnt das BfV im Rahmen ihrer Ermittlungen tatsächlich Anhaltspunkte für das Vorliegen einer strafbaren Handlung, so wird der Generalbundesanwalt benachrichtigt. Dieser entscheidet sodann über die etwaige Einleitung von Maßnahmen der Strafverfolgung.<<

>>Der Generalbundesanwalt wurde von uns sofort nach Eingang der Videoclips informiert. Er sah aber keinen Handlungsbedarf. Inzwischen sind die beiden Männer, die vermutlich von Gutzeit den Auftrag erhielten einen gewissen Anton zu beseitigen tot, und ihr Mörder, wurde heute gefasst. Anton Ebert wurde übrigens heute auf dem Gutzeit-Hof an der Isar festgenommen. Dort wurden Waffen gefunden, und genügend anderes Material, was beweist, dass Gutzeit einer der Drahtzieher der Anschläge in Frankfurt und Bad Nauheim ist.<<

>>Davon weiß ich ja noch gar nichts<<, sagt Bloch.

>>Ich wurde erst vor einer dreiviertel Stunde von München informiert.<<

>>Wir werden morgen nach München fahren. Wenn ihre Behauptungen stimmen, dann werden wir die nötigen Schritte einleiten<<, sagt einer der BfV-Beamten.

>>Was München anbetrifft, so würde ich dich bitten, mir und Frau Gold eine Fahrt oder einen Flug dorthin zu genehmigen. Ich möchte Ebert gern vernehmen. Lässt sich das machen?<< fragt Bruns.

>>Ich werde darüber nachdenken<<, antwortet Bloch.

>>Eh ich‘s vergesse: die Container sind wieder aufgetaucht. Ein mir bekannter deutscher Journalist hat diese in Istanbul entdeckt. Da man dort mit dem Material nichts anfangen kann, ist man bereit die Container an die Bundesrepublik zurückzugeben. Vielleicht reden sie mal mit Lade, oder mit der Gauck-Behörde.<<

>>Nachrichten hast du<<, staunt Bloch.



>>Hallo meine Süßen, ich sehe ihr wartet schon<<, ruft Peter.

>>Wie du siehst<<, antwortet Susanne, >>aber, wir wären auch ohne eine Verabredung mit dir hier her gegangen. So eine Kneipe wie diese hier findet man sonst nur noch in Amsterdam. Für mich gab es nur noch die Alternative, mit Gudrun ins Bett zu gehen.<<

>>Oder mit mir!<< sagt Peter frech.

>>Nun hört schon auf damit. Ich hätte wirklich gerne mal wieder Sex<<, sagt Gudrun.

>>Der Abend ist ja noch lang<<, meint Susanne.

Sie trinken Bier, viel Bier. Die Drei haben Spaß und es gibt viel zu berichten. Susanne erzählt von New York und Peter gibt Geschichten von seinen vielen Reisen zum Besten.

>>Du hast aber kein Aids?<< will Gudrun wissen und sieht Peter mit bereits trunkenen Augen an.

>>Nicht das ich wüsste. Wenn du denkst, ich steige in Kairo, Istanbul oder Rio mit der erst besten Frau ins Bett, so muss ich dich enttäuschen. Das mache ich nicht. Meinen letzten Sex hatte ich vor drei Jahren.<<

>>Mit wem?<< fragt Susanne neugierig.

>>Mit der Tochter eines Bänkers in Los Angeles<<, antwortet Peter, >>und mehr musst du darüber nicht wissen.<<

>>Schade! Kommt, es ist schon spät. Gehen wir nach Hause. Du schläfst doch bei uns, oder?<< fragt Susanne.

>>Ich kann auch nach Bergen aan Zee zurückfahren.<<

>>Besser nicht. Wir haben ganz schön getankt. Das Auto bleibt stehen.<<

>>Gut, geh‘n wir<<, sagt Peter.

Kopfschüttelnd sieht der Wirt seinen Gästen hinterher, als diese die Kneipe verlassen. Vor der Tür werden die Drei von der Kühle der Nacht fast erschlagen. Nun merken sie, dass sie doch mächtig Bier und Jenever getrunken haben. Irgendwie schaffen sie es aber bis zum Haus von Gudrun und Susanne. Susanne macht sofort einen starken Kaffee. Peter lässt sich den Weg ins Bad erklären und steht wenige Minuten später unter der Dusche. Nach ihm duscht Susanne. Sie trinken Kaffee im Wohnzimmer und sehen Gudrun auf dem Sofa schlafen.

>>Bist du wieder fit?<< fragt Susanne Peter.

>>Ich denke schon<<, antwortet der.

>>Dann komm mit mir ins Bett. Ich möchte mit dir schlafen.<<

Susanne und Peter hatten eh fast nackt im Wohnzimmer gesessen. Sie gehen in das Schlafzimmer von Susanne, und lassen die Badetücher auf den Holzfußboden fallen. Sie lieben sich, und stellen fest dass sie noch viel füreinander empfinden.

Mittwoch, 5. April

Peter ist früh wach geworden. Susanne schläft tief und fest. Minutenlang sieht er sie nachdenklich an. Sie ist so schön, denkt er und möchte am liebsten ihre Brüste streicheln und den friedlich lächelnden Mund küssen. Peter erhebt sich vorsichtig und verlässt das Bett. Er nimmt ein Badetuch vom Boden auf und legt es sich um die Hüfte. Im Wohnzimmer steht immer noch die halb volle Kanne mit Kaffee. Peter schenkt sich ein. Er sieht zu Gudrun, die sich auf dem Sofa räkelt und die Augen öffnet. Schweigend sehen sie sich an.

>>Hast du mit Susanne geschlafen?<< fragt Gudrun.

>>Ja<<, sagt Peter, trinkt seinen Kaffee und geht ins Bad. Die Tür lässt er offen. Er findet eine noch verpackte Zahnbürste. Peter reißt die Verpackung auf und beginnt sich die Zähne zu putzen. Danach geht er unter die Dusche. Peter bemerkt Gudrun erst als sie die Duschkabinentür öffnet und ihn fragend ansieht.

>>Ich bin ziemlich verschwitzt<<, sagt sie und sieht bewundernd Peters Penis an. >>Macht‘s dir was aus, wenn ich mit dir dusche? Ich friere außerdem.<<

>>Nein, komm rein<<, antwortet Peter. Gudrun steigt in die Duschwanne, und Peter braust sie ab. Dann langt er nach dem Duschgel und seift Gudrun rundherum ein. >>Gut so, gefällt dir wohl, was?<< fragt Peter.

>>Ja, sehr<<, sagt Gudrun und dreht Peter mal den Rücken und mal die Brust zu.

>>Schöne Titten hast du<<, sagt er.

>>Danke<<, antwortet Gudrun und beginnt Peters Geschlechtsteil zu streicheln und zu liebkosen. Peter lässt es geschehen. Innerhalb kürzester Zeit ist sein Glied steif und stark. Peter gefällt es und er stöhnt. Gudrun kommt an Peters Brust und voller Ungeduld sagt sie: >>Bitte, Peter, nimm mich, fick mich.<<

Peter tut ihr den Gefallen. Er hebt Gudrun hoch und dringt in sie ein.

Gudrun atmet heftig, als sie sich von Peter löst. Nach einigen Minuten verlässt sie die Dusche. Gudrun wickelt ein Badelaken um sich und verknotet es oberhalb ihrer Brüste. Dann verlässt sie das Bad und geht in die Küche. Dort brüht sie frischen Kaffee auf. Sie schneidet Brot und trägt alles, auch Wurst, Schinken und Marmelade zum Eßzimmertisch. Peter und Gudrun frühstücken schweigend. Irgendwann sagt Gudrun zu Peter: >>Würdest du bitte gehen, wenn du mit dem Frühstück fertig bist?<<

>>Bist du sauer auf mich, hat es dir nicht gefallen?<< fragt Peter.

>>Nein, das ist es nicht. Es hat mir sehr gefallen. Nur möchte ich, das du gehst. Geh einfach!<<

Peter steht auf, geht zu Gudrun und küsst sie zärtlich.

>>Du bist eine tolle Frau, und ein großartiger Mensch<<, sagt er. Peter streichelt ein letztes Mal mit dem Handrücken ihre Wangen und greift dann nach seinem Mantel. An der Haustür sieht Peter noch einmal zurück.

Freitag, 7. April

Es ist noch früh am Morgen, als Rosa und Bruno mit der ersten Lufthansa-Maschine von Frankfurt kommend in München landen. Sie hatten sehr früh aufstehen müssen. Mit einem Taxi lassen sie sich zum Hotel Mayerhof, nahe dem Olympiaparkgelände bringen. Sie werden nett und zuvorkommend empfangen. Nach der Übernahme eines First-Class Doppelzimmers, welches sie bis Montag gebucht haben werden sie ausdrücklich noch zum Frühstücksbüffet gebeten. Rosa und Bruno haben, dass wissen sie, noch einen schweren Arbeitstag mit der Vernehmung von Anton Ebert vor sich und lehnen deshalb das Angebot nicht ab. Sie frühstücken noch einmal ausgiebig und trinken köstlichen Kaffee. Alfons Weber wird an ihren Tisch geführt und von Rosa und Bruno herzlich begrüßt. Der Bedienstete vom Hotel macht Weber auf das Frühstücksbüffet aufmerksam und ermuntert ihn sich zu bedienen. Das lässt Kollege Weber von der Münchner Kriminalpolizei sich nicht zweimal sagen. Nach dem Alfons Weber sich auf den Bauch klopft und äußert, lange nicht mehr so gut gefrühstückt zu haben, brechen sie zu dem Untersuchungsgefängnis auf, in dem Anton Ebert einsitzt.



Ratlos sehen die Drei sich an. Nebenan, in einem Verhörzimmer sitzt Anton Ebert und raucht. Bei der Vernehmung durch die Staatsanwältin, Bruns und Weber hat Ebert beharrlich geschwiegen. Kein Ton ist über seine Lippen gekommen. Um Ebert an Dummheiten zu hindern, wurden ihm vor dem Verhör die Hände auf den Rücken gefesselt. Nach dem Verhör wurden ihm die Handschellen wieder abgenommen, und man ließ eine Schachtel Zigaretten auf dem Tisch liegen.

>>Ich möchte es mal alleine versuchen. Vielleicht redet er, wenn er mit einer Frau alleine ist?<< sagt Rosa und sieht die Männer entschlossen an.

>>Das ist zu gefährlich<<, sagt Bruns.

>>Ach was<<, sagt Weber, >>es wäre einen Versuch wert.<<

Weber gibt den beiden Strafvollzugsbeamten ein Zeichen, und diese gehen in das Verhörzimmer um Ebert auf das nächste Verhör vorzubereiten. Rosa wartet an der Tür bis sie hereingeholt wird.

>>Wollen wir uns alleine unterhalten?<< fragt sie Ebert. Doch der zuckt gleichgültig die Schultern.

>>Haben sie Familie Herr Ebert, hier oder in den neuen Bundesländern? Können wir jemanden darüber informieren, dass sie hier einsitzen? Hören sie, ich bin Staatsanwältin aus Frankfurt. Aber, dass wissen sie ja? Eigentlich ist unser Fall, den wir seitens der Frankfurter-Staatsanwaltschaft bearbeiten so gut wie abgeschlossen. Wir benötigen nur in wenigen Punkten eine Bestätigung von ihnen, dass es sich so verhält, wie wir vermuten. Wenn ihnen wirklich nicht nach reden zu mute ist, dann nicken sie wenigstens mit dem Kopf. Haben die beiden Männer die in dem Baggersee gefunden wurden, den Anschlag auf das Landgericht in Frankfurt verübt?<<

Anton Ebert sieht Rosa lange schweigend an. Doch dann nickt er mit dem Kopf und sagt: >>Ja, ich glaube schon.<<

>>Haben die beiden Männer auch den Hubschrauber abgeschossen?<<

Wieder nickt Ebert und sagt: >>Ja, vermutlich.<<

>>Warum sollten die so etwas tun?<<

>>Weil es angeordnet wurde.<<

>>Wer sollte so etwas anordnen, und warum?<<

>>Vielleicht war es Gutzeit? Aber es gibt noch mehr von denen.<<

>>So, so. Können sie mir Namen nennen?<<

>>Nein, dann bin ich morgen tot.<<

>>Wie soll das gehen?<<

Ebert hebt die Schultern und seufzt.

>>Wo könnten wir die finden?<<

>>Auf höchster Ebene. In Regierungskreisen, in Länderparlamenten und in der Industrie. Sie werden nur schwer an sie herankommen. Ihre Tarnung ist perfekt, das können sie mir glauben.<<

>>Die Frage nach dem Warum haben sie nicht beantwortet.<<

>>Warum was?<<

>>Warum wurden Max van Straaten und dieser Journalist umgebracht?<<

>>Aus der Zeitung weiß ich, das beide etwas mit geheimen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes zu tun gehabt haben sollen.<<

>>Das ist richtig. Max van Straaten hat eine Unmenge davon außer Landes geschafft, und der Journalist war ihm auf den Fersen. Also, noch einmal, was denken sie, könnte der Grund für ihre Ermordung sein?<<

>>Die CIA hat doch Unterlagen an das Bundeskanzleramt zurückgegeben. Da werden so einige in Panik geraten sein.<<

>>Warum haben sie die beiden Männer umgebracht?<<

>>Es war Notwehr. Sie hatten von Gutzeit den Auftrag mich zu liquidieren.<<

>>Das stimmt. Wir sind im Besitz von Ton-, und Filmdokumenten, die ihre Worte bestätigen.<<

Ebert sieht die Staatsanwältin verblüfft an.

>>Das Material bekommen sie bestimmt noch zu sehen. Auch ihr Besuch bei Gutzeit ist dokumentiert. Was wollten sie von ihm?<<

>>Geld und neue Papiere.<<

>>Und, haben sie bekommen was sie wollten?<<

>>Ja.<<

>>Wieso wurden sie dann gefasst?<<

>>Die Papiere waren nicht gut gemacht. Ich hätte noch einmal nach München gemußt, um bessere abzuholen.<<

>>Haben sie Familie, Herr Ebert?<<

>>Ja, eine Frau und eine Tochter.<<

>>Ihre Familie war aber nicht bei ihnen in Ludwigshafen. Dort lebten sie alleine, warum?<<

>>Meine Frau, und meine elfjährige Tochter leben in Moskau.<<

>>Wird ihre Familie dort festgehalten?<<

>>Kann man so sagen.<<

>>In der ehemaligen DDR gab es eine Spezialeinheit, die nannte man OibE. Offiziere im besonderen Einsatz. Sind sie so einer?<<

>>Ja, kann man sagen.<<

>>Für wen arbeiten sie Herr Ebert?<<

>>Aufträge bekam ich fast nur aus Moskau.<<

>>Zu DDR-Zeiten?<<

>>Ja.<<

>>Ich nehme an, die OibE ist noch aktiv. Wer führt diese Leute?<<

>>Moskau.<<

>>Sie haben einen BKA-Beamten schwer verletzt, warum?<<

>>Das war meine erste große Dummheit, ist er tot?<<

>>Er ist nicht tot Er liegt unweit von hier im Krankenhaus.<<

>>Er ist nicht tot?<<

>>Nein, er lebt.<<

>>Das ist gut.<< Ebert wirkt erleichtert.

>>Erzählen sie mir etwas über Gutzeit, wenn sie möchten? Was hat er zu DDR-Zeiten gemacht, wie gut kannten sie ihn?<<

>>Wie gut kannte ich Gutzeit? Wir sind uns einige Male begegnet. Einmal traf ich ihn in Moskau. Wissen sie es gab viele Westarbeiter, wie man uns auch nennt. Außerhalb des Apparates gab es weitere Geheimdienste und subversiv genutzte Kontaktformen. Es gab einen militärischen Nachrichtendienst, den NVA, Verwaltung und Aufklärung. Da gab es Kontakte auf Parteibasis, auf Verbandsbasis, im Rahmen der Jugendarbeit, auf Basis wirtschaftlicher Beziehungen. Das Institut für Politik und Wirtschaft, das Kulturministerium. Die Kunsthochschulen. Überall hatte die „Firma“ legal abgedeckte Positionen, mit denen sie in Richtung Westen arbeitete. In Westdeutschland gab es viele Sympathisanten des Sozialismus, die für uns arbeiteten. Jedenfalls wurde in der DDR behauptet, die Westarbeiter seien sehr erfolgreich mit ihrer Unterwanderung bestimmter Organe in Westdeutschland. Fernziel war eine gewaltsame Wiedervereinigung unter sozialistischen Vorzeichen, die sich auf ein ausreichend großes Potenzial an Kollaborateuren und Sympathisanten stützen sollte.<<

Ebert lacht, und fährt dann fort: >>Honecker war oftmals besser über bestimmte Ereignisse in der Bundesrepublik unterrichtet als ihr Bundeskanzler. Der erfuhr nicht, was bei der Opposition, dem DGB und zum Teil auch in den Ministerien vor sich ging. In der DDR lief dagegen alles zusammen. Aber was erzähle ich ihnen da? Sie wollen wissen, was Gutzeit so gemacht hat. Er war nicht nur ein hochrangiger Offizier, er war auch mal Leiter eines Schulungszentrums für Sekretärinnen. Die wurden nach einer sehr guten Ausbildung mit besten Papieren in Bundesbehörden, politischen Parteien, Euro-Behörden, in der US-Botschaft und in die Wirtschaft eingeschleust.<<

>>Was war denn nun ihre Aufgabe in der Bundesrepublik?<<

>>Sie sind nicht dumm, Frau Staatsanwältin. Glauben sie wirklich, dass ich ihnen diese Frage beantworte?<<

>>Nee, die Frage kam mir nur so in den Sinn. Entschuldigung.<<

>>Okay, vergessen wirs. Denken sie, dass sie etwas für mich tun können?<<

>>Eigentlich nicht. Was soll ich denn für sie tun?<<

>>Versuchen sie eine Ausreisegenehmigung für meine Frau und für meine Tochter zu bekommen. In der Schweiz könnten beide sorgenlos leben.<<

>>Das wird nicht einfach werden. Ich kann und will ihnen da nichts versprechen.<<

>>Aber ich. Sie bekommen von mir was sie wollen, wenn sie meine beiden Mädchen aus Russland herausholen.<<

>>Wir machen jetzt eine Pause, Herr Ebert. Es ist Mittag. Sie werden auch etwas essen wollen.<<

>>Werden sie über meinen Vorschlag nachdenken?<<

>>Ja, werde ich. Bis später dann<<, sagt Rosa und bittet den Vollzugsbeamten sie hinauszulassen. An der Tür dreht sie sich noch einmal um und fragt: >>Ist ihre Frau Russin oder Deutsche?<<

>>Deutsche, meine Tochter wurde in Dresden geboren.<<

Rosa trifft auf dem Gang mit Weber und Bruno zusammen und fragt: >>Na, wie war ich?<<

>>Klasse<<, sagt Weber.

>>Da kann ich nur zustimmen<<, sagt Bruno, >>erkläre mir mal, wie du seine Frau und das Kind aus Moskau herausholen willst?<<

>>Ich habe Ebert nichts versprochen<<, sagt Rosa.



>>Haben sie was gegessen, Herr Ebert?<< will die Staatsanwältin von Anton Ebert wissen.

>>Ja, danke<<, antwortet der Untersuchungsgefangene.

>>In Ludwigshafen, was haben sie dort gemacht, hatten sie einen Auftrag?<<

>>Sie geben wohl nie auf, was?<<

>>Der Richter wird sie das auch fragen... Nun, was ist?<<

>>Sie werden es mir nicht glauben. Ich war die letzten zehn Jahre ein Schläfer. Niemand ist an mich herangetreten. Kein Auftrag, nichts.<<

>>Da haben sie allerdings recht, das nehme ich ihnen nicht ab. Sie haben sich doch nach Frau und Kind gesehnt. Oder nicht?<<

>>Ja, ich bin oft zu ihnen geflogen. Im Sommer, an Weihnachten, zu Ostern und wieder zu Weihnachten. Ich wurde überwacht, doch man hat mich nicht daran gehindert meine Familie zu sehen. Nur zu meinem Führungsoffizier hat man mich nicht gelassen. Ich wurde immer abgewiesen.<<

>>Haben sie denn einen Ausreiseantrag gestellt?<<

>>Ja, ohne Erfolg.<<

>>Das tut mir leid.<<

>>Ja, mir auch. Sie glauben nicht, wie meine Frau leidet.<<

>>Die Russen hatten also über Jahre keine Aufträge für sie?<<

>>Sagte ich doch.<<

>>Die Beiden, die sie - wie sie sagen - in Notwehr erschossen haben, kannten sie die Männer von früher? Ich meine haben sie mit denen früher zusammengearbeitet?<<

>>Die hatte ich vorher nie gesehen. Ich habe immer alleine gearbeitet.<<

>>Wie kam es, dass ihre Frau mit dem Kind in Moskau blieb?<<

>>Meine Frau war oft mit mir in Moskau. Nachdem meine Tochter geboren war, musste ich wieder mal hin. Meine Frau und ich wollten die Reise mit einem Urlaub verbinden. Mich ließ man wieder ausreisen. Meine Familie nicht.<<

>>Das ist grausam.<<

>>Ja.<<

>>Aber man hat sie doch seit Jahren nicht mehr gebraucht ...<<

>>Zeit hat in Russland eine andere Bedeutung als im Westen.<<

>>Im Moment habe ich keine Fragen mehr. Beenden wir unser Gespräch.<<

>>Ich kann ihnen nicht mehr sagen, ohne mir selbst zu schaden. Das sehen sie doch ein, oder?<<

>>Ja, schon. Sagen sie, waren sie ein Auftragskiller der Russen, oder der DDR, waren sie an Entführungen von Personen aus Westdeutschland beteiligt?<< wagt Rosa ein letztes Mal zu fragen. Ebert antwortet nicht.

>>Auf Wiedersehen, Herr Ebert.<<

Anton Ebert sieht die Staatsanwältin schweigend an und nickt.



Rosa, Bruno und Weber sind zum Polizeipräsidium gefahren. Sie betreten Webers Büro. Weber bietet Kaffee an, der aber von Rosa und Bruno dankend abgelehnt wird. Bruno sieht sich um. Er kann in Webers Büro nichts entdecken, was er nicht auch im Büro stehen hat. Außer vielleicht den Flachbildschirm. Es wird noch eine Weile über Ebert und Dr. Simon geredet.

>>Was haben sie jetzt vor?<< will der Kollege Weber wissen.

>>Wir haben das Zimmer im Mayerhof für das ganze Wochenende gemietet<<, sagt Bruno. >>Wir wollen natürlich Dr. Simon im Krankenhaus besuchen.<<

>>Ich habe eine Freundin in München mit der ich zusammen studiert habe. Die werden wir besuchen. Irgendwie werden wir das Wochenende in München schon rumkriegen<<, sagt Rosa und sieht Bruno dabei vielsagend an.

>>Ja, dann,<< sagt Weber, >>will ich sie nicht länger aufhalten. Ich schicke ihnen die Vernehmungsprotokolle nach Frankfurt.<<

Rosa und Bruno haben sich verabschiedet, und sind bereits auf dem Flur, als Weber die Bürotür aufreißt und sie mit den Worten aufhält: >>Warten sie, was machen wir mit der Tochter von van Straaten?<<

>>Oh Gott, ja. Die hätte ich ja beinahe vergessen. Kann ich die Akte van Straaten haben? Sie bekommen sie vor unserer Abreise zurück<<, sagt Bruno.



Etwas verloren, stehen sie Minuten später auf der Straße, und überlegen. >>Was denkst du, wollen wir gleich ins Krankenhaus gehen?<< fragt Bruno.

>>Okay, warum nicht. Alexander wird sich freuen<<, antwortet Rosa. >>Komm, wir nehmen ein Taxi. Blumen kaufen wir unterwegs.<<



In der Klinik angekommen, fragt Rosa in der Anmeldung nach Dr. Simon.

>>Bei uns hält sich kein Patient mit diesem Namen auf.<<

Rosa sieht Bruno fragend an und sieht, dass der von einem Ohr zum Anderen grinst.

>>Suchen sie unter Märzweiler<<, sagt Bruno.

Wieder beginnt die Schwester in der Anmeldung zu suchen und wird fündig. Ihr Gesicht wird ein wenig abweisend. Sie fragt: >>Können sie sich ausweisen?<< Bruno zückt den Ausweis der Kriminalpolizei Frankfurt und Rosa sucht umständlich nach ihrem Ausweis der Staatsanwaltschaft. Nach genauem Studium der Ausweise erhalten sie die Zimmernummer und eine Wegbeschreibung dort hin. Rosa und Bruno bedanken sich artig und machen sich auf den Weg.

>>War das deine Idee, Dr. Simon unter falschem Namen einzuliefern?<< will Rosa wissen.

>>Du, das weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube es war Weber.<<

Auf der Station, wo Dr. Simon liegen soll, melden Rosa und Bruno sich bei der Stationsschwester. Diese ist jung und hübsch. Sie bietet an, die Besucher zu Dr. Simon alias Märzweiler zu bringen. Am Krankenzimmer angekommen, klopft sie an und betritt das Zimmer.

>>Besuch für sie Herr Märzweiler<<, sagt die Schwester.

>>Wer ist es denn Schwester Ursula?<<

>>Hallo-oh<<, rufen Rosa und Bruno. In der Tür werden zwei bekannte Gesichter und ein Blumenstrauß sichtbar.

>>Kommt herein<<, ruft gut gelaunt Dr. Simon. Rosa und Bruno betreten lachend das Krankenzimmer.

>>Das sind meine Kollegen aus Frankfurt<<, sagt Dr. Simon zu der Krankenschwester. Bruno sieht Rosa fragend an. Auch Rosa ist aufgefallen, dass die linke Hand von Dr. Simon von Schwester Ursula gehalten wird.

>>Wir haben ihnen Blumen mitgebracht<<, sagt Rosa. >>Wie geht es ihnen, Dr. Simon?<<

>>Jetzt, wo ihr da seid, geht es mir von Minute zu Minute besser.<<

Rosa reicht dem Patienten mit dem Kopfverband die Hand. Bruno tritt ans Krankenbett und reicht Dr. Simon ebenfalls die Hand.

>>Freut mich, dass es ihnen so gut geht.<<

>>Hören sie, das hier ist nicht Dr. Simon. Das ist Herr Märzweiler<<, hört man Schwester Ursula sagen.

Bruno, und auch Dr. Alexander Simon beginnen prustend zu lachen. Schwester Ursula weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Genau kann Rosa das Gesicht nicht deuten. Rosa nimmt die Schwester an die Hand und sagt: >>Kommen sie, setzen sie sich. Ich erkläre ihnen, warum die Beiden so sehr lachen. Sie wissen doch, dass Herr Märzweiler, besser Herr Dr. Simon Polizeibeamter ist. Ebenso wie er und ich.<< Rosa zeigt auf Bruno, der sich mit einem Papiertaschentuch die Tränen aus dem Gesicht wischt.

>>Wir mussten Dr. Simon schützen. Darum der falsche Name, und der Beamte vor der Tür.<<

>>Ursula, entschuldige, dass wir so lachen mussten. Gib mir deine Hand.<<

Schwester Ursula, die auf der Bettkante sitzt reicht Dr. Simon ihre Hand.

Dr. Simon nimmt sie und beginnt die kleine Hand zu streicheln.

>>Ursel, mein richtiger Name ist Alexander Simon. Von nun an aber für euch alle Alexander.<<

>>Simon gefällt mir besser. Ich habe mich so an den Namen gewöhnt<<, sagt Bruno.

>>Mir egal, wie ihr mich ruft. Nur, lasst in Zukunft den Doktortitel weg. Ursel geht es dir wieder besser?<<

>>Ja<<, antwortet Schwester Ursula. >>Ich muss aber nun gehen. Du bist nicht mein einzigster Patient.<<

>>Geh nur, was wir zu besprechen haben, würde dich nur beunruhigen.<<

>>Ja, dann, bis später<<, sagt Schwester Ursula und eilt aus dem Zimmer.

Bruno lacht zwar nicht mehr, aber er grinst so frech, so lausbubenhaft, dass Rosa ihn anfährt: >>Was grinst denn du so frech. Es reicht jetzt. Ihr habt euren Spaß gehabt. Das arme Mädchen kann einem doch leid tun.<<

>>Sie tut uns ja auch leid<<, hört Rosa die Männer sagen.

>>Wie lange musst du noch hier bleiben, Alexander?<<

>>Nun höre dir die Frau an, Bruno. Ich habe es gar nicht eilig hier weg zu kommen, liebe Rosa. Du siehst doch, ich bin in guten Händen.<<

>>Das war nicht zu übersehen. Ich glaube, ich sehe mal nach deiner Ursula. Bruno kann dir die Neuigkeiten erzählen.<<

Bruno nickt zustimmend und Rosa macht sich auf die Suche nach Schwester Ursula.

>>Das Ebert gefasst wurde, weißt du?<<

>>Weber hat es mir gesagt.<<

>>Von dem kommen wir gerade. Wir haben Ebert vernommen.<<

>>Und, hat er ausgesagt?<<

>>Als wir ihn gemeinsam befragen wollten, hat er den Mund nicht aufgemacht. Aber, als Rosa ihn sich alleine vernommen hat, da hat er gesungen wie ein Vögelchen. Er ist übrigens froh, dass du noch lebst. Es tut ihm leid, was er dir angetan hat.<<

>>Okay, aber das hilft mir jetzt wenig. Noch ist nicht raus, ob ich jemals wieder in den Polizeidienst zurück kann. Vielleicht als Dozent an der Polizeischule. Aber lassen wir das. Ich muss noch eine ganze Weile hier bleiben. Danach geht es zur Reha, und danach wird man weitersehen. Sag mal, Bruno, kannst du dafür sorgen, dass mir Weber mein Notebook und mein Funktelefon bringt. Das war alles im Dienstfahrzeug. Ich möchte gern wieder Kontakt zur Außenwelt haben und mit Ursula telefonieren können, wenn sie zu Hause ist. Obwohl, jetzt wo alles vorüber ist, wird man mir hier sicher auch ein Telefon geben.<<

>>Ich kümmere mich darum.<<

>>Wie ist euer Trip nach Holland verlaufen?<< fragt Alexander.

>>Unbeschreiblich schön. Das ich eine tolle Schwester habe, wusste ich ja. Aber dieser Rick van Straaten, das ist ein Pfundskerl sag ich dir.<<

>>Und was ist mit Rosa?<<

>>Was ist mit Rosa?<< wiederholt Bruno die Frage leise. >>Rosa und ich sind uns in Bergen näher gekommen. So nahe, dass sie mich - wieder in Frankfurt - ihrer Mutter und ihren Brüdern vorgestellt hat.<<

>>Das ist doch schön.<<

>>Da ist mein Beruf, Alexander. Bis jetzt ging noch jede Beziehung wegen meiner Arbeit in die Brüche.<<

>>Nicht bei Rosa. Du musst sie nur richtig integrieren. Ich meine, so wie jetzt. Ihr ergänzt euch doch prima im Beruf. Jeder weiß vom Anderen was er macht, und wenn es da keine Geheimnisse gibt, dann klappt das auch. Wirst sehen, alter Junge.<<

>>Was ist mit der Krankenschwester?<< fragt Bruno.

>>Was soll mit ihr sein? Ich hoffe, dass ich nicht allzu sehr entstellt bin, und hoffe dass sie mich auch ohne Kopfverband noch mag.<<

>>Ich wünsche es dir.<<

>>Danke! ... Wie lange bleibt ihr in München?<<

>>Bis Sonntagabend. Wenn du erlaubst, dann kommen wir morgen noch mal.<<

>>Das wäre schön. Bis dahin habe ich auch geklärt, ob ich für ein paar Stunden aufstehen darf. Dann können wir ins Café gehen, oder an die frische Luft.<<

>>Vielleicht kann ich dir morgen, deine Sachen besorgen.<<

>>Das wäre schön.<<

>>Hast du mal Besuch von deiner Dienststelle gehabt?<<

>>Nur einmal ist jemand hier gewesen. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, so schlecht ging es mir.<<

>>Soll ich denen etwas ausrichten?<<

>>Nein, lass nur. Sorg du besser dafür, dass ich ein Telefon bekomme.<<

>>Das kann ich ja jetzt schon mal versuchen. Warte<<, sagt Bruno, >>ich bin gleich wieder da.<<

Bruno sucht Schwester Ursula. Er findet nicht nur die Gesuchte, sondern auch Rosa. Beide Frauen lächeln ihn an, und Rosa fragt: >>Na, mein Schatz, hast du mich vermisst?<<

>>Das auch, aber eigentlich habe ich Schwester Ursula gesucht. Sagen sie Schwester Ursula, als Stationsschwester können sie doch sicher veranlassen, dass unser gemeinsamer Freund ein Telefon bekommt, oder?<<

>>Na klar, ich werde mich gleich darum kümmern.<< Schwester Ursula greift zum Telefon.

Rosa und Bruno sehen sich an und Bruno sagt: >>Wenn du willst können wir gleich gehen. Ich habe Alexander versprochen, ihm einige Sachen zu besorgen und das wir morgen wieder kommen.<<

>>Das ist recht, so<<, sagt Rosa und tritt zu Bruno. Sie legt ihren Kopf an seine Schulter, beißt in eines seiner Ohrläppchen und flüstert: >>Ich liebe dich.<<

Bruno hat Rosa in seine Arme genommen. Nach dieser Liebeserklärung küsst er sie auf den Mund und erwidert: >>Ich dich auch.<<

>>Gehen wir zu ihm, um uns zu verabschieden?<<

>>Ja, und dann gehen wir etwas essen<<, sagt Bruno, >>einen Kaffee könnte ich auch gebrauchen.<<

>>Bedienen sie sich doch<<, sagt Schwester Ursula, und zeigt auf die Kanne, die auf dem Tisch steht.

>>Darf ich?<<

>>Nur zu<<, sagt die Schwester und schmunzelt. >>Ich bin froh, dass sie gekommen sind. Das wird Alexanders Genesung beschleunigen. Ich weiß, wie sehr er sich ihren Besuch gewünscht hat.<<

>>Wir kannten uns erst wenige Tage als dieses Unglück geschah. Ich weiß aber, dass er ein prima Kerl ist. Werden sie auch zu ihm halten wenn der Kopfverband abgenommen ist?<<

>>Natürlich, ich liebe ihn doch. Ich bin sicher nicht das Problem, Herr Bruns. Alexander braucht uns alle, all seine Freunde. Und wie ich sehe, sind sie vielleicht die einzigen wirklichen Freunde die er hat. Wenn der Verband abgenommen wird, dann werden die Wunden verheilt sein. Bis auf eine, die an seiner Seele. Ich werde ihn nicht im Stich lassen. Es kommen noch schwere Zeiten auf uns zu, das weiß ich schon.<<

>>Nun malen sie mal nicht den Teufel an die Wand<<, sagt Bruno.

>>Da kommt der Haustechniker mit dem Telefon. Ich werde mal mit ihm gehen<<, sagt Schwester Ursula.

>>Und wir gehen mit, um uns zu verabschieden<<, sagt Rosa und hakt sich bei der Stationsschwester ein.

Dr. Alexander Simon hat Minuten später sein eigenes Telefon. Er bittet Bruno um eine weitere Gefälligkeit.

>>Du wirst aber nicht klammheimlich aus der Klinik abhauen, wenn ich dir die Klamotten besorgt habe, versprochen?<<

>>Bruno, wo denkst du hin. Ich möchte mich nur richtig anziehen können. Du weißt doch wie sehr ich auf adrette Kleidung stehe. Willst du etwa so mit mir ins Café<<, fragt Alexander ihn und hebt die Bettdecke.

>>Darf ich den Kaffeebecher hier lassen? Wir gehen jetzt was essen. Bis morgen, dann.<<

>>Warten sie. Ich gebe ihnen Alexanders alten Anzug mit. So fällt es ihnen leicht die richtige Größe zu bestimmen<<, sagt Schwester Ursula. >>Das Jackett ist allerdings kaum noch zu gebrauchen, obwohl der Anzug gereinigt wurde. Sein Mantel ist aber wieder wie neu.<<

>>Danke, Schwester Ursula. Sie sind ein Schatz.<<

Vor der Klinik sagt Rosa: >>Ich hab da eine Idee. Versuch mal ein Taxi zu bekommen.<< Rosa holt ihr Funktelefon aus der Handtasche und beginnt zu wählen. Nur wenige Minuten später ist die in München ansässige Freundin darüber informiert, dass sie in München ist. Von der Freundin erfährt sie, dass die Freundin ihrer Freundin immer noch das Herrenbekleidungsgeschäft betreibt, welches sie vor einigen Jahren bei der Eröffnungsparty gemeinsam besucht haben. Kurz vor Ladenschluss erreichen sie das Geschäft. Rosa wird von der Inhaberin nicht auf Anhieb wiedererkannt: Rosa und Bruno erklären ihr, worum es geht. Von Bezahlung will die Inhaberin nichts wissen: >>Ich möchte gern, dass der Herr persönlich vorbeikommt, um die Rechnung zu begleichen. Bei der Gelegenheit kann ich eventuelle Änderungen an den Anzügen vornehmen lassen. Sagen sie Herrn Dr. Simon, dass ich mich sehr auf seinen Besuch freue.<<

>>Danke<<, sagt Bruno, >>jetzt brauchen wir nur noch einen Koffer. Wie sollen wir sonst die schicken Sachen in die Klinik schaffen?<<

>>Machen sie sich darüber keine Sorgen. Wir bringen die Kleidung in die Klinik. Morgen, spätestens um zehn kann der Herr Doktor sich schick machen.<<

>>Donnerwetter<<, entfährt es Bruno, >> so einen Service habe ich ja noch nie erlebt. Und das in Deutschland.<<

>>Ich habe nur zufriedene Kunden, Herr Bruns. Hoffe ich wenigstens<<, sagt die Herrenausstatterin. Dann sieht sie Rosa an und fragt: >>Darf ich sie zu einem Essen einladen, welches unsere gemeinsame Freundin und ich für Sonntag geplant haben.<<

>>Gerne<<, antwortet Rosa. Nach dem sie das Geschäft verlassen haben, wird hiner ihnen abgeschlossen. Sie winken noch einmal kurz und laufen einige wenige Schritte. Neben ihnen hält das Taxi von vorhin. >>Darf ich sie irgendwo hinbringen?<< werden sie durch das offene Fenster gefragt.

>>Ja, sie dürfen. Bringen sie uns bitte zum Hotel Mayerhof<<, ruft Bruno.

Der Fahrer stellt sein Fahrzeug ab, steigt aus und ist Rosa beim hinteren Einstieg behilflich. Im Hotelzimmer angekommen, lässt Bruno sich aufs Bett fallen und sagt: >>Was für ein Tag.<<

Rosa zieht sich bis auf die Unterwäsche aus, und begibt sich ins angrenzende Badezimmer. Nachdem Bruno einige Minuten lang mit geschlossenen Augen auf dem Rücken gelegen ist, kommt wieder Bewegung in seine müden Glieder und er nimmt sich die Akte van Straaten um diese zu lesen. Im Untersuchungsgefängnis waren er und Weber ja alleine gewesen, und der Kollege Weber hatte ihm berichtet, wie man auf die Spur des Mädchens gestoßen war. Veronique van Straaten hält sich in einem Schweizer Internat auf und sie ist sechzehn Jahre alt. Das Mädchen ist überdurchschnittlich lernfähig, hat mehrere Klassen übersprungen und macht in diesem Jahr ihr Abitur. Sie spricht drei Sprachen fließend und möchte nach ihrem Abitur in Paris studieren. Der nächste Angehörige ist Rick, da auch die Mutter nicht mehr lebt. Die Mutter kam, als Veronique drei Jahre alt war, bei einem Autounfall ums Leben. Weitere Verwandte sind nicht bekannt. Veronique hat zwei Staatsangehörigkeiten. Sie hat einen deutschen und einen kanadischen Pass. Aus der Akte geht hervor, dass Webers Abteilung mit dem Internat in telefonischem Kontakt steht. Weiter liest Bruno, dass das Mädchen über den Tod ihres Vaters von der Schwester Oberin am Internat informiert wurde. Die Schwester Oberin bittet die Polizei in München schnellstens die Vormundschaft über ihren Schützling zu klären, da sie sich sonst an Schweizer Behörden wenden müsste. Probleme finanzieller Natur gebe es nicht. Webers Abteilung hatte die Internatsleitung darum gebeten ihnen schnellstens Dokumente, wie Geburtsurkunde, Internatsanmeldung und ein Foto nach München zu schicken. Es war eine komplette Akte mit vielen Fotos gekommen. Bruno ist entzückt, als er die Bilder in die Hand nimmt. Veronique ist ohne jeden Zweifel eine Indianerin. Selten hat Bruno ein so schönes Mädchen gesehen. Bruno legt die Fotos bei Seite und liest weiter. Veronique wurde vom Internat darüber informiert, dass sie einen Onkel in den Niederlanden hat. Die Schwester Oberin hat den Unterlagen einen persönlichen Brief beigelegt, in dem sie schreibt:



Veronique ist unser Sonnenschein im Internat. Sie ist fröhlich und sehr lebhaft. Irgendwann verlassen uns unsere Mädchen und werden von uns in die Welt der Erwachsenen hinausgeschickt. Oft sind wir sehr traurig, wenn uns ein Mädchen verlässt. Wenn Veronique uns verlässt, werden sich viele Schwestern und Schülerinnen für Tage in ihrer Kammer einschließen und sehr traurig sein. Ich werde das nicht können als Leiterin des Internats, doch werde ich ihr unser Haus als ihr Zuhause anbieten, in das sie immer und zu jeder Zeit zurückkehren kann. Ich beneide all die Menschen, die bald das Glück haben, in ihrer Nähe sein zu dürfen.

Hochachtungsvoll



Bruno ist so gerührt, dass er sich schnäuzen, und die Augen wischen muss.

>>Was ist mit dir?<< fragt Rosa, die soeben ein Badetuch oberhalb ihrer Brüste verknotet und dann zu Bruno ins Bett kommt.

>>Wie bringen wir Rick nur bei, dass er eine so junge und hübsche Nichte hat? Sieh dir nur diese Bilder an. Dazu kommt noch, dass sie ein so kluges Mädchen ist.<<

Rosa, auf dem Bauch liegend und herrlich erfrischend nach Duschgel riechend, nimmt die Akte und beginnt zu lesen. Bruno geht ins Bad. Rosa ruft hinter ihm her: >>Soll ich uns zu essen aufs Zimmer bestellen?<<

>>Oh ja, mach das<<, ruft Bruno zurück.

Auch Rosa legt die Blätter, Aussagen und Protokolle van Straaten betreffend zunächst einmal bei Seite und liest nur das, was Veronique betrifft. Dann legt sie sich auf den Rücken und macht es sich dank der Kopfkissen im Bett bequem. Sie nimmt das Telefon in die Hand, und bestellt für sich und Bruno etwas zu essen aufs Zimmer. Danach nimmt sie die Fotos zur Hand und muss Bruno recht geben.

>>Du hast eine Anlage übersehen<<, sagt sie zu Bruno, der aus dem Bad kommt.

>>Welche Anlage?<<

>>In dem drin steht, dass man bei uns in Frankfurt angerufen hat, um Ricks Adresse zu erfahren. Diese hat man an das Internat gefaxt. Hier, siehst du? Wir können also davon ausgehen, dass das Internat sich an Rick wenden wird, oder es bereits getan hat. Dieser Schriftverkehr stammt aus der 14. Woche. Am Montag beginnt die 15. Woche. Na ja, es ist schon ein wenig knapp. Vielleicht wissen Rick und Sarah es doch noch nicht.<<

Bis das Essen vom Zimmerkellner gebracht wird, ist mehr als eine Stunde vergangen. Hungrig machen Rosa und Bruno sich darüber her.

>>Warum schmunzelst du?<< fragt Rosa.

>>Ich freue mich wie ein kleiner Junge, dass ich das hier mit dir erleben darf.<<

>>Das hast du schön gesagt. Ein Grund mehr für mich dich so zu lieben. Nach dem Essen möchte ich noch mehr so schöne Dinge von dir hören<<, sagt Rosa. Im selben Moment läutet das Zimmertelefon. Bruno steht auf, und geht an den Apparat.

>>Bruns<<, meldet er sich.

>>Bruno, hier ist Rick.<<

>>Rick, alter Junge. Wie geht es euch?<<

>>Danke, gut.<<

>>Was macht Sarah?<<

>>Sarah sitzt neben mir.<<

>>Was gibt es neues bei euch, droht eine Sturmflut?<<

>>Nein, viel Schlimmeres. Ostern kommt immer näher, wie du weißt, muss ich nach Ostern ohne Sarah auskommen.<<

>>Du wirst es überleben. Aber vielleicht kann ich dazu beitragen, dass du den Sommer über Gesellschaft hast.<<

>>Wie meinst du das?<<

>>Nun ja, wir haben Dr. Simon in der Klinik besucht. Der wird sicher in den nächsten 14 Tagen die Klinik verlassen, und dann braucht der die richtige Umgebung, um sich vollends zu erholen. Aber gut, das du anrufst: Du hast nicht zufällig Post aus der Schweiz bekommen?<<

>>Nein.<<

>>Du wirst aber bestimmt in den nächsten Tagen Post bekommen. Halt dich fest. Ich habe von Kommissar Weber hier in München die Akte von Max erhalten. Die muss ich natürlich zurückgeben. Darf ich dich ganz vorsichtig auf etwas vorbereiten?<<

>>Ja, auf was denn?<<

>>Max hat eine Tochter. Hast du das gewusst?<<

Es ist still am anderen Ende der Leitung, bis Bruno sich traut zu fragen: >>Bist du noch da?<<

>>Ja, natürlich bin noch da.<<

>>Hätte ich lieber nichts sagen sollen? Ich dachte, du solltest das wissen. Es ist nämlich so, weißt du? Die Vormundschaft muss geklärt werden. Das Mädchen ist noch keine.<<

>>Es ist in Ordnung, Bruno. Mach dir keine Gedanken. Was weißt du noch über sie? Ich meine, sie hat doch sicher einen Namen und wo wohnt sie?<<

>>Sie lebt in einem Schweizer Internat, macht gerade ihr Abitur, heißt Veronique und sieht bezaubernd aus.<<

>>Veronique van Straaten?<<

>>Ja, Rick.<<

>>Kannst du mir irgendwelche Papiere aus der Akte faxen? Ich meine: vielleicht die Anschrift vom Internat.<<

>>Heute noch?<<

>>Es ist doch noch nicht spät. Liegt ihr etwa schon im Bett?<<

>>Nein, bis in einer Stunde hast du die Unterlagen. Dein Faxgerät ist ein älteres Modell, nicht wahr?<<

>>Ja, warum?<<

>>Ich dachte nur so, es sind wunderschöne Fotos von Veronique in der Akte.<<

>>Du willst doch irgendetwas damit andeuten?<<

>>Nein, wie kommst du darauf?<<

>>Sarah, und ich fliegen am Gründonnerstag. Holst du uns ab?<<

>>Aber, sicher doch. Wir freuen uns auf euch. Bis dann alter Junge, und gib Sarah einen Kuss von mir.<<

>>Mach ich.<<

Bruno legt den Hörer zurück, und setzt sich wieder zu Rosa an den Tisch. Schweigend wird zu Ende gegessen. Nachdem Rosa und Bruno aufgeräumt haben, lassen sie erneut den Zimmerservice kommen. Der Bitte, einige Unterlagen per Telefax nach Holland zu senden, kommt man gerne nach. Die Unterlagen werden nach etwa zwanzig Minuten zurückgebracht.

>>Jetzt haben wir Zeit für uns. Komm, ab ins Bett.<< Bruno nimmt Rosa an die Hand, führt sie ans Bett und wenige Augenblicke später beginnen sie lachend ihr Liebesspiel.



Zur gleichen Zeit beginnt in Holland Ricks Telefaxgerät die ersten Seiten zu drucken, die Bruno ihm über das Hotelfax hat zukommen lassen. Rick und auch Sarah stehen an dem Gerät. Beide sehen gebannt auf das Papier welches aus der Maschine herauskommt. Jede gesendete Seite wird fein säuberlich in die Größe DIN-A4 geschnitten und abgelegt. Erst als das Gerät sich abschaltet nimmt Rick die Seiten in die Hand. Gemeinsam gehen sie zum Sofa, um sich die Telefaxseiten anzusehen.

Rick fragt Sarah: >>Was sagst du dazu?<<

Nachdenklich, und immer noch den Brief der Schwester Oberin in Händen haltend, antwortet Sarah lächelnd: >>Ich bin sehr neugierig auf Veronique. Lies das mal<<, und Sarah gibt Rick den Brief. Rick beginnt die Zeilen der Schwester zu lesen. >>Nur neugierig, sagst du! Mehr nicht?<<

>>Ach Rick, mach es bitte nicht so kompliziert. Wir werden sie kennen lernen, und du wirst sie zu dir holen. Es sei denn, ihr mögt euch nicht. Das aber kann ich mir nicht vorstellen.<<

>>Ich soll Veronique zu mir holen?<<

>>Ja, natürlich.<<

>>Und was wird aus uns?<<

>>Ich sorge derweil für ein Dreimädelhaus<<, antwortet Sarah und lacht.

>>Ts, ts, ts<<, macht Rick.

>>Was soll das denn heißen? Ts, ts, ts.<<

>>Darüber muss ich erst eine Nacht lang schlafen. Frage mich morgen noch einmal, ja.<<

>>Morgen rufst du erst einmal in der Schweiz an, und erkundigst dich nach deiner Nichte. Vielleicht kannst du sie sogar sprechen.<<

>>Und was bitteschön soll ich ihr sagen? Ich kenne sie doch überhaupt nicht.<<

>>Dir wird schon was einfallen.<<

>>Meinst du?<<

>>Aber, ja. À propos, schlafen. Komm lass uns miteinander schlafen. Das lenkt dich ab.<<

>>Das ist mal eine gute Idee. Wer weiß, ob wir noch dazu kommen, wenn wir zu viert sind.<<

>>Na, siehst du. So gefällst du mir schon besser.<<

Hand in Hand gehen Sarah und Rick ins Schlafzimmer.

Samstag, 8. April

München, elf Uhr. Bruno hat mit Weber gesprochen und veranlasst, das Dr. Simon seine persönlichen Sachen bekommt. Weber verspricht, alles am Montag zu erledigen. Alexander hat gegen zehn angerufen, und sich bedankt. Rosa hat ausgiebig mit ihrer Freundin telefoniert. Man lässt es bei der sonntäglichen Verabredung.



In Bergen aan Zee muss Sarah, die bis elf Uhr nichts zum Thema Veronique gesagt hat, Rick dann doch ermahnen, nun endlich in der Schweiz anzurufen.

>>Ich mach ja schon<<, sagt Rick und holt sich das schnurlose Telefon von der Ladestation. Rick setzt sich ins Sofa und wählt die Nummer vom Internat. Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch liegen noch die Unterlagen, die am Abend zuvor angekommen waren und ihm die ganze lange Nacht zu schaffen gemacht hatten. Davon hatte Sarah allerdings nichts gemerkt. Die war selig eingeschlafen.

>>Schwester Annemarie-Herbert<<, hört Rick eine angenehm warme Stimme sagen.

>>Schwester, hier Rick van Straaten.<<

>>Gelobt sei Jesus Christus, der Onkel von Veronique. Ja, haben sie unseren Brief erhalten?<< fragt die Schwester.

>>Nein, Schwester Annemarie. Mein zukünftiger Schwager hält sich in München auf. Ihm hat man die Unterlagen über Veronique ausgehändigt. Das ist alles ein wenig kompliziert. Ersparen sie mir bitte weitere Erklärungen. Ich wusste bis gestern nicht, dass mein Bruder eine Tochter hat.<<

>>Ich bin ja so froh, dass sie anrufen. Ich lasse Veronique holen, ja? Sie wird gleich da sein. Sie wollen doch sicher mit ihr reden? Veronique ist voller Freude darüber, das sie einen Onkel und Verwandten hat.<<

>>Gibt es wirklich keine anderen Angehörigen mehr. Ich meine in Kanada, vielleicht?<< fragt Rick voller Hoffnung.

>>Nein, Herr ... , Veronique hat außer ihnen niemanden. Sie hat natürlich noch uns. Wir alle lieben sie. Veronique steht nun neben mir, darf ich ihr den Hörer reichen?<<

>>Ja, bitte.<<

>>Hallo, hier spricht Veronique van Straaten<<, hört Rick eine helle Mädchenstimme sagen. Rick ist nicht in der Lage zu antworten. Er schluckt, und er nimmt das Telefon vom Ohr und sieht das Gerät entgeistert an. Sarah, die sich zu Rick aufs Sofa gesetzt hatte nimmt ihm das Telefon aus der Hand und hält es an ihr Ohr.

>>Onkel Rick, so sag doch was. Bist du noch da?<<

Sarah holt tief Luft, und sagt: >>Veronique, hallo. Ich bin Sarah. Entschuldige bitte, dein Onkel braucht einen Augenblick um sich Mut zu machen. Verstehst du das?<<

>>Mut? Ja, das verstehe ich. Aber er wird doch gleich mit mir reden, oder?<<

>>Ganz bestimmt, Veronique. Darf ich du zu dir sagen, oder möchtest du, dass ich sie sage? Immerhin bist du eine junge Dame<<, fragt Sarah.

>>Ist schon in Ordnung. Bist du die Frau von Onkel Rick und meine Tante?<<

>>Noch nicht ganz, Veronique. Aber deine Freundin will ich sehr gerne werden<<, sagt Sarah und sie sieht Rick aufmunternd an. >>Veronique, ich gebe das Telefon jetzt Rick, ja?<< Mit diesen Worten reicht sie Rick das Telefon.

>>Veronique, entschuldige. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste, wie du dir denken kannst.<<

>>Ja, das weiß ich<<, antwortet Veronique.

>>Veronique, möchtest du Sarah und mich kennen lernen?<<

>>Ja, das möchte ich. Lieber heute als morgen, aber das geht nicht, oder?<<

>>Warum soll das nicht gehen? Sollen wir dich besuchen kommen, oder willst du zu uns kommen? Was machst du in den Osterferien, oder gibt es die nicht in der Schweiz?<<

>>Doch, Ostern wäre gut. Weist du Onkel Rick, ich muss noch sehr viel lernen. Ich mache doch in diesem Sommer mein Abitur.<<

>>Das ist schön, Veronique. Wir sind Ostern in Frankfurt. Genauer gesagt, in Bad Nauheim. Hättest du Lust uns dort zu besuchen?<<

>>Au, ja. Ich werde Schwester Annemarie gleich fragen. Sie ist jetzt nicht hier. Hast du einen Computer, Onkel Rick?<<

>>Klar, habe ich einen.<<

>>Dann hast du sicher auch eine E-Mail Adresse, kannst du mir die sagen? Dann können wir uns jeden Tag schreiben.<<

Rick nennt ihr seine E-Mail Adresse.

>>Hast du auch eine eigene Homepage?<<

>>Nein, nicht. Da müsste ich jemanden finden, der mir so etwas einrichtet. Ich habe aber schon daran gedacht.<<

>>Wir haben eine Homepage. Möchtest du nicht wissen, wie ich aussehe?<<

>> Aber ja, unbedingt. Wie finde ich denn die Seite?<<

Veronique gibt Rick die Adresse, und danach muss sie sich verabschieden da sie zu Tisch gebeten wurde. Rick hat den Mittagsgong gehört. Veronique verspricht noch heute die erste E-Mail zu schicken.

>>Ich freue mich sehr darauf<<, sagt Rick, >>Veronique?<<

>>Ja, Onkel Rick?<<

>>Alles wird gut!<<

>>Ja, Onkel Rick.<<

Rick geht an seinen Schreibtisch, und schaltet seinen TravelMate an. Nachdem auch der Internet-Browser gestartet ist, gibt er die Seitenangaben ein. Die Verbindung wird hergestellt, und die Seite aufgebaut. Rick ist fasziniert von der Seite, die von jungen Mädchen erstellt wurde.

>>Sarah, komm doch mal<<, ruft Rick und blättert weiter. Rick weiß nicht in welcher Klasse oder Bildungsstufe Veronique zu finden ist. Er wählt die interne Suche auf dieser gelungenen Homepage, und gibt den kompletten Namen ein. Eine neue Seite baut sich auf. Eine Fotografie von Veronique wird geladen. Rick ist sprachlos, merkt das Sarah ihm beide Hände auf die Schultern legt. Das Mädchen trägt schulterlange schwarze Haare, die zu Zöpfen geflochten sind.

>>Das ist Veronique, ... eine Farbige.<<

Während Rick das Bild anstarrt liest Sarah den Text und schüttelt den Kopf, bevor sie sagt: >>Du solltest den Text lesen.<<

Veronique schreibt:

...ich bin eine kanadische Ureinwohnerin, keine Indianerin, auch keine Rothaut. Die Hautfarbe der Indianer ist nicht rot. Sie ist bräunlich und schwankt zwischen dunkelgelb und gelbbraun bis hin zur Schokoladenfarbe. Dadurch, das sich die Indianer früher mit heiliger roter Kriegsfarbe bemalten, wenn Weiße kamen, bekamen sie den Spitznamen peaux rouge oder redskins "Rothäute".



>>Ja, ich sehe, aber ich kann nicht glauben, was ich sehe. Ich kann nicht glauben, dass die Natur eine solche Schönheit hervorbringen kann<<, sagt Rick und beendet die Verbindung. Die Seite lässt er stehen.

Donnerstag, 20. April

Der Flieger mit Sarah und Rick, kommend von Amsterdam, ist in Frankfurt gelandet. Sie haben ihr Gepäck vom Band genommen, und sehen sich suchend nach Bruno um. Der wollte sie doch vom Flughafen abholen.

>>Sucht ihr mich?<< werden sie gefragt. Bruno bringt einen Gepäckwagen.

>>Bebe, da bist du ja<<, ruft Sarah, und sie fällt Bruno um den Hals.

>>Wo ist Rosa und wo ist Veronique?<< will Rick wissen.

>>Die müssen hier irgendwo sein. Veronique kann vom Flughafen nicht genug kriegen. Sie muss sich alles ansehen. Kindliche Neugier, denk ich mal.<<

Bruno hat Rick die Hand gegeben und hilft das Gepäck auf den Wagen zu laden. >>Du kannst es kaum erwarten sie zu sehen, stimmt's?<<

>>Ja, da hast du recht.<<

>>Veronique geht es genauso. Sie redet ununterbrochen. Rosa kommt gut mit ihr klar. Kommt, wir gehen schon mal.<<

Sarah, Rick und Bruno haben den Ausgang vor dem Brunos Wagen steht fast erreicht, als sie Rosa rufen hören: >>He, wollt ihr uns nicht mitnehmen?<<

Sie drehen sich um, und sehen zurück. Da kommen sie gerannt. Rosa mit wehenden Haaren und weit offenem Mantel. Veronique, in Jeans und buntem Pullover, die schwarzen Haare gebunden. Rosa bleibt stehen und lässt Veronique weitergehen. Rick geht dem Mädchen entgegen. Sarah bleibt bei Bruno und sie sehen sich an. Sarah hat feuchte Augen. Veronique und Rick stehen voreinander und sie sehen sich an.

>>Veronique<<, sagt Rick und schluckt.

>>Onkel Rick<<, sagt Veronique. Sie tritt ganz dicht an Rick heran und legt ihren Kopf an Ricks breite Brust und sie umarmt ihn. Etwas hilflos sieht Rick Rosa an. Rosa nickt, und er nimmt das Mädchen in die Arme.

>>Ich freue mich, dass du da bist. Damit wir hier nicht anwachsen stell ich dir jetzt Sarah vor, ja?<< Rick legt den Arm um Veronique und führt sie zu Sarah.

Sarah streckt Veronique die Hand entgegen. >>Hallo, Veronique.<<

>>Hallo, Sarah.<<

>>Danke, dass ihr sie vom Bahnhof abgeholt habt<<, sagt Rick.

>>War uns ein Vergnügen<<, sagt Bruno.

Rick klatscht in die Hände, grinst und sagt: >>Lasst uns gehen.<<

Vor dem Eingang steht Brunos Dienstwagen und daneben eine Politesse die einen Strafzettel schreibt.

>>Halt, stop, Kollegin. Ich bin Kriminalhauptkommissar Bruns, und das ist Staatsanwältin Gold. Wir sind im Einsatz, also lassen sie das.<< Bruno zeigt der Politesse seinen Ausweis. Enttäuscht und unwillig zerreißt die Uniformierte vom Ordnungsamt den Strafzettel.

>>Du hast geschwindelt, Bruno<<, sagt Sarah tadelnd.

Bruno grinst, erwidert aber nichts.



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