Die Firma - Kurzinhalt

Teil 5

Rosas Flieger landet in Schipol. Rick holt sie ab. Er verstaut ihren Koffer unter der Haube seines Porsche. Sarah war bei Jan geblieben, Veronique besucht eine Freundin in Lissabon. Somit ist sein Gästezimmer eine Zeit lang frei.

>>Haben die Richter ein Urteil gefällt?<< fragt Rick

>>Ja, sonst säße ich nicht neben dir, mein lieber Rick!<<

>>Willst du darüber reden?<<

>>Klar, warum nicht! Friedlich, Reiher und Sonnerdt haben lebenslänglich bekommen. Hätten Dr. Brügge und ich nicht darauf bestanden, dass die Ermittlungsergebnisse der Kripo Darmstadt hinzugezogen werden, so hätte es leicht anders ausgehen können. Wir hatten sogar noch Glück, einen Zeugen zu finden, der den Jeep in der Straße, in der Bruno und Alexander gestorben sind, beobachtet hatte. Dieser Zeuge hat gesehen, wie der Jeep - immerhin ein auffälliges Fahrzeug - neben Brunos Dienstwagen anhielt, und wie jemand ausgestiegen war um die Beifahrertür zu öffnen. Die Kripo Darmstadt hat hervorragende Arbeit geleistet. Bruno und Alexanders Mörder werden das Gefängnis nie mehr verlassen.<<

>>Was hatten die Darmstädter mit dem Mord an Bruno und Alexander zu tun?<< fragt Rick.

>>Die konnten an Hand von Indizien, Hinweisen und Spuren nachweisen, dass diese drei Verbrecher, auch die Morde in den Rheinauen begangen hatten.<<

>>Wurden dort nicht auch Frauen und Kinder ermordet?<<

>>Ja, das ist richtig. Wegen dieser grausamen Tat verhängte das Gericht die Höchststrafe, lebenslange Verwahrung in einem Gefängnis.<<

>>Außer den Dreien, wurde niemand verurteilt?<<

>>Doch, der ehemalige Kollege in der Staatsanwaltschaft, Dr. Frank, den hat man zu drei Jahre und neun Monate Gefängnis verurteilt. Dann wurde da noch ein gewisser Franz Habicht, und in Münster ein Mann mit Namen Marquard verurteilt. Oliver Bank, der versucht hat, mich und Brunowsky umzubringen, dem wird man Anfang nächsten Jahres den Prozess machen.<<

>>Was wurde aus dem, den du damals in München vernommen hast?<<

>>Du meinst Anton Ebert. So viel ich weiß, hat der sieben Jahre bekommen. Erinnerst du dich noch? An dem Wochenende mit Bruno in München, da haben wir euch mitgeteilt, dass es da ein junges Mädchen gibt, das dringend Mutter und Vater braucht.<<

>>Wohl wahr, den Abend werde ich nie vergessen<<, sagt Rick.

>>Und, habt ihr es bereut, dass ihr Veronique zu euch geholt habt?<<

>>Nein, Veronique hat unser Leben verschönert und bereichert.<<

>>Deine Frauen, haben dein Leben ganz schön umgekrempelt, nicht wahr?<<

>>Das kann man wohl sagen! ... Wie ist es mit dir?<< fragt Rick.

>>Lass uns später darüber reden<<, bittet Rosa.

>>Okay, was wurde aus Schröter, diesem Waffenhändler und Freund von meinem Bruder?<<

>>Der hat sich abgesetzt, oder anders ausgedrückt: Schröter ist längere Zeit nicht nach Deutschland zurückgekehrt.<<

>>Wird er wohl auch in Zukunft bleiben lassen, denke ich mal.<<

>>Kann sein. Ganz raffiniert hat es der Staatssekretär Reich angestellt. Der hat sich krank gemeldet, und er wurde auch prompt von einem Arzt für verhandlungsunfähig erklärt. Die Verhandlung gegen Gutzeit in München wird verschleppt und in die Länge gezogen, dafür sorgen wohl seine politischen Freunde. Der Letzte im Bunde, Dr. Sandmann ist verschwunden. Er hat seine Schwester in Frankfurt zurückgelassen. Alle Befragungen dieser Frau durch die Staatsanwaltschaft blieben erfolglos.<<

>>Wer ist noch mal dieser Sandmann?<< fragt Rick.

>>Das ist dieser Gerichtsmediziner mit den Einzellern im Keller.<<

>>Dinoflagellaten! Richtig, das sind diese toxische Einzeller, die das menschliche Nervensystem angreifen und eine schreckliche Krankheit hervorrufen ...<<

>>Ja genau, Dinoflagellaten.<<

>>Und diese hochtoxischen Einzeller hatte der im Keller?<<

>>Ja, unglaublich nicht wahr?<<

>>Wenn das Gift, das zentrale Nervensystem erfasst, kommt es zuerst zu Lähmungserscheinungen. Dann fällt der Patient ins Koma, die Atmung setzt aus. Das ist die Haupttodesursache.<<

>>Wie ich höre, kennst du dich aus?<<

>>Ja, ein wenig weiß ich schon über diese Einzeller. Nur, es gibt ein Importverbot für Europa. Er durfte die Biester gar nicht haben.<<

>>Das war DDR-Wissenschaftlern und Medizinern egal!<<

>>Vermutlich ...<<

>>Brauchen wir noch lange?<<

>>Nein, in zehn Minuten sind wir bei Sarah und dem Kleinen.<<

>>Wie seid ihr auf den Namen Jan gekommen?<< fragt Rosa.

>>Wir haben beide einen Großvater gehabt, der Jan hieß. In nullkommanix waren wir uns einig.<<

>>Wann werdet ihr heiraten?<<

>>Wenn du, und auch wir nicht mehr trauern.<<

>>Danke, das hast du schön gesagt!<<



Lissabon ist Treffpunkt der Jugend Europas und lebt von Veränderungen. Diese werden im Stadtteil Alcântara sichtbar. Die alten Lagerhallen an den Docks, direkt am Flussufer des Tejo, wurden in zweigeschossige Bars und Restaurants umgewandelt. Zu den Bars am kleinen Yachthafen gehören Sitzgelegenheiten im Freien. Von dort aus blickt man auf die imposante Brücke Ponte de 25. Abril über den Tejo, und auf das unübersehbare Monument des Christo Rei, der über diese Stadt wacht. Äußerlich unterscheiden sich die Lagerhäuser kaum, dafür ist die innere Aufmachung um so individueller. Vom Irish-Pub bis hin zu Cocktailbars und Bars im südamerikanischen Stil, in Alcântera findet sich für jeden Geschmack etwas. Nur wenige Schritte trennen die Bars von einer Großraumdiscothek. In weiteren Lokalen sind Anhänger von House, oder Techno zu Hause.

Wie nur soll ich Veronique hier finden, denkt Rick.

Lissabon war stets eine Stadt der Seefahrer. Von Belém aus, sieben Kilometer westlich an der Tejomündung fuhren unzählige Seefahrer zu ihren Entdeckungsreisen aufs Meer hinaus. So auch Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckt haben soll. Pédro Alvares Cabral segelte von dort nach Brasilien. In Belém - einem Ort mit eindrucksvollen Bauwerken im Stil der verspielten manuelinischen Entdeckerzeit, und dem Wahrzeichen Lissabons, das Torre de Belém - hatte Rick seine Lieben zurückgelassen.

Rick war - nach dem er sich mit Sarah und auch Rosa beraten hatte - auf den Vorschlag von Wouters eingegangen, mit ihm nach Portugal zu segeln. Nun lagen sie mit der Yacht seit einer Woche in einer Bucht mit einem herrlichen Sandstrand zwischen Estoril und Cascais vor Anker. Die Bucht war eingerahmt vom faszinierenden Fels der Küste. Zu welchen Wunderwerken die Natur fähig ist, zeigt an der Algarve diese steile Sandsteinküste. Bildhauer der bizarren Felsformationen sind der Wind und der Ozean.

Die Abende verbrachten sie manchmal beim Wein in dem ehemaligen Fischerdorf Cascais. An einem der langen Abende waren sie zu Fuß über die Uferpromenade nach Estoril gelangt. Der Badeort ist durch das Spielcasino und die traumhaften Villen oberhalb bekannt. Wenige Minuten landeinwärts liegt Sintra. Dort waren sie gestern gewesen um einzukaufen und um die Sommerresidenz des Königshofes zu besichtigen. Gefallen hatte ihnen die Altstadt mit seinen engen Gassen und das Mikroklima war ihnen angenehm aufgefallen. Durch den Exstremtourismus, auf den sich Sintra eingelassen hatte, war der portugiesische Charme verloren gegangen.

Rick fragt an den Docks von Alcântera junge Leute in gepflegtem Enlisch, aber auch in franzsischer Sprache wo er ein siebzehnjähriges Mädchen suchen soll, die hier her gegangen sei, um etwas zu erleben. Freundlich gibt man ihm Auskunft. Rick findet Veronique und die Freundin nicht in der beschriebenen Diskothek, sondern am kleinen Yachthafen, wo sie an einen Poller gelehnt mit anderen jungen Menschen Musik machte. Der Klang einer Gitarre hatte Rick dort hingeführt, und nun hört er ihren Gesang. Immer wenn er sie singen hört, geschieht etwas mit ihm. Er kann es für sich nur so erklären: Eine Andacht, in einem Gotteshaus bewirkt das Gleiche. So steht er nun vor ihr, und hört ihr zu. Er hat sich nicht bemerkbar gemacht. Er ist verzaubert, wie alle um sie herum. Veroniques Gesang verstummt, und sie konzentriert sich nun ganz auf das Instrument in ihren Händen und auf das Spiel. Eine Flöte fällt zur rechten Zeit in die Musik ein. Ganz plötzlich ist es still. Erst als Veronique ihren Kopf anhebt, ihr schönes Gesicht sichtbar wird, und sie ihre Augen erstaunt auf die Zuhörer richtet, bricht der Beifall los. Dann entdeckt sie Rick. Sie löst sich von dem Poller, lehnt die Gitarre dort an und fliegt mit nur wenigen Schritten in Ricks Arme und an seine breite kräftige Brust.

Eigentlich lässt sich Lissabon am besten zu Fuß oder mit der Straßenbahn erkunden, wichtig sind bequeme Schuhe. Da sie eine längere Strecke zu fahren haben, nimmt Rick für sich und die Mädchen eines der recht günstigen Taxen. Rick besteht darauf, dass der Fahrer sein Taxameter einschaltet. Gemeinsam fahren sie nun durch eine Stadt, in der eindrucksvoll historische Einflüsse durch Westgoten, Araber und Römer sichtbar werden. Lissabon hat eine bewegte Vergangenheit. Stumme Zeugen, wie die vielen Statuen zu Ehren von Königen und Seeleuten, sowie die unterschiedlichen Baustile und Straßennamen zeugen davon.

Veroniques Freundin ist in der Oberstadt, das Bairro Alto zu Hause. Das Bairro Alto ist das älteste Vergnügungsviertel in Lissabon. Tagsüber wirkt es verschlafen. Sobald die Sonne untergeht, verwandelt sich die Oberstadt in pulsierendes Leben. Unzählige Restaurants und kleine Kneipen, so genannte Tascas machen ihre Läden auf. Jazz oder Fado - dem traurig süßen Weltschmerz-Song - sind dann überall zu hören.

Tascas werden nur selten in einem Reiseführer beschrieben, sie sind eher ein Geheimtipp. Kein gelernter Koch, sondern die Mama kocht hier nach alten Familienrezepten. Veroniques Freundin hat so eine Mama. Die Mama, und der Papa müssen schwer arbeiten. Sie hatten sich noch nie einen Urlaub gegönnt, ihre Tochter sollte studieren. Sie hatten die letzten Jahre geschuftet, um das Internat bezahlen zu können. Nun war es so weit, sie hatten das Geld für das Studium ihrer Tochter beisammen, und für die Miete sollte das Kind nicht nebenher arbeiten müssen.

Der herzliche Empfang durch Mama und Papa berührt Rick sehr. Drei Flaschen Wein werden geleert, dann erst hat Rick die Erlaubnis beide Mädchen für einige Tage mit auf die Yacht zu nehmen. Drei Flaschen Wein mußten getrunken werden, um Mama und Papa die Verantwortung für die beiden Mädchen abzuringen. Ein Taxi bringt sie nach Belém, wo Sarah mit dem Baby und Rosa zusteigen, um nach Cascais zurück zu fahren.



Belém bietet eine große Anzahl interessanter Museen, eindrucksvolle Bauwerke und zahlreiche Denkmäler, wie das Torre de Belém, dem Wahrzeichen Lissabons. Ursprünglich lag es einmal inmitten des Tejo. Einige künstliche und natürliche Veränderungen des Flusslaufes spülten es wohl an Land.

An diesem Ausflugsziel hält sich zufällig auch Dr. Sandmann auf. Er hatte nichts besseres vor gehabt und war von seinem Hotel aus, dem Hotel Veneza: Av. Da Liberdade hier herausgefahren. Seit einem halben Jahr hielt er sich in Lisboa auf. Er wäre nun beinahe mit der meistgehaßten Frau in seinem Leben, der Anwältin Rosa Gold aus Frankfurt zusammengestoßen. Gerade noch rechtzeitig hatte er das abwenden können. Wie zum Teufel, kommt ausgerechnet diese Frau hier her, denkt er. Glück gehabt, wenn die mich gesehen hätte, so würde sie die Polizei gerufen haben. Die Weiber hatten doch heute alle ein Funktelefon in ihrer Handtasche. Schnell erholt er sich von dem Schreck. Mit gebührendem Abstand folgt er Rosa und Sarah. Als die Frauen zu Rick ins Taxi steigen, winkt auch er sich eine herbei und befiehlt dem Fahrer dem Wagen des Kollegen zu folgen. In Cascais beobachtet er, wie die Verfolgten zu einer Yacht gebracht werden, und wie dieses eine Stunde später den Anker lichtet. Erneut winkt er eine Taxe herbei. Auf der Küstenstraße hat er die Yacht sehr bald draußen auf dem Atlantik entdeckt. Ab und zu bittet er den Fahrer anzuhalten. Dann steigt er aus, um aufs Meer hinauszusehen. Er wirft auch einen Blick in die Boca do Inferno, dem "Höllenschlund", wo das Meer seine Wellen mit tosendem Gebraus in einen zwanzig Meter hohen Felsenkessel schlägt.

Am Abend weiß er, wo die Yacht ankert. Er hat - bevor er wieder ins Taxi steigt - noch gesehen, wie die Frauen und Mädchen ins Wasser sprangen, um sich zu erfrischen, während die Männer an Deck saßen und Bier aus Dosen tranken. Es wird für ihn nicht einfach, doch er findet eine Unterkunft in Cascais.

Obgleich Cascais eines der beliebtesten, nobelsten Badeorte an der Küste ist, hat es sich im Ortskern den Charme eines alten Fischerdorfes bewahrt. An dem kleinen Strand, wo bunte Fischerboote liegen, flicken die Fischer ihre Netze. Ihren Fang verkaufen sie in der lota, der Fischauktionshalle. Die kleine Palmen-promenade lockt mit Cafés und Geschäfte. Sehenswürdigkeiten hat Cascais nicht zu bieten, dafür einige schöne Strandbuchten. Komfortable Herbergen gibt es in Cascais unzählige. Die privilegierten Plätze am Kliff und in Strandnähe sind nur wenigen vorbehalten. Dazu gehören das Luxushotel Albatroz und das komfortable Estalagem do Farol.

Dr. Sandmann stillt Hunger und Durst im Restaurant Dom Leitão, in dem leitão, Spanferkel mit zartem Fleisch und krosser Haut serviert wird. Empfohlen hatte man ihm im Estalagem do Farol, das O Pipas, angeblich das beste Fischrestaurants am Ort. Während er isst, beginnt der Gedanke die Anwältin Rosa Gold umzubringen, Form anzunehmen. Er beschließt zu beenden, was Oliver Bank vermasselt hat.

Noch bis vor zehn Jahren war er ein begeisterter Sporttaucher gewesen. Die Karibik kommt ihm in den Sinn. Als er dort tauchte, da hatte er erstmals an Ciguatera erkrankte Menschen gesehen und begonnen sich für Einzeller, Dinoflagellaten - winzige Tierchen nur - zu interessieren. Beim Menschen richten sie fürchterliche Schäden an. Ein Chaos entsteht im Körper, nichts ist mehr normal, der Kranke wird in den Wahnsinn getrieben. Dr. Ammermann von der Tropenmedizinischen Ambulanz hatte ihm die Symptome beschrieben: "Stellen sie sich vor, sie waschen sich die Hände unter kaltem Wasser und haben das Gefühl, sich zu verbrühen. Oder, sie fassen eine kalte Türklinke an und denken einen glühendheißen Eisenstab anzufassen. Das ist es, was die Leute zum Wahnsinn treibt, und was sie wirklich als absolut schlimm erleben." Dinoflagellaten und ihr tödliches Gift hatten ihn fasziniert und nicht mehr losgelassen. Wann immer er jemanden ins Jenseits befördern mußte, hatte er sie eingesetzt.

Er wusste nun, wie er es anstellen mußte. Würde jetzt irgendjemand in seine Augen sehen, so würde er den Wahnsinn darin entdecken. Doch niemand beachtet ihn, kein Mensch sieht sein böse grinsendes Gesicht. Schade nur, dass man mir meine kleinen Lieblinge weggenommen hat, denkt er und seufzt.

Ins Hotel zurückgekehrt denkt er, dass es an der Zeit ist, sich bei seiner Schwester in Frankfurt zu melden. Er ruft sie kurz entschlossen an.



>>... und stell dir vor, beinahe hätte ich dieses Miststück, diese Staatsanwältin aus Frankfurt über den Haufen gerannt ...<<



In Ashrons unterirdischem Bunker, in Frankfurt ist binnen Sekunden der Teufel los als ein Bandgerät anspringt, und den zunächst irritierten Technikern und Aufklärern klar wird, dass ein Irrer - der Sandmann zu sein scheint, und von irgendwoher seine Schwester anruft - plant, die ihnen inzwischen allen bekannte Anwältin Rosa Gold umzubringen.

>>Anrufer lokalisieren<<, bellt sofort eine Stimme.

Was deutschen Behörden - die ebenfalls in der Leitung hängen - nicht gelingt, bringen die Männer von Ash mit modernster Nachrichtentechnik und einem simplen Trick zu Ende. Als man Ash Minuten später informiert, erfährt er, dass der Anruf aus Cascais in Portugal kam.

>>Alle Informationen sofort nach Lisboa, ... und macht denen klar, dass ich Frau Gold gesund und unbeschädigt in Frankfurt zurück haben will ...<<

Eigentlich sollte sie doch in Bergen aan Zee sein, denkt Ash. Was hatte sie in Portugal verloren? Er gibt noch eine Anweisung durch, was er gefahrlos tun kann. Seine Leitung anzuzapfen ist schlicht nicht möglich.

>>... ja, habe ich mich so unklar ausgedrückt? Ich wünsche, dass er liquidiert wird, ende und aus.<<

Dreißig Minuten später weiß Ash von Ursula, dass sich Rosa auf einer Yacht aufhält, und wer bei ihr ist. Er informiert seine Leute und bittet darum, Lisboa in Kenntnis zu setzen. Er selber kann diesen Anruf nicht tätigen.



Um vier Uhr früh des folgenden Morgens treffen drei dunkle Van in Cascais ein. Am Strand, zwischen den Fischerbooten wird ein Schlauchboot ausgeladen und zwei starke Außenbordmotoren werden montiert. Drei Männer und Ausrüstung bleiben am Strand zurück. Die Van fahren auf die Küstenstraße, um die Bucht und die Yacht zu suchen, was bei anbrechendem Tageslicht kein Problem darstellt. Die Bucht, und die Yacht sind schnell gefunden.

Sechs schwarz gekleidete und vermummte Männer seilen sich ab zum Strand. Drei Männer in ziviler Kleidung bleiben bei den Fahrzeugen, und sorgen dafür, dass die Ausrüstung möglichst rasch aber geräuschlos nach unten an den Strand gelangt. Auf der Yacht bleibt es ruhig. Die Männer am Strand, bei den Fahrzeugen und auch die Männer am Strand von Cascais hoffen, dass Sandmann am Morgen aktiv wird und nicht erst in drei Tagen. Sandmann musste sich vom Atlantik her der Yacht nähern, seiner Figur nach zu urteilen war er bestimmt kein Kletterer. Man war gespannt, wie er es anstellen würde und ob er überhaupt kam. Die Möglichkeit, dass er abwarten würde, ob Rosa Gold noch einmal in Cascais oder sonst wo an Land ging blieb offen. Der Einsatzleiter schickt von unten vom Strand zwei Vans nach Cascais zurück. Die Fahrer wissen, was sie dort zu tun haben.

Dr. Sandmann kommt nicht!

Er hatte am Morgen über das Hotel versucht ein Motorboot und eine Taucherausrüstung zu bekommen. Die Verleiher hatten jedoch die Vermietung an eine Einzelperson abgelehnt. Es sei nicht üblich allein zu tauchen, und man befürchte Ausrüstung und Boot zu verlieren. Sandmann begleicht seine Hotelrechnung und er kehrt nach Lissabon zurück.



Nach dem Luxushotel Albatroz suchen die Agenten und Fahrer der zwei Vans, die der Einsatzleiter in der Nacht nach Cascais geschickt hatte, das Estalagem do Farol auf. Dort erfahren sie, dass der Gesuchte abreiste. Von ihrem Einsatzleiter erhalten sie den Befehl, Sandmann zu suchen und zu folgen.



Flächenmäßig ist Portugal gerade doppelt so groß wie Niedersachsen in Deutschland, und doch können die Kontraste zwischen den einzelnen Regionen nicht größer sein. Portugal ist Lissabon, der Rest ist Landschaft. Die Beschreibung stammt aus dem 19. Jahrhundert, doch eine bessere für den Gegensatz zwischen Stadt und Land gibt es nicht. Lissabon ist die pulsierende, alles beherrschende Metropole, eine der schönsten in Europa. Die Hauptstadt hat das Flair einer Weltstadt und zeigt sich, wie New York, Paris oder Amsterdam, in vielen Gesichtern. Sie ist prachtvoll und morbid, pompös ohne Protz, atemlos mit Gemächlichkeit, arrogant mit Herz, heißt es im Reiseführer.

Kaum hat man den Großraum Lissabons verlassen, kommt man in ländliche, einsame Gegenden. Es genügt, wenige Kilometer zu fahren, und schon ändern sich Bräuche, Kunsthandwerk und Küche. Überall treten die Spuren in Erscheinung, die Klimazonen, Erdanatomie und örtliche Biographien hinterlassen haben. Als die heimliche Hauptstadt sieht sich Porto, die zweitgrößte Stadt und das produktive Zentrum des Landes. Hier konzentrieren sich Wirtschaftsmacht und Reichtum. Die Stadt mit den kühlen Gemütern und den republikanischen Leidenschaften liegt am Westrand der grünen Rebgartenlandschaft, der Heimat des Portweins.

Im bergigen Nordportugal, in den Provinzen Minho und Douro Litoral wird der Kohl richtig fett. Ganz anders erscheint dagegen die Südprovinz Alentejo, dessen Fläche gut ein Drittel ganz Portugals ausmacht. Das Land ist flach, karg und rot. Nur Anspruchsloses gedeiht hier, Getreide, Sonnenblumen, Olivenbäume und Korkeichen. Im Frühjahr zeigen sich auf der weiten, sanften Hügellandschaft kräftige Farben: rot wie Mohn, gelb wie Ginster und violett wie Thymian.

Während der westliche Küstenstreifen zwischen Porto und Lissabon dicht besiedelt ist, haben sich die Bergprovinzen im Osten zu vergessenen Landschaften entwickelt. Die Grenze zu Spanien ist dicht an dicht mit Burgen und Festungen aufgerüstet, ein Relikt aus der Zeit als der kleine Staat seine Unabhängigkeit gegen den mächtigen Nachbarn verteidigen mußte. Eingekeilt von Gebirgszügen und Feindesland, begegnet man in den unwirtlichen Gebirgsregionen der Beiras kaum einem Menschen. Viele Dörfer sind verlassenen, die Bewohner vor der Armut an die Küste geflohen. Mehrere besonders schöne, vom Verfall bedrohte Dörfer sind unter Denkmalschutz gestellt und restauriert worden. Naturfreunde finden aufregende, fast unberührte Landschaften, einsame Fluß- und Bergtäler, schneebedeckte Gebirgszüge, wildwuchernde Wälder und Naturparks mit seltenen Pflanzen und Tieren.

Am Mondego liegt die Universitätsstadt Coimbra. Sie ist eine der ältesten Universitäten Europas und die bedeutendste Stadt der Beiras. Majestätisch besetzt die alma mater, das Wahrzeichen der Stadt den höchsten Hügel.



Dr. Sandmann ist in einem Mietwagen unterwegs nach Coimbra. Der kläglich mißlungene Versuch, Rosa Gold zu töten, hatte ihn zuerst wütend gemacht, dann so unruhig werden lassen, dass er es in Lissabon nicht mehr ausgehalten hatte.

Was sucht Sandmann in Portugal? Nichts! Er wartet in Lissabon auf einen Luxusliner, der ihn im Dezember nach Südamerika bringen soll. Von dort aus will er nach Cuba. Er hat deshalb viel Zeit. Nun fährt er auf einer der Bergstraßen der Beiras, als ihm plötzlich am frontgetriebenen Renault rechts vorne ein Reifen platzt. Sandmann kann das Auto mit dem für ihn ungewohnten Automatikgetriebe nicht auf der Bergstraße halten. Er macht so ziemlich alles falsch, gibt versehentlich sogar noch Gas und so rast das Auto nach rechts von der Straße einen felsigen Abhang hinunter. Das Fahrzeug überschlägt sich mehrmals, die Türen springen auf. Der Sicherheitsgurt, in dem Sandmann gefangen ist reißt aus seiner Verankerung und er wird beim nächsten Aufprall aus dem sich abwärts bewegenden Wagen geschleudert. Sandmann landet irgendwo in den Felsen und fühlt, wie seine Knochen brechen bevor er bewusstlos wird. Der Tank des Renault explodiert beim nächsten Aufprall. Brennend stürzt das Auto weiter, um irgendwo weit unten endgültig aufzuschlagen und auszubrennen.

Irgendwann erwacht Sandmann aus der Bewusstlosigkeit, er braucht Stunden um zu verstehen, dass seine Lage aussichtslos ist. Der Schwerverletzte stirbt langsam und qualvoll - wie seine früheren Opfer - in dunkler Nacht, einsam und allein, stundenlang. Er weint, bis das Leben ihn verlässt und so Erbarmen zeigt. Bei Anbruch des Tages, sichten die müden Verfolger die Unglücksstelle.



Es ist laut an Bord. Veronique hält den kleinen Jan im Arm, der lauthals nach Essen verlangt, das Sarah unter Deck gerade für ihn zubereitet. Die Freundin putzt sich - noch halb nackt - an Deck die Zähne, gurgelt und spuckt. Rick und der Skipper beobachten die Männer am Strand.

>>Für Kletterer haben die aber mächtig viel Ausrüstung dabei, findest du nicht auch?<< sagt Rick zu Wouters.

>>Ich glaub eher, das sind Taucher. Komm, sehen wir zu, dass wir was zwischen die Kiemen bekommen, Kaffee wäre auch nicht schlecht<<, sagt der Skipper.

>>Ist alles fertig, seht ihr<<, sagt Rosa und zeigt auf den Tisch unterm Sonnensegel.

Bewundernd sieht Wouters sie von unten bis oben an, um dann Rick zu fragen: >>Sag mir mal Rick, wie kann ich diese wunderschöne und tüchtige Frau in meinen Verlag locken?<<

>>Den Gedanken kannst du gleich hier über Bord werfen, das wird dir nicht gelingen. Rosa ist bodenständig und wird Frankfurt nicht verlassen. In Frankfurt hat sie ihr Zuhause, die Mutter, ihre Brüder, und dann wäre da noch ihre Freundin Ursula, mit der sie zusammenlebt und die Stallwache hält. Habe ich jemanden vergessen, Rosa?<< fragt Rick und nimmt sie in die Arme.

>>Meine Tiere, Rick.<< Liebevoll küsst sie ihn auf den Mund und löst sich aus seiner Umarmung.

>>Wir sollten darüber nachdenken, wann wir unsere Rückfahrt antreten, wir bekommen anderes Wetter, ich fühle das in meinen alten Knochen<<, sagt der Skipper beim Frühstück.

>>Gut, Veronique?<<

>>Ja?<<

>>Was ist mit dir, willst du fliegen oder segeln?<< fragt Rick.

>>Segeln, au-ja, das wird fein<<, sagt Veronique und ihre Augen leuchten.

>>Dann nehme ich das Flugzeug<<, sagt Rosa.

>>So war das aber nicht gedacht<<, sagt Sarah.

>>Ich weiß, doch ich möchte nach Hause. Ich war lange genug mit euch allen zusammen, ihr habt mir viel Freude gemacht. Ich vermisse meine Familie, Ursel , meine Tiere und meine Arbeit. Mein Entschluss steht fest. Heinrich, wann ...<<

Wouters seufzt und sagt: >>Morgen, wenn euch das recht ist?<<

Rick sieht allgemeine Zustimmung in den Gesichtern und sagt: >>Also gut, morgen. Wir bringen dich zum Aeroporto und die Kleine zurück zu Mama und Papa ins Bairro Alto. Lasst uns den heutigen Tag noch so richtig genießen.<<

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