Die Firma - Kurzinhalt

Teil 4

Montag, 9. Oktober

Die offizielle Trauerfeier für Bruno Bruns und Dr. Alexander Simon ist vorüber. Rosa entschuldigt sich bei Sarah und Rick mit den Worten: >>Ich lasse euch für einen Augenblick alleine, ja? Ich muss unbedingt mit Harald Bloch, Staatsanwalt Lade und dem Richter reden.<<

>>Geh nur, wir warten<<, sagt Rick van Straaten.

Gemächlichen Schrittes geht Rosa Gold zu einer Gruppe von Männern, und unterbricht deren Unterhaltung.

>>Ich hätte sie gerne gesprochen, meine Herren. Nirgendwo sonst, könnte ich sie gemeinsam antreffen.<<

Man sieht sie aufmunternd fragend an, und wartet höflich darauf, dass Rosa sagt was sie will.

>>Ich möchte, dass sie mir den Fall übertragen, und meine Fälle am Gericht auf die Kollegen verteilen<<, sagt Rosa Gold mit fester Stimme.

>>Welchen Fall meinen sie, Frau Gold?<< fragt ihr Chef, Oberstaatsanwalt Dr. Lade scheinheilig.

>>Sie wissen genau, wovon ich rede. Ich will den Fall an dem die Soko Bruns gearbeitet hat zum Abschluss bringen.<<

>>Aber liebe Rosa, das geht nicht. Das geht wirklich nicht. Sie sind emotional viel zu sehr beteiligt. Herr Bruns war immerhin ihr Verlobter, und sie wohnten zusammen.<< Hilfe suchend sieht Dr. Lade erst den Richter und dann Bloch an.

>>Rosa, seien sie vernünftig. Wir können das nicht tun. Ich werde einem fähigen Mann aus meiner Abteilung die Aufgabe übertragen<<, sagt Bloch.

Rosa Gold sieht den Richter an, und fragt: >>Herr Richter, was meinen sie?<<

>>Wir können sie am Gericht nicht entbehren, denke ich.<<

>>Das war keine Antwort, Herr Richter, sondern eine Ausrede<<, sagt Rosa Gold und fährt nach einer Gedankenpause fort: >>Dann werde ich kündigen. Die Kündigung haben sie morgen auf ihrem Schreibtisch Herr Dr. Lade.<<

>>Das geht doch nicht. Denken sie doch an ihre Karriere<<, sagt Lade.

>>Wenn das ihr letztes Wort war, meine Herren, dann tut es mir leid. Ich werde eine eigene Kanzlei aufmachen. Ich werde mein ganzes Vermögen, mein Erbe, dazu verwenden, die Mörder von Bruns und Dr. Simon hinter Gitter zu bringen. Ich hoffe und ich bete, dass mir dabei auch Leute ins Netz gehen, die dafür gesorgt haben, dass ein Herr Gutzeit, und ein sehr wahrscheinlich mehrfacher Mörder wie dieser Dr. Sandmann frei herumlaufen dürfen. Bruns und Dr. Simon wären sicher noch am Leben, wenn eben Genannte verwahrt würden. So aber konnten sie weitere Mordbefehle erteilen. Ich werde herausfinden, warum die Untersuchungsergebnisse der Gerichtsmedizin Platt und Andere betreffend zurückgehalten werden.<<

>>Liebe Rosa, dass sehen sie alles ganz falsch<<, will Dr. Lade erklären.

>>Oh, das glaube ich nicht. Ich glaube, hier wurde wieder einmal an Fäden gezogen, die mir ehrlich gesagt unheimlich sind. Erklären sie mir doch bitte, warum die Protokolle der Dienste nicht berücksichtigt werden durften. Erklären sie mir doch bitte, wieso erhält der Staatssekretär Reich von der Staatsanwaltschaft in Berlin einen Persilschein.<<

>>Rosa, ich versichere ihnen, sie liegen vollkommen daneben, wenn sie denken, es würde nicht korrekt gearbeitet. Solange die Akte nicht geschlossen ist, wird weiter ermittelt. Bis wir die Schuldigen hinter Gitter gebracht haben<<, sagt Dr. Lade.

>>Wenn ich mich kurz einmischen darf<<, meldet sich Rick van Straaten, von der Seite zu der Gruppe stoßend zu Wort.

>>Ja bitte, Rick. Ich denke, meine Herren, ich muss ihnen Rick van Straaten nicht vorstellen<<, sagt Rosa Gold.

>>Der Herr ist uns bekannt<<, sagt der Richter.

>>Meine Herren, ich bin als Wissenschaftler und Buchautor nicht gerade unvermögend. Ich habe mich dazu entschlossen, einskommafünf Millionen Deutsche Mark als Belohnung für die Ergreifung der Mörder meiner Freunde auszugeben. Da ein gewisser Herr Friedlich, ein Herr Reiher und ein Herr Sonnerdt in der Presse als mutmaßliche Täter benannt und mit internationalem Haftbefehl gesucht werden, dürfte es nur wenige Tage dauern, bis man diese Herren irgendwo in Deutschland oder Europa ausmacht und festsetzt.<<

>>Das können sie nicht machen. Die Männer werden dann wie die Hasen gejagt<<, sagt Dr. Lade.

>>Das ist ganz und gar nicht mein Problem. Ihre Pressestelle hat eine Presseerklärung herausgegeben, in dem die eben Genannten als Täter benannt worden sind. Ich habe mich genau erkundigt. Die Herren Friedlich, Reiher und Sonnerdt haben bestimmt davon gelesen, und hätten sich in den vergangenen zehn Tagen der Polizei stellen können. Das haben sie nicht getan, also sind sie die Täter. So einfach ist das.<<

Dr. Lade will etwas sagen, doch der Richter fordert ihn auf zu schweigen. Dr. Lade senkt den Kopf und Rick sagt zu Rosa: >>Komm, wir sollten Sarah und Ursula nicht länger alleine lassen.<<

>>Du hast recht<<, sagt sie.



>>Da sind wir wieder<<, sagt Rick zu Sarah.

>>Ich glaube, da will noch jemand was von uns<<, sagt Sarah und tritt einen Schritt von Rosa und Rick zurück. Rick dreht sich um, und sieht dem kleinen, in elegantem Schwarz gekleideten Herrn entgegen.

>>Entschuldigen sie, wenn ich sie anspreche. ... Sie wollen sicher gerade gehen. Mein Name ist ...<<

>>Sie sind Ash, nicht wahr?<<, fragt Sarah leise.

>>Ja, gnädige Frau. Ich möchte ihnen mein herzlich empfundenes Beileid bekunden. Auch ihnen Frau Gold, und natürlich auch ihnen gnädige Frau<<, und damit meint er Ursula.

Er gibt den Frauen die Hand, und verneigt sich tief. Dann wendet er sich an Rick: >>Sie müssen der berühmte Schriftsteller aus den Niederlanden sein. Ich habe alle ihre Bücher mit Vergnügen gelesen. Bei seinem letzten Besuch bei mir, hat mein Freund Bruno von ihnen erzählt. Auch ihnen mein tief empfundenes Beileid.<< Und wieder folgt eine tiefe Verneigung.

Rick sieht verwundert in das schöne Gesicht dieses kleinen schlanken Israeli und er fragt: >>Guter Mann, wer sind sie. Ich kenne sie nicht.<<

>>Rick, das ist Herr Ashron. Der älteste und wohl intimste Freund Brunos. Herr Ashron kommt aus Israel. Nicht wahr, Herr Ashron?<<

>>Ja, gnädige Frau. Ich danke ihnen für die Wärme in ihrer Stimme, und bedaure zutiefst, sie nicht eher kennen gelernt zu haben. Keinen Menschen hat ihr Bruder so sehr geliebt, wie sie Sarah. Entschuldigen sie, Frau Gold.<<

>>Danke, Herr Ashron<<, flüstert Sarah. Rosa nickt, und sieht den Israeli freundlich an.

>>Geheimdienst, was? Mossad, habe ich recht?<< fragt Rick etwas grob.

>>Verzeihen sie, Herr van Straaten. Unser gemeinsamer Freund, und auch Herr Dr. Simon könnte noch leben. Doch die deutschen Behörden haben von uns zur Verfügung gestelltes Material in die unterste Schublade ihrer Schreibtische verbannt. Fragen sie Frau Gold, sie kann es bestätigen.<<

Rosa nickt, und sagt: >>Das ist wahr, um nicht zu sagen: Ein Skandal! Da stecken vermutlich politische Interessen dahinter.<<

>>Herr Ashron, ich wollte nicht unhöflich sein. Möchten sie mit uns kommen? Wir sind auf dem Weg zur Villa Gold<<, fragt Rick.

>>Danke, das geht leider nicht. Ich habe zu viel zu tun. Ich muss zurück zum Dienst. Die Lage in Israel ist sehr angespannt, wie sie sicher wissen. Meine Leute brauchen mich.<< Der Israeli wendet sich an Rosa mit den Worten: >>Frau Staatsanwältin, die gesuchten Männer sind in den Niederlanden. Genau genommen: In Amsterdam. Wenn ich nicht sicher wüsste, dass sie diese Männer lebend haben wollen, wären sie längst tot.<<

Das Gesicht des Israeli hat sich bei diesen letzten Worten nicht verändert. Auch nicht seine Augen, in die Rosa hineinsieht. Deshalb beginnt sie zu frösteln. Den Anderen ergeht es ebenso. Dieser Mann ist Herr über Leben und Tod, denkt Rick.

>>Liebe Frau Gold, sie sollten sich um die Auslieferung bemühen<<, sagt Ash und sieht auf seine Armbanduhr. >>Die Polizei in Amsterdam sollte die Gesuchten jetzt verhaftet haben. Der Kommissar der Kriminalpolizei in Amsterdam, an den sie sich wenden können, heißt Pieter Backer. Seine Telefonnummer steht auf diesem Zettel.<< Ash hält plötzlich einen Zettel in der Hand und reicht ihn ihr.

>>Danke, Herr Ashron<<, sagt Rosa.

>>Oh, bitte, nennen sie mich Ash. Und wenn sie Hilfe brauchen, hier auf dem Zettel ist eine Telefonnummer, unter der sie mich immer erreichen. Bitte vernichten sie ihn, wenn sie sich die Nummer eingeprägt haben. Ich möchte mich nun von ihnen allen verabschieden.<<



Es ist schon sehr spät am Abend, als man im Hause Gold beschließt ins Bett zu gehen. Sarah und Rick haben sich schon vor Stunden verabschiedet und von einem Taxi ins Hotel bringen lassen. Sie haben für den nächsten Tag den Rückflug nach Amsterdam gebucht. Sie wollen Veronique nicht länger alleine lassen. Sarah hat in den letzten Wochen sehr unter den schmerzlichen Verlust ihres geliebten Bruders gelitten. Sie weiß, sie muss an ihr ungeborenes Kind denken und darf sich der Trauer nicht vollends hingeben, wenn sie ihm nicht schaden will.

Ursula übernachtet im Hause Gold. Mutter Gold ist an diesem Abend die Letzte, die zu Bett geht. Sie ist es an diesem Abend, die das Licht ausmacht. Auch sie trauert, mehr als ihre Familie ahnt. Sie hatte Bruno so sehr in ihr Herz geschlossen, und begonnen ihn zu lieben, wie einen eigenen Sohn.

Rosa liegt mit offenen Augen in ihrem Bett, und starrt an die Decke. Die Nachttischlampe zu ihrer Linken lässt sie brennen. Sie hat den rechten Arm ausgestreckt, und ihre Hand fasste ins Leere. Da war niemand mehr. Rosa laufen die Tränen über das Gesicht. Sie nimmt Ursula erst war, als diese sich zu ihr aufs Bett setzt und sie in den Arm nimmt. Wenig später liegt Rosa in Ursulas Schoß, den Kopf an ihrer Brust. Ursula wischt ihr die Tränen fort und streichelt ihr Haar.

>>Ursula, sag, wieso bist du nur so stark? Ich habe dich nicht weinen sehen<<, sagt Rosa.

>>Ach Rosa, ich weine doch, ebenso wie du. Ich wollte mit meinem Schmerz nicht alleine sein, deshalb kam ich zu dir.<<

Beide Frauen weinen und halten sich eng umschlungen. Sie streicheln und liebkosen sich, und der Tränenstrom will nicht enden.

Irgendwann sagt Ursula: >>Ich habe so viele Menschen sterben sehen.<<

>>Warst du schon immer auf der Intensivstation?<<

>>Ich war auch eine Zeit lang im OP.<<

>>Was wirst du nun machen?<<

>>Ich weiß es nicht. Vielleicht gehe ich nach München zurück. Die große Wohnung kann ich alleine nicht bezahlen.<<

>>Mach dir darum keine Sorgen. Die Wohnung gehört ja uns, und Mutter weiß immer einen Weg. Außerdem, Ich brauch dich doch. Du kannst mich doch nicht alleine lassen.<<

>>Ach Rosa, die Zeit heilt keine Wunden, aber irgendwann wirst du den Verlust von Bruno überwunden haben. Du bist stark, jung und hübsch, und du hast einen tollen Beruf.<<

>>Ja, und ich werde diese Verbrecher hinter Gitter bringen. Das verspreche ich dir. Ich muss von nun an jeden Schritt den ich gehe gut überlegen, dann schaffe ich das auch. Es sieht nämlich sehr danach aus, als hätte man kein Interesse daran, dass Gutzeit und Sandmann verurteilt werden.<<

Noch schlafend, und übereinanderliegend, so findet Mutter Gold die beiden Frauen am nächsten Morgen. Sie setzt sich auf die Bettkante, und weckt ihre Tochter. >>Kind, dass ihr so schlafen konntet?<<

>>Mama, wie spät ist es?<<

>>Franz und Richard sind eben aus dem Haus. Und du, ... willst du noch einen Tag zu Hause bleiben? Ich würde mich freuen, euch beide um mich zu haben.<<

>>Na gut, Mama, nur noch heute. Morgen gehe ich wieder zum Gericht. Ich habe viel zu tun.<<

Auch Ursula ist wach, obwohl Rosa und die Mutter leise gesprochen hatten.

>>Entschuldigen sie, Frau Gold<<, sagt Ursula.

>>Du musst dich nicht entschuldigen, mein Kind. Ich hoffe nur, ihr habt keine Probleme mit euren Gliedern. So wie ihr dagelegen seid, könnte ich mir das sehr gut vorstellen.<< Nach diesen Worten lässt Mutter Gold die jungen Frauen wieder alleine. Nach dem die Mutter die Tür hinter sich geschlossen hat, liegen Rosa und Ursula sich in den Armen und können schon wieder lachen. So dicht wohnen Trauer und Glück beieinander.

>>Wir haben vielleicht ein Bild abgegeben<<, sagt Rosa.

Mutter Gold ist an der soeben geschlossenen Tür kurz stehen geblieben und lauscht. Sie hört das Gelächter und denkt: Sie werden es gemeinsam schaffen, den Verlust ihrer Männer zu verkraften. Sie sind noch so jung. Lieber Gott, ich danke dir.

Dienstag, 24. Oktober

Heute werden Konrad Friedlich, Herbert Reiher und Hartmut Sonnerdt mit einem Gefangenentransporter nach Frankfurt gebracht. Die niederländische Polizei hat sie an der Grenze nach Deutschland an Strafvollzugsbeamte aus Frankfurt übergeben. Rosa weiß davon, und denkt in ihrer Mittagspause einen Augenblick daran, was sie alles hatte anstellen müssen, um das zu erreichen. Sie hatte feststellen müssen, dass seitens der Staatsanwaltschaft Frankfurt nichts geschah. Ihrer Meinung nach, bemühte man sich gar nicht um eine Auslieferung. Rosas Nachfragen waren mit Ausflüchten beantwortet worden. Dann hatte sie nach vielen Telefonaten mit den Zuständigen im Justizministerium an den Innenminister und an die Justizministerin geschrieben. Sie hatte den Briefen Kopien aus den Ermittlungsakten beigefügt, die ihre Behauptung dass es sich bei der Seilschaft Sandmann/Gutzeit um eine kriminelle Vereinigung handelt, die bereits zahlreiche Morde begangen hatte und deshalb sehr ernst zu nehmen sei, untermauern sollten. Sie hatte darauf hingewiesen, dass es bald nicht mehr nur die bereits vorhandene Mafia, sondern zusätzlich noch eine Mafia bestehend aus ehemaligen Mitarbeitern der „Firma“ in Deutschland geben werde. Hinzu käme noch, hatte sie hinzugefügt, dass Sandmann und Gutzeit über sehr viel Geld verfügten. Es könne sich dabei um hunderte Millionen Mark, wenn nicht sogar um Milliardenbeträge handeln. Gutzeit ginge sogar so weit, dass er das Volk terrorisierende Neonazis finanziell unterstütze.

Was nun den Generalbundesanwalt bewogen hatte aktiv zu werden, Rosa wusste es nicht. Jedenfalls war nach vielen Wochen ein Auslieferungsbegehren der Bundesrepublik an die Niederlande ergangen. Rosa wurde seit einem Anruf vom Generalbundesanwalt aus Karlsruhe in der Staatsanwaltschaft geschnitten. Der Anruf war vom Bundesanwalt in einem rüden Ton geführt worden. Erst als Rosa ihn gefragt hatte: >>Sagen sie, Herr Generalbundesanwalt, sie haben nicht zufällig eine DDR-Vergangenheit?<< da hatte der Generalbundesanwalt das Telefonat ganz schnell beendet.

Rosa hatte Dr. Lade ihre Kündigung, wie angekündigt übergeben. Sie hatte mit der Mutter und ihren Brüdern ihre Zukunft genau besprochen. Das Finanzielle musste ja geregelt werden, daran hatte kein Weg vorbei geführt. Sie war auf viel Verständnis gestoßen, und die Gold-Brüder versprachen jede erdenkliche Hilfe. Es wurde nach geeigneten Büroräumen gesucht. Rosa und Ursula überlegen, ob sie zusammenziehen. Wenn Ursula zustimmt, könnten die Umbaupläne an der Villa Gold verwirklicht werden. Rosa hat nicht vor, zu Hause auszuziehen. Zugesagt hat Ursula ihrer Freundin die Mitarbeit in der neuen Kanzlei. Was beide, als es gesagt war, sehr glücklich machte. Würden sie doch nun auf unbestimmte Zeit erst einmal zusammen bleiben.

Rosa hatte von Sidne erfahren, dass die Soko-Bruns aufgelöst worden war, und dass man ihm einen neuen Kriminalhauptkommissar vor die Nase gesetzt hatte, den er gar nicht mochte. Anne Momberger hatte um ihre Versetzung gebeten. Der Fall Sandmann/Gutzeit, an denen sie einmal gemeinsam gearbeitet hatten, war ihnen auf Anweisung von ganz Oben weggenommen worden. Es waren Beamte vom LKA-Dezernat Finanzermittlungen erschienen, die die Herausgabe der Ermittlungsakten, die von der Steuerfahndung kamen forderten. Die Ermittlungen, den Mord an Bruns und Dr. Simon betreffend wurden bewusst in eine andere Richtung geführt, und verliefen allesamt im Sande.

>>Sidne<<, hatte sie gesagt, >>ich werde dich noch brauchen. Komm nicht auf die Idee dich zu verdrücken. Versprich mir das!<<

>>Versprochen!<< hatte er geantwortet. Obwohl es sicher nicht klug war, das Folgende am Telefon zu sagen, aber es war zu spät gewesen ihn zu bremsen: >>Die persönlichen Sachen von Dr. Simon habe ich im Auftrag vom Chef zu seiner Freundin gebracht. Auch sein Notebook.<<

>>Was ist mit dem Notebook, Sidne?<< hatte sie ihn gefragt.

>>Na ja, nach dem es passiert war, ... du weißt schon, da viel mir im Büro Dr. Simons Notebook in die Hände. Ich kann nicht sagen, warum ich das gemacht habe, ... aber ich habe es mitgehen lassen. Zu Hause habe ich dann festgestellt, dass Alexander den ganzen Fall, an dem wir gearbeitet haben auf dem Notebook dokumentiert hat. Da fehlt nichts, da ist mehr drauf als auf meinem PC.<<

So war das mit Sidne gewesen.



Rosa geht in ihr Büro zurück. Heute wird sie früher nach Hause gehen, hat sie beschlossen. Sie befürchtet, an der Vernehmung von Friedlich und seinen Freunden nicht teilnehmen zu dürfen. Da es noch eine lange Zeit dauern kann, bis es zu einem Prozess gegen Friedlich und Andere kommen wird, will sie die Nebenklage aufbauen, solange ihr Wissen noch frisch, und ihre Wut noch nicht verraucht ist. Rosa will bei Prozessbeginn als Nebenklägerin auftreten. Sie will sich bemühen, von der Familie Platt, Mason, Winkelmann, Sarah und Ursula Prozessvollmacht zu erhalten. Rosa will auch einen erneuten Strafantrag gegen Gutzeit, Dr. Frank und Dr. Sandmann stellen. Dann will sie erreichen, dass sie Akteneinsicht erhält, Staatssekretär Reich betreffend. Sie will Einsicht in die Akte Otto Hartmann, Marquard und Franz Habicht. Sehr wichtig sind ihr die Einsicht in die Untersuchungsergebnisse der Gerichtsmedizin, Platt und Andere betreffend. Noch werden diese aus nicht ersichtlichen Gründen unter Verschluss gehalten.



Das Telefon auf Rosas Schreibtisch läutet leise. Auf dem Display erkennt sie, der Anrufer kommt von außerhalb. Sie nimmt den Hörer ab und meldet sich. Es ist Ash, der sagt: >>Hallo, kleine Staatsanwältin, hier spricht Ash!<< In der Stimme liegt so viel Wärme und Vertrauen, dass sie Ash nicht böse sein kann, als er sie „Kleine Staatsanwältin“ nennt.

>>Wir sollten uns treffen. Ich habe Neuigkeiten für sie<<, sagt Ash.

>>Bitte Ash, sagen sie Rosa.<<

>>Sie vertrauen mir?<<

>>Sie waren Brunos bester Freund. Ja, ich vertraue ihnen.<<

>>Schön, Rosa. Wo können wir uns treffen?<<

>>Kommen sie um acht in die Villa.<<

Ash scheint zu überlegen, ob es richtig ist Rosa zu Hause aufzusuchen. Anders kann Rosa die Pause nicht deuten. Und sie hat recht. Ash überlegt wirklich und wägt die Risiken, die ein Besuch im Hause Gold für die Bewohner mit sich bringen könnte blitzschnell ab.

Er sagt dann: >>Also gut, um acht.<<

Rosa hört am Knacken in der Leitung, dass am anderen Ende das Gespräch beendet wurde.

Minutenlang sitzt Rosa in Gedanken versunken an ihrem Schreibtisch. Ihre Augen scheinen sich in das Telefongehäuse festzubrennen. Irgendwann erwacht sie, und versucht ihre Arbeit fortzusetzen. Doch sie kann sich kaum noch konzentrieren. Immer wieder kehren ihre Gedanken zu Ash zurück.

Seine zierliche Gestalt, sein schönes Gesicht, das nicht zu deuten ist erscheint vor ihren Augen, die sie schließt. Der Satz: Ich habe Neuigkeiten ... quält und martert sie. Rosa kann es kaum noch erwarten, nach Hause zu kommen. Sie weiß, wenn sie ihre Mutter oder Ursula um sich hat, dann wird sie sich besser fühlen. Sie überlegt: Was für ein Tag ist heute, welchen Dienst hat Ursula, hat sie Nachtdienst? >>Verdammt noch mal, Rosa komm zu dir<<, schimpft sie. Sie steht auf, verlässt den Schreibtisch und geht ans Fenster. Tränen laufen ihr über die Wangen in die Mundwinkel und über das Kinn. >>Bruno, warum hast du mich alleine gelassen, warum nur?<< weint sie.

Eine über viele Jahre gehegte und gepflegte Blume gerät ihr in die Finger, und sie wirft den Blumentopf mit aller Kraft an die einzige freie Wand in ihrem Büro. Da ihr danach auch nicht besser ist, zieht sie ihren Mantel an, greift nach ihrer Handtasche, dem Funktelefon und rennt aus dem Gerichtsgebäude hinaus auf die Straße. Nachdem sie einige hundert Meter gelaufen ist, kehrt sie um, steigt in ihr Auto und fährt nach Hause.



>>Das wird Ash sein<<, sagt Rosa. Die Türglocke klingt allen Anwesenden im Eßzimmer noch in den Ohren. >>Wir gehen in die Bibliothek<<, sagt Rosa und erhebt sich, um zur Haustür zu gehen.

>>Kommen sie herein, Herr Ashron ... Hier entlang, bitte. Wir gehen in die Bibliothek. Dort sind wir ungestört, oder möchten sie zuerst meine Familie kennen lernen?<< fragt Rosa.

>>Nein, lassen sie mich erst berichten<<, sagt Ash.

>>Nehmen sie bitte Platz.<<

>>Rosa, ich komme gleich zur Sache! Vorab, habe ich eine Frage: Werden sie bei der Staatsanwaltschaft bleiben, oder haben sie etwas anderes vor?<<

>>Ich werde eine Anwaltspraxis aufmachen. Bei der Staatsanwaltschaft habe ich gekündigt.<<

>>Das habe ich mir fast gedacht. Nun gut, ich habe ihnen versprochen zu helfen. Sie benötigen hier im Haus, aber auch in ihrer Kanzlei, einen Internetanschluß. Die Menge an Informationen zur „Firma“, die sie aus dem Internet saugen können, ist schier unglaublich. Eine Liste der wichtigsten Internetadressen finden sie in den Unterlagen, die ich ihnen da lasse. Nächster Punkt: In Brüssel treffen sich am Wochenende die EU-Verteidigungsminister. Dabei sein werden auch die Staatssekretäre. Ich will damit sagen, dass Herr Reich auch in Brüssel sein wird. ... Halt, lassen sie mich ausreden! Nach Brüssel werden auch die Herren Gutzeit und Sandmann reisen. Wir wissen sogar schon, in welchem Hotel sie wohnen werden. Und wir haben Vorkehrungen getroffen.<<

>>Das ist ja interessant. Lassen sie mich raten! Sie denken, Reich will Gutzeit und Sandmann dort treffen.<<

>>Das liegt doch nahe, oder? Doch lassen sie mich auf ihre Arbeit und auf das was sie vorhaben kommen. Sie wollen mit allen rechtstaatlichen Mitteln die Genannten hinter Gitter bringen. Ist doch richtig, oder?<<

>>Ja, natürlich.<<

>>Sie wissen, dass es bisher kaum Verurteilungen gab, nicht wahr?<<

>>Ja, aber hier geht es um Mord, begangen in einem wiedervereinigten Deutschland.<<

>>Die Generalbundesanwaltschaft hat gegen Agenten der „Firma“ in der BRD ermittelt, wie sie wissen. Mehr als siebzig Prozent der Ermittlungsverfahren wurden eingestellt. Es gab einige wenige Verurteilungen, und diese lagen bei einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren auf Bewährung, oder es wurde eine Geldstrafe verhängt. Einige wenige wurden zu höheren Strafen verurteilt. Über das Bundesverfassungsgericht und ihre de-facto-Amnestie muss ich mich nicht weiter auslassen. Stimmen sie mir zu?<<

>>Ja.<<

>>Ich will auf folgendes hinaus. Sie sollten sich in nächster Zeit nur mit dem einen Fall beschäftigen, an dem Bruno gearbeitet hat. Wenn sie die Geschichte ausweiten, und das kann leicht passieren, dann geht die Sache garantiert schief. Ich möchte ihnen helfen und ich werde ihnen helfen. Aber nur, wenn sie proffessionell arbeiten. Gehen sie die Sache ganz cool an, und fühlen sie sich völlig sicher. Wir sind immer in ihrer Nähe. Geben sie mir bitte die Erlaubnis, ihre Telefone anzuzapfen.<<

>>Muss das sein?<<

>>Ja, um die Abhörprotokolle für das Gericht wasserdicht zu machen. Geben sie dem Gericht keine Möglichkeit bestimmte Dokumente, Fotos oder Videos nicht zuzulassen. Oder wollen sie, wenn sie verloren haben nach Den Haag gehen, um es ein wenig überspitzt zu formalieren.<<

>>Ich verstehe.<<

>>Wie wollen sie vorgehen?<<

>>Ich stelle Strafantrag wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Anstiftung zum Mord und vollendetem Mord. Die Anklageschrift gegen Friedlich, Reiher und Sonnerdt muss von Lade kommen. Als Nebenklägerin will ich ein Mandat von Frau Platt, Frau Bruns, Rick und Ursula. Wenn wir sie ausfindig machen können dann auch von Frau Mason und Frau Winkelmann. Wenn wir Familienangehörige von Lindner und Heemsroth, damit meine ich die Großeltern oder Geschwister auftreiben können, will ich wegen der ermordeten Kinder auch sie vertreten.<<

>>Sie haben sich viel vorgenommen ... Wer ist Lade?<<

>>Herr Dr. Lade ist mein Chef. Er ist Oberstaatsanwalt.<<

>>Lassen sie uns einen Augenblick darüber nachdenken, was unsere Gegner als Nächstes tun werden. Was denken sie, Rosa?<<

>>Ich an Sandmanns Stelle würde Friedlich, Reiher und Sonnerdt aus dem Weg räumen. Stellen sie sich doch nur einmal vor, die sagen aus, oder wir könnten einen von ihnen als Kronzeugen für die Anklage gewinnen. Das muss Sandmann doch Angst machen, was meinen sie?<<

>>Diese Leuten haben sich aber eine Strategie zu eigen gemacht, und die heißt Schweigen. Schweigen ist immer und in jedem Falle erfolgreicher als alle Kenntnisse preiszugeben. Das hat sich bisher tausendfach gezeigt.<<

>>Inzwischen haben sie aber gelernt von vergoldeten Tellern zu essen.<<

>>Dieses Privileg hatte man auch vor der Wende. Wenn man den SIRA-Daten von 1999 trauen darf, dann laufen hier noch drei bis viertausend ehemalige Agenten der „Firma“ unentdeckt herum. Das ist eine unglaublich große Zahl. Gehen wir einmal davon aus, dass Reich, Sandmann oder Gutzeit diese Schläfer aktivieren. ... Was wollen sie sagen, Rosa?<<

>>Sie machen mir Angst.<<

>>Wir sollten unsere Gegner nicht unterschätzen. Was ich sie noch fragen wollte: Ihr Noch-Chef, der Herr Dr. Lade. ... Hält der zu ihnen?<<

>>Ich weiß es nicht. Er ist wie ich Weisungsgebunden. Die eine oder andere Entscheidung kann er eigenverantwortlich treffen. Meistens aber braucht er den richterlichen Segen. Übergeht er den Richter, kann es das Ende seiner Karriere sein. Worauf wollen sie hinaus?<<

>>Vertrauen sie ihm?<<

>>Ich glaube, Herrn Dr. Lade ist das Hemd näher als die Hose.<<

>>Was immer das heißt ...<<

>>Ich glaube nicht, dass ich auf ihn zählen kann.<<

>>Wer könnte dann ihrer Meinung nach veranlassen, dass Friedlich und seine Kumpane isoliert verwahrt werden?<<

>>Sie meinen, dass Mithäftlinge keinen Kontakt zu ihnen haben sollten.<<

>>Genau das meine ich. Kontakt zu Mithäftlingen könnte unter Umständen ihren Tod bedeuten.<<

>>Da fällt mir nur der Richter ein, oder die nächsthöhere Instanz.<<

>>Das ist der Generalbundesanwalt?<<

>>Nicht unbedingt.<<

>>Ja, wer dann?<<

>>Ich werde mit dem zuständigen Richter reden. Übergehe ich ihn, macht er mir in Zukunft das Leben schwer.<<

>>Sehen sie sich die Unterlagen an, die ich ihnen mitgebracht habe. Sie finden darin auch Literaturhinweise. Im Ernst, es wurden viele Bücher über das, womit wir uns im Augenblick befassen, geschrieben. Es sind auch Unterlagen von CIA, BND und Europol dabei. Arbeiten sie das durch. Sie haben eine Menge Zeit, sich ordentlich auf kommende Verhandlungen vorzubereiten. Unterlassen sie alle Versuche, von der Gauck-Behörde Material anzufordern. Man wird ihnen nicht helfen. Wie sie sicher wissen hat der US-Geheimdienst CIA auf einer CD-ROM einen Teil der Agentenkartei der „Firma“ an die Bundesrepublik übergeben. Es ist die Kartei, die angeblich nach dem Mauerfall von der CIA unter dem Decknamen „Rosenholz“ aus der DDR geschmuggelt wurde. Auf diesen Datenträgern sollen rund eine halbe Million Vorgänge der Hauptabteilung Aufklärung gespeichert sein. Versuchen sie erst gar nicht an die Daten, oder Teile davon heranzukommen. Ich sage ihnen was kaum jemand weiß, auch die Presse nicht: Die Daten sind geheim und von den USA nicht freigegeben. Das würde sie nur aufhalten. Wenn sie etwas wissen wollen, dann fragen sie mich. Ich werde alle Möglichkeiten ausschöpfen, um ihnen das Material zu besorgen. Sie können es nicht wissen, dürfen mir aber glauben: Material der „Firma“ finden sie in allen europäischen Ländern. Auch in Osteuropa. Ja, sogar im Vatikan<<, grinst Ash und sieht auf seine Armbanduhr.

>>Danke, Ash. Ich nehme ihr Angebot an, und werde ihre Worte beherzigen.<<

>>Sie werden es schaffen, da bin ich mir sicher ... Ich muss nun aber wirklich gehen. Es ist gleich Mitternacht.<<

>>Ich bringe sie noch zur Tür.<<

>>Grüßen sie ihre Familie und Ursula recht herzlich von mir.<<

>>Sie wissen, dass Ursula bei uns wohnt?<<

>>Ja, ich weiß davon.<<

>>Wir werden gemeinsam in der neuen Kanzlei arbeiten.<<

>>Interessant!<<

>>Ja. Alleine ist die Arbeit, die auf mich zukommt nicht zu bewältigen.<<

>>Das sehe ich ein. Halten sie mich auf dem Laufenden, ja?<<

>>Ja, das mache ich. Vielen Dank für ihren Besuch, Ash.<<

>>Es war mir ein Vergnügen. Ich bewundere ihren Mut. Auf Wiedersehen.<<

>>Gerne, Ash.<<

Mitternacht ist längst vorüber. Rosa beschließt Ursula in der Klinik anzurufen. Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis in der Klinik jemand den Hörer abnimmt. Eine Verbindung zu Ursula kommt aber schnell zustande. Rosa bittet Ursula, nach Beendigung ihrer Nachtschicht in ihre Wohnung zu gehen, und von dort Alexanders Notebook mitzubringen. Die Freundin fragt nicht, warum sie das tun soll. Noch während des Telefonates in ihren Räumen, hatte Rosa begonnen sich auszuziehen. Nach dem Zähneputzen legt sie sich ins Bett.

Mittwoch, 25. Oktober

>>Rosa.<<

>>Ja, Bruno?<<

>>Rosa, du musst heute auf dich acht geben. Es wird etwas geschehen.<<

>>Was wird geschehen, Bruno?<<

>>Männer werden kommen um dir weh zu tun.<<

>>Ich fürchte mich nicht vor den Männern, wenn du bei mir bist.<<

>>Ich bin nicht wirklich bei dir, Rosa. Nur jetzt in deinem Traum.<<

>>Träume ich denn, Bruno?<<

>>Ja, Rosa.<<

>>Warum bist du von so grellem Licht umgeben?<<

>>Ich weiß es nicht, Rosa.<<

>>Komm doch zu mir, Bruno. Nimm mich in deine Arme.<<

>>Das wird nicht gehen, Rosa. Ich muss nun gehen.<<

>>Wirst du wiederkommen?<<

>>Ich weiß es nicht.<<

>>Bruno, du fehlst mir so. Bleib doch noch. Bitte, bleib bei mir<<, murmelt Rosa in ihrem Traum. Sie sieht, wie Bruno unsichtbar wird und wie das Licht das ihn umgibt erlischt.

>>Nein, ... nein<<, schreit Rosa, aufrecht sitzend in ihrem Bett. So, und mit weit aufgerissenen Augen findet die Mutter Rosa, als sie in dem Zimmer das Licht anmacht. Sie eilt zu Rosa ans Bett, setzt sich zu ihr und nimmt sie in den Arm.

>>Du hast geträumt, mein Kleines. Komm, beruhige dich wieder.<<

>>Mama, Bruno war hier. Er konnte nicht bleiben, aber er hat mich gewarnt. Er sagte: „Männer werden kommen um dir weh zu tun“. Ich weiß genau, dass er es sagte.<<

>>Was ist denn los? Hat sie geträumt?<< fragt Franz, der in der Tür steht.

>>Sieht so aus, mein Junge.<<

>>Kann ich etwas tun, Mama?<<

>>Ja, hole ihr ein Glas Wasser. Sie ist ganz verschwitzt. Ich werde ihr ein frisches Nachthemd anziehen<<, sagt die Mutter leise.

Als Franz mit dem Wasser zurückkommt, sitzen Mutter und Tochter schweigend nebeneinander auf der Bettkante.

>>Kann ich sonst noch etwas tun?<< fragt Franz und wirft einen Blick auf die Uhr, Rosas Reisewecker. Es ist vier Uhr morgens.

>>Setz dich einen Augenblick zu uns<<, sagt Rosa.

Franz zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich.

>>Mutter ist am Tag alleine im Haus. Ich möchte, dass die Villa Tag und Nacht bewacht wird. Kannst du das mit Richard besprechen, und gleich veranlassen?<<

>>Was, jetzt gleich?<<

>>Nein, du Dummer, nicht jetzt. Morgen, vom Büro aus. Wir haben doch für die Bank einen Sicherheitsdienst. Die werden sicher auch Personenschutz anbieten. Ash sagte gestern Abend, dass es noch drei bis viertausend unentdeckte Agenten der „Firma“ im Westen geben soll, von denen Gutzeit oder Sandmann zu jeder Zeit einige aktivieren kann, damit diese Anschläge und Morde begehen. Auch eine Entführung ist für diese Leute nichts neues.<<

>>Daher dein Albtraum. Der Kerl hat dir Angst gemacht. Was für Schauermärchen hat er dir denn noch erzählt?<<

>>Franz, bitte benutze deinen Verstand. Die Strafverfolgungsbehörden bei denen ich arbeite, unternehmen doch nichts gegen Reich, Gutzeit oder Sandmann. Das zeigt doch, wie mächtig diese Leute sind.<<

>>Meinst du wirklich? ... Gut, ich werde beim Frühstück mit Richard reden. Jetzt versuche noch ein wenig zu schlafen.<<

Franz erhebt sich und geht aus dem Zimmer. Die Frauen sehen ihm nach. Die Mutter wendet sich wieder ihrer Tochter zu, und sagt: >>Franz hat recht. Versuch doch noch ein wenig zu schlafen.<<



>>Richter, auf ein Wort ...<<

>>Was haben sie auf dem Herzen, Frau Gold?<<

>>Die drei Männer, die gestern aus Amsterdam überführt wurden, sind in großer Gefahr. Ich möchte sie bitten, dass sie anordnen, dass sie nicht mit anderen Häftlingen zusammen kommen.<<

>>Wie kommen sie darauf, dass diese Männer in Gefahr sind?<<

>>Man wird versuchen sie umzubringen. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Sandmann hat gar keine Wahl. Er muss sie los werden, damit sie nicht gegen ihn aussagen.<<

>>Die sind meines Wissens noch gar nicht in der Untersuchungshaftanstalt Weiterstadt. Die sind im "Kleinen Haus" in Preungesheim. Dort wo alle Transportgefangenen mit einem Gerichtstermin untergebracht sind.<<

>>Und wann haben die ihren Termin?<<

>>Das weiß ich nicht, da muss ich erst nachsehen. Wahrscheinlich aber noch diese Woche.<<

>>Werden sie mit dem Oberstaatsanwalt reden?<<

>>Ich werde darüber nachdenken.<<

>>Am Wochenende findet in Brüssel ein Verteidigungsministertreffen statt. Meinen Informationen zufolge wird Herr Staatssekretär Reich auch dort sein. Wenn es sie interessiert, dann sage ich ihnen auch, wer noch alles in Brüssel sein wird<<, sagt Rosa.

>>Ja, wer noch?<<

>>Gutzeit und Sandmann.<<

>>Und sie glauben, Reich trifft sich mit Gutzeit und Sandmann.<<

>>Allerdings, glaube ich das. Am kommenden Montag werde ich mehr wissen. Einen schönen Tag noch, Richter<<, sagt Rosa und läßt den verdutzten Richter stehen.

Als Rosa ihr Büro betritt, da läutet das Telefon auf ihrem Schreibtisch. Sie nimmt den Hörer ab und meldet sich mit ihrem Namen. Es ist Franz, der aus der Bank anruft. Franz berichtet, dass er beim Sicherheitsdienst der Bank eine Rund-um-die-Uhr Bewachung für die Villa bestellt hat. Der Bruder sei einverstanden, und der Sicherheitsdienst habe bereits die erste Schicht losgeschickt.

>>Danke, Franz<<, sagt Rosa und legt den Hörer wieder auf.



Rosa hatte einen anstrengenden Tag. Als sie am Abend nach Hause kommt, da findet sie auf ihrem Schreibtisch Alexanders Notebook vor mit allem Zubehör. Sie schließt den handlichen Computer an das Netz an, um die Akkus zu schonen. Immer wieder vergleicht sie Daten und Ereignisse, die auf der Festplatte festgehalten wurden mit den Unterlagen, die sie von Ash erhalten hat. Rosa arbeitet bis lange nach Mitternacht, und ist erstaunt, wie weit Bruno und seine Leute mit den Ermittlungen bereits gewesen waren. Sie stellt für sich fest, dass sie eine Menge Anträge wird schreiben müssen. Es sei denn: Brunos Ermittlungsakten werden höheren Ortes wieder freigegeben. Daran glaubt sie aber nicht.

Samstag, 28. Oktober

Brüssel, die belgische Metropole erstreckt sich zwischen Tälern und Hügeln mit einer Unter- und einer Oberstadt. Strenger Klassizismus rund um den Place des Martyrs, ein wenig Barock am Place du Béguinage, Art déco nahe des Parc de Forest und in Koekelberg. Kunst der Moderne findet sich im Labyrinth der Métro. Zahlreiche Cafés bieten zwischen Maison du Roi und Hôtel de Ville einen bernsteinfarbenen Duvel und ein dunkles Abteibier aus Grimbergen an. Austern und Weinbergschnecken lassen sich in der Rue de Bouchers und Petit Rue de Bouchers genießen.

Das Victor Hugo nach seiner Verbannung aus Frankreich und seinem Erfolg mit „Der Glöckner von Notre Dame“ sein nicht minder bekanntes Werk „Les Miserables“ im Herzen von Brüssel schrieb, ist nur wenigen bekannt. Mit der Jahrtausendwende soll neuer Glanz in die belgische Metropole einkehren. Brüssel, die Stadt an der Senne, ist als eine von neun europäischen Kulturhauptstädten auserwählt. Die Senne fließt seit Jahrzehnten unterirdisch durch das Herz Europas und nur am Place St-Géry erblickt sie das Licht der Brüsseler Innenstadt.

Brüssel ist ein aus neunzehn Gemeinden bestehender Großraum. Eine von drei Regionen des belgischen Föderalstaates. Hauptstadt des Königreiches Belgien, Sitz der Französischen und Flämischen Gemeinschaften. Zu guterletzt ist Brüssel Sitz der Kommission sowie des Rates der EG.

Eine Schwertlilie ziert das Wappen der Region Brüssel, Plakate, Hinweisschilder und Fahrzeuge. Die Schwertlilie, eine Zwiebelpflanze mit großen dekorativen Blüten gedieh sehr gut in den Sümpfen, von denen das Gebiet um Brüssel früher großteils umgeben war. Die Blume zierte das Zepter der Nachkommen Karls des Großen. Karl von Frankreich, der sein befestigtes Lager in Bruocsella aufschlug und 977 von Kaiser Otto II zum Herzog von Nieder-Lothringen ernannt wurde, machte 979 den Ort zu seiner Hauptstadt. Seit jener Zeit gilt dieses Datum als Gründungsjahr der Stadt Brüssel.



Im Le Métropole, 2 pl. de Brouckère haben sich am Freitag Gutzeit, Reich und Sandmann einquartiert. Dieses 5-Sterne-Hotel, das 1895 seine ersten Gäste willkommen hieß, ist seit September 1998 denkmalgeschützt und liegt zentral an der Metro de Brouckère, der Einkaufsstraße Rue Neuve und nahe des Thèâtre de la Monnai. Interessant ist das Gästebuch: Dort finden sich Unterschriften von gekrönten Häuptern wie Prinz Bernhard der Niederlande. Filmstars wie Alain Delon und Isabelle Adjani wohnten hier. Adjani kam 1982 mit Michel Serrault zu Aufnahmen für den Film „Mortelle Randonée“ nach Brüssel. Zum Hotel mit den stuckgeschmückten Räumen – es sind mehr als vierhundert - gehört auch ein eigenes Fitness-Zentrum. Im hauseigenen Restaurant „L'Alban Chambon“ speist man Gerichte à la carte wie Norwegischen Hummer in Zitronensauce oder auch zarte Kalbsrippchen mit marinierten Pilzen.

Ash, der sich nach Brüssel begeben hat, wundert sich nicht, dass auch ein Herr mit dem Namen Otto Hartmann im selben Hotel abgestiegen ist. Hartmann, Inhaber der Firma DOCE in Luxemburg wird vom israelischen Geheimdienst verdächtigt, technisches Gerät zum Bau von Giftgas- und Waffenfabriken an den Irak zu liefern. Er wird auch verdächtigt, an der Lieferung von radioaktivem Material aus Russland beteiligt zu sein. Früher schon war er Beschaffer von Embargowaren und beteiligt an KoKo-Holdings in ganz Europa. Er führt immer noch ein Netz von Tarn- und Briefkastenfirmen in der Schweiz, Österreich, Luxemburg und Dänemark. Es wird vermutet, dass er auch Firmen außerhalb Europas lenkt. Hormon-, Drogen-, Waffen-, Menschen und Organhandel sind sein Geschäft. Hartmann hält auch Kontakt zu dem deutschen Waffenhändler Schröter – wie der Geheimdienstmann weiß.

>>Sollte mich nicht wundern, wenn der Waffenhändler Schröter auch noch auftaucht, Herr Staatsanwalt<<, sagt er zu einem Herrn, der ihm in einem schwarzen Nadelstreifenanzug gegenübersitzt. Die in dieser Nacht beginnende Aktion war von der Brüsseler Staatsanwaltschaft genehmigt worden. Ash hatte Schwerstarbeit geleistet, als er die Staatsanwälte von der Notwendigkeit der Abhöraktion zu überzeugen suchte. Ein Diplomat seiner Botschaft hatte ihn dabei unterstützt.

Es war seinen Mitarbeitern gelungen, Wanzen in Hartmanns Suite zu platzieren. Das würde ihnen auch bei Schröter gelingen, sollte dieser noch auftauchen. Ashrons Agenten war aufgefallen, dass sich zwei oder drei Männer im Foyer des Hotels aufhielten, die sich so unauffällig benahmen, dass sie gerade deshalb auffielen. Man vermutete, dass sie vom BND waren. Sie sahen so deutsch aus. Damit lagen sie richtig, konnten aber nicht wissen, dass Reich vom BND überwacht wurde, seit er vor Wochen von der Staatsanwaltschaft in Berlin vernommen worden war.

>>Es geht los<<, sagt jemand auf hebräisch. Ash ist sofort aufgesprungen. Er schnippt mit den Fingern, und sofort wenden sich all seine Männer den hoch empfindlichen Geräten zu an denen Leuchtdioden blinken, und Zeiger heftig ausschlagen. Die Tonaufzeichnungsmaschinen waren automatisch gestartet. Keiner wundert sich über die Uhrzeit, zu der die Unterhaltung zwischen Hartmann, Reich, Gutzeit und Sandmann beginnt. Alle hatten gewusst dass es in dieser, oder in der nächsten Nacht geschehen würde. Reich hatte bis ein Uhr morgens gearbeitet. Hartmann hatte am Vorabend Termine wahrgenommen. Gutzeit und Sandmann hatten sich am vorigen Abend in der Hotelbar vergnügt. Nun war es halbdrei am Samstagmorgen und alle sich mit Ash im Raum befindenden Personen lauschten über Kopfhörer dem beginnenden Gespräch im Hotelzimmer von Dr. Sandmann. Die Staatsanwaltschaft Brüssel hatte einen Mann geschickt, der ausgezeichnet deutsch verstehen und sprechen konnte. Er würde später die Wortprotokolle unterschreiben.



>>Sie sind ein Volltrottel<<, hört man Hartmann sagen. Ash der froh ist, dass das Gespräch in Sandmanns Hotelzimmer stattfindet, sieht am Monitor wie Gutzeit wütend aufspringt und wie er zu antworten versucht. Doch Hartmann faucht ihn an: >>Halten sie den Mund. Mit ihnen rede ich später noch, so ich denn Lust dazu verspüre.<<

Ash und seinen Leuten war es gelungen eine Minikamera in dem Hotelzimmer von Reich und eines im Zimmer von Sandmann zu installieren. Zu mehr hatte es nicht gereicht. Im Hotelzimmer von Gutzeit waren sie gestört worden. Mikrofone hatte man aber auch dort installieren können.

>>Wir sollten uns nicht gegenseitig beleidigen oder streiten, sondern unsere Projekte besprechen. Natürlich sollten wir auch über die Geschehnisse in Frankfurt und was dort falsch gelaufen ist reden. Mir ist wichtig mit euch zu besprechen, wie wir mit den Dreien im „Kleinen Haus“ verfahren. Für mich sind sie eine ernste Gefahr, wie ihr euch denken könnt<<, sagt auf dem Monitor deutlich sichtbar Dr. Sandmann.

Hartmanns Stimme wird zu einem zornigen flüstern, als er sich vor Sandmann aufbaut um auf die Worte zu reagieren: >>Dieser Volltrottel, ... dieser Idiot hat mit dem eigenmächtig befohlenen Anschlag auf van Straaten einen Stein ins rollen gebracht, der kaum noch zu bremsen ist. Damit nicht genug: Er lässt sich dabei filmen, wie er einen weiteren Mordauftrag erteilt. Danach flieht er, was eigentlich ein Schuldeingeständnis war. Weil ihm seine Nazibanditen in den neuen Bundesländern oder aber auch heimweh so wichtig waren, kommt er zurück nach Deutschland. Wenn ich nicht so gute Verbindungen hätte, dann würde er die nächsten zehn Jahre im Gefängnis sitzen. Das gilt übrigens auch für sie Herr Dr. Sandmann.<<

>>Nun machen sie mal einen Punkt. Mir konnte schließlich nichts nachgewiesen werden<<, sagt Sandmann grinsend.

>>Sie irren, mein Lieber. Die Untersuchungsergebnisse der Gerichtsmedizin sagen eindeutig aus, dass der Herr Platt an einer Krankheit mit dem sonderbaren Namen Ciguatera gestorben ist. Diese Krankheit ist in Europa völlig unbekannt. Es gibt sie nur in der Karibik. Die Ergebnisse bei den verstorbenen Zeugen, die vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages aussagen sollten sind ebenfalls eindeutig. Reich und ich haben dafür gesorgt, dass diese Ergebnisse unter Verschluss genommen wurden. Neben einigen Tropeninstituten, sind sie wahrscheinlich der einzige Privatmann in ganz Europa, der Dinoflagellaten im Keller hatte. Wenn ich nicht sicher wüsste, dass man ihnen die Einzeller weggenommen hat, ich würde hier im Hotel nicht essen.<<

>>Es sind sicherlich Fehler gemacht worden, aber komm jetzt endlich zur Sache, Otto<<, mischt Staatssekretär Reich sich ein.

>>Wenn ich mit den Beiden fertig bin, Fred. Der nächste große Fehler der von ihnen begangen wurde, war Reinders und seine Freunde zu beauftragen, Lindner, Heemsroth und Tetzlaff zu finden. Diese Idioten finden sie und bringen alle um. Ich fasse es einfach nicht! Wenn sie wenigstens Frauen und Kinder am Leben gelassen hätten.<<

>>Die Aktion hat uns sechundachtzig Millionen eingebracht<<, wagt Sandmann einzuwerfen.

Hartmann straft ihn mit einem vernichtenden Blick, geht dann einige Schritte im Hotelzimmer auf und ab. Er verlässt das Sichtfeld der Videokamera, taucht aber bald darauf wieder auf, um dann fortzufahren: >>Auch ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte andere Leute schicken sollen, um den Container aus der Türkei zurückzuholen. Aber nein, mir kam nur dieser verrückte Killer Reinders in den Sinn. Mit welchem Ergebnis? Auch in Istanbul musste ein Mensch dran glauben. Völlig unnötig sterben.<<

>>Also gut, reden wir erst über Schadensbegrenzung<<, sagt Reich.

>>Es ist nicht nötig, die drei Männer im „Kleinen Haus“ zu liquidieren. Sie werden nichts sagen. Wenn doch, dann habt ihr eben Pech gehabt. Wer von euch hatte denn die großartige Idee, die beiden Kriminalbeamte in die Luft zu sprengen?<< fragt Hartmann.

>>Das haben wir gemeinsam so beschlossen. Dieser Bruns und dieser Einohrige haben uns den letzten Nerv geraubt<<, sagt Sandmann.

>>Da kann man mal sehen, wie verweichlicht ihr seid. Habt ihr nicht gelernt, keine Nerven zu haben. Sie Herr Sandmann haben bei ihrer Vernehmung zu Protokoll gegeben, dass Gutzeit es war, der den Auftrag gab van Straaten aus dem Weg zu räumen. Was ich nicht verstehe ist, wozu das Ganze? Hätte dieser van Straaten uns wirklich schaden können? Ich glaube das nicht<<, sagt Hartmann und sieht erst in Sandmanns blass gewordenes Gesicht und dann zu Gutzeit hinüber.

>>Woher wollen sie das wissen, was sie eben sagten?<< fragt Sandmann nach einer Weile.

>>Ich weiß es eben. Ist mir nur so rausgerutscht, vergessen sie‘s.<<

Ash sieht auf dem Monitor die Kiefer von Sandmann mahlen. Ich würde es auch zu gerne wissen, denkt Ash.

>>Jetzt zur Schadensbegrenzug, wie Fred das nennt. Ich befehle euch hiermit, dass ihr in Deutschland nichts mehr unternehmt, ohne es vorher mit mir abzusprechen. Diese Staatsanwältin hat übrigens gekündigt, und eröffnet eine eigene Kanzlei. Ich kann mir schon denken, was sie vorhat. ... Was ist, Herr Sandmann?<< fragt Hartmann.

>>Äh, ... es ist so, dass wir einige Ehemalige geweckt haben, die sich um die Gold kümmern sollen.<<

>>Was sagen sie da? Mit kümmern meinen sie doch wohl nicht, dass sie einen Anschlag auf, ... oder gar eine Entführung dieser Person befohlen haben?<<

>>Doch<<, antwortet der Angesprochene kleinlaut.

>>Ihr seid verrückt<<, sagt Hartmann sichtlich erschüttert. >>Pfeifen sie die Leute zurück, sofort! Blasen sie den Wahnsinn sofort ab.<<

Während Ash zum Telefon geht, hört er Sandmann noch fragen: >>Was, jetzt sofort?<<

>>Ja, jetzt sofort<<, schreit Hartmann Sandmann an und setzt sich.



>>Rosa?<<

>>Ash, sie?<<

>>Ja, Rosa. Es ist wichtig.<<

>>Es muss wohl wichtig sein, wenn sie mich aus dem Schlaf holen.<<

>>Hören sie zu, Rosa. Wir haben soeben erfahren, dass die Seilschaft erneut einen Anschlag ausführen will.<<

>>Die Drei im „Kleinen Haus“ sollen erledidigt werden, habe ich recht?<<

>>Nein<<, antwortet Ash, schweigt und holt tief Luft.

>>Die wollen ... mich?<<

>>Ja ...<<

Lange Zeit bleibt es still in der Leitung nach Frankfurt.

>>Bruno war bei mir, er hat es mir vorhergesagt.<<

>>Das ist gut, Rosa. Ich hoffe ...<<

>>Was soll ich ihrer Meinung nach nun tun?<<

>>Es ist Wochenende. Was haben sie Samstag und Sonntag vor?<<

>>Mich um mein Pferd kümmern und zu Hause an dem Fall arbeiten.<<

>>Gut, machen sie alles wie geplant. Ich habe eine Bitte<<, sagt Ash.

>>Ja?<<

>>Ich werde meinen Leuten sagen, dass sie direkt vor ihrer Tür parken sollen. Bei dem Fahrzeug handelt es sich um einen silbermetallicfarbenen Audi. Im Kennzeichen dieses Audi ist das zweite Buchstabenpaar zufällig „IS“. Es liegt ziemlich tief, weil es gepanzert ist. Auf Grund von vielen PS, ist es sehr schnell. Der Fahrer sieht mir sehr ähnlich. Er gehört zu meiner Familie. Der Beifahrer sieht eher aus, wie ein Russe. Steigen sie bis auf weiteres nur in dieses Auto ein. Werden sie das tun?<<

>>Ja, Ash. Ich verspreche es.<<

>>Sehr gut, sie sind ein artiges Mädchen.<<

>>Ash?<<

>>Ja, Rosa?<<

>>Wir haben dem Sicherheitsdienst unserer Bank den Auftrag erteilt, unser Haus zu bewachen. Ich hatte Angst um Mama. Vor der Tür sitzen zwei Wachleute in ihrem Auto. Unser Garten wird mit einer versteckten Videokamera überwacht. Ich denke, das sollten sie wissen.<<

>>Informieren sie ihren Wachdienst, und klären sie das mit dem Audi. Alles müssen die natürlich nicht wissen. Klären sie das noch vor dem Frühstück, also möglichst früh<<, verlangt Ash von Rosa und beendet das Gespräch.



>>... die neueste IR-Technik habe ich letzte Woche bei den Japanern eingekauft. Die Iraker werden zufrieden sein<<, hört Ash Hartmann sagen, nach dem er die Kopfhörer wieder aufgesetzt hat und seinen Blick wieder auf den Monitor richtet. Er kann sehen, dass Sandmann wieder sein Funktelefon in die Hand nimmt und wie er jemanden zu erreichen versucht. Doch das scheint nicht zu klappen. Nach einer Weile nimmt er das Handy wieder vom Ohr und legt es weg.

>>Immer noch nicht?<< fragt Hartmann.

Sandmann schüttelt verneinend den Kopf.

>>Das Jemen-Projekt ist ganz gut angelaufen<<, fährt Hartmann seine Worte an Reich richtend fort >>Dort hat man dieser Tage drei junge Deutsche, einen Holländer und einen Franzosen entführt. Damit hast du – wie verabredet – ein Argument mehr, um Druck in deinem Ministerium zu machen. Unser Projekt Alt-Pestizide in Zentralafrika wirft inzwischen eine Menge Geld ab. Das Verschieben von Giftstoffen hat sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt. Ich habe also wieder einmal recht behalten, unsere eigenen Berater arbeiten sehr gut mit der Afrikanischen Entwicklungsbank zusammen. Die UNEP-Konferenz im Dezember in Johannesburg, wird daran wenig ändern.<<

>>Was wird aus dem Türkei-Projekt?<< will Reich wissen.

>>Vorläufig auf Eis gelegt. Dafür laufen die Verhandlungen mit Syrien und dem Libanon recht erfolgreich.<<

Ash nimmt die Kopfhörer ab, und legt sie weg. Das will er sich nicht anhören. Später wird entschieden, was von den Mitschnitten nach Israel überspielt wird. Ash geht aus dem Zimmer und sucht das für ihn angemietete Hotelzimmer auf. Dort legt er sich voll bekleidet aufs Bett und ist fast augenblicklich eingeschlafen.



Rosa muss nie viel einpacken, wenn sie zu Moritz fährt. Stiefel und Reithose hat sie in einem gemieteten Spind im Reitstall. Sie packt einen Bund Möhren ein, die sie am Freitag eingekauft hat und begibt sich zu dem vor der Tür wartenden Audi. Bevor sie einsteigt, wirft sie noch einen Blick zu dem Fahrzeug vom Wachdienst hinüber. Einer der Insassen gibt mit nach oben zeigenden Daumen zu verstehen, dass sie informiert wurden. Das Kennzeichen des Audi kontrolliert sie nicht. Der Fahrer ist unverkennbar mit Ash verwandt. Rosa steigt hinten ein und begrüßt Fahrer und Beifahrer freundlich.

>>Ich bin Iring, ... Iring Hradul. Neben mir, das ist Brunowsky<<, stellt der ebenso gut aussehende Verwandte von Ash, sich und den Beifahrer vor.

>>Mein Name ist Rosa Gold, aber das wissen sie bestimmt.<<

>>Ja. Wohin fahren wir?<<

>>In die Nähe von Oberursel.<<

>>In den Taunus, also.<<

>>Ja.<<

Rosa wundert sich, wie schnell sie die A5 erreichen. Auf der Autobahn fragt sie: >>Wer von ihnen kann reiten?<<

>>Ich kann reiten<<, sagt Iring, der Fahrer. Er reicht die Frage an seinen Beifahrer weiter: >>Kannst du reiten, Brunowsky?<<

>>Auf einem Esel, vielleicht. Aber auf einem Pferd, ... ich weiß nicht.<<

>>Hat ihr Freund keinen Vornamen?<< fragt Rosa.

>>Ich glaube nicht. Alle nennen ihn nur Brunowsky. Hast du einen Vornamen Brunowsky?<< fragt Iring seinen Beifahrer.

>>Jonathan<<, knurrt der.

>>Jonnessen. Ein schöner Name, und so amerikanisch.<<

>>Hast du gehört, Brunowsky? Amerikanisch, sagt sie. Dabei hat dich eine Russin im Gallop verloren.<<

>>Sei still, oder ich vergesse, dass du mein Freund bist.<<

>>Sie dir mal den dritten Wagen hinter uns an, den dunkelblauen Daimler hinter dem Ford<<, sagt Iring auf hebräisch.

>>Den beobachte ich schon, seit wir losgefahren sind<<, brummt Brunowsky.

Das Bad Homburger Kreuz wird erreicht. Sie verlassen die A5 und fahren in den Taunus. >>Ich fahre auf den gleich kommenden Rastplatz. Mal sehen was dann passiert. Ich kenne mich dort etwas aus. Wenn es brenzlich wird, dann verlassen wir den Rastplatz über den Lieferantenweg<<, sagt Iring auf hebräisch.

>>Ist gut<<, murmelt Brunowsky.

>>Noch was: Wenn ich mich nicht irre, dann liegt neben dem Weg nach hundert Metern ein Findling, ziemlich groß. Dort halte ich kurz an und du springst raus. Ich fahre wieder an, und halte nach dreißig Metern wieder. Dort verlässt Rosa das Auto und wirft sich in die Büsche. Alles klar?<<

>>Klar.<<

>>Rosa, es kann sein, dass wir gleich Ärger bekommen<<, sagt Iring.

>>Woraus schließen sie das?<<

>>Keine Fragen, Rosa. Tun sie nur, was ich ihnen sage! Legen sie sich hin. ... Gut so. Wenn ich raus rufe, dann öffnen sie blitzschnell die Tür, und hechten in die Büsche. Verstanden?<<

>>Ja.<<

Iring fährt auf den Rastplatz hinter die Tankstelle. An der Lieferantenzufahrt fährt er nur wenige Meter vorbei und hält den Audi am Randstreifen an. Nur wenige Augenblicke später taucht der dunkelblaue Daimler auf. Iring hat die rechte Hand auf dem Schalthebel des Automatikgetriebes liegen. Der Wählhebel befindet sich in neutraler Position, auf „N“. Der Motor röhrt bei etwa dreitausend Umdrehungen. Der Daimler ist fast in Höhe vom Heck des Audi. Jetzt kann Iring erkennen, dass die Seitenfenster offen sind und die Läufe von Maschinenwaffen sichtbar werden. Iring fühlt, wie sich seine Nackenhaare sträuben. Mit dem ersten bellen der Maschinengewehre legt er den Rückwärtsgang ein. Die Antriebsräder drehen durch und nur Sekunden später bewegt sich der Audi schlingernd rückwärts. Eine kleine Bewegung nur am Lenkrad, und der Wagen steht in Fahrtrichtung zum besprochenen Fluchtweg. Ein Blick nach links verrät Iring, das der Fahrer des Benz sein Fahrzeug gekonnt wendet. Der Audi schießt den etwas besseren Feldweg hinunter. Schon hält Iring den Wagen wieder an. Brunowsky verlässt sie mit einer eigenartigen Waffe in der Hand. Iring fährt weiter und hält nach etwa dreißig Metern erneut an. >>Raus, Rosa<<, ruft er.

Brunowsky hat sich hinter den Findling begeben, und lädt seelenruhig seine Waffe. In eine Kammer schiebt er nacheinander drei Sprenggeschosse. Erst als der dunkelblaue Mercedes vorbeifährt rastet ein volles Maschinengewehrmagazin an dafür vorgesehener Stelle ein. Brunowsky kommt nun hinter dem Findling hervor, und er geht die Waffe im Anschlag in Richtung Daimler und Audi. Vier Männer verlassen das dunkelblaue Fahrzeug, das zwangsläufig angehalten hat. Die vier Männer sind noch keinen Schritt gegangen, als zwischen ihnen der Tank des Daimlers explodiert. Brunowsky hatte als die Männer ausstiegen keine Sekunde gezögert, sondern gleich ein Sprenggeschoss in den Tank des Daimlers gejagt. Durch die Druckwelle des explodierenden Benzintanks werden die vier Gegner weggeschleudert. Er kann sehen, dass Iring aus dem Audi ausgestiegen ist, und wie bläuliche Blitze aus Irings Maschinenpistole herausfahren. >>Ta-ta-ta-tack.., ta-ta-ta-tack.., ta-ta-ta-tack.<< So hört es sich für Rosa an.

Brunowsky wählt die rechte Seite des brennenden Mercedes um nicht in das Schußfeld seines Freundes zu geraten. Aus seiner Maschinenwaffe fahren kurze Feuerstöße >>Ta-ta-ta-tack.., ta-ta-ta-tack.., ta-ta-ta-tack...<< Dann ist es ruhig.

Rosa lauscht in ihrem Versteck. Dann hört sie, wie Iring ihren Namen ruft. Ein klein wenig Schmutz an Hemd und Hose, das Gesicht ein einziges Fragezeichen, so nimmt sich Iring ihrer an. Er legt ihr eine Decke um die Schultern und sorgt dafür dass sie nicht zu dem brennenden Mercedes und den am Boden liegenden Toten sieht. Er lässt sie wieder in den Audi einsteigen. Brunowsky sitzt auf seinem Platz, als wäre nichts geschehen. Iring schwingt sich hinter das Lenkrad, schließt die Tür und fährt los. Im Rückspielel sieht er, dass Rosa durch das Heckfenster zurücksieht. Aus dem brennenden Wrack schießt erneut ein Feuerball. Die ehemals schicke Limousine wird in Stücke gerissen.

>>Oh, oh. Hast du das gesehen, Brunowsky? Da haben wir aber Glück gehabt, die hatten Sprengstoff oder Handgranaten im Auto. ... Wenn wir uns rechts halten, dann müsste gleich eine befestigte Straße kommen. Die U15, oder so. ... Ah ja, da ist sie ja. Gleich können wir wieder auf die Autobahn. Sie möchten doch noch zu ihrem Reiterhof, oder?<< fragt er Rosa und sieht in den Rückspiegel. Rosa nickt.

>>Wieviele waren es?<< fragt sie.

>>Vier<<, antwortet Iring.

>>Sind sie tot?<<

>>Anzunehmen.<<

>>Oh, Gott.<<

>>Sie müssen wissen, dass diese Männer eigentlich zurückgepfiffen werden sollten. Sandmann hat in der vergangenen Nacht von Brüssel aus vergeblich versucht diese Leute anzurufen. Hartmann hat es ihm befohlen. Ash sagte mir, dass Hartmann ausser sich war, als er von dem Plan sie zu ermorden erfuhr. Vermutlich war Funkstille vereinbart. Also nahm niemand den Hörer ab, und die Funktelefone blieben ausgeschaltet.<<

>>Hartmann? Der Hartmann aus der Schweiz?<<

>>Ja, genau der.<<

Rosas Wegweisungen folgend erreichen sie bald darauf den Reiterhof.

>>Ich glaube nicht, dass ich ausreiten werde<<, sagt sie.

>>Warum nicht? Es ist vorbei, Rosa.<<

>>Ich kann Moritz auch auf dem Gelände bewegen.<<

>>Wie sie wollen.<<

>>Ich gehe mich umziehen. Sie müssen nicht im Auto sitzen bleiben, wir haben hier eine gemütliche Reiterschänke. Mich finden sie später dort hinten, wo das junge Mädchen voltigiert<<, sagt Rosa.

>>Kann man hier alles mieten, ... ich meine ein Pferd und Stiefel, vielleicht?<< will Iring von Rosa wissen.

>>Können sie denn wirklich reiten?<<

>>Wenn ich es doch sage!<<

>>Schön, dann wenden sie sich an den Reitstallbesitzer. Er hat eine ziemlich krumme Nase, und trägt eine Schlägermütze. Meistens ist er im Stall! Er wird sicher etwas passendes für sie da haben.<<

>>All right, bis später dann.<<

Brunowsky ist mittlerweile zweimal um den Audi herumgelaufen. Er ist auf der Suche nach entstandenen Schäden. Er öffnet gerade die Motorhaube, als Iring sich wieder zu ihm gesellt.

>>Wie sieht es aus?<< fragt er auf hebräisch.

>>Nicht so schlimm. Sechs oder sieben Einschußlöcher habe ich gezählt. Ich will sehen, ob der Motor oder ein anderes Aggregat etwas abbekommen haben. Zwei Kugeln sind nämlich oberhalb des linken Vorderrades eingedrungen.<<

>>Und?<<

>>Noch habe ich nichts gefunden.<<

>>Ich werde jetzt die Zentrale anrufen<<, sagt Iring.

>>Mach das.<<



Moritz will schmusen und er will die Möhrchen. Ein Paar hat er bereits in seiner Box genüsslich verspeist. Er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Rosa hat ihn zum Sattelplatz geführt. Das Zaumzeug hängt an ihrer Schulter. Moritz genießt es, gebürstet zu werden. Immer wieder sieht er sich um und schnaubt. Seine großen dunklen Augen sehen Rosa fragend an, als wolle er wissen, warum seine Reiterin weint. Rosa legt ihren Kopf an seinen Hals, und lässt den Tränen freien lauf.

>>Du wirst mich nicht alleine lassen, versprich es mir ...<< Moritz schnaubt und schüttelt den Kopf. Rosa füttert ihn mit den restlichen Möhren. Neben ihr erscheint Iring. Er bindet eine braune Stute neben Moritz an.

>>Moritz, sieh mal. Da ist Sissy, deine beste Freundin.<< Moritz schnaubt vor Freude. Von nun an interessiert ihn nur noch die braune Stute.

>>Der Rittmaster wird wohl genau gewusst haben, warum ich die Stute nehmen sollte. Die Beiden scheinen sich zu mögen<<, sagt Iring.

>>Sehr, sogar<<, antwortet Rosa, schnäuzt sich und wischt sich mit dem Taschentuch das Gesicht.

Iring hat Bürste und Striegel zur Hand genommen. Bevor er Sissy zu bürsten beginnt sagt er: >>Sie haben geweint, Rosa. Geht es ihnen wieder besser?<<

>>Ja, Iring. Jetzt geht es mir bedeutend besser.<<

>>Werden sie mit mir ausreiten?<<

>>Ja, wenn sie das möchten<<, antwortet Rosa leise.

>>Ich freue mich darauf<<, sagt er.



Gute zwei Stunden reiten sie. Mal trabend, mal im Galopp. Zurück auf den Reiterhof kommen sie im Schritt. Die Pferde dampfen. Frische, gesunde rote Wangen leuchten in Rosas Gesicht. Sie setzt die Reitkappe ab und gleitet aus dem Sattel. Rosa sieht lächelnd zu Iring hoch, der noch im Sattel sitzt und fragt: >>Was ist, warum sehen sie mich so an?<<

>>Ich, ... ich bewundere sie. Sie waren sehr tapfer heute.<<

>>Danke.<<

>>Rosa?<<

>>Ja?<<

>>Glauben sie an Gott?<<

>>Wüstensohn, ... warum fragen sie mich ausgerechnet das?<<

>>Durfte ich sie das nicht fragen?<<

>>Doch! Sehen sie<<, sagt Rosa und klopft ihrem Moritz den Hals. >>Er ist ein Gott, sie sind ein Gott und Sissy ist eine Göttin. Und alles was sie da draußen sehen<<, sie zeigt mit der Hand auf die Felder, Wiesen und den Wald, von wo sie gerade kommen >>ist meine Religion, ... Zufrieden?<<

>>Oh ja, sehr zufrieden.<< Iring rutscht aus dem Sattel und steht plötzlich direkt vor ihr. Sanft nimmt er sie in seine Arme und küsst Rosa auf den Mund.

>>Was tun sie, ... was geschieht mit mir?<< Rosa legt nach dem einen zärtlichen Kuss ihren Kopf an seine Schulter und fragt ihn das.

>>Rosa, ich weiß dass sie noch um einen wunderbaren Mann trauern. Ich kannte ihn, wir sind uns oft begegnet. Bitte verzeihen sie mir, aber ich habe mich in sie verliebt<<, flüstert Iring in den Haarschopf an seiner Brust.

Vorsichtig löst sich Rosa aus seinen Armen und sieht in seine Augen. Dann legt sie einen Finger auf seine Lippen und sagt: >>Wir müssen die Pferde versorgen und sie auf die Koppel bringen. Danach werde ich duschen.<<

Beide sehen sich aus einer Entfernung von einem halben Meter in die Augen.

>>Was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun<<, fragt Rosa.

>>Ich weiß es nicht<<, sagt Iring. >>Ich habe keinerlei Erfahrung mit Frauen, außer vielleicht mit meiner Mutter, meinen Tanten und Cousinen.<<

>>Ist deine Familie so groß?<<

>>Oh ja, sehr groß.<<

>>Ich mag dich Iring, doch ich muss da erst etwas zu Ende bringen. Kannst du das verstehen?<<

>>Ja.<<

>>Denkst du, dass du so lange warten kannst?<<

>>Ja, ich bin mir sicher.<<

Rosa tritt zu ihm hin, und legt ihren Kopf noch einmal an seine sportgestählte Brust.

>>Hast du solche Herzklopfen?<< fragt sie nach einer Weile.

>>Ja, wie nie zuvor in meinem Leben.<<

>>Komm, wir müssen die Pferde versorgen, die sind schon ganz unruhig.<<

Der Reitstallbesitzer kommt aus den Stallungen, und geht auf Rosa zu. >>Was sind das denn für sonderbare Heilige, die sie da mitgebracht haben?<< fragt er.

>>Wieso, ... was ist denn? Sind doch ganz nett, die Zwei.<<

>>Na ja, aber eigenartig. Allein schon wegen ihres aussehens. Kommen sie mal mit, ich zeig ihnen was. Sehen sie mal, was der eine Ausländer mit Casio macht. Sie wissen doch, der Fuchs lässt keinen an sich ran seit sein Besitzer Dr. Albrecht gestorben ist. Deshalb soll er ja auch verkauft werden.<<

>>Ja und, was macht er?<<

>>Er flüstert ihm andauernd irgendwas ins Ohr. In einer Sprache, die ich nicht verstehe. Der Fuchs hört ihm zu und ist lammfromm.<<

>>Ein Pferdeflüsterer also, wie im Film?<<

>>Was für‘n Film?<<

>>Schon gut! Lassen sie ihn und Casio doch mal in die Halle.<<

>>Meinen sie wirklich?<<

>>Ja. Zeigen sie ihm den Weg.<<

Brunowsky bekommt gesagt, dass er mit Casio in die Halle gehen soll. Der nickt, und öffnet die Boxentür. Dann geht er langsam den Gang zwischen den Boxen hinauf und dann links zur Halle. Der Fuchs schnaubt unwillig, kommt aber aus der Box, macht einen fürchterlich langen Hals und trottet dann hinter Brunowsky her. Als dieser die Reithalle erreicht, öffnet er die eine Hälfte der schweren Bandentür. Casio beginnt auf den letzten Metern zu traben, und ist eine Sekunde später an Brunowsky vorbei in der Halle. Bevor Brunowsky die Bande wieder schließen kann, flitzt noch ein Schäferhund an ihm vorbei.

>>Mit dem Hund hat er zuallererst geredet, haben mir die Kinder erzählt<<, sagt der Reitstallbesitzer zu Rosa, als sie sich innerhalb der Halle von außen an die Bande lehnen um in die Arena zu sehen.

Ein Pfiff ertönt. Der Schäferhund unterbricht sein närrisches Getue und setzt sich. Casio baut sich vor ihm auf und schnaubt. Brunowsky hat die Mitte der Reithalle und die Tiere erreicht. Er spricht mit ihnen. Dann klatscht er in die Hände und der Schäferhund beginnt zu rennen. Casio hinterher. Der Hund wechselt durch die ganze Bahn. Der Fuchs hinterher. Seine Mähne fliegt, er galoppiert. So geht das einige Minuten zur Freude der Kinder und Erwachsenen. Wieder ertönt ein Pfiff. Der Hund ist als erster bei Brunowsky und wird gelobt. Dann kommt der Fuchs. Brunowsky lobt auch ihn und fährt mit den Händen durch Casios Mähne. Mit gespitzten Ohren hören Hund und Pferd, was Brunowsky ihnen zu sagen hat.

>>Was für ein Schauspiel<<, murmelt Rosa mit tränennassen Augen.

>>Der kann mit Tieren besser umgehen, als manch einer von uns<<, sagt der Mann mit der fürchterlich schiefen Nase. Er hält andächtig die Schlägermütze in der einen Hand, und kratzt sich mit der anderen hinter dem Ohr.

Brunowsky kommt an die Bande. Die Tiere folgen. Er dreht sich zu ihnen um und sagt: >>Hopp-hopp, geht spielen.<< Mit einer Handbewegung schickt er die Tiere los. Das Schauspiel beginnt von neuem.

>>Mensch Brunowsky, ich denke, ich habe dich verkannt<<, sagt Iring.

>>Wollen sie den Fuchs reiten?<< fragt der Reitstallbesitzer.

>>Ich kann nicht reiten<<, sagt Brunowsky und sieht den Tieren zu.

Montag, 13. November

>>Es beginnt mit der Gründung eines Handelsunternehmen in Form einer GmbH. Nach Eintragung ins Handelsregister werden die Gesellschaften zum Schein von Strohmännern - die sich als Gesellschafter oder Geschäftsführer eintragen lassen - geführt. Die eigentlichen Drahtzieher der Geschäfte sitzen irgendwo im Ausland. Sie lassen die Ware liefern, oder liefern selbst. Diese Unternehmen existieren nur wenige Monate. Bis die Ermittlungsbehörden tätig werden, sind Täter, Unterlagen und Computer verschwunden<<, antwortet Rosa auf die Frage ihrer Freundin Ursula nach Sinn und Zweck der Briefkastenfirmen von Otto Hartmann.

>>Wenn es den Euro gibt, geht es mit der Geldwäsche erst richtig los<<, sagt Richard.

>>Das wird für die Mafia ein Bombengeschäft<<, meint Franz.

>>Die lassen rein garnichts aus. Wir haben Beweise dafür, dass immer mehr Eigentümer von so richtig edlen Karossen ihre Autos selbst verkaufen. Dann meldet man sie als gestohlen und kassiert bei der Versicherung ab. Dabei sind die Autos längst mit gültigen Papieren in Polen. Soviel zu unserer ehrenwerten Gesellschaft, die keinen deut besser ist<<, sagt Rosa.

>>International operierende Verbrecherbanden machen mit Hormon-, Drogen-, Waffen-, Menschen und Organhandel Milliardenumsätze. Sie sind inzwischen ein Wirtschaftsfaktor, zu vergleichen mit internationalen Konzernen<<, sagt Richard.

>>Immer mehr kriminelles Geld fließt in legale Geschäfte ein. Es werden kaum Industrien oder Geschäftszweige ausgelassen. Das organisierte Verbrechen setzt dreistellige Milliarden Dollarsummen allein im europäischen Raum um. Gelenkt wird das organisierte Verbrechen zum Teil von Frankfurt aus<<, fügt Franz hinzu.

>>Korruption, Beamtenwillkür und Dummheit im Polizeiapparat macht es der Mafia natürlich auch noch leicht<<, sagt Rosa und sieht in die Runde.

>>An diesen Verbrechen beteiligen sich nahezu alle Gesellschaftsschichten. Kirchen, Politik und die Wirtschaft sowieso. Amerikanische Wirtschaftsfachleute und Analytiker rechnen mit einem Verschwinden von klassisch organisiertem Verbrechen, weil die enorm hohen kriminellen Profite die Weltwirtschaft mittragen und aus der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken sind.<<

>>Oh Gott, das ist ja furchtbar<<, sagt die Mutter.

>>Ja Mama, das läßt sich aber nicht mehr stoppen<<, sagt Rosa.

>>Wir sind der Meinung, dass die Mafia durch die Globalisierung der Märkte und Finanzströme sogar noch gefördert wird <<, sagt Franz.

>>Die immer durchlässigeren Grenzen, freieren Handelswege und die globalen Finanzströme mögen ja gut sein für die Wirtschaft, doch weiß das auch die organisierte Kriminalität zu nutzen<<, sagt Rosa daraufhin.

>>Ach Kinder, können wir nicht von was Anderem reden?<< fragt die Mutter.

>>Klar, Mutter. Ursula, wie sieht es bei dir mit Skilaufen aus?<< fragt Richard.

>>Was meinst du, Richard?<<

>>Na ja, vielleicht hast du Lust zwischen Weihnachten und Neujahr mit uns nach Garmisch zu kommen<<, fährt Richard fort.

>>Zum Skilaufen?<<

>>Ja, was denn sonst?<< fragt Franz.

Ursula sieht ihre Freundin an und fragt: >>Meinen die das im Ernst?<<

>>Ich denke schon<<, schmunzelt Rosa.

>>Und du, was machst du zwischen den Tagen?<<

>>Mama und ich bleiben zu Hause. Wie du weißt, liegt sehr viel Arbeit vor mir. Fahr du nur mit und amüsiere dich mit den Beiden in Garmisch.<<

>>Schön, Skilaufen ist eine meiner Leidenschaften. Ich denke darüber nach.<<

>>Tu das, mein Kind<<, sagt Mutter Gold. >>Hast du in letzter Zeit mal was von Sarah und Rick gehört, Rosa?<<

>>Du lieber Gott, Mama. Gut das du danach fragst. Ich muß dort unbedingt anrufen. Entschuldigt ihr mich für ein Weilchen?<<

>>Bestell ihnen liebe Grüße von uns allen<<, sagt die Mutter.

>>Mach ich, Mama<<, sagt Rosa und eilt aus der Wohnstube.



Der erste Herbststurm fegt über Westfriesland. Sarah liegt auf dem Sofa. Eine Wolldecke hat sie bis zum Kinn hochgezogen. Sie fröstelt. Beide Hände hat sie unter der Decke auf ihrem dicken Bauch liegen. Seit zwei Stunden liegt sie auf dem Sofa. Seit zwei Stunden gibt das Kind in ihrem Bauch endlich Ruhe, und tritt sie nicht mehr unentwegt. Manchmal wünscht sie, es wäre endlich vorbei und das Kind geboren. Doch sie muß sich noch etwa vier Wochen gedulden. Sarah sieht zum großen Terassenfenster. Die Terasse ist hell beleuchtet. Rick hat vergessen, das Licht auszumachen. Sie sieht, wie der Regen vom Sturm getrieben gegen die Scheiben prasselt. Weiter draußen ist es stockfinster. Es ist neun Uhr am Abend. Ihr Blick wandert zum Kamin, von wo wohlige Wärme ausgeht. Doch Sarah fröstelt immer noch. Es ist warm im Wohnzimmer. Rick ist hemdsärmelig und Veronique hat ihren Pullover ausgezogen. Sie sitzt in Spitzenunterhemd und Jeans mit gekreuzten Beinen am Boden. Rick sitzt in einem Sessel am Kamin und vor ihm auf dem Tisch steht sein allabendliches Glas Rotwein. Immer wenn Veronique sich nach vorne beugt, um von Rick ein Blatt seines Manuskriptes anzunehmen sieht er die wunderschönen Früchte ihrer Jugend hervorlugen. Ihre Nacktheit macht ihm nichts aus. Längst gehen sie gemeinsam in die Sauna, und wie oft trifft er seine Frauen nackt im Badezimmer an. Nur Grete, die erträgt die Nacktheit des jungen Mädchens und der werdenden Mutter nicht. Sie hat beide deswegen schon aus der Küche gejagt.

>>Die Nanotechnologie ist von der Mikrosystemtechnik leicht zu unterscheiden, da diese die Miniaturisierung verfolgt, während die Nanosystemtechnik den Aufbau großer komplexer Strukturen durch allerkleinste Elemente ermöglicht<<, hört Sarah Rick gerade sagen.

>>Sagt Drexler<<, meint Veronique.

>>Nein, der Physiker Feynmann<<, sagt Rick.

>>Und wie wird nun das Interfaceproblem gelöst?<<

>>Die Erforschung von Schnittstellen, ist ein wesentlicher Aspekt der Molekularelektronik. Durch sie können völlig neuartige Systemüberlegungen für den Aufbau komplexer Systeme angestellt werden. Warum sollte es nicht möglich sein, den Inhalt der kompletten Encyclopaedia Britannica auf die Größe eines Stecknadelkopfes schrumpfen zu lassen?<<

>>Wie groß ist noch mal ein Nano<<, fragt Sarah.

>>Die Einheit Nano entspricht 10 hoch -9 m und kommt aus dem griechischen Wort „nanos“, was soviel wie Zwerg heißt. Die Durchmesser von Fullerenen - von Buckyballmolekülen z. B. - betragen etwa 1 Nanometer, von Kohlenstoffatomen 0,15 Nanometer und von Wasserstoffatomen nur etwa 0,075 Nanometer. Zellen hingegen werden in Mikrometern angegeben, und DNA-Strukturen werden wieder in Nanometern gemessen. Anders ausgedrückt: Nanos sind nanoskopische Partikel. Sie messen nur wenige Millionstel eines Millimeters, weniger als die Wellenlänge des sichtbaren Lichts. Rund zehntausend solcher ätherischen Kügelchen würden auf dem Durchmesser eines deiner Haare Platz finden.<<

>>Wie nur stelle ich mir eine Nanomaschine vor, von der Wouters sprach?<<

>>Ja, wie nur? Es gibt bereits Billionen von Nanomaschinen, die ihre Leistungsfähigkeit z. B. an uns Menschen täglich unter Beweis stellen, nämlich Viren und Bakterien. Bisher jedoch beherrscht nur die Natur diese Bottom up-Technologie, molekulare und supramolekulare Systeme herzustellen.<<

>>Was ist das, Bottom up? ... Eine neue Magarine?<<

>>Zum Wohle<<, antwortet Veronique.

>>Zum Wohle?<< Sarah sieht Veronique fragend an.

>>Das bedeutet das<<, sagt Veronique freundlich.

>>Ach so, und ich dachte schon ihr spendiert mir ein Glas Sekt<< schmunzelt Sarah.

>>Während die Mikroelektronik einen immer bedeutenderen Anteil an der Wertschöpfung von Produkten einnehmen wird, ist anwendungsorientierte Nutzung der Nanotechnologie in der Optik, der Nanoelektronik, der Sensorik, der Robotik, der Prozeßtechnik, der Biotechnologie, der Umwelttechnik, der Solartechnik, der Medizin und der Biochemie denkbar. Die Einführung der für unsere Augen unsichtbaren Maschinen, die durch Selbstreproduktion neue Maschinen erzeugen, wäre deshalb ein einschneidender Schritt für die Entwicklung der Menschheit, da sie eine nahezu vollständige Beeinflussung der menschlichen Biologie erlaubt.<<

>>Mir graust davor<<, sagt Sarah.

>>Durch die Molekulartechnologie steht der Mensch vor der Überwindung seiner eigenen Grenzziehung<<, fährt Rick ungerührt fort. >>Die Lebensfähigkeit des Menschen wird dadurch aufrecht erhalten, daß sich Zellen ständig teilen und sich selbst reparieren. Das ist euch ja bekannt! Wird dieser Vorgang einmal gestoppt, dann stirbt der Mensch. Reparaturmaschinen bringen deshalb eine neue Form von Reversibilität in das menschliche Leben und somit in die evolutionären Prozesse. Künstliche Zell-Reparaturmaschinen in der Größe von Viren und Bakterien könnten zukünftig dafür sorgen, daß Krankheiten wesentlich besser behandelt werden können, was natürlich die gesamte Medizin revolutionieren und auf den Kopf stellen würde.<<

>>Und was ist mit den Risiken?<< fragt Veronique.

>>Das ist eine gute Frage! Da der menschliche Körper - wie du weißt - aus Molekülen besteht, wird die Beherrschung molekularer Technologien unser Leben in vielfältiger Weise verändern. Das Risiko, welches die neuen Technologien des Lebens liefern, ist möglicherweise, daß die Maschinen sich schneller entwickeln, als es der Mensch vermag. Sich selbst reproduzierende, programmierbare Maschinen können nicht nur beliebige Zellen reparieren oder eine Vielzahl von Routinearbeiten übernehmen, sie könnten sich durch Nutzung von Energie auch selbst reproduzieren. Hierbei sehe ich allerdings die Gefahr, daß wir die ausgelösten Prozesse unter Umständen nicht mehr stoppen können. Die neuen Technologien werfen natürlich auch fundamentale ethische Fragen auf. Wenn der Mensch zunehmend durch Roboter und Mikromaschinen determiniert wird, bleibt die Frage nach der menschlichen Freiheit. Wenn gleichzeitig die Maschinen immer mehr Fähigkeiten bekommen und immer besser Probleme lösen, werden diese unter Umständen die Forderung nach der Freiheit die der Menschen entwickeln. Dieser Trend zur Determinierung des Menschen durch Maschinen und die Indeterminierung der Maschinen durch den Menschen führt zu völlig neuartigen Konsequenzen hinsichtlich der Beurteilung der Sinnhaftigkeit technischer Systeme<<, sagt Rick.

Ricks Ausführungen werden durch das Telefon unterbrochen. Veronnique erhebt sich vom Boden und eilt zur Ladestation, wo Rick am Nachmittag das Schnurlostelefon abgelegt hat.

>>Van Straaten<<, meldet sich Veronique. Einen Augenblick lauscht sie, kommt aber mit dem Telefon an das Sofa und sagt in dem sie Sarah das Telefon reicht: >>Rosa ...<<

>>Rosa, ... wie schön!<< sagt Sarah.

>>... An der Grenze des Sichtbaren liegt das Tor zur kleinsten aller denkbaren Welten. Das Reich der Atome und Moleküle! Dort hinein zu sehen gelingt nur mit dem Rastertunnelmikroskop. Damit lassen sich erstmals einzelne Atome sichtbar und beobachtbar machen.<<, fährt Rick sich wieder an Veronique wendend fort.

>>... Das ist ja grauenhaft!<< hören sie Sarah sagen. Rick und Veronique sehen zu ihr hin.

>>... So unvorstellbar wie die Unendlichkeit des Weltalls für uns ist, so unvorstellbar sind für uns auch die Dimensionen des Mikrokosmos. Das Rastertunnelmikroskop eröffnet uns diese neue Welt. Und die Nanotechnologie verspricht uns ihre Eroberung. Diese neue Wissenschaft tritt an, uns Menschen die Kontrolle über die Grundbausteine der Materie, über einzelne Atome, zu geben. Völlig neue Moleküle mit bisher für unmöglich gehaltene Eigenschaften lassen sich nun herstellen - Atom für Atom. Der Miniaturisierung sind keine Grenzen gesetzt. Minimaschinen werden unsere Blutbahnen von Ablagerungen reinigen ... Hörst du mir überhaupt noch zu, Veronique?<<

>>Natürlich<<, antwortet Veronique schnell. Zu schnell!

Auch Rick sieht nun Sarah fragend an. Sarah deckt am Telefon mit einer Hand die Sprechmuschel ab, und sagt: >>Gleich, ... ich erzähls euch gleich.<<

>>... Wann kann man sagen, das eine Maschine lebt? Was ist Intelligenz und wie entsteht Bewusstsein?<< fragt Veronique.

>>Das sind rein materielle Phänomene. Wenn sie sich erst in ihrer ganzen Komplexität begreifen lassen, dann wird es auch gelingen, lebende Maschinen zu konstruieren.<<

>>Bei Pflanzen und Tieren finden sich Einrichtungen, die denen des Menschen überlegen sind ...<<, sagt Veronique.

>>Das stimmt. Darum kümmert sich eine noch sehr junge Wissenschaft. Die Bionik versucht Ideen aus der Natur für die Technik zu übernehmen. Energie, die durch Photosynthese erzeugt wird, treibt ein Auto an. Bauteile der Zukunft werden nicht mehr gebaut, sondern man lässt sie wachsen. Das gelingt schon heute ...<<

>>Ich habe gelesen, in Asien gilt die Lotus-Pflanze als Symbol für Reinheit, weil von ihr Flüssigkeiten abperlen. Kein Staubkorn bleibt an ihr kleben.<<

>>Daran sind wiederum Nanopartikel schuld. Winzige Papillen weisen das Wasser einfach ab. In der Nanotechnologie wird daraus eine selbstreinigende Keramik. Im Sanitärbereich bietet man doch schon heute schmutzabweisende Badkeramiken an. Es ist den Ingenieuren gelungen die Poren herkömmlicher Keramik zu schließen. Der Automobilhersteller BMW hat sein 8er Coupé mit einer wasserabweisenden Frontscheibe ausgestattet. Das Fenster ist mit einer speziellen Chemikalie behandelt. Die Moleküle des Mittels dringen in die obersten Glasschichten ein, so daß Wasser in Tropfen abperlt. Bei höheren Geschwindigkeiten werden die Regentropfen vom Fahrtwind einfach weggeblasen und nehmen dabei auch noch Staub und Dreck mit. Also auch bei schlechtem Wetter hat man eine gute Sicht über die gesamte Frontscheibe.<<

>>Was für ein Geheimnis steckt da dahinter?<<

>>Das Geheimnis des Lotusblattes ist seine Oberfläche. Ein Blick durch das Elektronen-Mikroskop wird dir hoffentlich irgendwann einmal zeigen, dass sie mikrostrukturiert ist, etwa so wie eine zerklüftete Landschaft. Dadurch bleibt auch Schmutz nicht haften. Wasser nimmt den Schmutz einfach auf. Staub, Erde und sonstige Partikel finden keine Haftung auf dem Lotusblatt. Mit der nächsten Regenschauer wird alles weggespült. Für die Industrie natürlich interessant ...<<

Sarah hat ihr Telefonat mit Rosa beendet. Rick sieht sie wieder fragend an.

>>Erzähl, was ist passiert?<<

>>Rosa, ... ein Anschlag auf ihr Leben ...<<

>>Warum sprichst du nicht weiter?<<

>>... Rick, erst dein Bruder, dann Bruno und Alexander, nun auch noch Rosa! Hört denn das niemals auf?<<

>>Ich weiß es nicht, Sarah. Berichte doch mal der Reihe nach was Rosa gesagt hat und wie das mit dem Anschlag gewesen ist.<<

Sarah berichtet, und wird nur einmal unterbrochen, als Veronique ein Laut des Schreckens über die Lippen kommt. Rick ist blass geworden und wirkt wie versteinert.

Dienstag, 9. Januar

Rosas Büros befinden sich im Europaen-Lawyer-Center, einem neuerbauten Hochhaus in Frankfurt. Sie hat unverschämtes Glück gehabt beim Anmieten der Büroräume. Ohne Bürgschaft der Gold-Bank wäre es niemals so weit gekommen. Das Hochhaus war von einem europäisch-amerikanischen Konsortium gebaut worden. Irgendjemand - Rosa kann nur ahnen wer, wollte bis zuletzt verhindern, dass sie in Frankfurt eine eigene Kanzlei aufmachte und die Bemühungen um die jetzigen Räume wären beinahe gescheitert. Doch nun ist sie glücklich und sehr zufrieden, denn das Haus ist mit vollendeter Technik ausgestattet. Während in Deutschland einige Millionen Telefonanschlußteilnehmer auf eine Erweiterung zu ADSL der Deutschen Telekom warten, ist hier alles vorhanden. Aber auch wirklich alles. Wenn Rosa an die Büros und die Technik am Landgericht zurückdenkt, schüttelt es sie.

Es gab eine Einweihungsparty, zu der sogar ihre Freundinnen aus München angereist waren. Aus Bergen war niemand gekommen, was sie verstehen konnte. Mit einem Baby im Alter von vier Wochen, wäre sie auch nicht geflogen. Schon gar nicht wäre sie mit dem Auto auf die Reise gegangen.

Rosa ist nach dem mißlungenen Anschlag auf ihr Leben fleißig gewesen. Sie hatte Anträge über Anträge beim Landgericht eingereicht. Zu der Zeit noch als Staatsanwältin. Doch all ihre Anträge auf Inhaftierung von Dr. Sandmann und die anderen Mitglieder der vermeintlichen Seilschaft waren abgelehnt worden. Sie selber durfte nicht mehr ermitteln, das war ihr aus Befangenheitsgründen untersagt worden. Nun hatte sie eine Beschwerde beim Landgericht Frankfurt eingereicht. Das würde dauern, das wusste sie. Also hatte sie eine Untätigkeitsklage mit der Androhung einer Amtshaftungsklage an die nächst höhere Instanz geschickt. Auch vor einem Klageerzwingungsverfahren würde sie nicht zurückschrecken.

Ursula hat sich ihr eigenes Reich eingerichtet und sich gut eingearbeitet. Sie ist jetzt schon fast voll ausgelastet, und ganz wichtig! An ihr kommt niemand vorbei. Ihr Arbeitsplatz ist groß. Sie ist Vorzimmerdame, Sekretärin und Telefonistin in einem. Sie besucht jeden Abend verschiedene Kurse um Rosa besser bei der Arbeit unterstützen zu können. Als Freundinnen teilen sie weiterhin Freude und Leid. Doch nein, eines behält Ursula noch für sich: Sie hat in Garmisch Richards werben um sie nachgegeben und mit ihm geschlafen. Rosa jedoch hat ihr am Abend nach dem Ausritt mit Iring zu später Stunde noch in ihrem Bett von ihm –Iring erzählt. Das war geschehen, nach dem sie gemeinsam Zärtlichkeiten ausgetauscht hatten, was beide nicht schlimm fanden, denn sie lieben sich sehr. Nun muss sie Iring der etwas verlegen vor ihr steht bei Rosa anmelden. Da sie weiß, wer Iring Hradul ist, macht sie sich auf den Weg zu Rosas Bürotüre das offen steht und sagt laut und deutlich: >>Rosa, da ist privater Besuch für dich gekommen.<<

>>Ja Ursel, ich habe ihn schon gehört. Er soll eintreten.<<

>>Gehen sie nur hinein Herr Hradul ...<<

Der Angesprochene geht - Ursula freundlich anlächelnd vorbei und betritt Rosas Büro. Rosa kommt ihm entgegengeeilt. Ursula sieht noch wie beide sich umarmen, und schließt leise die Tür. Natürlich weiß Ursula, dass Iring Hradul einer der Retter ist, und dass er beim israelischen Geheimdienst arbeitet.



>>Iring Hradul, ... wie ich mich freue. Sag, wie geht es dir, wie geht es deinem Onkel und Brunowsky?<< fragt Rosa.

>>Darf ich mich zuerst setzen?<< fragt Iring.

>>Entschuldige, natürlich, setz dich. Möchtest du etwas trinken? Also, ich finde du siehst gar nicht gut aus. Was ist los mit dir?<<

>>Also, um deine Fragen der Reihe nach zu beantworten<<, sagt Iring Hradul höflich, nach dem er sich in einen bequemen Sessel gesetzt hat, >>beiden geht es gut. Wir hatten viel zu tun. Wie du weißt, war euer Kanzler in meinem Land zu Gast. Ich habe in den letzten Wochen kaum geschlafen, glaub mir. Brunowsky geht es nicht besser ... Und, na-ja, Ash ... du weißt ja, er ist der Boss. Er lässt Grüße bestellen, und fragt, ob dir unser kleines Geschenk gefallen hat.<<

>>Ja, willst du mal sehen<<, fragt Rosa.

Iring folgt ihr, und blickt in ein helles und modern eingerichtetes Bad. Auf dem gefliesten Fußboden gähnt und räkelt sich ein junger belgischer Schäferhund.

>>Er ist noch so klein und er schläft noch gerne viel und lang. Am liebsten ist er bei Mutter in der Villa. Dort hat er nur Unsinn im Kopf. Zum Beispiel hat er ein Paar Wanderschuhe von Franz ... das ist mein Bruder, total zerlegt. Mama musste zum Arzt, deshalb habe ich ihn mit ins Büro genommen. Er wollte gleich hier hinein. Hoffentlich vergesse ich ihn heute Abend nicht.<<

>>Aber nein, bis zum Abend wirst du noch einige Male mit ihm nach draußen müssen. Ich sehe hier nirgendwo ein Hundeklo?<<

>>Nein, ich glaube auch nicht, dass wir das brauchen. Er soll schon zu Hause bei Mama bleiben. So hat sie Gesellschaft und kann gleichzeitig jemanden umsorgen. Ein schönes Geschenk, du hättest mal aller Augen sehen sollen, als er uns gebracht wurde. Anfangs war ich schon ein wenig sauer auf euch.<<

>>Doch nun ist es gut, ja?<<

>>Ja, es ist in Ordnung ... Was nun führt dich zu mir?<<

>>Ich muss zurück nach Israel. Dort soll ich an einer Spezialausbildung teilnehmen, und dort steht auch eine Beförderung an ...<<

>>Wie schön für dich ...<<

>>Hast du mal über uns nachgedacht, Rosa?<<

>>Ja Iring, natürlich habe ich mir Gedanken gemacht. Weist du, Bruno hab ich wirklich haben wollen. Mit List habe ich ihn in mein Bett gelockt, er war ja so schüchtern<<, sagt Rosa lachend in Erinnerung daran. >>Niemals hätte er um mich geworben, dazu war er viel zu korrekt. Er war der Mann dem ich all meine Liebe geben wollte und in der kurzen Zeit auch gab, und diese Liebe wurde erwidert. Ich war sehr glücklich mit ihm, ... wir waren sehr glücklich. Doch nun ist Bruno tot. Meine Arbeit, meine Familie, Ursula und natürlich meine Tiere helfen mir über den Verlust hinweg. Doch es schmerzt immer noch sehr. Ich kann deine Liebe nicht erwidern, Iring. Ich weiß nicht einmal ob ich es jemals könnte. Du siehst, was ich mir hier an den Hals geholt habe. Jetzt muss ich daraus etwas machen, damit es mich und meine Angestellte ernährt. Das ist die Aufgabe, der ich mich die nächsten Jahre stellen werde.<<

>>Ich verstehe dich sehr gut. ... Du hast also nichts gegen mich?<<

>>Wie kommst du denn darauf. Im Gegenteil, ich habe dich sehr gern und ich habe die Hoffnung, dass wir auf ewig Freunde bleiben.<<

>>Ich dachte nur, ... du hast dich nie bei mir gemeldet. Ich werde dich besuchen kommen, wann immer ich es einrichten kann. Mir liegt sehr daran, doch nun muss ich gehen. Ich muss noch packen. Mein Flieger geht morgen sehr früh. Brunowsky wird von nun an noch ein wenig auf dich aufpassen. Er würde gerne einmal wieder mit dir zu den Pferden hinausfahren, soll ich dir ausrichten. Uns was soll ich ihm sagen?<<

>>Sag ihm, er soll mich anrufen. Nein, sag ihm, dass ich mich freuen würde wenn er mich gleich am kommenden Wochenende begleiten könnte. Alle haben schon nach dem Pferdeflüsterer gefragt.<<

>>Das kann ich mir denken. Mir wird seine Vorstellung auch auf ewig im Gedächtnis bleiben.<<

Iring hat sich erhoben. Auch Rosa erhebt sich und begibt sich in seine Arme.

>>Mach‘s gut Iring und besuche mich wann immer du magst ...<<

>>Mach ich, Rosa ... Shalom!<<

>>Shalom Wüstensohn, und grüße Ash von mir.<<

>>Mach ich ...<< Iring verlässt eilig und ohne zurückzusehen den Raum.

>>Shalom, Iring<<, flüstert Rosa noch einmal und sieht zu, wie die Tür sich hinter ihm schließt.



>>Der sah aber gut aus<<, klingt es aus dem Telefon auf ihrem Schreibtisch, das gleichzeitig als Wechselsprechanlage dient. >>Was wollte er denn?<< fragt Ursula vorsichtig.

>>Er wollte sich nur verabschieden, er muss zurück nach Israel.<<

>>Mehr nicht?<<

>>Nein, mehr wollte er nicht.<<

>>Bist du jetzt traurig?<<

>>Ja, ein wenig, auch weil ich ihm sagen musste, dass ich ihn nicht liebe.<<

>>Soll ich uns einen Kaffee machen?<<

>>Ja, das wäre nicht schlecht.<<

Nach etwa zehn Minuten bringt Ursula Kaffee und Kuchen, und sie setzen sich dort hin, wo Rosa eben noch mit Iring geplaudert hatte.

>>Wie in Dreiteufelsnamen kommst du immer wieder an so leckeren Kuchen? Ich dürfte den eigentlich nicht essen. Sieh dir nur meine Oberweite an. Willst du unbedingt erleben, wie sich oberhalb meines Bauchnabels ...<<

>>Du hast Sorgen ...<< sagt Ursula lachend. >>Übrigens, da hat dieser alte Herr angerufen, dieser Anwalt, der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hat, wie du mir gesagt hast. Er meinte, er habe es sich reichlich durch den Kopf gehen lassen und er könne sich inzwischen nichts schöneres mehr vorstellen, als mit so reizenden Damen – er meinte uns beide - in einer Anwaltskanzlei zusammen zu arbeiten.<<

>>Er hat seine Anwaltspraxis seinem Sohn übergeben. Jetzt langweilt er sich. Hat er gesagt, wann er anfangen will?<<

>>Am liebsten sofort, hat er gesagt.<<

>>Dann rufen wir ihn heute noch an und sagen ihm, dass wir uns auf ihn freuen. Er ist doch nett, oder?<<

>>Du bist vielleicht gut, ich habe ihn ja noch gar nicht gesehen.<<

>>Ach ja, stimmt. Er wird dir aber gefallen, da bin ich mir ganz sicher.<<

>>Wenn wir die Zeit dazu haben, dann erkläre mir doch bitte mal, wozu wir diesen alten Herrn, den Dr. Brüggen brauchen.<<

>>Also paß auf! Dr. Brüggen ist ein sehr erfahrener Anwalt, und wir brauchen ihn und seine Hilfe. Er wird uns hier und bei Gericht helfen mit der Seilschaft und deren Anwälten fertig zu werden. Dieser Mann war ein Star, und er ist sicher immer noch gefürchtet. Ihm macht man so leicht nichts vor. Kannst du dir das Gelächter der Kollegen und bei der Staatsanwaltschaft vorstellen, wenn mir auf Grund von zu wenig Erfahrung bei Gericht ein Fehler unterläuft? Darauf warten die doch nur. Das aber will ich von vornherein ausschließen, und darum brauche ich Dr. Brüggen. Ich bin mir sicher, er freut sich auf das uns bevorstehende Verfahren, ich habe ihn nämlich davon in Kenntnis gesetzt was da auf uns zukommt. Mir graust ein wenig davor. Nicht das ich Angst habe, aber ich möchte gerne auf seine Erfahrungen zurückgreifen. Da kommt noch etwas hinzu: Dr. Brüggen ist außerordentlich gut bewandert in internationalem Recht. Wir haben es in nächster Zeit auch mit der Schweiz und Belgien zu tun. Den Belgiern allein schon deshalb, weil das Frankfurter Landgericht die digitalen Beweise über das Treiben von Hartmann und den Rest der Seilschaft nicht zugelassen hat. Das ist ungeheuerlich und hat die Kollegen der Staatsanwaltschaft in Brüssel ganz schlimm brüskiert.<<

>>Was ich immer noch nicht verstehe ist, du klagtest an, was auch deine Aufgabe als Staatsanwältin war, und nichts passierte.<<

>>Höheren Ortes wurde entschieden, das keine Anklage erhoben werden soll. Weißt du, wo die überall ihre Freunde sitzen haben? Denk doch nur mal an die Worte, die Otto Hartmann in dem Video aus Brüssel gebrauchte. Sagt er dort nicht: „Wenn ich nicht so gute Verbindungen nach Deutschland hätte ...“, oder so ähnlich?<<

>>Stimmt, ich erinnere mich.<<

>>Es zeugt doch fast schon von einer kindlichen Naivität, wenn die politischen Entscheidungsträger hier in Deutschland denken, die bestehenden Verbindungen zwischen Mafia und Politik leugnen zu können. Werfen wir einen Blick in die Niederlande. Ich zeige dir mal eine E-Mail von Rick.<<

Rosa begibt sich an ihren Schreibtisch und beginnt auf ihrem Notebook ihr E-Mailprogramm zu starten. Nach wenigen Minuten, die gesuchte E-Mail wurde ausgedruckt, kehrt sie zu der Sitzgruppe und zu Ursula zurück die schweigend wartet.

>>In der E-Mail von Rick heißt es, ich lese dir mal vor: „... als der Amsterdamer Polizeichef in einem politischen Magazin von Erkenntnissen sprach, dass die Mafia in der Vergangenheit versucht habe, die politischen Parteien des Landes zu unterwandern und Polizei und Justiz zu infiltrieren, waren die Proteste groß. Doch dann meldete sich auch der Amsterdamer Oberstaatsanwalt zu Wort. Er berichtete, er könne mindestens zwei Fälle benennen, wonach in der von ihm geleiteten Behörde Mafia-Infiltrationen aufgedeckt wurden. Kurze Zeit später gab auch der Bürgermeister von Amsterdam zu, dass versucht wurde, in seine Umgebung einen Mafioso einzuschleusen.“ Warum also sollte ausgerechnet unser Land eine Insel der Glückseligkeit sein? Weil Politik, Polizei und Justiz resistenter sind als im benachbarten Holland? Natürlich gibt es auch bei uns Versuche der Infiltration durch die Mafia.<<

>>Über die Verbindungen von Politik und organisiertem Verbrechen zu reden, ist doch sicher recht heikel, oder?<< fragt Ursula.

>>Ja, das kann man wohl sagen! Als unser BKA-Präsident einmal in einem Interview in so einer Sonntagszeitung davon sprach, daß es auch in Deutschland diese Verbindungen gibt, wurde er nach Bonn ins Innenministerium zitiert und prompt zur Sau gemacht.<<

>>Warum eigentlich?<<

>>Ja, warum eigentlich? Tatsache ist nun mal, daß organisierte Kriminalität weltweit eine ernst zu nehmende Bedrohung geworden ist. Wir haben das vor kurzem ja auch zu Hause mit Franz und Richard diskutiert, bis Mutter davon nichts mehr hören wollte!<<

>>Stimmt!<<

>>Gleiches gilt für die Wirtschaftskriminalität. Darüber schreibt Rick - glaube ich, ein Buch. Siehst du, und damit sind wir bei den italienischen Verhältnissen in Deutschland, der Verbindung von Politik zu organisiertem Verbrechen, denn organisierte Kriminalität korrumpiert die staatlichen Institutionen nicht nur, sie bezieht wegen enormer Wettbewerbsvorteile legale Wirtschaftsbereiche in ihre kriminelle Praxis mit ein und schafft so von ihr kontrollierte Monopole. Raub, Mord, Betrug, Drogen, Waffen- und Menschenhandel sind einige der Domänen des organisierten Verbrechens.<<

>>Du hast den Organhandel vergessen! Bei Otto Hartmann ging es aber doch um Umweltkriminalität ...<<

>>Du meinst die kriminelle Entsorgung der Giftstoffe?<<

>>Ja, darum ging es doch auch bei den Videobändern!<<

>>Richtig, und auch dazu brauchen wir Dr. Brüggen. Ohne ihn könnte ich diesen Anklagepunkt vergessen. Hartmann ist Schweizer Bürger, wie du weißt. Apropos Schweiz, gerade aus der Schweiz kommen die neuesten Erkenntnisse. Da heißt es, dass dort Firmen gegründet wurden, die weltweit als Giftmüllhändler operieren. Diese Firmen sind auch in Deutschland aktiv. Hier bei uns ist man gerne bereit, schnell und problemlos seinen Giftmüll entsorgen zu lassen. Die Gewinne sind natürlich enorm, ähnlich hoch wie beim Drogenhandel.<< Rosa macht eine Pause, und geht ans Fenster, um hinauszusehen.

>>Da saß – ich habe das erst vor kurzem gelesen - ein Unternehmer in U-Haft<<, fährt sie fort, >>seit Ende der 60ger Jahre wird gegen ihn ermittelt. Der Verdacht geht von Diebstahl, Betrug, Erpressung, Nötigung bis hin zur umweltgefährdenden Abfallbeseitigung. Er hat Unternehmen in den neuen Bundesländern gegründet. Als Geschäftsführerin hatte der sogar mal ein achtzehnjähriges Mädchen eingesetzt ... Das große Geld machte er mit Giftmüll. Es heißt in dem Bericht - ein LKA-Bericht so weit ich mich erinnere, dass der Unternehmer über enge und persönliche Verbindungen zu Politikern, Senatoren und anderen einflußreichen Persönlichkeiten verfügte. Dieser Kriminelle ist mit Politikern, vielleicht sogar mit dem damaligen oder jetzigen Umweltminister per du, was weiß ich?<<

>>Die Polizei, was unternimmt die Polizei gegen ihn?<<

>>Die Polizei war wegen des enormen Zeit- und Personalaufwandes nicht in der Lage, gegen ihn zu ermitteln. Ich glaube, der Mann wurde wieder frei gelassen und läuft seither mit sauberer Weste und besten politischen Kontakten herum.<<

>>Man liest so oft von Rotlichtaffären, jedenfalls war das in München so ...<<

>>Um Gotteswillen, da sagst du was. Kollegen von mir erhielten Jahre lang Polizeischutz wegen Drohungen aus dem Milieu. Das sind Leute - hieß es bei uns, mit Vorliebe für Koks und kleine Mädchen oder kleine Jungs. Da gab es gestandene Männer, die habe ich Rotz und Wasser heulen sehen, wenn Namen aus dem Milieu genannt wurden. Die gingen lieber ein halbes Jahr in Beugehaft, als auszusagen. Diese Leute wurden erpreßt und korrumpiert. Schmiergeldaffären nur anderswo, aber nicht bei uns? Weißt du, Korruption ist der Nährboden der organisierten Kriminalität. Organisiertes Verbrechen bedeutet nicht nur Einflußnahme auf Politik, sondern auch auf Medien. Wer kritische Berichte nicht sendet, weil das betroffene werbende Unternehmen damit droht, die Fernsehspots einer anderen Fernsehanstalt zu geben, ist bereits korrupt. Und davon gibt es viele Fälle, insbesondere die privaten Mediengiganten sollen sich ja durch solche Vorgänge auszeichnen. Es gibt aber auch Journalisten, die sich schmieren lassen. Die direkte Verbindung zwischen Politik und organisierter Kriminalität ist in den neuen Bundesländern besonders deutlich geworden. Der Leiter einer Zentralen Ermittlungsgruppe für Regierungs- und Vereinigungskriminalität hat mir davon erzählt. Ex-Stasioffiziere arbeiten mit der Russenmafia zusammen. Die Beziehungsgeflechte der Seilschaften reichen bis in den aktiven Polizeidienst und in die Staatsanwaltschaften hinein. Denk an Dr. Frank. Ein großer Teil der privaten Sicherheitsdienste werden von Ex-Stasioffizieren geführt, darum werde ich mich auch wieder um die Bank-Security kümmern. Ich glaube nämlich nicht, dass die sauber ist ... Diese Leute wissen, wie man erpressen kann, insbesondere was die Vergangenheit von Politikern angeht. Bei den Verbindungen zwischen kriminellen Syndikaten und Politik ist die Jugo-Mafia bekannt und berüchtigt. Heroin gegen Waffen, so läuft das Geschäft. In ihrer Heimat gelten sie dann als Patrioten. Ein weiteres in Deutschland operierendes kriminelles Syndikat ist die Russenmafia, mit einem Stützpunkt auch in Frankfurt. Dann gibt es da noch die Triaden, über sie wissen wir nur wenig. Die chinesischen Triaden gelten als die gefährlichste weltweit operierende kriminelle Organisation. Als in Frankfurt ein chinesischer Geschäftsmann einmal verhaftet wurde, meldete sich bei uns wenig später das Amt für Wirtschaftsförderung. Wie man dazu komme, einen honorigen Investor zu verhaften, wollte man von uns wissen. Als ein kriminelles Syndikat im Bahnhofsviertel zerschlagen wurde, mußte der ermittelnde Beamte zum Rapport ins Wiesbadener Innenministerium, und man legte ihm nahe, die Ermittlungen einzustellen.<<

>>Sieh mal, wer da kommt? Da hat einer ausgeschlafen, oder er muss mal<<, sagt Ursula und beginnt den strubbeligen Kerl, der sich schüttelnd und tappsig aus dem Bad kommt zu sich zu locken. Doch das gelingt ihr nicht. Der kleine belgische Schäferhund setzt sich mitten im Büro auf seinen Hintern und sieht fragend mal Rosa, mal Ursula an.

>>Ich werd mal den Hausmeister anrufen. Seine Tochter hat gleich als sie den Hund sah gefragt, ob sie mit ihm Gassi gehen darf<<, sagt Rosa mit Blick auf den Hund und erhebt sich, um ans Telefon zu gehen. Doch das Malheur passiert noch ehe sie das Telefon erreicht. Der Hund kann das Wasser nicht halten, und pinkelt zwischen dem Besuchersessel vor dem Schreibtisch und der Sitzecke, von wo Ursula entgeistert zuschaut.

>>Scheiße, Hund. Das macht man doch nicht<<, entfährt es Rosa. >>Dann werde ich mal einen Eimer mit Wasser holen. Als ehemalige Krankenschwester habe ich da Erfahrung<<, seufzt Ursula.

>>Nein lass nur, ich kann das doch auch machen.<<

>>Ruf du lieber Dr. Brügge an, bevor du es vergisst<<, erwidert Ursula.



Der Hund wird von der dreizehnjährigen Tochter des Hausmeisters abgeholt und Ursula wischt die Pisse weg. Rosa sieht zu, während sie stehend mit einem Klienten telefoniert.

In der Tür wird ein Besucher sichtbar, mit dem heute eigentlich niemand gerechnet hat. Dr. Brügge! Der schüttelt den Kopf, und zieht sich zurück um zu warten. Ursula verlässt den Raum und schließt die Tür. Den Eimer lässt sie stehen. >>Herr Doktor Brügge, nicht wahr?<< fragt sie.

>>Ja, wir kennen uns noch nicht. Ich habe in diesem imposanten Bauwerk einen früheren Kollegen besucht. Ich dachte mir, wenn ich schon im Hause bin, dann kann ich ihnen beiden auch gleich einen Besuch machen<<, sagt Dr. Brügge.

>>Das ist aber lieb, wir hätten sie heute bestimmt noch angerufen. Rosa freut sich sehr darüber, dass sie uns ein wenig unterstützen wollen ...<<

>>Sie wurden nicht als Anwaltsgehilfin ausgebildet, nicht wahr?<<

>>Das ist richtig<<, antwortet Ursula.

>>Wie wäre es, wenn ich sie ein wenig über die Juristerei aufkläre? Natürlich nur, wenn gerade nichts zu tun ist, was sich bestimmt bald ändern wird.<<

>>Womit wollen sie beginnen? Heute ist ein guter Tag für Vorträge. Einen Vortrag habe ich gerade hinter mich gebracht<<, sagt Ursula leichtfertig.

>>Was wissen sie über Gerichte und Staatsanwaltschaft hier in Hessen?<<

>>Nicht viel.<<

>>Also, garnichts! ... Schaun sie, die rechtsprechende Gewalt wird hier bei uns in Hessen durch den so genannten Staatsgerichtshof ausgeübt, die ordentlichen Gerichte, die Arbeitsgerichte, die Verwaltungsgerichte, die Sozialgerichte und natürlich das Finanzgericht.<<

>>So weit war ich schon, Herr Doktor.<<

>>Das ist gut! Soll ich fortfahren?<<

>>Ja bitte, Herr Doktor.<<

>>Sie machen sich über mich lustig, na gut ... Den weitaus größten Gerichtszweig bildet die ordentliche Gerichtsbarkeit mit 58 Amtsgerichten, 9 Landgerichten in Darmstadt, Frankfurt, Fulda, Gießen, Hanau, Kassel, Limburg, Marburg und Wiesbaden und ein Oberlandesgericht in Frankfurt mit Zivilsenaten in Darmstadt und Kassel. Im Rahmen der ordentlichen Gerichtsbarkeit unterscheidet man die Zivilgerichtsbarkeit, die freiwillige Gerichtsbarkeit und die Strafgerichtsbarkeit ... Die streitige Zivilgerichtsbarkeit dient der Erledigung in der Hauptsache privatrechtlicher, sogenannter bürgerlicher Rechtsstreitigkeiten ... Der Zivilprozess gliedert sich in das Erkenntnis- und das Vollstreckungsverfahren. Im Erkenntnisverfahren hat das Gericht auf Klage desjenigen, der Rechtsschutz begehrt, sein behauptetes Recht nachzuprüfen und durch Urteil auszusprechen was rechtens ist. Das Vollstreckungsverfahren dient der Verwirklichung der festgestellten Ansprüche durch die Zwangsvoll ...<< Dr. Brügge sieht Ursula freundlich lächelnd an und fragt: >>Ist das auch nicht zu schnell für sie?<<

>>Es geht gerade noch<<, sagt Ursula.

>>Wir werden das irgendwann wiederholen.<<

>>Oh, Gott!<<

>>Na, na, na! ... Die freiwillige Gerichtsbarkeit umfasst in der Hauptsache die Tätigkeit in Vormundschafts-, Nachlass-, Grundbuch- und Registersachen, das sind die Vereins-, Güterrechts-, Handels-, Genossenschafts-, Partnerschafts-, Muster- und das Schiffsregister. Die freiwillige Gerichtsbarkeit dient der Rechtsgestaltung ...<<

>>Möchten sie einen Kaffee, Herr Doktor?<< Ursula sieht ihn verzweifelt an.

>>Ja, sehr gerne ... Die Strafgerichte nun haben den durch die Verletzung der Strafgesetze entstandenen Strafanspruch des Staates gegen den Rechtsbrecher durchzusetzen und den infolge der Tat gestörten Rechtsfrieden wiederherzustellen. Sie entscheiden über die Schuld des Angeklagten im allgemeinen in öffentlicher Verhandlung, Hauptverhandlung genannt. In weniger bedeutenden Verfahren kann auf Antrag der Staatsanwaltschaft das Gericht die Strafe auch ohne Hauptverhandlung festsetzen, und zwar durch Strafbefehl. Jedoch führt auch hier der Einspruch des Angeklagten zur Hauptverhandlung ... In geeigneten Fällen kann in einem beschleunigten Verfahren verhandelt werden. Die Gerichte dürfen einen Angeklagten nur dann verurteilen, wenn sie aufgrund des Ergebnisses der Beweisaufnahme von seiner Täterschaft und Schuld überzeugt sind, wenn also jeder vernünftige Zweifel schweigt. Sonst müssen sie den Angeklagten freisprechen, in dubio pro reo, haben sie bestimmt schon mal gehört ... Der Bundesgerichtshof ist Revisionsinstanz für erstinstanzliche Urteile der Oberlandesgerichte und der Landgerichte ...<<

>>Mir raucht das Hirn<<, stöhnt Ursula zwischendrin.

>>Ich bin gleich fertig ... Die Gerichte können auf Geldstrafen erkennen, mindestens fünf und in der Regel höchstens 360 Tagessätze; ein Tagessatz beträgt mindestens zwei und höchstens 10.000 Mark, auf Freiheitsstrafe von einem Monat bis zu 15 Jahren oder auf lebenslange Freiheitsstrafe ... Die Strafgerichte werden in der Regel auf die Anklage der Staatsanwaltschaft hin tätig. Einige Delikte, wie Hausfriedensbruch, Körperverletzung oder Sachbeschädigung, können aber auch vom Verletzten verfolgt werden ... Hier spricht man von der Nebenklage <<

>>War‘s das?<< fragt Ursula vorsichtig.

>>Für heute ja, war doch gar nicht so schlimm. In wenigen Wochen haben sie das alles intus<<, sagt der Doktor.

>>Bravo!<< klingt es von der Tür zu Rosas Büro. Rosa klatscht erfreut in die Hände und geht dann Dr. Brügge begrüßen.

>>Guten Tag, Frau Kollegin. Wir haben gedacht, wir nutzen die Zeit.

>>Eigentlich wäre das ja meine Aufgabe, doch so weit habe ich noch gar nicht gedacht. Es ist sicher richtig, dass meine Freundin ein wenig über die ordentliche Gerichtsbarkeit erfährt. Ich muss gestehen, dass ich bei offener Tür gelauscht habe.<<

>>Und du hast den Doktor nicht gestoppt. Hast du nicht gesehen, wie ich gelitten habe?<< fragt Ursula und schmollt.

>>So schlimm war das doch gar nicht, Urselchen.<<

>>Nenn mich nicht Urselchen, wenn ich dich darum bitten darf!<<

>>Du darfst! Kommen sie Herr Dr. Brügge, gehen wir in mein Büro und lassen wir sie ein wenig schmollen.<<



Es wird ein längeres Gespräch. Der Hund wird gebracht und Ursula macht sich auf den Weg zu einen ihrer Abendkurse. Sie schaltet die Telefonanlage um und den Computer aus. Von nun an gehen alle eingehenden Rufe an Rosas Apparat. Ursula verabschiedet sich über die Wechselsprechanlage und geht.



Es ist schon nach dreiundzwanzig Uhr als Ursula in der Villa an Rosas Türe klopft. Unter der Tür hindurch hatte sie noch Licht gesehen.

>>Komm rein<<, ruft Rosa die im Nachthemd und mit gekreuzten Beinen auf ihrem Bett hockt und nun die Arbeit die sie mit nach Hause genommen hatte, bei Seite legt. Das Notebook von Alexander Simon nimmt Ursula, ebenfalls im Nachthemd vom Bett. Auf Knien robbt sie dann zu Rosa, um sie zu küssen. >>Hallo, Liebes<<, sagt Rosa und erwidert den Kuss.

>>War der Doktor lange bei dir?<< will Ursula wissen.

>>Ja, sehr lange. Wir hatten ein ausführliches Gespräch<<, sagt Rosa und kriecht unter die Bettdecke. Ursula tut es ihr gleich. Sie unterhalten sich dicht beieinander liegend und wärmen sich so. Rosa hat es in ihrem Schlafzimmer nie sehr warm. Irgendwann küssen sie sich, danach lieben sie sich. Keine kann hinterher sagen, warum das geschieht. Als ihre Körper glühen, entledigen sie sich ihrer Nachtwäsche. Das ganze wird sehr leidenschaftlich. Irgenwann sagt Rosa: >>Es fehlt was ...<<

>>Was denn?<<

>>Ich brauche einen Orgasmus um richtig glücklich zu sein.<<

>>Willst du einen Mann?<<

>>Nein, eigentlich nicht. Nur den Wahnsinn hinterher, den hätte ich gerne. Verstehst du mich?<<

>>Ich denke schon. Unsere Ärzte in der Klinik verwenden, wenn sie nach achtundvierzig Stunden Dienst keinen mehr hoch kriegen einen Vibrator um ihre Frauen zu befriedigen. Angeblich klappt das vorzüglich, zwar nicht immer und manchmal geht eine Ehe in die Brüche ...<<

>>Es stimmt also, was erzählt wird, beim Thema Sex gibt es beim Klinikpersonal keine Tabus?<<

>>Irgendwie schon, doch niemals werden Details erzählt. Im OP wird viel geflaxt. Was soll ich sagen, es wird nicht mehr und nicht weniger erzählt als bei Opel am Fließband auch.<<

>>Es geht doch auch ohne Vibrator, oder nicht?<<

>>Mal sehen, ob es klappt<<, sagt Ursula und schlägt die Bettdecke zurück. Dann macht sie das Licht aus.



>>Oh mein Gott, war das schön. Bei dir kann ich noch was lernen<<, stöhnt Rosa, die sich erst noch erholen muss.

>>Siehst du! Du warst aber auch nicht schlecht<<, erwidert Ursula.

>>Sag mal, hast du es oft getrieben, ... ich meine im Krankenhaus?<<

>>Eine Heilige war ich wohl nicht. Aber getrieben, wie du es nennst, habe ich es nicht. Wenn, dann war ich meistens richtig verliebt<<, kichert Ursula.



Veronique war heute von Sarahs Freundin Gudrun abgeholt worden und sie waren nach Amsterdam gefahren um Einkäufe zu machen. Susanne, Gudruns Lebensgefährtin trieb sich irgendwo in Asien herum.



Rick steht splitternackt an der Wiege und sieht auf seinen schlafenden Sohn. Sarah hat sich ins Bad begeben um für ihren Sohn frische Windeln zu holen. Sie wird ihn noch einmal anlegen wie jeden Abend um diese Zeit, und ihn noch einmal wickeln. Auch sie ist nackt und sie fühlt wie Ricks Samen ihren Schoß verlässt. Sie hatten zum ersten Mal seit Jans Geburt miteinander geschlafen. Sarah seufzt, und beginnt sich zu waschen. Danach kehrt sie ins Schlafzimmer zurück, wo ihr Sohn zu krähen begonnen hat. Sarah macht es sich im Bett bequem und sagt: >>Bringst du ihn mir, bitte.<<

Nach dem der Kleine versorgt ist, legt Sarah ihn zurück. Ein Weilchen bleibt sie bei ihm. Gleich darauf ist er wieder eingeschlafen, und wenn sie Glück hat, dann schläft er die nächsten vier Stunden. Sie kehrt zu Rick ins Bett zurück.

>>War es unangenehm, oder schön, vorhin?<< fragt er.

>>Wunderschön war es, können wir das gleich noch einmal machen?<<

Mittwoch, 10. Januar

Im Büro angekommen, stellen Rosa und Ursula gleich fest, dass schon jemand da sein muss. Das Licht brennt überall. Eine Bürotüre steht offen. An einem der Fenster sitzt Dr. Brügge und sieht nach draußen. Er hat sich seinen eigenen Stuhl mitgebracht.

>>Guten Morgen, meine Damen<<, sagt er fröhlich.

>>Einen schönen Stuhl haben sie sich da. Wo bekommt man so etwas<<, fragt Rosa. Ursula ist schon mitten im Raum, um zu sehen, ob der Alte noch mehr Möbel mitgebracht hat.

>>Dieser Schreibtischstuhl wurde eigens für mich angefertigt. Das ist, warten sie mal, jetzt bin ich siebzig, ja dann ist das fünfundzwanzig Jahre her. Damals begannen meine Rückenschmerzen, wissen sie.<<

>>Heute bekommt man so etwas in Handarbeit bestimmt nicht mehr?<< lässt Rosa mal so im Raum stehen.

>>Die heutigen Stühle sind moderne Chef- und Schreibtischsessel mit modernster innenliegender Technik ausgestattet. Knöpfchen hier und Knöpfchen da, und die darin sitzen bewegen nichts mehr ... Sind sicher auch bequem, aber so etwas wie dieses gute Stück bekommen sie nicht mehr, da möchte ich ihnen recht geben.<<

>>Wo bekommen wir jetzt schnell einen passenden Schreibtisch her?<< Rosa und Ursula sehen sich an.

>>Meinst du, die haben etwas passendes? fragt Rosa.

>>Ich rufe an und frage<<, antwortet Ursula und verlässt das Zimmer um den Wintermantel wegzuhängen, den sie ausgezogen hatte.

>>Ich wollte keinen eigenen Schreibtisch mitbringen. Das hätte so ausgesehen, als wollte ich mich hier auf Dauer einrichten<<, sagt Dr. Brügge.

>>Nein, nein, schon recht. Den Schreibtisch stelle selbstverständlich ich<<, sagt Rosa und sie verlässt nun auch den Raum.

>>Gieb mir deinen Mantel<<, sagt Ursula. >>Ich hab angerufen, bis heute Mittag haben wir einen Schreibtisch für den Doktor. Und die Frankiermaschine bringen sie auch gleich mit.<<



>>Ich habe ihnen da was aufgeschrieben, Ursula<<, meldet sich Dr. Brügge der aus seinem Büro kommt.

>>Was denn?<<

>>Lesen sie das ein paar mal durch, irgendwann frage ich sie danach.<<



... Die Staatsanwaltschaft ist ein von dem Gericht unabhängiges Organ der Rechts-und insbesondere der Strafrechtspflege. Sobald sie von dem Verdacht einer Straftat Kenntnis erhält, hat sie den Sachverhalt zu erforschen. Dabei ist sie grundsätzlich kraft Gesetzes verpflichtet, wegen aller verfolgbaren Straftaten einzuschreiten, sofern zureichende tatsächliche Anhaltspunkte vorliegen (Legalitätsprinzip). Sie hat nicht nur die belastenden, sondern auch die entlastenden Umstände zu ermitteln. Für ihre Ermittlungen bedient sie sich auch anderer Behörden und Stellen, hauptsächlich der Polizei ...



>>Danke, Doktor<<, sagt Ursula, nach dem sie das Papier gelesen hat. Rosa steht neben ihr, und hat mitgelesen. Doch nun schließt sie ihr Büro auf und verschwindet darin.

>>Ursula, wollen sie mir bitte die Telefonanlage erklären, aber nur wenn sie Zeit haben?<<

>>Das machen wir am besten gleich, Herr Doktor. Ist gar nicht so kompliziert, wie es denn Anschein hat.<<

Dr. Brügge nickt ab und zu. Dann nimmt er den Hörer ab, und beginnt zu wählen. Er wartet geduldig, bis sich am anderen Ende eine vertraute Stimme meldet.

>>Guten Morgen, Axel. Sag mal, welchen Termin habt ihr für die Vorverhandlung gegen Friedlich, Reiher und Sonnerdt festgelegt? ... Was, fünfter März, Ende offen, habe ich das richtig verstanden?<<

Ursula schreibt den gehörten Termin unaufgefordert auf.

>>Was ich mit der Sache zu tun habe, willst du wissen? Das kann ich dir sagen: Ich werde die Nebenklägerin beraten ... ja! Was? ... Das wirst du noch früh genug erfahren ... seit heute, ja. Macht euch auf was gefasst ... bis dann, ja.<<

Ursula nimmt den Hörer entgegen und fragt: >>was war das denn?<<

>>Bangemachen<<, sagt Dr. Brüggen.

>>Wann ist die Vorverhandlung?<< fragt Rosa von der Tür.

>>Fünfter März, große Strafkammer, Ende offen!<<

>>Kommen sie Doktor<<, lädt Rosa Dr. Brügge zu sich ins Büro.

>>Gerne, von nun an werden sie zur besten Strafverteidigerin gemacht, die in Frankfurt zu finden sein wird. Na ja, zunächst einmal arbeiten wir der Staatsanwaltschaft zu. Wenn das auch traurig ist, da es sie ja persönlich betrifft, aber von heute an werden wir uns richtig austoben und der Staatsanwaltschaft einheizen.<<

>>Der erfährt wohl in diesen Minuten von Richter Fischer, mit wem er es zu tun haben wird<<, kichert Rosa.

>>Da wette ich drum.<<



Otto Hartmann ist Eigentümer einer Villa am Genfer See. Gemeldet ist er in Villeneuve, einem idyllischem Ort mit angenehmen Klima und im Herzen berühmter Weinberge gelegen. Hartmann ist auf dem Weg ins vierzig Kilometer entfernte Lausanne. Er genießt die Fahrt am See entlang; er muss nicht selber fahren, dafür hat er seinen Chauffeur. Er nimmt sich ein Mineralwasser aus der Minibar. Langsam und bedächtig trinkt er das Wasser und denkt voller Freude an seinen Learjet, den er am Nachmittag in Genf übernehmen wird. Das Flugzeug hat einem Monegassen gehört, der sich an der Börse verspekuliert hat. Sowas passiert auch einem Mann wie George Soros, einem alternden jüdischen Ungar mit US-Pass - Superstar unter den Großspekulanten. Nur Soros tat es nicht weh. Als das angesehene Wirtschaftsmagazin Forbes vor kurzem seine Rangliste der bestbezahlten Manager und Finanziers in Amerika veröffentlichte, lag Soros mit Abstand an der Spitze. Allein im vergangenen Jahr verdiente er mehrere hundert Millionen Dollar. Wenn Soros einen Furz ließ, dann kamen die internationalen Geldmärkte in Bewegung und die Notenbanken begannen zu zittern. Im September 93 war es Soros gelungen, die Bank of England in die Knie zu zwingen. Er baute darauf, dass die Bank das unter Druck geratene Pfund aus dem europäischen Wechselkursmechanismus nehmen und abwerten mußte. Zehn Milliarden Dollar seiner Finanzgruppe setzte er ein, natürlich mit Erfolg. Er gewann eine Milliarde Dollar, für die die ahnungslosen englischen Steuerzahler geradestehen müssen.

Otto Hartmann seufzt. Er kannte beide nicht. Das Flugzeug war über einen Makler vermittelt worden und von Soros hatte er bisher nur gehört oder gelesen.

In Lausanne, in der Kathedrale Notre Dame will er heute noch mit einem Besucher aus Deutschland reden. Der Besucher würde Oliver Bank sein.

Ein cleverer Bursche, cleverer als die Anderen zusammengenommen, denkt er. Wenn er nur an Gutzeit dachte, bekam er einen dicken Hals. Bei Oliver war das anders, der war loyal, verschwiegen und äußerst zuverlässig. Einen Fehler hatte er nur bei seiner Firmengründung in Frankfurt gemacht. Er hatte Reinders in die Firma genommen. Na ja, der war ja nun tot. Ob die Staatsanwaltschaft Oliver in Ruhe ließ, würde er sicher bald von ihm erfahren.

Der Kosovo-Krieg hatte bis Juni 1999 knapp 14 Milliarden Mark gekostet, und er hatte gut mitverdient. Die Kosten für den Aufbau wurden auf kaum weniger als 35 Milliarden Mark geschätzt. Auch davon würde er sich seinen Anteil holen, dazu brauchte er seiner Meinung nach das Flugzeug.

Schon zu Beginn seines Krieges in Bosnien (1992-95) hatte Serbiens Präsident erkannt, dass angesichts der UNO-Wirtschaftssanktionen nur Devisenschübe aus Auslandsgeschäften ein Überleben sichern konnten. Arabische Staaten wurden zur wichtigsten Drehscheibe. Fluchtkapital aus Waffen- und Schmuggelgeschäften floß dort hin.

Von dort aus verästelten sich die serbischen Außenhandelsaktivitäten in andere Länder des Nahen Ostens und darüber hinaus: von Kairo nach Nikosia, über New York und Ottawa bis in die Karibik. In einer streng geheimen Aktion besorgte er, Otto Hartmann, im Januar 1994 den weltweiten Transfer bosnischer Kriegsbeute und die Geldwäsche aus kriminellen Geschäften. Dazu hatte er allerdings mit Schweizer Banken zusammenarbeiten müssen. Ein Militärattaché an der Botschaft Restjugoslawiens in Kairo hatte im Hintergrund agiert und das Kapital auf Konten im griechischen Teil Zyperns transferiert. Das waren nach Schätzungen der Weltbank bis 1993 bis zu fünf Milliarden aus Serbien, zehn Milliarden aus Osteuropa und zwanzig Milliarden Dollar aus der GUS gewesen. Insgesamt hatten sie fünfunddreißig Milliarden Dollar in drei Jahren verschoben. Um die Geldwäsche und um neue Anlagemöglichkeiten der serbischen Fluchtgelder kümmerte sich auf Zypern ein Spezialist, damit hatte er, Hartmann nichts zu tun. Ein Teil des Geldes floss in Belgrader Handelsfilialen, die auf der Insel diverse Geschäfte betrieben, zum Beispiel mit israelischen Waffenhändlern. Israelis lieferten auch elektronische Militärlogistik. Als er sich dann auf den Handel mit militärtechnischen Maschinenteilen eingelassen hatte, war auch Schröter mit von der Partie gewesen.



In Lausanne angekommen, kauft er von einem Straßenverkäufer eine Tageszeitung. Zwei Schlagzeilen auf der ersten Seite fallen ihm gleich auf:

GENF - Pro Jahr werden 300 Milliarden Dollar in die Schweiz geflogen ...

Schnell überfliegt er die Zeilen, und den folgenden Bericht:

ORGANISIERTES VERBRECHEN IN FRANKFURT Nächtliche Durchsuchung Teil einer bundesweiten Aktion Frankfurt - Die nächtliche Polizeiaktion am gestrigen Montag in Frankfurt war Teil bundesweiter Durchsuchungen. Die Beamten haben nach Angaben eines Sprechers der Polizeidirektion in den frühen Morgenstunden in der Stadt mehrere über das Stadtgebiet verteilte Gebäude durchsucht. 130 Beamte waren im Einsatz. In weiteren 35 Orten nahm die Polizei im Rahmen eines großangelegten Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Frankfurt gegen das organisierte Verbrechen (OK) 150 Wohnungen und Häuser unter die Lupe. Zuvor ermittelte eine Sonderkommission zehn Monate lang gegen 150 Beschuldigte jeden Alters wegen Bandenkriminalität, Hehlerei, Rauschgift, Verstoß gegen das Waffengesetz, Autoverschiebung, Urkundenfälschung und anderer Delikte. Einzelheiten zum Einsatz des Großaufgebotes beziehungsweise hinsichtlich der Ergebnisse der Durchsuchungen in Frankfurt waren gestern nicht zu erfahren. Federführend ist die Staatsanwaltschaft in Frankfurt, bei der ein Sammelverfahren anhängig ist. Insgesamt sieben Männer wurden bei der bundesweiten Aktion wegen ausreichender Verdachtsmomente verhaftet. Wie dann doch noch zu erfahren war, wurden Antiquitäten im Wert von mehreren hunderttausend Mark sichergestellt, außerdem mehrere Schusswaffen, darunter eine Maschinenpistole und ein MG16-A1. Mehrere hunderttausend Mark Bargeld, Blanko-Pässe, Blanko-Kraftfahrzeugscheine, Dienstausweise, Computer und Gemälde fanden die Polizisten bei der Aktion. (fff)



Lausanne thront auf seinen Hügeln zwischen See, Wäldern, Wiesen und Rebbergen. Im Sommer zeigt diese Stadt inmitten einer zauberhaften Natur ein lebendiges Bild in den Farben Grün und Blau. Hartmann ist gerne in Lausann. Der Fahrer kennt den Weg zur Kathedrale. Er hält vor dem frühgotischen Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert an, und lässt seinen Arbeitgeber aussteigen. >>Ich bin gleich zurück<<, sagt der. Seine Augen suchen Oliver Bank, als er das Schiff betritt. Doch erst müssen die sich an das Licht gewöhnen, dann entdeckt er Oliver wie immer auf dem selben Platz.

>>Hallo, mein Junge<<, sagt er, als er in die Bank rutscht.

>>Hallo<<, sagt auch Oliver Bank.

>>Hast du das hier schon gelesen?<< fragt Hartmann und zeigt Bank den Artikel.

Der Gefragte nimmt die Zeitung, und beginnt zu lesen. Nach einer kleinen Weile sagt er leise: >>Bei mir waren sie nicht, und auch sonst ist mir nichts zu Ohren gekommen.<<

>>Dann ist es ja gut!<< sagt Otto Hartmann ebenso leise und lächelt.

Es dauert eine Weile, bis Hartmann seine nächste Frage an den Besucher aus Deutschland stellt: >>Wie läuft es mit der Auswertung der Containerdokumente. Hast du die nötigen Computerspezialisten anwerben können?<<

>>Ja!<<

>>Was, ja? Erzähl mir mehr<<, bittet Hartmann.

>>Es hat alles so geklappt, wie wir es uns vorgestellt haben.<<

>>Wo ist der Container jetzt?<<

>>In Indien<<, antwortet Oliver Bank und sieht seinen Nachbarn an.

>>In Indien?<<

>>Dort habe ich die Spezialisten gefunden.<<

>>In Indien, so so ...<<

Oliver Bank klärt Otto Hartmann über die Vorteile die Indien bietet auf: >>Dort kannst du jeden kaufen, bis in die Spitze der Politik hinein. Hattest du nie in Indien zu tun?<< will er wissen.

>>Bislang nicht. Und, konnten schon Bänder oder Dokumente ausgewertet werden?<<

>>Nach dem einiges in den USA besorgt werden konnte, läuft es ganz gut.<<

>>So so!<<

>>Wie läuft es mit den Irakern?<< fragt Oliver Bank.

>>Kannst du alles im Fernsehen verfolgen. Die Iraker sind wieder täglich auf der Straße, und brüsten sich damit, wie sehr ihre neuerliche Aufrüstung voranschreitet.<<

Das leise Gespräch geht fünfundvierzig Minuten, dann wechselt Otto Hartmann das Thema. Er sagt: >>Oliver, nur für den Fall dass mir etwas zustößt ...<<

>>Warum sollte dir etwas zustoßen? Ah, du denkst daran dass dein Flugzeug mal vom Himmel fällt? Ich denke, da ist es wahrscheinlicher, dass du mit dem Auto verunglückst ...<<

>>Mag sein ... Also, wenn das einmal eintritt, dann musst du dich um meine Geschäfte kümmern, sie wenigstens zu Ende bringen ... Lass mich ausreden! Du suchst diese Adresse hier auf, dort erfährst du was du wissen musst.<<

Oliver Bank steckt den Zettel ungelesen ein, den Hartmann ihm zusteckt und fragt: >>War’s das?<<

>>Ja, mehr haben wir für den Augenblick nicht zu besprechen. Außer, eines sollte ich dir vielleicht noch sagen: Ich bin nicht der Boss, für den du und die Anderen mich haltet. Es werden sich für den Fall dass mir etwas zustößt Leute bei dir melden, oder auch nur einer. Tu was man von dir verlangt. Du kannst nicht aussteigen. Wenn du das versuchst, bist du so gut wie tot! Einen besseren Rat kann ich dir nicht mit auf den Weg geben und frag mich nicht, wer diese Leute sind ... ich weiß es nämlich auch nicht.<<

Oliver Bank sieht den Mann neben sich fragend an.

>>... Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur eines: Wir leben in einer verrückten Welt. Man spricht davon, dass in den nächsten fünf Jahren bis zu dreißig neue Kriege ausbrechen werden und wir, du und ich, wir verdienen mit.<<

Otto Hartmann ist nach den letzten geflüsterten Worten aufgestanden, und verlässt grußlos und ohne Blick zurück die Kathedrale.

Von Lausanne aus fliegt er nach Genf. Den Fahrer schickt er nach Villeneuve zurück. In Genf wird er von seinem Piloten erwartet. Hartmann bekommt glänzende Augen, als er die Maschine sieht. Der Pilot erklärt ihm das Eine oder Andere vom Learjet 60 und zuguterletzt sitzen sie nebeneinander im Cockpit. Hartmann ist fasziniert von den Armaturen vor sich und ist versucht alles anzufassen. >>Der Flug nach London ist angemeldet, so wie sie es verlangt haben. Wenn sie so weit sind, dann hole ich die Starterlaubnis ein<<, sagt der Pilot.

>>Von mir aus kann’s losgehen<<, sagt Hartmann und schnallt sich an. In weniger als drei Stunden sollte er in London am Eaton Square auf Schröter treffen. Wenn er an Schröters Appartment dachte, dann fragte er sich, warum der sich ausgerechnet dort eingemietet hatte. Das preiswerteste Appartment am Eaton Square war unter fünfundzwanzigtausend englische Pfund Monatsmiete nicht zu haben. Die Nebenkosten, die kamen noch hinzu.

Sie sind in der Luft. Schnell ist der Genfer See ausser Sicht und nach einer Linkskehre wird der Mont Blanc sichtbar. Otto Hartmann denkt sogleich an den Tunnel. Am 23. März 1999 nämlich fing im Mont Blanc Tunnel ein mit Margarine und Mehl beladener LKW Feuer. Im daraus resultierenden Flammeninferno starben 39 Menschen.

Dann sehen sie das Matterhorn. Optisch ist das Matterhorn einer der schönsten Berge in den Alpen. Dieser eisgepanzerte 4478 Meter hohe Gipfel wurde von Edward Whymper 1868 erstmals bestiegen. Dieser Berg hat aus dem Flugzeug gesehen ein Profil, wie man es in der ganzen Welt nie mehr vorfindet. Beeindruckend schön ist auch der Anblick der Rhone. >>Wenn Sie die Richtung beibehalten, dann bekommen wir auch den Eiger zu sehen, nicht wahr?<< fragt Hartmann den Piloten.

>>Ja, ich sehe mir den Berg auch immer wieder gern an. Er ist erst so richtig schön, wenn die Sonne untergeht. Doch zuerst kommt gleich das Aletschhorn.<<

>>Werden sie von Genf aus immer so geleitet, wenn sie nach Amsterdam oder London fliegen?<<

>>Nein, aber im Luftraum Mülhausen/Basel und im Pariser Luftraum herrscht um diese Zeit viel Verkehr ... Gleich können sie voraus den Eiger sehen.<<

Der Pilot erhält vom Fluglotsen Anweisung höher zu gehen. Dieser Anweisung folgend dreht der Pilot an irgendwelchen Knöpfen rechts neben sich und legt einen Kippschalter um. Der Bombardier Learjet explodiert daraufhin in der Luft.

Sommer 2001

Ein schöner Sommertag im August geht zu Ende. Eine Gruppe von Reitern mit ihren Pferden und zwei Hunde kehren zum heimatlichen Stall zurück. Man macht sich an die Arbeit, die Pferde abzusatteln und nach dem Tränken diese auf die Koppel zu bringen.

Die Hunde haben sich nach dem Saufen fallen lassen und liegen nun mit weit heraushängenden Zungen hechelnd auf der Seite.

Später, als Reiterinnen und Reiter geduscht haben und umgezogen sind, trifft man sich in der Reiterschänke.

>>Na, wie hat dir dein erster Ausritt gefallen?<< will Rosa von Brunowsky wissen.

>>Es war sehr schön, aber du solltest mal meinen Hintern sehen.<<

>>Gott bewahre<<, sagt Rosa.

Rosa hatte Brunowsky das Reiten beigebracht und wann immer er dienstfrei hatte, war er mit ihr zum Reitstall gefahren. Sehr zur Freude eines Pferdes, und zweier Hunde die beschlossen hatten, Freunde zu sein.



Der Schankraum leert sich bis auf Rosa, Brunowsky und ein weiterer Reiter. Brunowsky wird von einem Arzt und Hobby-Völkerkundler aufgehalten. Dieser hatte irgendwie in Erfahrung gebracht, dass Brunowsky ein Ostjude ist, also ein ashkenianischer Jude sein müsse, wie er annimmt. Heute nun versucht er aus Brunowsky herauszukitzeln, ob er auch Khasare ist. Brunowsky immer korrekt und höflich hat keine Ahnung. Woher soll er wissen, ob er Ashkenianer oder Khasare ist. Er berichtet von seiner Mutter und wie er als kleiner Junge nach Israel kam.

>>Können sie mit dem Namen Ashron was anfangen?<< fragt Rosa den Doktor.

>>Die ersten drei Buchstaben des Namens deuten darauf hin, dass es sich bei dem Namensträger um einen Ashkenianer handeln muss<<, meint der Gefragte.

>>Es ist schon spät<<, brummt Brunowsky, >>ich denke, Rosa, wir sollten fahren. Mich wundert eh, dass deine Mutter noch nicht angerufen hat.<<

>>Du hast recht, ich glaube wir brechen auf ...<<

>>Schade<<, sagt der Doktor, >>vielleicht können wir das Gespräch irgendwann einmal fortsetzen?<<

>>Sicher doch<<, sagt Brunowsky.



>>Der Doc gibt einfach nicht auf, mich nervt seine Fragerei<<, sagt Brunowsky als er neben Rosa im Auto sitzt, und sie sich anschnallen.

>>Mach dir nichts draus, wir Gold’s werden ab und zu auch gefragt, ob wir jüdisch sind<<, sagt Rosa und setzt das Auto in Bewegung.

Nach etwa fünfhundert Metern läuft vor ihnen auf dem Feldweg ein Mann in Fahrtrichtung. Er macht bereitwillig den Weg frei, als Rosa an ihn heranfährt. Rosa hält an, schraubt das Fenster der Fahrertür herunter, und fragt: >>Können wir sie ein Stück mitnehmen?<<

Anzuhalten war ein Fehler wie sich gleich herausstellen sollte. Der vermeintliche Fußgänger zieht sich mit der linken Hand eine Motorradmütze ins Gesicht, so dass nur Augen und Mund frei bleiben und mit der rechten Hand richtet er eine leichte Maschinenhandfeuerwaffe das er vor der Brust getragen hat in den Fond des Autos.

>>Aussteigen<<, befiehlt er.

>>Was soll denn das? Sind sie verrückt?<< fragt Rosa.

>>Steigen sie aus<<, wiederholt der Vermummte.

>>Lass uns tun was er sagt, vielleicht erfahren wir dann, was er von uns will?<< sagt Brunowsky.

>>Sehr vernünftig<<, sagt der Vermummte mit der Waffe und tritt einen Schritt zurück.

Rosa und Brunowsky steigen aus. Der Mann tritt etwas weiter zurück und geht langsam, Rosa und Brunowsky nicht aus den Augen lassend vor das Auto ins Licht.

>>Sie<<, sagt er zu Brunowsky, >>Hände an den Kopf.<<

Die letzte Anordnung gefällt Brunowsky, darauf hatte er gehofft. Er hatte sofort gedacht, dass sie aus dem Auto raus mussten, weil damit seine Chance auf eine Gegenwehr wuchs. Nur darum hatte er Rosa aufgefordert auszusteigen. Nun legt er langsam und bedächtig seine Hände in den Nacken. Er fühlt sein Wurfmesser im Kragen seiner ledernen Weste.

>>Was soll das werden<<, fragt Rosa.

>>Das will ich ihnen sagen<<, antwortet der Vermummte, >>ich werde sie und ihren Begleiter erschießen.<<

>>Warum? Was haben wir ihnen getan?<<

>>Mir, ... nichts. Die Organisation, der ich angehöre verlangt von mir, dass ich sie aus der Welt schaffe.<<

>>Was heißt denn das? ... Wer sind die und wer sind sie?<<

>>Das wüsste ich auch gern. Es tut mir leid, ich bin eigentlich kein Killer. Reinders, ja, der war ein Killer. Friedlich, Reiher und Sonnerdt kennen sie ja zur genüge, das sind richtige Killer. Ich, ich bin Geschäftsmann, aber ganz sicher kein Mörder. Aber, wenn ich nicht tu was man von mir verlangt, dann macht es eben ein anderer, danach erledigen die mich.<<

Rosas Gedanken überschlagen sich. Wer kann das sein? Die sitzen doch alle, denkt sie. Nein, einer nicht und das ist Bank! Von der Figur her könnte er es doch sein, oder?

>>Na, was denken sie?<< fragt der Vermummte.

>>Ich bin soeben drauf gekommen, wer sie sein könnten. Sie sind Oliver Bank, nicht wahr?<<

>>Nicht schlecht<<, sagt der und zieht die Kapuze nach oben in die Haare.

>>Sind sie zufrieden? Los, weiter da rüber<<, befiehlt er, und meint das Gebüsch am Wegrand.

Ganz plötzlich ist das Herannahen eines Autos zu hören. Oliver Bank ist iritiert und sieht in die Richtung, aus der das Auto kommen muss.

Der Doktor, denkt Brunowsky, zieht und wirft blitzschnell das Messer. Nicht einen Moment lang hat er Bank aus den Augen gelassen. Seine Augen klebten förmlich an ihm. Bank neigt sich vornüber - als habe er plötzlich Bauchweh - und schreit entsetzt auf. Langsam sinkt er auf die Knie und sieht mit weit aufgerissenen Augen das Messer, das in seinem Bauch steckt. Langsam öffnet sich seine rechte Hand, und die Maschinenpistole fällt zu Boden. Bank will sich das Messer aus dem Bauch ziehen, doch schon ist Brunowsky bei ihm um ihn daran zu hindern.

>>Nicht herausziehen<<, sagt er. >>Lassen sie das Messer stecken, sie verbluten sonst ... Rosa, ... rufe bitte einen Krankenwagen.<<

Rosa, schieres Entsetzen in den Augen, starrt auf den verletzten Oliver Bank.

>>Rosa<<, ruft Brunowsky laut, >>ruf einen Krankenwagen und einen Notarzt, Herrgott nochmal ...<<

Rosa erschrickt, holt aber ihr Funktelefon aus dem Auto und ruft einen Krankenwagen. Die Frage, ob ein Notarzt benötigt wird, bejaht sie.

Inzwischen hat ein Geländewagen - dessen Motor sie vor wenigen Augenblicken gehört hatten - angehalten. Der Fahrer ist, wie Brunowsky es vermutet hat, der Arzt und Völkerkundler.

Nach einem Blick nur auf den Verletzten, den Brunowsky im Arm hält, rennt der Arzt zum Auto zurück um seine Tasche zu holen. Dann wird Oliver Bank medizinisch versorgt. Der Rettungswagen aus Oberursel lädt wenig später den Verletzten ein, und bringt ihn weg.

>>Wird er durchkommen<<, fragt Rosa den Arzt, der bei ihnen bleibt und mit ihnen auf die Polizei wartet.

>>Ich denke schon<<, sagt er ein wenig nachdenklich.

>>Wie geht es dir, Brunowsky?<< fragt Rosa.

>>Gut<<, antwortet der kurz und knapp.

>>Glaubst du, dass Bank uns umgebracht hätte?<<

>>Du kannst Fragen stellen<<, grinst er und kramt sein Funktelefon aus der Weste. Er will Ash, zumindest aber die Zentrale über den Vorfall informieren. Er ist sich ziemlich sicher, dass Polizei und Staatsschutz ihn so schnell nicht wieder gehen lassen, bereitet es ihnen doch Vergnügen, einen Agenten eines fremden Dienstes zu vernehmen.

Rosa informiert ihre Brüder.

Der Arzt steht mit sorgenvollem Gesicht ganz in der Nähe. Man sieht ihm an, dass er gern mehr über den Vorfall erfahren würde. Andererseits kann er sich denken was geschehen ist, denn die Maschinenpistole liegt immer noch am Boden. Er ist noch am grübeln, als die Polizei erscheint.



In einem Hotel im Herzen der Stadt Brüssel, im Amigo, 1-3 rue de l'Amigo, einem ehemaligen Gefängnis, haben sich im Laufe des Tages fünf ältere Männer eingefunden, die dann am Abend im Hotelrestaurant beim Wein, sich mit ernsten, manchmal düsteren Gesichtern, leise unterhalten. Sonderlich aufgefallen waren sie bei ihrer Ankunft, und auch späterhin in dem gediegenen 5-Sterne-Hotel, dessen Zimmer mit Mobiliar aus der Zeit Louis XV. ausgestattet sind, wohl nicht. Weder dem Mann vom israelischen Geheimdienst, noch den Männern vom CIA, die sich in den Sesseln des Foyers flegelten, waren sie auffällig erschienen, noch bekannt.

Vier dieser Männer waren einmal Elitesoldaten der DDR und für die Firma tätig gewesen. Das war lange her, und doch hatte ein jeder - bevor sie zu ernsteren Themen kamen - eine Geschichte zu erzählen. Sie amüsierten sich köstlich darüber, wie sie die NATO, die USA und die Regierung der Bundesrepublik Deutschland geleimt hatten. Selbstverständlich hatte man auch mal die Russen oder die Chinesen an der Nase herumgeführt.

Die Männer sind der heute einundachtzigjährige ehemalige Generalmajor Winfried Sänger und frühere Leiter der Hauptabteilung Funkaufklärung. Seine Abteilung hatte fast alle wichtigen Telefonverbindungen in der BRD und Österreich abgehört. Das war möglich gewesen, weil fast alle Gespräche über Richtfunk geleitet wurden.

Ihm gegenüber sitzt der Generalleutnant Manfred Asche, sechsundsechzig Jahre alt. Ihm hatte die Firma es zu verdanken, dass sie in den Datennetzen von Einwohnermeldeämtern, Polizei und dem Kraftfahrtbundesamt in Flensburg recherchieren konnte. Ungehindert wohlbemerkt.

Neben Asche sitzt Oberst Mapper. Harold Mapper, siebzig, will heute noch mit Herr Oberst angesprochen werden. Es gab Zeiten, da glaubte man an der JHS, er habe seinen Namen vergessen. JHS, das war die Juristische Hochschule gewesen, die die Firma in Potsdam unterhalten hatte. Mapper war dort Chef von fast tausend Mitarbeitern gewesen, die den Geheimdienst wissenschaftlich unterstützt hatten.

Ein weiterer ehemaliger Oberst am Tisch ist Georg Heinrich. Er war Leiter einer Abteilung innerhalb der Firma gewesen, die sich mit Multiplikatoren in der BRD befasst hatte. Heinrich ist in etwa so alt wie Mapper.

Der fünfte Mann am Tisch ist auch der Jüngste. Winfried Sänger junior ist knapp fünfzig und der Einzige, der studiert hat. Er ist Jurist und hat in Berlin seine Kanzlei. Er ist es, der nun die Runde fragt: >>Wer hat Hartmann vom Himmel geholt?<<

Auf die Frage erhält er keine Antwort, er beantwortet sich die Frage selbst, in dem er sagt: >>Wahrscheinlich waren es die Israelis.<<

>>Möglich ...<<, sagt sein Vater.

>>Wer übernimmt seinen Job? Ihr wisst, dazu muss man mobil und möglichst unabhängig sein<<, sagt Sänger jun.

>>Ich denke da an ...<< Oberst Heinrich vollendet den Satz nicht, denn der Tisch nebenan wird von lauter jungen Leuten besetzt.

Wenn diese gewusst hätten, dass die alten Männer am Tisch nebenan, der Kopf einer kriminellen Organisation, einer Mafia waren, so würden sie das Restaurant schnell wieder verlassen haben. Nach dem Essen beschließen die Alten und Sänger junior, die Unterhaltung in einem der Hotelzimmer fortzusetzen.



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