Die Firma - Kurzinhalt

Teil 1

Dienstag, 21. März

Rick van Straaten gehen viele Gedanken durch den Kopf, während er dahinfährt auf der A1 in Fahrtrichtung Münster - nicht sehr schnell, aber zügig. Seine Stirn legt sich in Falten. Wann hat er seinen Bruder zuletzt gesehen, das muss schon ewig her sein? Er erinnert sich, den Bruder bei seinem letzten Besuch vor die Tür gesetzt zu haben. Jawohl, rausgeschmissen hatte er ihn. Laut war er dabei geworden - ganz gegen seine Art. Er nimmt sich vor, die Raststätte Münsterland nicht zu verpassen, er will rasten - Kaffee trinken - vielleicht etwas essen. Er nimmt sich vor, nicht ständig die linke Fahrbahn zu benutzen. Andererseits ist auf der rechten Spur wegen der Brüche und Versetzungen in der Fahrbahndecke so schlecht zu fahren, dass er doch lieber links weiterfährt.

Rick van Straaten ist auf dem Weg nach Frankfurt. Die dortige Polizei hatte er am Vorabend angerufen und einen Kommissar Bruns, an den man ihn verwiesen hatte, um ein Gespräch gebeten. Aus der Zeitung hatte er erfahren, dass man Sonntag seinen Bruder am Flughafen Frankfurt verhaftet und wegen Landesverrat inhaftiert hatte.



In der Nacht hatte Rick van Straaten schlecht geschlafen und er war mehrmals wach geworden und einmal sogar aufgestanden. Nach dem Frühstück war er dann bei strömendem Regen in Bergen losgefahren. Sein silbermetallicfarbener Kombi bewegt sich nun flott dem Ruhrgebiet entgegen.

Verdammt, wo bleibt die Raststätte, denkt er und lenkt auf die rechte Fahrbahn. Hier war die Fahrbahndecke erneuert worden. Irgendwo hier hatte ihm vor Jahren eine auf der Fahrbahn liegende Metallplatte die Ölwanne aufgerissen. Das war aber in Fahrtrichtung Bremen passiert. Dunkel war es gewesen und nach Mitternacht, er kann sich noch gut erinnern.

Die ersten Hinweisschilder weisen auf die Raststätte hin. Noch fünf Kilometer, noch tausend Meter - ein auf dem Beifahrersitz liegendes Funktelefon macht sich bemerkbar. Die Rufnummernanzeige zeigt Rick van Straaten eine nicht bekannte Telefonnummer. Er nimmt den Anruf bei gleichzeitigem Anfahren der Raststätte Münsterland entgegen.

>>Ja<<, meldet er sich, nach einem Parkplatz Ausschau haltend.

>>Noack mein Name, von der Tageszeitung in Frankfurt. Spreche ich mit Rick van Straaten?<<

Er antwortet nicht sofort. Von der Zeitung, denkt er. Woher hat der Kerl bloß meine Nummer?

>>Rick van Straaten?<<

>>Ja, doch<<, knurrt er und biegt in eine Parklücke ein, >>was kann ich für sie tun, ... wie war noch mal ihr Name?<<

>>Noack, von der Tageszeitung in Frankfurt. Sind sie auf dem Weg nach hier, van Straaten?<<

>>Kann sein, warum fragen sie?<<

>>Wenn sie in Frankfurt sind, sollten wir uns treffen. Es ist wichtig für sie - es geht um ihren Bruder. Sie sind doch unterwegs nach Frankfurt?<<

>>Schon möglich...<<

>>Speichern sie bitte die Rufnummer, die auf ihrem Display zu sehen ist, dann haben sie die Durchwahl zu meinem Telefon in der Redaktion. Ich sende ihnen ein Codewort, das sie abfragen, wenn sie mich anrufen. Diesen Code benutzen sie in jedem Fall. Werden sie das tun?<< fragt der Zeitungsmann.

>>Ich denk drüber nach. Was soll das überhaupt, übertreiben sie nicht ein bisschen?<<

>>Warten sie lieber ab, was ich ihnen zu sagen habe.<<

Nach einem lauten Knacken ist die Leitung tot. Nachdenklich sitzt van Straaten hinter dem Lenkrad. Er sieht auf das Display seines Funktelefons. Die Nummer von diesem Noack ist weg. Doch die ist im Speicher und geht nicht verloren, das weiß er.

Was soll's, denkt van Straaten, langt nach seinem Notebook, nimmt seinen Mantel und verlässt das Auto um in die Raststätte zu gehen. In einer ruhigen Ecke nimmt van Straaten sich einen Tisch und legt seine Sachen ab. Dann holt er sich vom Automaten Kaffee. Wieder am Tisch, öffnet er seinen TravelMate und startet ihn. Nach dem das System geladen ist, startet er einen Browser und gelangt über das Funktelefon ins Internet. Ohne Ton und über Infrarot übergibt sein Notebook die Einwahlnummer. Rick van Straaten sucht nach der Polizei in Frankfurt. Zu Hause, da geht das alles viel flinker, denkt er. Aber er ist geduldig. So sehr er sein Notebook schätzt, die Batterien halten nicht die versprochenen vier Stunden durch, sondern maximal eineinhalb. Erst hatte er geflucht, doch es half nichts. Das Display hat eine Größe von nur 8,2 Zoll. Kurzum, das Notebook ist nicht viel größer als ein Terminkalender. Das aber hatte den Ausschlag gegeben, dass er sich vor einiger Zeit für dieses Gerät entschieden hatte.

Auch die Tageszeitung ist im Internet vertreten. Van Straaten klickt sich durch und sucht nach einem Noack - wird aber nicht fündig. Er lädt noch einige E-Mail herunter und beendet die Sitzung. Am Funktelefon macht es leise Piep. Eine Messages ist eingegangen. Das wird dieser Noack sein, denkt er und rafft sich mit einem Seufzer auf um zu gehen.

Es hat zu regnen begonnen. Er zieht seinen Mantel über. Der Regen kühlt sein Gesicht, als er ohne Eile zum Auto geht. Dort öffnet er die Beifahrertür und verstaut Telefon und Notebook. Den Mantel wirft er nach hinten. Beim öffnen der Fahrertür hört er das Mobiltelefon. Van Straaten steigt nicht ein, er nimmt das Telefon. An die offene Fahrertür gelehnt betätigt er die grüne Taste. Frankfurter Nummer, denkt er.

>>Bruns hier, wir haben gestern Abend telefoniert.<<

>>Ja, natürlich.<<

>>Also, hier in Frankfurt wimmelt es nur so von Presseleuten. Die belagern das Gericht. Fahren sie nach Bad Nauheim, kommen sie nicht nach Frankfurt. Wenn sie dort sind, fahren sie die Hauptstraße bis Rechter Hand der Kurpark zu sehen ist. Wenn sie einen Pavillon sehen, fahren sie links in die Einfahrt zu einem Seniorenheim hinein. Ich habe dort für sie ein Zimmer bestellt. Machen sie sich keine Gedanken, die Zimmer sind prima. Meine Schwester wird sich um sie kümmern, sie arbeitet dort. Alles klar?<<

>>Ja.<<

>>Morgen, zum Frühstück bin ich bei ihnen, dann reden wir. Noch was: in ... ... kann man sehr gut essen, ein Vergnügungsbad ist ganz in der Nähe. Bis morgen, also.<<

>>Ok, bis morgen.<<

Schnellschwätzer, denkt van Straaten und bemerkt seine nassen Schultern, flucht und zieht auch noch sein Jackett aus. Das hängt er über die Rückenlehne. Van Straaten reibt sich mit einem Handtuch den Kopf trocken, bis ihm die Ohren glühen. Danach setzt er seine Fahrt in Richtung Westhofener-Kreuz fort.



Es ist um die Mittagszeit, als in Frankfurt eine Fahrzeugkolonne der Polizei auf das Landgericht zufährt. Der um zehn Jahre ältere Max van Straaten soll dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden. Die anwesende Presse bekommt den Untersuchungsgefangenen nicht zu Gesicht. Die Grünen werden in den Innenhof geleitet. Das Tor wird gleich wieder geschlossen. Journalisten reagieren zornig. Am vorderen Eingang vom Gericht macht sich wild winkend ein Mann - der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft bemerkbar. Als sich die Meute beruhigt hat, verkündet dieser einen Pressetermin für 16 Uhr.



Im Gerichtssaal Nummer 316 sind anwesend, ein Oberstaatsanwalt Baumann, der Staatsanwalt Roth, ein Gerichtsdiener, drei Beamte der Polizei sowie Bruns und sein Kollege Houston von der Kripo. Houston ist ein Schwarzer.

Der Verteidiger von Max van Straaten wird vor dem Landgericht von Journalisten aufgehalten und sieht sich einem Blitzlichtgewitter ausgesetzt, daran ist er aber gewöhnt.

Neben dem Gerichtssaal befindet sich das Büro des angesehenen Richters Edgar von Körbel. Er steht am Fenster und amüsiert sich darüber, wie sich sein alter Freund und Weggefährte Johannes Wahrlich müht, in das Gericht zu gelangen. Erst als Polizeibeamte die Reporter zurückdrängen, gelingt ihm das. Der Richter bittet über die Rufanlage den Gerichtsdiener zu sich. Der wird beauftragt, zuerst Wahrlich zu ihm zu bringen, anschließend van Straaten die Handschellen abzunehmen und ihn und die Staatsanwälte in sein Büro zu bitten.

>>Mein Büro ist groß genug, denke ich, und bringen sie noch Stühle.<<

Der Richter geht wieder ans Fenster um hinauszusehen. Das unbeständige Märzwetter macht ihm zu schaffen, seine Schultern schmerzen. Manchmal verspürt er einen stechenden Schmerz im rechten Lungenflügel. Er war Raucher und konnte auch in seinem jetzigen hohen Alter das rauchen nicht lassen. Dem Johannes war vor Jahren die Frau gestorben. Meine wird mich überleben. Wer ist besser dran, fragt er sich.

Sie treffen sich regelmäßig, dann verwöhnt seine Frau Hedwig seinen Freund. Er hat doch niemanden mehr, sagt sie immer.

Nebenan im Gerichtssaal ist Unruhe festzustellen. Die Tür dahin öffnet sich und Johannes Wahrlichs imponierende Gestalt tritt in den Raum. Trotz der grauen Haare, oder grade darum ist er ein schöner Mann. Dabei sind wir gleich alt, denkt der Richter. Die Männer geben sich die Hand und Johannes Wahrlich lässt sich krachend in einen Ledersessel fallen.

>>Wie du dir denken kannst habe ich mit van Straaten noch nicht geredet, Edgar.<<

>>Ich kann's mir denken, Hannes<<, sagt der Richter, >>darum werden wir hier in meinem Büro beraten. Ich habe den Raum nebenan aufwärmen lassen, du kannst dich dort mit deinem Mandanten beraten.<<

>>Fein, Edgar<<, ist alles was der Anwalt erwidert.

Es wird an die Tür geklopft, und der Gerichtsdiener erscheint. Auch der ist nicht mehr der Jüngste. Man kann sagen, er ist zusammen mit von Körbel alt geworden, sie verstehen sich ohne Worte. Der Gerichtsdiener wusste, dass er von Körbel und Johannes Wahrlich Zeit für einen Plausch lassen musste. Ein Handzeichen vom Richter genügt, und der Gerichtsdiener bewegt sich auf die Verbindungstür zum Gerichtssaal zu. Diese öffnet er, und mit einem Kopfnicken bedeutet er die im Gerichtssaal Anwesenden in das Büro des Richters einzutreten. Den Staatsanwälten folgt der Gefangene und ein Strafvollzugsbeamter, dann Bruns, dann der Krauskopf Houston. Hinter diesen Männern erscheint noch ein Fremder.

>>BKA <<, sagt Bruns zu Houston.

Stühle werden gebracht. Eine Protokollschreiberin hat neben dem Richter Platz genommen. Ein stilles Mädchen, unauffällig. Nur der Richter und der Anwalt Johannes Wahrlich hatten sie bemerkt und ihr freundlich zugenickt.

>>Bevor wir anfangen, muss ich Rechtsanwalt Wahrlich und Max van Straaten Gelegenheit geben sich zu beraten. Die Herren kennen sich nämlich noch nicht. Einwände, meine Herren?<< fragt der Richter.

>>Nein? Herr Anwalt, bitte, sie wissen wo‘s lang geht.<<

Bruns, Houston und der Mann vom Bundeskriminalamt unterhalten sich leise. Bruns versucht den Richter, der zu dösen scheint, auf sich aufmerksam zu machen. Die Gerichtsschreiberin berührt deshalb seinen Ellenbogen. Der Richter sieht Bruns an. Bruns fragt: >>Dürfen wir für kurze Zeit den Raum verlassen?<<

>>Natürlich.<<

Umständlich erheben sich die Drei und verlassen den Raum. Auf dem Flur erheben sich Polizeibeamte.

>>Bleibt sitzen<<, sagt Bruns. Dann wendet er sich wieder seinen Kollegen in Zivil zu und geht mit ihnen den Gang hinunter. Angeregt unterhalten sie sich weiter. Im Richterzimmer steht der Richter auf um wieder ans Fenster zu gehen. Gegenüber dem Landgericht ist kein Gebäude unter fünf Stockwerke hoch. Die meisten Fenster der gegenüberliegenden Gebäude sind auch um diese Zeit hell erleuchtet. Dem Richter fällt dort eine Gestalt in einem geöffneten Fenster auf. Es sieht aus, als hantiere jener mit einem riesigen Fernrohr. Diese Reporter, denkt er und sieht wie aus dem vermeintlichen Fernrohr ein greller Blitz herausfährt. Der Blitz ist das Letzte, was der Richter in seinem Leben wahrnimmt, Sekunden später ist er tot. Nebenan sterben zur gleichen Zeit sein Freund Johannes Wahrlich und Max van Straaten.

Verletze, finden die Rettungskräfte später noch drei Räume weiter. Diese waren nicht gerade als klein zu bezeichnen. Zwei davon einmal Verhandlungssääle, wo abgeurteilt oder frei gesprochen wurde. Ein Polizeibeamter wird im Hof gefunden. Die Wucht der Explosion hatte ihn mitsamt einer Zimmertür durch das dem Richterzimmer gegenüberliegende Flurfenster nach draußen befördert. Wer sich im Hof nicht hatte in Sicherheit bringen können, wurde durch herabfallende Trümmerteile verletzt. Die meisten Leichtverletzte fand man unter den Journalisten auf der Straße. Sie wurden - wie die Beamten im Hof - durch herabfallendes Glas und Mauerwerk verletzt. Einige Journalisten sind durch ihr eigenes Gerät verletzt worden. Nur einige wenige lassen sich ins Krankenhaus fahren. Überlebt haben der Hauptkommissar Bruns, Sidne Houston und Dr. Alexander Simon - der Mann vom Bundeskriminalamt. Sie waren zuvor den Flur bis zum Ende gegangen und bleiben daher unverletzt. Der Schreck sitzt ihnen allen in den Gliedern. Verletzte schreien und rufen um Hilfe.

Dr. Simon brüllt: >>Wir müssen hier raus. Wo ist die Treppe?<<

>>Kommen sie<<, schreit Bruns. Er kennt sich hier aus und ist schon auf dem Weg nach unten. Die beiden Anderen sind dicht hinter ihm. Auf der Straße angekommen, sehen sie das ganze Ausmaß der Zerstörung auf der Frontseite des Gebäudes. Fast gleichzeitig drehen sie sich um und suchen mit den Augen die Fassaden der gegenüberliegenden Häuser ab.

>>Nichts zu sehen<<, meint Houston.

>>Doch, sehen sie, da oben steht ein Fenster offen, von dort könnte die Rakete gekommen sein. Kommen sie, wir sehen nach.<<

Bruns winkt zwei Polizeibeamte in Motorradbekleidung herbei und befiehlt ihnen: >>Mitkommen, beide!<< Sie zögern, doch dann rennen sie mit über die Straße. Der Verkehr ruht. Im Gebäude angekommen laufen sie auf die Aufzüge zu. Bruns aber jagt die noch jungen Motorradpolizisten die Treppen hoch. Minuten später stehen sie in dem Raum mit dem offenen Fenster. Es riecht. Der Raketenwerfer, ein grünes Rohr, nicht einmal sehr lang und doch so wirkungsvoll, liegt am Boden. Er wird nie mehr abgefeuert werden.

>> Können wir einen Mann hier lassen, damit niemand den Raum betritt bis die Spurensicherung hier ist?<< fragt Dr. Simon.

>>Klar, Mann<<, faucht Bruns. Das anzuordnen lag ihm schon auf der Zunge. Er gibt den Männern in grünem Leder ein Zeichen, die nicken. Bruns, Houston und Dr. Simon wenden sich zum Gehen. Hier gibt es für sie nichts mehr zu tun. Die Straße ist inzwischen gesperrt und gesichert. Nur Feuerwehr und Rettungsfahrzeuge werden durchgelassen. Überall sieht man provisorisch eingerichtete Verbandsplätze. Sirenen heulen. Ein Hubschrauber landet. Die Feuerwehr hat ihre Drehleitern bis zu dem Loch in der Außenwand des Gerichtsgebäudes aufgerichtet. Oben stehen Feuerwehrleute mit Schläuchen um wieder aufflackernde Brände sofort zu löschen. Es hat kein großes Feuer gegeben, das wäre auch verheerend gewesen. Beherzte Polizeibeamte und Bedienstete am Gericht hatten, nachdem der erste Schock überwunden war, sofort nach vorhandenen Feuerlöschern gegriffen und die Flammen gelöscht. Es war ein großes Glück, dass die in ausreichender Zahl vorhanden waren. Das Gebäude ist alt und es war viel Holz verarbeitet. Bruns und seine Begleiter gehen auf ein Einsatzfahrzeug der Polizei zu. Ein großer Kastenwagen fungiert als Leitzentrale. Das Fahrzeug ist mit modernster Technik ausgerüstet. In seinem Inneren findet sich ein Beamter, der für die Kommunikation zuständig ist. Ein weiterer Beamter sitzt vor einem Monitor und sieht auf die eingehenden Bilder die von einer Videokamera, das von einem Außenteam durch das Gericht getragen wird, gesendet werden. Ein weiterer Beamter gibt sich als Einsatzleiter zu erkennen, und nimmt wortlos den kurzen aber umfassenden Bericht von Bruns entgegen.

>>Die Spurensicherung kann jeden Moment eintreffen<<, sagt der Einsatzleiter. Was nun noch zu geschehen hat, kann alles diesem Mann überlassen werden. Er schickt sofort einen Beamten in das Gebäude, an den Fundort des Werfers. Wenig später sieht man die Streifenbeamte zu ihren Motorrädern gehen. Sie werden über Funk weitere Einsatzbefehle erhalten. Eine Gruppe Männer in weißen Overalls mit Aluminiumkoffer geht über die Straße und verschwindet in dem Gebäude, das Bruns und seine Kollegen erst vor wenigen Minuten verlassen haben. Regen hat eingesetzt. Der Ort wirkt nun noch trostloser.



Rick van Straaten bezieht gegen fünfzehn Uhr sein Quartier. Mit dem Zimmer ist er zufrieden - ein Doppelzimmer. Die Einrichtung ist komfortabel zu nennen. Es fehlen weder Telefon noch Fernseher. Seinen Mantel legt er auf‘s Bett. Er wirft einen kurzen Blick ins Bad. Für sein Gepäck, hat das Haus ihm ein kleines Wägelchen gestellt. Er entlädt es. Danach bringt er es zum Aufzug und schickt es nach unten. Van Straaten beschließt, seinen Koffer nicht auszupacken, sondern nur die Dinge herauszunehmen, die er im Bad benötigt. Seine Anzüge befinden sich in einem Spezialträger aus weichem Nappaleder, den er geschlossen in den Kleiderschrank hängt. Nach einer langen Autofahrt und wenn er sein Hotelzimmer bezogen hatte, hielt van Straaten es in der Regel so, dass er sich für zehn bis fünfzehn Minuten aufs Ohr legte. Das hatte er nun vor. Doch als er sich auf die Bettkante setzt um sich seiner Schuhe zu entledigen, da klopfte es. Vor der Tür steht eine junge Frau. Er schätzt ihr Alter auf fünfunddreißig. Die Dame hat ein gepflegtes äußeres und ist zu dem unglaublich schön. Rick van Straaten bringt keinen Ton heraus. Wie verzaubert starrt er sein Gegenüber an. Der Person, dort draußen vor der Tür scheint es ähnlich zu ergehen.

>>Entschuldigen sie, Herr van Straaten, ich störe nur ungern.<<

>>Kommen sie doch bitte herein<<, hört Rick van Straaten sich sagen. Viele Männer mustern Frauen in einer solchen Situation von Kopf bis Fuß. Nicht so Rick van Straaten. Dieser kann seinen Blick nicht von dem schönen Gesicht lösen. Doch dann bemerkt er seine Unhöflichkeit, senkt den Blick und lässt die Dame an sich vorbei ins Zimmer. Höflich bietet er ihr an, sich doch zu setzen. In einem Atemzug entschuldigt er sich für die Unordnung, welche er in den wenigen Minuten seines Aufenthaltes angerichtet hat. Sein Besuch lächelt und verzaubert ihn aufs Neue. Die erneute Sprachlosigkeit, die in seinem Gesicht zu erkennen ist, nutzt die Besucherin.

>>Herr van Straaten, ich bin die Schwester von Herrn Bruns. Sie haben mit ihm telefoniert. Bitte setzen sie sich - ist besser so. Sie werden gleich verstehen.<<

Rick van Straaten setzt sich artig hin.

>>Herr van Straaten<<, beginnt sie, >>in Frankfurt ist etwas schreckliches geschehen. Wissen sie schon davon, haben sie Radio gehört?<<

Er hatte kein Radio gehört. Die Musik, die häufig auf allen Sendern gespielt wurde, mochte er nicht. Auch beeinflusste diese sein Fahrverhalten im negativen Sinne. Dem verneinenden Kopfschütteln entnimmt die Besucherin, dass van Straaten noch nichts von den Geschehnissen in Frankfurt weiß.

>>Nun,<< fährt seine Besucherin fort >>es wurde ein Anschlag auf das Landgericht verübt, in dem sich ihr und auch mein Bruder heute Mittag aufhielten. Mein Bruder rief mich während ihrer Ankunft an und bat mich sie davon in Kenntnis zu setzen, dass bei dem Attentat viele Menschen verletzt und getötet wurden.<<

Van Straatens langer Seufzer kommt tief aus seinem Inneren und hört sich an, wie der Schrei einer verletzten Seele. Die Besucherin erschrickt. Ganz leise und einfühlsam sagt sie: >>Es tut mir leid Herr van Straaten, ihr Bruder hat den Anschlag nicht überlebt. Bruno, mein Bruder ist überzeugt, dass der Anschlag ihrem Bruder galt. Herr van Straaten, ich fühle aus tiefstem Herzen mit ihnen. Sagen sie mir bitte, wenn ich etwas für sie tun kann. Möchten sie ein Glas Wasser?<<

Minutenlanges Schweigen folgt auf diese schlechten Nachrichten. Dann hebt Rick van Straaten den Kopf und sieht die junge Frau fragend an.

>>Wie heißen sie? Wissen sie, ich habe meinem Bruder ... Er war kein guter Mensch ... Er hat nur gelogen und betrogen. Niemand außer mir hat jemals hinter seine Stirn gesehen. Oh Gott, ich fühl mich so schuldig. Ich würde das heute Geschehene gern ungeschehen machen, aber ich kann es nicht.<<

Rick van Straaten macht eine Pause und atmet durch.

Dann fragt er: >>Lieben sie ihren Bruder?<<

>>Oh ja, sehr. Er gehört zu den Guten. Sie werden ihn ja morgen kennen lernen. Er bittet sie, nicht abzureisen. Obwohl er nicht mich besuchen kommt, freue ich mich sehr auf morgen.<<

>>Sie sind nicht verheiratet, nicht wahr?<< wagt Rick van Straaten zu fragen. Ein wenig errötend, antwortet sie: >>Oh, ich hatte schon Männerbekanntschaften, aber der Richtige, der war bisher nicht dabei. Dieser muss erst noch geboren werden. Wenn er nicht mehr kommt, sterbe ich als alte Jungfer.<<

>>Na, na, so sollten sie nicht denken<<, sagt van Straaten und lächelt. Der Besucherin wird warm ums Herz. Ein nie zuvor da gewesenes kribbeln macht sich in ihrem Bauch bemerkbar. Ich hab Schmetterlinge im Bauch, denkt sie.

>>Wie sie sich denken können, trage ich denselben Namen, wie mein Bruder. Sie wollten doch vorhin wissen, wie ich heiße. Mein Vorname ist Sarah. Meinen Bruder nenne ich: „Bebe“, wegen der zwei B in seinem Namen.<<

Van Straaten lacht. Aus dem lachenden Gesicht wird ein gequältes, trauriges. Sarah Bruns sieht sich veranlasst zu sagen: >>Herr van Straaten, ich sollte jetzt besser gehen. Ich hab noch zu tun. Die Mädchen in der Küche werden mich schon vermissen, wenn nicht schon suchen. Sie sehen aus, als könnten sie etwas zu essen und eine Tasse Kaffee vertragen. Ich lasse ihnen etwas herrichten und eines der Mädchen wird es ihnen bringen. Dann sollten sie ein wenig schlafen<<, sagt sie fürsorglich.

>>Wir sehen uns bestimmt morgen beim Frühstück. Ich freue mich - auch auf meinen Bruder<<, fügt sie schnell hinzu. Sie kann aber nicht verhindern, dass flammende Röte ihr Gesicht zum glühen bringt. Gott nee, wie unangenehm, denkt sie und eilt zur Tür. Van Straaten dem die Veränderung nicht entgangen ist, blickt anständig wie er ist zu Boden um ihr den Fortgang zu erleichtern.

>>Ich freue mich auch<<, ruft er ihr nach. Dann fällt die Tür ins Schloss. Rick van Straaten ist wieder mit sich allein. Draußen vor der Tür, versucht Sarah Bruns sich zu beruhigen. Sie überlegt, ob sie noch schnell in ihre Wohnung gehen soll um sich im Bad das Gesicht zu kühlen. Ach was, es wird schon gehen, denkt sie. Die im ganzen Haus, auch vom Personal geliebte Hauswirtschaftsleiterin kann die roten Flecken im Gesicht und am Hals nicht verbergen. Die Mädchen tuscheln - sehr zum Leidwesen eines einzelnen Mannes - dem Koch. Der fragt: >>Was ist bloß mit euch Hühnern los, spukt in euren Köpfen schon wieder ein Mann herum, habt ihr denn immer nur Knackärsche im Kopf? Die taugen doch alle nichts, Männer wie mich findet ihr heut nicht mehr, nur noch Knackärsche. Die Köpfe oben drauf sind hohl und leer, das könnt ihr mir glauben.<<

Die Gerüchteküche läuft über, als Sarah anordnet, das von ihr zubereitete Abendessen und den Kaffee einem Gast auf’s Zimmer zu bringen.

Mittwoch, 22. März

Sie treffen sich am anderen Morgen im Frühstücksraum. Bruns und seine Schwester findet van Straaten an einer lichten Fensterfront sitzend vor. Vom eigentlichen Betrieb merkt er wieder nichts. Dies soll doch ein Seniorenheim sein, denkt er. Doch er hat bisher keine älteren Herrschaften entdecken können. Er geht auf den Tisch zu und sieht wie sich die Wartenden erheben. Der Tisch ist reich gedeckt. Bruns muss wohl Hunger haben, er hat schon mächtig zugelangt.

>>Es ist gleich zehn, wo bleiben sie denn? Ich bin schon bei der zweiten Tasse Kaffee. Meine Schwester kennen sie ja schon?<< sagt er fröhlich grinsend.

Bruns hat ein offenes und ehrliches Gesicht. Die beiden könnten als Zwillinge durchgehen, denkt van Straaten. Eine kleine, warme rechte Frauenhand legt sich in die Seine, und etwas geschieht mit ihm. Ein sonderbares Gefühl steigt in ihm hoch, noch während er die zarte Hand von Sarah Bruns festhält. Unglaublich, wie liebevoll sie dann seine Hand an die von Bruns weiterreicht.

>>Kommen sie, Herr van Straaten, setzen sie sich<<, sagt Bruns und seine Augen lachen. Er macht sich über das nächste Brötchen her.

>>Wissen sie, wann ich zuletzt was gegessen habe? Das war gestern Morgen, vor unserem Telefonat. Sagen sie’s, wie haben sie unter dem Dach dieses Hauses und der Obhut meiner Schwester geschlafen?<< will er wissen.

>>Mit kleinen Unterbrechungen, sehr gut<<, antwortet van Straaten und sieht sein Gegenüber an. Seine Augen wandern und treffen auf die von Sarah um für Sekunden dort zu verweilen. Sie hat ihm gegenüber Platz genommen und sitzt nun neben dem Bruder. Die Hände in den Schoß gelegt, hält sie seinen Blick stand um dann zu fragen: >>Hat ihnen das Abendessen geschmeckt?<<

>>Oh ja, vielen Dank, nur haben sie es zu gut mit mir gemeint, ich habe nicht alles essen können. Das Tablett und das Geschirr, hat mir grad ein junges Mädchen am Aufzug abgenommen<<, bedankt sich Rick van Straaten.

>>Dann ist es gut. Ich lasse euch jetzt alleine, du bist ja nicht meinetwegen gekommen, nicht wahr Bebe?<<

>>Geh nur, Herr van Straaten und ich haben viel zu bereden.<<

Sarah Bruns erhebt sich, küsst ihren Bruder liebevoll auf die linke Wange, sieht Rick van Straaten freundlich lächelnd an und verlässt den Raum. Bewundernd sehen beide Männer ihr nach.

Rick van Straaten beginnt zu frühstücken. Der Kaffee ist köstlich und die Brötchen schmecken ihm wie lange nicht mehr. Van Straaten wartet bis es so aussieht, als könnte Bruns angesprochen werden.

Er fragt: >>Kennen sie Noack von der Tageszeitung?<< Bruns antwortet sofort: >>Noack, ja, den kenn ich.<<

>>Der rief gestern noch vor ihnen bei mir an und bat mich um eine Unterredung. Klang alles ganz geheimnisvoll. So schickte er mir per SMS ein Codewort, das ich benutzen soll, wenn ich mit ihm in Verbindung trete. Ging ganz schnell, erzählt hat er nichts.<<

>>Und, haben sie ihn schon angerufen?<< will Bruns wissen.

>>Noch nicht.<<

>>Dann holen sie das mal schnell nach. Vielleicht weiß Noack was, was wir nicht wissen. Ich kenne Noack, ein Journalist, wie sie ihn lange suchen müssen. Los rufen sie ihn an.<<

Rick van Straaten kramt umständlich sein Funktelefon hervor, schaltet es ein und wartet, bis es sich im Netz eingebucht hat. Dann sucht er die Messages vom Vortag. Es kann nur ein Wort sein. Er staunt nicht schlecht. Das Codewort ist der zweite Vorname seines Vaters, Hendrijk. Der Vater war 1975 gestorben.

Bruns wird ungeduldig. >>Was ist denn?<< will er wissen.

>>Noack benutzt den zweiten Vornamen vom Vater als Codewort, woher mag er den Namen haben?<<

>>Das ist doch jetzt egal. Wenn sie ihn anrufen erzählt er es ihnen ja vielleicht<<, sagt Bruns.

>>Gut, ich versuche mal ihn zu erreichen.<<

Rick van Straaten lässt das Funktelefon die Rufnummer aus dem Speicher wählen und lauscht.

>>Noack, was kann ich für sie tun?<<

>> Hier spricht Rick van Straaten, bevor sie antworten hätte ich gerne ein mit ihnen vereinbartes Codewort gehört.<<

>>Hendrijk<<, sagt die Stimme am anderen Ende.

>>Geben sie mal her<<, meldet sich Bruns und verlangt nach dem Funktelefon.

>>Walter, erschrick nicht, hier ist Bruno. Herr van Straaten sitzt mir gegenüber. Erzähl mir doch mal, was du von ihm willst.<<

>>Bruno, hinter dir telefoniere ich seit Stunden her. In deinem Büro hat man mir nicht sagen wollen, wo du steckst. Ich habe Informationen für Herrn van Straaten, den Bruder betreffend. Hör zu, Bruno, ich kann am Telefon nicht reden. Wo immer ihr steckt, lass mich dazu kommen. Schick mir ne Messages auf’s Handy. Ich sehe dann zu, dass ich schnellstens zu euch stoße. Noch was: Sollte mir was zustoßen, dann bekommst du irgendwann Post von mir. Sendet mir jetzt die SMS.<<

>>Walter, wieso glaubst du, dass dir was zustoßen könnte? Ist van Straaten, der mir gegenübersitzt etwa auch in Gefahr?<< will Bruns wissen.

>>Vielleicht, kommt ganz darauf an, was er weiß. Und darauf, was die Anderen denken, dass er es weiß.<<

>>Kann man van Straaten nicht aus der Sache heraushalten, soll ich ihn wieder nach Hause schicken?<< will Bruns wissen.

>>Weißt du Bruno das würde ich ja gerne empfehlen. Es ist nur so, das von mir morgen Früh ein Artikel über Max van Straaten erscheinen soll. Unsere Juristen meinen, Rick van Straaten könnte uns eine Klage anhängen. Das wollen wir vermeiden und darum will ich vorher mit ihm reden.<<

Bruns beendet das Gespräch. Er gibt van Straaten das Funktelefon mit der Bemerkung zurück: >>Wir sollen ihm eine Message mit unserem Aufenthaltsort an sein Funktelefon schicken. Er will dann zu uns kommen. Die Nummer von Noack‘s Funktelefon habe ich hier irgendwo in meinem Terminkalender stehen. Moment...<<

Van Straaten greift nach dem TravelMate, klappt ihn auf und startet ihn. Bruns sieht interessiert zu. Als dann auch noch das Funktelefon hinter den tragbaren Computer geschoben wird, bekommt Bruns einen langen Hals. Van Straaten startet einen MessageMaster und gibt einen Sendetext ein.

Fragend sieht er Bruns an: >>Ich brauch die Nummer.<<

Bruns sagt sie ihm, und van Straaten gibt diese in das Programm ein. Dann klickt er auf Senden und die Nachricht macht sich auf den Weg.

>>Fertig.<<

>>Donnerwetter, aber vielleicht sollten wir jetzt über ihren Bruder Max reden. Was ich ihnen jetzt sage ist längst öffentlich und kann im „Spiegel“ nachgelesen werden. 1990, während des Mauerfalls waren der US-Geheimdienst CIA und ihr Bruder Max in der DDR aktiv. Die Amerikaner schmuggelten unter dem Decknamen „Rosenholz“ Agentenkarteien aus der ehemaligen DDR. Ihr Bruder holte sich, sagen wir mal so, auch einen Teil. Es scheint Leute zu geben die Angst haben doch noch entdeckt zu werden. Diese haben - so vermuten wir - gestern Mittag den Anschlag verübt. Ich denke, dass auch Noack an dieser Geschichte dran ist. Das ist alles was ich ihnen für den Augenblick sagen kann.<<

>>Das ist nicht viel.<<

>>Stimmt.<<

>>Ja und, was machen wir jetzt?<<

>>Sie können sich denken, dass wir gerne wüssten, wo dieses Material geblieben ist? Das muss ne LKW-Ladung gewesen sein. Wir dachten sie könnten uns vielleicht helfen das Material zurückzuholen.<<

Van Straaten sieht Bruns ungläubig an.

>>Sie wissen nicht wo ihr Bruder die Dokumente, Tonbänder und Magnetbänder hingeschafft haben könnte?<<

>>Ich hatte viele Jahre keinen Kontakt zu Max. 1995 habe ich ihn zuletzt gesehen. Er war einige Tage bei mir in den Niederlanden. Er wurde frech, und da habe ich ihn vor die Tür gesetzt.<<

>>Ehrlich gesagt, hab ich nicht mehr erwartet. Was werden sie tun, werden sie wieder abreisen?<<

>>Ich möchte gern noch auf diesen Noack warten. Meine Neugierde ist geweckt, nun will ich auch wissen, was er weiß, sie nicht?<<

Van Straaten rückt seinen Stuhl vom Tisch zurück, und sieht Sarah Bruns entgegen, die eben den Raum betreten hat.

>>Sarahkind, was ist denn?<< fragt Bruns.

>>In einer halben Stunde fangen die Mädels an, die Tische für den Mittag herzurichten, wollt ihr nicht in den Park gehen? Wie ihr seht, scheint draußen die Sonne. Euer Gespräch könnt ihr aber auch im Aufenthaltsraum fortsetzen.<<

Bruns sieht van Straaten fragend an. Der nickt.

>>Wir warten auf einen Journalisten aus Frankfurt. Könntest du den hinter uns her schicken, wenn er angekommen ist?<<

>>Mach ich, wie heißt er denn?<<

>>Noack<<, sagt Bruns lächelnd.

>>Kommen sie, van Straaten, gehen wir in den Park.<<



Um elf macht sich Noack auf den Weg. Obwohl nur freier Mitarbeiter stellt ihm die Zeitung ihren Hubschrauber zur Verfügung. Die Mannschaft wartet auf dem Dach des Verlages. Noack bekommt einen Helm gereicht. Der Pilot spricht mit dem Flughafen. Die Bell hebt ab.



In der Nähe von Butzbach, auf einem Regionalflugplatz steigt eine MD-B 520 auf. Ein schneller und wendiger Hubschrauber. Zwei Männer sitzen in ihm. Während der Eine fliegt, öffnet der Andere einen Aluminiumkoffer.



Friedberg hinter sich lassend, fliegt die Bell ein wenig östlich. Neben sich, in einiger Entfernung sieht der Pilot zu seiner Linken eine Boeing. Er beachtet die Maschine nicht weiter. Noack, der nicht allzu oft in einem Hubschrauber mitfliegt, sieht die Maschine auch. Er findet, dass sich der Abstand verringert. Dann sieht er wie ein Gegenstand aus dem rechten Seitenfenster der Boeing geschoben wird.

>>Was hat der vor?<< fragt er.

>>Wer?<<

Der Pilot sieht zu der anderen Maschine hinüber.

>>Mein Gott <<, schreit Noack, >>der will uns abschießen.<<

Das sie getroffen werden kann er noch denken. Dann explodiert der Tank der Bell. Ein Feuerball und einzelne Teile von ihr trudeln auf die Erde zu.

Auf der Landstraße 455 - zwischen Bad Nauheim und der A 45, halten Kraftfahrer an. Brennende Wrackteile stürzen in ein Feld neben der Straße. Als später Polizei und Feuerwehr anrücken, brennen noch einige Teile der Maschine. Wegen des Regens der letzten Tage kann die Feuerwehr nicht an die Wrackteile heran. Für die Rettungsdienste und deren Besatzungen gibt es wenig zu tun. Den Absturz hat niemand überlebt.



>>Wieso sind sie Holländer und ihr Bruder Deutscher?<< wird Rick van Straaten im Kurpark von Bad Nauheim von Bruns gefragt.

>>Nun<<, sagt van Straaten, >>geboren wurden wir in Deutschland. Die Familie stammt ursprünglich aus Friesland in den Niederlanden. Es handelt sich bei unseren Vorfahren um so genannten Landadel. Was weiter nichts heißt, als das man viel Land besaß. Doch diese Ländereien wurden irgendwann an einen Fürsten gegeben, oder an die Bauern verteilt, die vorher für den friesischen Landadel gearbeitet hatten. Das waren arme und bedauernswerte Menschen. Mein Urgroßvater ließ einen Dreimaster bauen, damit segelte er nach Kapstadt. Der Großvater war bei der deutschen Reichsbahn, Vater wurde Kapitän und fuhr zur See. Er hatte einen holländischen Pass, m auf holländischen Schiffen fahren zu dürfen. Irgendwann hat er dann eine Deutsche, meine Mutter geheiratet. Wir kamen in Ostfriesland auf die Welt, und sind dort auch aufgewachsen. Ende der Sechziger fuhr ich nach Rotterdam um Verwandte zu besuchen. Ich bin geblieben, weil es mir dort gefiel.<<

Rick van Straaten legt eine Erzählpause ein.

>>Max, acht Jahre älter, wurde Kaufmann. Er kam viel rum in der Welt, weil er Holz einkaufte. Er lernte in Kanada einen deutschen Waffenhändler kennen, und freundete sich mit ihm an. Er wurde auch Waffenhändler. Waffenlieferungen an Saudis, U-Boote an die Israelis - immer hatte Max seine Finger im Spiel. Und wenn sie Herr Bruns sagen, dass Max geheime Unterlagen aus der ehemaligen DDR herausgeschafft hat, dann mit Hilfe seines Freundes, denn der verfügt über das nötige Know-how.<<

>>Wer ist dieser Freund?<<

>>Sein Name ist Karl-Heinz Schröter. Was der einfädelt, macht der mit Billigung des Bundeskanzleramtes.<<

>>Gehört habe ich von dem schon mal.<<

>>Wenn einer weiß, wo das Material geblieben ist, dann Schröter. Vielleicht ist er ja in Deutschland. An ihn sollten sie sich halten.<<

Bruns, sichtbar unruhig, möchte umkehren. Er fordert van Straaten auf mit ihm zum Seniorenheim zurückzukehren.

>>Ich kann nicht länger bleiben. Ich möchte wissen, wo der Noack bleibt? Der braucht ja ewig.<<

>>Vielleicht wurde er aufgehalten?<<

Nach einer kurzen Pause sagt van Straaten: >>Ich denke, ich hänge noch einen Tag, was meinen sie?<<

>>Das müssen sie wissen. Ich muss mich heute noch im Büro sehen lassen. Wir telefonieren, ja?<<

Van Straaten sieht Bruns an und nickt.

Als Erstes geht Bruns an sein Dienstfahrzeug. Bruns langt nach dem Funktelefon, dass auf dem Beifahrersitz liegt. Das Gerät zeigt an, dass man versucht hat, ihn zu erreichen. Er drückt die Verbinden-Taste, und erkennt an der Rufnummer die angezeigt wird die Rufnummer seines Schreibtischtelefons. Ein erneutes drücken der Verbinden-Taste sorgt für den Verbindungsaufbau mit dieser Nummer.

Houston meldet sich: >>Mensch Bruno, wir versuchen seit Stunden dich zu erreichen. Wie oft habe ich dir gesagt du sollst das Funktelefon einstecken, wenn du das Auto verlässt?<<

>>Ist ja gut Sidne, was ist denn so dringend?<<

>>Zwischen Friedberg und Bad Nauheim ist der Hubschrauber der Tageszeitung abgestürzt, die Insassen sind tot. Die Zeitung sagt, die Maschine war unterwegs nach Bad Nauheim.<<

Bruns nimmt das Funktelefon vom Ohr um van Straaten zu informieren.

>>Der Hubschrauber mit Noack an Bord ist abgestürzt, alle tot.<<

>>Mein Gott, weiß man wie es passiert ist?<<

Bruns hebt die Schultern. >>Ich komm zurück<<, sagt er und beendet das Gespräch. >>Denken sie auch, was ich denke?<< will er von van Straaten wissen.

Der sieht ihn stirnrunzelnd an: >>Lieber nicht!<<

>>Kommen sie, gehen wir rein. Ich möchte mich von Sarah verabschieden<<, sagt er.

Bruns trifft drinnen auf seine Schwester. Van Straaten sieht zu, wie Bruns sich von seiner Schwester verabschiedet. Dann richtet Bruns das Wort wieder an van Straaten. >>Ich rufe sie an, sobald ich mehr weiß. Wenn ich nur wüsste was ich ihnen raten soll? ... Ach, übrigens, ich heiße Bruno.<< Er gibt van Straaten die Hand um sich zu verabschieden. Der sagt: >>Rick, das kürzt unsere zukünftigen Gespräche ab. Warten sie, ich gebe ihnen noch meine Karte. Ich möchte, dass sie mich besuchen kommen, wenn ihnen mal nach Urlaub zu Mute ist und bringen sie Sarah mit.<<

>>Im Ernst?<<

>>Im Ernst!<<

Gerührt sieht Sarah zu, wie Männer Freunde werden.

Rick holt seine Sachen bei der Anmeldung ab, während Sarah ihren Bruder zum Auto begleitet.

Wenig später trifft Rick wieder auf Sarah. >>Kann ich das Zimmer noch einen Tag länger haben?<< fragt er.

>>Natürlich<<, antwortet Sarah.

>>Würden sie am Abend mit mir essen?<< will van Straaten von Sarah wissen.

>>Sehr gern<<, antwortet Sarah Bruns, >>holen sie mich ab, so um acht? Ich wohne direkt über ihnen.<<

>>Ich werde pünktlich sein<<, verspricht er.

In seinem Zimmer angekommen, schaltet er den Fernseher an. Er sucht die Kanäle ab und lässt das Mittagsfernsehen von ARD und ZDF an. Er muss nicht lange warten bis ein Bericht vom Absturz eines Hubschraubers bei Bad Nauheim gesendet wird.

Die Absturzstelle wird gezeigt. Eine Journalistin mit einem Mikrofon in der Hand berichtet, dass ein Lastkraftwagenfahrer gesehen haben will, dass ein zweiter Hubschrauber neben dem zerstört am Boden liegenden herflog. Unbestätigt sei die Meldung, dass der zweite Hubschrauber den Absturz verursacht habe. Mehrere Augenzeugen wollen gesehen haben, dass der Hubschrauber noch in der Luft explodierte. Weitere Informationen hoffe man in der nächsten Nachrichtensendung bringen zu können. Es folgt ein Bericht aus Leipzig:



>>Der Geschäftsführer der MANAMA GmbH, Aachen, Karl-Georg Platt kam im Leipziger Interhotel "Stadt Leipzig" unter ungeklärten Umständen zu Tode. Es wird behauptet, er habe Kontakte zur KoKo gehabt. Platt war in die Schlagzeilen geraten, weil er zuvor als Westagent verdächtigt worden war.<<



Rick schaltet den Fernseher wieder aus. Auf einem Tisch am Fenster lässt Rick sein Notebook das System laden. Er startet ein E-Mailprogramm. Rick sieht die erhaltene elektronische Post - auch die vom Vortag - durch. Eine E-Mail beantwortet er sofort. Den Rest gedenkt er später zu beantworten. Er wählt seine Voice-Box in den Niederlanden an und hört die Sprachnachrichten ab. Danach wählt er seine Telefonnummer um mit der Haushälterin zu reden. Rick holt seine Haushälterin aus dem Mittagsschlaf. Die Haushälterin ist knatschig. Er erzählt ihr, wo er sich befindet, und dass er noch einen Tag länger in Deutschland zu bleiben gedenkt. Er berichtet ihr, dass sein Bruder Max bei einem Attentat in Frankfurt ums Leben kam. Nun legt sich ihre schlechte Laune, und sie berichtet ihrerseits wer inzwischen angerufen hat. Unter anderem auch, dass ein ihr unbekannter aus Deutschland angerufen habe um sie über ihn auszufragen. Als nächstes ruft Rick seinen Verleger an. - Rick van Straaten ist Schriftsteller.

Heinrich Wouters, sein Verleger ist bestürzt, nach dem van Straaten berichtet hat. Er bittet Rick eindringlich sofort zurückzukehren. Sie vereinbaren ein Treffen, noch in der Woche.

In seinem Adressbuch schlägt Rick die Telefonnummer eines befreundeten deutschen Journalisten nach. Er wählt die Nummer. Der Teilnehmer, Peter Egerer meldet sich nicht, dafür sein Anrufbeantworter. Rick spricht einige Worte auf den Recorder und bittet um einen Rückruf. Die Rufnummer eines befreundeten Autoren in London springt ihm ins Auge. Dieser meldet sich sofort und ist erfreut von Rick zu hören. Sein Freund James Scott schreibt Thriller über Geheimdienste und ihre Aktivitäten. Rick bittet seinen Freund, der ein außergewöhnlicher Rechercheur ist, sich ein wenig umzuhören, nach dem er von den Vorfällen in Deutschland berichtet hat. James Scott verspricht ihn sofort zu informieren, wenn er auch nur andeutungsweise etwas über den Verbleib der Akten und dem Waffenhändler Schröter in Erfahrung bringt. Rick bedankt sich bei und kann das Gespräch nicht eher beenden als er verspricht James Scott im Sommer auf seinem Landsitz in der Grafschaft Cornwall zu besuchen.

St. Ives im Sommer, denkt Rick. St. Ives liegt im äußersten Westen Cornwalls, direkt am Atlantik. Es ist ein bekanntes Künstlerdorf, wo zum Beispiel die Bildhauerin Barbara Hepworth mit ihrem Mann lebte. Die Häuser, weiß getüncht, tragen hellgrüne Dächer. In fast jedem Dachgeschoss findet sich ein malerisches Atelier. Berühmte Männer wie William Turner malten hier. Bei gutem Wetter glaubt man, in Südfrankreich zu sein.

Rick tätigt noch einen Anruf. Er ist der Meinung, dass er am Abend nicht mit leeren Händen zu Sarah gehen darf, also bestellt er telefonisch Blumen und bittet darum, diese bei der Anmeldung für ihn abzugeben.



>>Was haben wir an neuesten Informationen? Alles was ihr habt, auf meinen Schreibtisch, pronto<<, ruft Bruns der in sein Büro stürmt.

>>Beeil dich, Sidne.<<

Sidne Houston rappelt sich auf und kommt durch die offen stehende Verbindungstür in Bruns Büro. In den Händen hält er einige Eckspanner, gefüllt mit Unterlagen, die er vor Bruns niederlegt. Bevor der einen der Mappen öffnet, sieht er Dr. Simon an, der Sidne auf dem Fuße folgt.

>>Ich dachte, sie sind längst nach Wiesbaden zurück. Wo sie schon mal da sind, beantworten sie mir zwei Fragen. Erste Frage: Wer war Max van Straaten und was weiß das BKA über ihn? Zweite Frage: Was wissen sie über den Waffenhändler Karl-Heinz Schröter? Wenn sie mir die Fragen nicht beantworten, dann sind sie hier überflüssig und ich werde sie bitten mein Büro zu verlassen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?<<

Sidne bekommt die Kinnlade nicht wieder hoch. So hat er seinen Chef noch nie erlebt. Dr. Simon verlässt das Büro und ist Sekunden später zurück. Er reicht Bruns mehrere Schnellhefter.

>>Sidne, dein Bericht.<<

>>Steht alles da drin, Chef.<<

>>Sidne, bring mich nicht auf die Palme.<< Bruns Stimme wird drohend.

>>Ja, also, die Untersuchungen den gestrigen Tag betreffend sind noch nicht abgeschlossen. Es kann aber als gesichert angesehen werden, dass der Werfer aus NVA-Beständen stammt. Die Untersuchung auf Fingerabdrücke verlief negativ. Das Ding hat man nach der Benutzung gründlich abgewischt. In dem Raum wurden keine verwertbaren Spuren gefunden. Die Befragung im Gebäude hat auch nichts ergeben. Niemand will einen Fremden bemerkt haben. Im Landgericht starben gestern, der Richter und seine Protokollführerin, der leitende Oberstaatsanwalt und ein weiterer Staatsanwalt, ein Polizeibeamter, der Gerichtsdiener, van Straaten und sein Anwalt. Die Schwerverletzten liegen in der Uni-Klinik, sind aber außer Lebensgefahr. Zum Hubschrauberabsturz von heute, kann noch nicht viel gesagt werden. Die Maschine wurde erst vorige Woche gewartet, und war kaum im Einsatz. Das Bundesamt für Flugsicherheit hat mit den Untersuchungen begonnen. Die Leichen wurden in die Gerichtsmedizin gebracht. Eine Liste der Zeugen und die ersten Protokolle erhalten wir am Abend, spätestens morgen Früh.<<

>>Dr. Simon, haben sie noch was für mich, nein? Dann lasst mich allein, ich will das hier kurz durchsehen. Ach Sidne, bring mir doch bitte einen Kaffee.<<

Bruns beginnt mit dem Aktenstudium. Nach dreissig Minuten ruft er seine Kollegen wieder zu sich. >>Wir müssen irgendwo anfangen. Sidne, du bringst in Erfahrung ob die Frankfurter Luftüberwachung was über diesen zweiten Hubschrauber weiß, ob der Flug in dem Luftraum angemeldet war. War es ein Übungsflug, gehörte sie einer Flugschule. Wo gestartet, wo gelandet. Ich glaube, die Maschine hat mit dem Absturz zu tun. Von ihnen Dr. Simon will ich wissen, warum sind sie hier? Das will ich sie schon fragen, seit sie gestern Mittag im Gericht erschienen sind.<<

Dr. Simon antwortet bereitwillig: >>Gestern, bei Gericht hatte ich nur eine beobachtende Funktion, heute eine Beratende. Ich soll sie unterstützen, wo ich kann.<<

>>Das ist aber sehr ungewöhnlich, und sonst ganz und gar nicht eure Art. In der Regel, seid ihr dazu gut Probleme zu machen und die Arbeit der Kriminalpolizei zu behindern. Das verstehe wer will. Können sie herausfinden, wo dieser Schröter steckt?<<

>>Ja<<, sagt Dr. Simon, >>ich kümmere mich darum.<<

>>Gut, ich geh mal zum Chef. Sidne, an die Arbeit, wir brauchen Ergebnisse.<<



>>Sie waren außer Haus, und hatten es nicht nötig für ihre Dienststelle erreichbar zu bleiben?<< begrüßt ihn Harald Bloch, sein Chef seit vielen Jahren. Bloch steht kurz vor der Pensionierung. Er tut alles, damit Bruns sein Nachfolger wird.

>>Ich wollte bei dem Gespräch mit Rick van Straaten nicht gestört werden. Sie wissen doch wie unangenehm es ist, wenn ständig dieses Ding klingelt. Wer kann denn ahnen, dass man Noack vom Himmel holt?<<

>>Wie meinen sie das, Bruno?<<

>>Für mich steht fest, dass der Hubschrauber zum Absturz gebracht wurde. Noack war an Max van Straaten dran. Er muss was herausgefunden haben. Ich habe vor dem Absturz noch mit ihm telefoniert und er hat da so Andeutungen gemacht. Meiner Meinung nach ist auch Rick van Straaten in Gefahr.<<

>>Hören sie Bruno, in etwa zwei Stunden geben wir eine Pressekonferenz. Die Staatsanwaltschaft will es so. Wir werden sonst die Presse nicht los. Wir beide gehen da hin, und wenn nach diesem Rick van Straaten gefragt wird, so kennen wir den nicht.<<

>>Sagen sie das mal der Tageszeitung. Die wissen mehr als wir, und morgen soll ein Bericht von Noack in der Zeitung stehen. Diesen Bericht wollte Noack übrigens rechtlich absichern. Einer der Gründe warum Noack nach Bad Nauheim wollte.<<

>>Was wollen sie tun?<<

>>Houston ist unterwegs zum Flughafen. Diesen Simon habe ich gebeten mehr über den Schröter herauszufinden.<<

>>Wer ist Schröter?<<

>>Karl-Heinz Schröter ist Waffenhändler und ein Freund von Max van Straaten. Rick van Straaten hat mir erzählt, dass sein Bruder Max nur mit seiner Hilfe und seinem Know-how in der Lage gewesen sein kann, die Dokumente aus der Ex-DDR herauszuschaffen. Schröter kann uns weiterhelfen.<<

>>Dr. Simon soll uns unterstützen, war nicht zu verhindern. Aber, sie haben recht, der Mann soll sich nützlich machen. Die Verbindungen, die diese BKA-Leute haben sind einfach gut, die sollten wir nutzen. Wir sehen uns in knapp eineinhalb Stunden bei der Pressekonferenz<<, beendet Bloch die Besprechung.



Auf der Pressekonferenz am Nachmittag werden erste Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bloch erinnert daran, dass Max van Straaten verhaftet worden war, weil er mit dem ausser Landes schaffen von geheimen Dokumenten in Verbindung gebracht wurde. Er teilt den Journalisten mit, dass der Absturz des Hubschraubers der Tageszeitung sehr wahrscheinlich mutwillig herbeigeführt wurde. Er sagt auch, dass in diesen Fall die Politik hineinspiele.

>>Wie sie wissen hat der US-Geheimdienst CIA dem Kanzleramt den ersten Teil einer Agentenkartei auf einer CD-ROM übergeben. Es ist die Kartei, die angeblich nach dem Mauerfall unter dem Decknamen „Rosenholz“ aus der DDR geschmuggelt wurde. So steht es in dem mir vorliegenden Bericht. Auf diesen Datenträgern sollen rund eine halbe Million Vorgänge der Hauptabteilung Aufklärung gespeichert sein. Die Süddeutsche berichtete etwas anderes: Nämlich, dass die Agentenkartei der „Firma“, aus Beständen des KGB stammt. Angehörige der „Firma“ hätten das Material im November 1989 verfilmt und in der damaligen KGB-Niederlassung Karlshorst abgegeben. Das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz soll sich im Frühjahr 1990 mehr als fünftausend brisante Abhörprotokolle und Dossiers über westdeutsche Politiker und hohe Beamte verschafft haben. Abtrünnige Offiziere seien mit Bargeld und Stellenangeboten zum Diebstahl der Akten des DDR-Geheimdienstes veranlasst worden, berichtete das Nachrichtenmagazin Focus am Freitag. Was wahr oder unwahr ist, entzieht sich unserer Kenntnis.<<

Bloch kommt noch mal auf Max van Straaten zu sprechen. Er teilt den Journalisten mit, dass nach vorliegenden Informationen davon auszugehen sei, dass Max van Straaten mit Hilfe von Angehörigen der „Firma“ ganze LKW-Ladungen Aktenmaterial, Ton-, Video- und Magnetbänder außer Landes geschafft habe.

>>Wir nehmen an, dass er den Zeitpunkt für gekommen hielt dieses Material zum Kauf anzubieten. Wir wissen, dass der Staatssicherheitsdienst sehr gründlich gearbeitet hat. Das gilt auch für so genannte IMs im Westen. Das heißt, er hat IMs in bestimmten Behörden oder Konzernen angeworben, und sie da eine ganze Weile entweder als aktive Spitzel oder als Schläfer, also Agenten im Ruhezustand sitzen lassen. Dann hat die „Firma“ dafür gesorgt, dass diese Personen in einflussreiche Positionen gelangten um dann dort für den Staatssicherheitsdienst tätig sein zu können. Für einige wird es nun eng, sie könnten enttarnt werden. Wir befürchten, dass diese Kuriere und Spitzel Seilschaften gebildet haben. Nach dem Max van Straaten verhaftet wurde, beschloss man aktiv zu werden und ihn umzubringen. Die Angst vor der Akte ist groß und sorgt dafür, dass diese Leute in schlechter psychischer Verfassung sind. Aus Verfolgern sind Verfolgte geworden. Vordringlichste Arbeit der nächsten Wochen und Monate wird sein, die Spitzel aus Behörden und Unternehmen zu entfernen. Meine Damen, meine Herren, wir danken für ihre Aufmerksamkeit.<<





Rick van Straaten, der von einem Bummel durch die Stadt zurückkommt hört das Telefon läuten. Ohne den Mantel abzulegen nimmt er den Hörer ab. Peter Egerer ist am Telefon.

>>Hallo Peter<<, begrüßt er seinen Freund.

>>Mensch Rick, schön mal wieder von dir zu hören. Ist lange her. Was machst du in Old-Germany?<< fragt er.

Rick van Straaten schält sich umständlich aus den Mantel.

>>Du hast von Max gehört?<<

>>Nein, was ist mit ihm? Ich bin nicht auf dem Laufenden, ich bin gerade in Fuhlsbüttel gelandet. Weißt du, ich war zehn Tage in New-York. Jetzt sitze ich im Taxi. Ich muss in die Redaktion und dachte, ich höre erst mal meinen Anrufbeantworter ab.<<

>>Nett, dass du gleich anrufst. Ich wollte dich um Hilfe bitten.<<

>>Geht es um Max?<<

>>Ja, um Max. Max wurde gestern in Frankfurt ermordet, und ich glaube ein Kollege von dir wurde ebenfalls umgebracht. Es wird behauptet, dass Max geheime Unterlagen der „Firma“ aus der ehemaligen DDR herausgeschafft hat. Ähnlich wie die CIA, verstehst du?<<

>>Das ist interessant, können wir später darüber reden?<<

>>Heute Abend von acht bis elf bin ich außer Haus. Bin zum Essen verabredet.<<

>>Mit wem?<<

>>Erzähle ich dir später, du bist gar nicht neugierig?<<

>>Das liegt an meinem Beruf.<<

Bedächtig legt Rick den Hörer auf. Er geht ins Bad um sich zu rasieren. Rick van Straaten gehört zu den Naßrasierern. Gerade hat er sich eingeseift da läutet das Telefon wieder. Mit dem Handtuch sich das Gesicht abwischend nimmt er das Gespräch an. Es ist Bruns.

>>Hallo Bruno. Was haben sie für Neuigkeiten?<<

>>Ich komme gerade aus einer Pressekonferenz. Wir haben es wahrscheinlich mit einer Seilschaft zu tun. Hat sich bei ihnen irgend jemand gemeldet?<< will Bruns wissen.

>>Nur ein Freund aus Hamburg hat eben angerufen. Ich hatte ihm meine Telefonnummer hinterlassen.<<

>>Was machen sie heute Abend? Gehen sie aus oder bleiben sie im Haus?<< will Bruns wissen.

>>Ich gehe mit Sarah aus.<<

>>Sie werden sich gut verstehen. Meine Schwester ist etwas ganz besonderes, denken sie daran.<<

>>Das habe ich schon gemerkt. Ich werde sie wie meinen Augapfel hüten. Die bösen Buben bleiben hoffentlich in Frankfurt.<<

>>Wenn sie sich da mal nicht irren, Rick. Die können überall sein, und die sind gut informiert. Das macht mir Angst. Werden sie morgen abreisen?<<

>>Ja, morgen fahre ich zurück.<<



Pünktlich um acht klopft Rick an Sarahs Wohnungstür.

Die Tür geht Sekunden später auf. Sarah ist noch nicht angezogen, sie trägt noch einen Bademantel.

>>Entschuldigen sie, Rick. Ich bin gleich so weit.<<

>>Macht doch nichts<<, sagt er.

>>Ich gehe dann mal ins Bad, um mich anzuziehen.<<

>>Nur zu<<, antwortet Rick und geht weiter in die geschmackvoll eingerichtete Wohnung hinein. Er tritt an eine Staffelei, nachdem Sarah im Bad verschwunden ist.

Sie malt, denkt er und sieht sich weiter um. An den Wänden hängen ausgesuchte Bilder. Die Schränke und Anrichten sind leicht dunkel gehalten. Eine Stehlampe erzeugt ein warmes Licht. Zur Sitzgarnitur - in angenehmen grün - gehört eine aus mehreren Elementen bestehende Liegewiese. Gut zum fernsehen, lesen oder schlafen. Fehlt nur noch ne Katze, denkt Rick van Straaten.

>>Gefällt es ihnen bei mir, Rick?<< wird er gefragt.

>>Oh ja, sehr schön hier. Sie malen?<< fragt er und zeigt auf die Staffelei.

>>Nur wenn das Licht gut ist. Am liebsten bin ich draußen in der Natur. Das natürlich nur im Sommer. Ich möchte gerne mal ans Meer fahren und malen. Noch nie war ich am Meer. Und sie, waren sie schon mal am Meer?<<

>>Sarah, ich wohne direkt am Wasser. Hat ihr Bruder ihnen nicht erzählt, dass ich aus Holland komme. Nein? Ich wohne in Bergen aan Zee, direkt an er holländischen Nordseeküste. Bergen ist ein Künstlerdorf.<<

>>Künstlerdorf, wie schön! Kommen sie, gehen wir essen.<<

Sarah hängt sich bei Rick ein und zieht ihn zur Tür. Sie schmiegt sich dicht an den Mann, den sie so sehr mag.



>>Rick, an was denken sie gerade?<<

>>Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn sie mit mir am Strand spazieren gehen. Wenn wir bummeln gingen in Bergen oder Amsterdam.<<

>>Das währe sicherlich sehr schön. Wünschen sie sich das?<<

>>Oh ja, sehr. Wissen sie, ich spüre seit ich sie das erste Mal sah, eine nie da gewesene Sehnsucht. Ich lebe in einem großen Haus, schreibe meine Bücher, doch ich bin allein. Ein wenig versorgt und bemuttert werde ich von einer Haushälterin. Die fünfzig habe ich längst überschritten. Ist es zu spät an eine eigene Familie zu denken, was meinen sie?<<

Sarah lässt sich Zeit mit einer Antwort.

>>Ganz sicher nicht. Haben sie denn nie zuvor daran gedacht?<<

>>Ich weiß es nicht, nicht ernsthaft. Sarah, ich bin Wissenschaftler. Meine Arbeit war mir wichtig.<<

>>Sie sind so ein schöner Mann, und so lieb. Keine Frau soll das bemerkt haben? Rick, Rick, was machen wir denn da?<< und wieder lacht sie, das es Rick ganz anders wird.

>>Sagen sie, ihr Vorname Rick, ist das eine Abkürzung?<<

>>So ist es! Eigentlich heiße ich Richardt, doch so ruft mich niemand. Nur meine Mutter hat mich so genannt<<, sagt Rick.

>>Wir sind da, hier möchte ich essen.<<

Sie stehen vor einem Restaurant und gehen hinein. Eine gute Wahl, denkt Rick. Wenn das Essen so gut ist wie die Inneneinrichtung aussieht, hat sich der Weg gelohnt.



Sie haben sehr gut gegessen. Sie sind satt und sie sind betrunken. Der Wein zum Essen war süffig. Beide sind sie glücklich. Sie haben sich beim Essen sehr gut unterhalten und viel gelacht.

Sarah sagt: >>Richardt, ich liebe dich!<<

>>Was haben sie gesagt?<<

>>Ich liebe dich<<, wiederholt Sarah und beginnt zu weinen.

Das hat Rick niemals zuvor erlebt. Wohl, dass eine Kollegin - früher - in der Forschung - nach einem Misserfolg zu weinen anfing und er sie dann in den Arm genommen hatte um sie zu trösten. Das schon. Rick nimmt Sarah behutsam in seine Arme und zieht sie eng an sich.

>>Sarah, ich liebe dich auch. Bitte, weine nicht.<<

>>Ach Richardt, lass mich doch. Ich weine doch nur, weil ich so glücklich bin.<<

Sie stehen eine Weile nur so da. Rick hält Sarah in seinen Armen und er küsst ihre Tränen fort.

>>Ich muss aufs Klo<<, sagt Sarah und lacht und weint zugleich.

>>Dann komm<<, sagt Rick und nimmt sie an die Hand.

Ihre schnellen Schritte hallen laut in der engen Gasse hinunter zur Hauptstraße. Am Seniorenheim kann Sarah ihre Schlüssel nicht finden. Ihre Nase beginnt zu laufen. Sarah muss sich die Nase putzen. Am Aufzug angekommen, ist dieser nicht unten. Sarah greift sich eine Hand von Rick. Sie lässt ihn nicht mehr los. Oben sieht Rick Sarah ins Bad rennen. Er wartet. Sarah kommt erleichtert zurück. Sie hat die Schuhe ausgezogen. Sie kommt zu ihm und öffnet seinen Mantel und legt ihren Kopf an seine Brust.

>>Bitte Rick, bleib bei mir.<<

>>Aber, Sarah...<<

>>Komm.<<

Sarah nimmt Rick an die Hand, und führt ihn in ihr Schlafzimmer. Sie macht kein Licht. Sie führt Rick ans Fenster, wo die Vorhänge nicht zugezogen sind. Am Schlafzimmerfenster wendet Sarah sich Rick zu. Es ist nicht sehr hell im Zimmer, aber auch nicht so dunkel, dass sie sich nicht sehen könnten. Beide haben sie das Bedürfnis sich zu küssen und zu lieben. Ricks Männlichkeit ist längst erwacht, und Sarah fühlt ihn. Sie schmiegt sich an ihn. Sarah öffnet den Gürtel seiner Hose, Rick öffnet Sarahs Bluse. Ricks Hosen fallen zu Boden und sein Glied springt ihr entgegen. Sie betrachten sich im Dunkeln, umarmen sich. Sarah fühlt sein Drängen und ihr Verlangen.

>>Komm <<, sagt sie.

Rick folgt ihr, und legt sich zu ihr ins Bett. Er küsst ihren Mund, ihre Augen und ihre Brüste. Sein suchender Mund findet ihren Schoß. Sarah stöhnt vor Wollust. Sie streichelt sein Gesicht, fährt sanft mit den Fingern über seine Augen, über Mund und Nase. Sie lieben sich. Mondlicht flutet ins Zimmer.



Rick lacht.

Sarah fragt: >>Warum lachst du?<<

>>Weil du mich so festhältst.<<

>>Ich, ich will ihn nicht verlieren. Der Kleine da unten hat seine Sache gut gemacht<<, sagt Sarah und küsst Rick liebevoll auf den Mund. Sie dreht sich ein klein wenig. Rick verlässt ihrem Schoß, und sie liegen nebeneinander. Sie küssen und lieben sich. Irgendwann schlafen sie ein. Der Mond wandert weiter.

Donnerstag, 23. März

Rick erwacht. Die Erinnerung an die vergangene Nacht kehrt zurück. Rick sieht sich um und stellt fest, dass Sarahs Schlafzimmer zwei Türen hat. Eine Tür öffnet sich und Sarah schaut ins Zimmer.

>>Na, du Langschläfer<<, sagt sie. Sarah trägt einen Schlafanzug, darüber einen Hausmantel. >>Ich bin schon seit sechs Uhr auf den Beinen. Eine Weile habe ich deinen Schlaf bewacht und dich lange, lange angesehen, dann erst bin ich in die Küche. Jetzt hatte ich vor, zu duschen, aber ich wollte dich nicht wecken.<<

>>Du hast mich nicht geweckt, Sarah.<< Rick ist mit einem Satz aus dem Bett und bei ihr an der Tür.

>>Ich möchte mir die Zähne putzen und dich dann küssen. Hast du eine Zahnbürste für mich?<<

Sarah reicht ihm eine neue Zahnbürste. Rick beginnt sich die Zähne zu putzen und er beobachtet Sarah ungeniert beim auskleiden. Sarah steigt in die Duschkabine und beginnt sich abzubrausen.

>>Kann ich helfen?<< fragt er.

>>Ja, bitte komm.<<

Rick klettert zu ihr in die Kabine. Sie seifen sich gegenseitig ein, lachen und sind albern. Beide spüren wie es sie erregt und sie lieben sich leidenschaftlich unter der Dusche. Ein wenig erschöpft, aber glücklich verlassen sie das Badezimmer um sich anzuziehen. Rick sieht Sarah beim anziehen zu und denkt wie schön es wäre, ihr jeden morgen zusehen zu können - von nun an, jeden Tag mit ihr zu beginnen.

>>An was denkst du?<< will Sarah wissen.

>>Ich denke darüber nach<<, sagt er, >>wie schön es wäre, jeden neuen Tag so zu beginnen. Ich mag nicht daran denken, morgen in meinem Haus zu erwachen und du bist nicht da.<<

>>Rick, wenn du von ganzem Herzen wünscht, dass ich morgen neben dir aufwache, dann komme ich mit. Du musst mir nur versprechen mich nach Ostern wieder hierher zurückzubringen. Denn dann kommen viele ältere Herrschaften aus dem wärmeren Süden in unser Haus zurück um hier den Sommer zu verbringen. Das Haus ist dann voll und man braucht mich. Was sagst du?<<

>>Ich werde verrückt, wenn das wahr wird<<, sagt Rick und strahlt über das ganze Gesicht.

Sarah begibt sich in seine Arme und sagt: >>Lieber nicht.<<

>>Wie ist es möglich, dass du mit mir kommen kannst?<<

Sarah legt einen Finger an seine Lippen und bedeutet ihm zu schweigen.

>>Siehst du den Koffer, dort in der Ecke?<<

Rick folgt mit den Augen ihrem Hinweis.

>>Der Koffer dort ist gepackt. Bruno und ich wollten morgen an den Müritzsee in fahren. In Neustrelitz haben wir für eine Nacht Zimmer reservieren lassen. Wir wollten dann weiter an den See und uns dort nach einem neuen Quartier umsehen. Heute, in aller Herrgottsfrühe hat Bruno bei mir angerufen und mir mitgeteilt, dass daraus nichts wird. Er wurde zum Leiter einer Soko ernannt und rechnet damit, dass er in den kommenden Wochen wenig Zeit für mich haben wird. Die Heimleiterin erledigt meine Arbeit. Ich muss ihr nur sagen, dass sich meine Urlaubspläne geändert haben und ich schon heute fort möchte. Ich muss nur noch eine Reisetasche packen und meinen Ausweis einstecken, dann kann es von mir aus losgehen.<<

Rick ist sprachlos.



Rick van Straaten war auf der Fahrt nach Frankfurt in Gildehaus über die Grenze nach Deutschland gegangen und dann auf die A 1 gefahren. Heute fährt Rick durchs Ruhrgebiet. Nach vier Stunden Fahrt haben Sarah und Rick bei Emmerich die Grenze nach Holland hinter sich gelassen. Sie waren erst um Mittag losgefahren. Sarah hatte vorher noch mit ihrem Bruder telefoniert und ihm erzählt was sie zu tun gedachte. Rick hatte während der Fahrt durch das Sauerland über das Funktelefon mit seiner Haushälterin gesprochen und sie beide angemeldet. Rick umfährt Arnheim und am Knotenpunkt Beekbergen bei Apeldoorn fährt er ab nach Amsterdam. Sie sind nach weiteren zwei Stunden in Haarlem. Sie müssen aber noch ein wenig weiter in Richtung Den Helder. Es ist nach sieben Uhr am Abend und schon dunkel, als Sarah und Rick in Bergen aan Zee ankommen. Den schwarzen Mercedes, der hinter ihm an seiner Einfahrt vorbeirollt, den hat Rick nicht bemerkt. Rick zieht den Zündschlüssel ab, beugt sich nach rechts und küsst Sarah auf den Mund.

>>Willkommen zu Hause, Sarah!<<

>>Sind wir da?<< fragt sie und schon ist sie aus dem Auto heraus. Sie rennt um das Auto herum, fällt Rick um den Hals und küsst ihn. Rick bleibt die Luft weg. Er löst sich sanft von ihr, nimmt sie an die Hand und führt sie auf das Haus zu. Sarah sieht Rick an und fragt: >>Gehört das alles dir, das Haus, der Garten? Oh, ich bin so gespannt wie alles am Tag aussehen mag.<<

Rick schließt die Haustür auf und macht Licht. Dann lässt er Sarah an sich vorbei ins Haus. Rick folgt ihr und freut sich über ihre Bewunderung für das Innere des Hauses. Sie gelangen in sein Wohnzimmer. Auch hier macht Rick Licht und fühlt sofort die angenehme Wärme. Seine Haushälterin hat den mit Gas betriebenen Kamin angemacht, bevor sie das Haus verlassen hat. Sarah steht mitten im Raum und rührt sich nicht. Sie steht da, wie angewachsen. Rick macht mehr Licht und geht zu ihr.

>>Setz dich doch. Zieh die Schuhe aus und leg deine Beine hoch. Du musst müde sein, nach der langen Fahrt. Ich hole unsere Koffer ins Haus.<<

>>Nimm mich in deine Arme und halt mich eine Weile fest<<, bittet Sarah.

Rick nimmt Sarah in die Arme, drückt sie an sich und küsst ihren Mund und ihre Augen. Eine Minute mag vergangen sein bis sie sich voneinander lösen und Rick sie alleine lässt um das Gepäck aus dem Auto zu holen. Sarah sieht sich um. Dort wo die Durchreiche ist, wird die Küche sein, denkt sie. Sie öffnet die Tür daneben, macht Licht und tritt in die Küche ein. Auf dem Küchentisch sieht sie nicht nur eine wunderschöne Tischdecke und einen Strauß mit frischen bunten Blumen, sondern auch einen Teller mit belegten Broten, belegt mit Köstlichkeiten aus den Niederlanden. Auch eine Isolierkanne gefüllt mit dampfendem Kaffee und Tassen stehen daneben. Sarah trägt alles ins Wohnzimmer. Sarah hört Rick die Haustür schließen. Das Licht im Flur erlischt. Spitzbübisch lächelnd sieht sie Rick an und zieht ihn zu sich auf das Schaffell am Boden.

>>Sieh an<<, sagt er. >>Du bist fündig geworden, schmeckt es wenigstens?<<

>>Köstlich.<<

>>Alles was du da isst, kommt von hier. Vom Bauern oder vom Wochenmarkt. Und wenn du einen Tag hier bist, dann wirst du ständig einen großen Hunger haben. Das liegt an der guten Luft, hier an der Nordsee. Du wirst auf dich acht geben müssen, sonst nimmst du schnell einige Pfunde zu.<<

>>Du lieber Gott, bloß das nicht. Komm, iss doch auch was. Magst du Kaffee am Abend?<<

>>Nicht so gerne. Lieber mag ich ein Glas Rotwein, möchtest du auch?<<

>>Lass mich erst Kaffee trinken, vielleicht hinterher.<<

Rick geht in die Küche und kommt mit einer Flasche Rotwein zurück. Aus einer Vitrine nimmt er zwei Weingläser. Anschließend lässt er sich neben Sarah am Boden nieder. Rick lehnt sich mit dem Rücken gegen einen Sessel und genießt den ersten Schluck. Sarah hockt am Boden und futtert. Manchmal kommt es Rick so vor, als wolle sie ihn etwas fragen. Doch dann lässt sie es bleiben und isst weiter. Ganz plötzlich erhebt sie sich. Rick aus seinen Gedanken reißend fragt sie: >>Rick, bitte, wo ist das Bad?<<

>>Draußen, im Flur, die linke Tür. Komm, ich gehe mit dir und zeige dir, wo du was findest: Handtücher, Bademantel, Saunamantel, Hausanzug. Du wirst sehen, es ist alles da. Oder besser noch, wir gehen gleich nach oben. Auch dort wirst du alles finden. Die Sauna, das Bad im Keller und was es sonst noch gibt, zeige ich dir dann morgen. Darf ich vorgehen?<<

>>Bitte<<, sagt Sarah. Im Flur nimmt Rick Sarahs Koffer und ihre Reisetasche. Oben angekommen zeigt er Sarah das Bad.

>>Gefällt es dir?<<

>>Ja, sehr schön. Du hast Geschmack! Lass mich jetzt bitte einen Moment alleine?<<

>>Klar, du findest mich unten. Ich sehe meine Post durch.<<

Rick findet seine Post am Telefon. Post und Schnurlostelefon nimmt er mit zum Sofa. Rick macht sich darin lang und beginnt seine Post zu lesen. Auf dem Parkettboden bilden sich drei Stapel. Wichtig, unwichtig, Papiermüll. Die angenehme Wärme im Raum, das zweite Glas Rotwein lässt seine Augenlieder schwer werden. Er schläft ein. Tief und fest schlafend findet Sarah ihn später. Es ist nach Zehn. Sarah sieht eine Decke am Fußende des Sofas und deckt Rick damit zu. Sie küsst ihn auf den Mund und Rick verzieht das Gesicht.

>>Schlaf gut, und träum was schönes<<, flüstert Sarah.

Sie schaltet alle Lampen aus, und im Licht der Flammen vom Kamin sieht sie vollkommene Zufriedenheit in seinem Gesicht. Sarah geht in Ricks Schlafzimmer, lässt den Bademantel in einen Korbstuhl fallen und legt sich ins Bett. Sie löscht das Licht, deckt sich zu und ist kurz darauf eingeschlafen.

Freitag, 24. März

Sarah erwacht und öffnet die Augen. Sie sieht sich um. Es ist noch nicht hell. Draußen beginnt erst der Tag. Sarah liegt auf dem Rücken, sieht über ihre nackten Brüste hinweg einen braunen behaarten Arm auf der Bettdecke liegen. Er ist zu mir gekommen. Er lässt mich nicht alleine wach werden. Lieber Gott, hilf mir dass es für immer so bleibt, bittet sie und fühlt wie die Liebe zu diesem Mann in ihr erwacht. Sarahs Gesicht verändert sich, aus dem erwachend fragend, wird ein liebevoll lächelndes Gesicht. In ihrem Bauch fühlt sie Schmetterlinge. In ihrem Schoß geben Drüsen Flüssigkeit ab und ihre Scham beginnt zu kribbeln. Sarah sieht auf ihre Brüste und beobachtet, wie ihre Brustwarzen sich aufrichten. Sie berührt diese braunen Gebirge und fühlt ihre Härte. Ihre Hand gleitet unter die Decke. In einer Delle zwischen Flaum und rechtem Hüftknochen wird sie derart heftig elektrisiert, dass sie erschrocken die Hand wegnimmt. Sie spürt wie angenehme Wärme über das Sonnengeflecht in ihren Schoß fließt. So schnell wie es kam, ist es auch wieder vorüber. Sarah fühlt sich mit einem Mal beobachtet und sieht direkt in seine Augen.

>>Du bist wach?<<, sagt sie und dreht sich zu ihm hin.

Rick sieht wie ihre Brüste, die er so sehr liebt und ihr Gesicht mit den vor Glück strahlenden Augen sich ihm zuwenden. Er richtet sich ein wenig auf um seinen Kopf in einer Handfläche abzustützen, und um sie besser betrachten zu können. Auf sein Gesicht legt sich ein Lächeln.

>>Was war denn los?<< will er wissen, >>du hast gerade gezuckt, als wärest du gebissen worden.<<

>>Lass nur<<, antwortet Sarah lachend, >>ich muss mich falsch bewegt haben. Ich hatte meine Hand hier, sieh mal.<< sie zeigt Rick die Stelle. >>Ich erhielt dort so was wie einen elektrischen Schlag. Ich bin so erschrocken, dass ich dich geweckt habe. Oh, du Armer, das tut mir leid.<<

>>Mein Bett ist doch aus Holz, da kann man doch keinen Schlag bekommen.<<

>>Oh, doch mein Lieber, in deinem Bett liegen zwei mal tausend Volt. Und da kann man sehr wohl einen Schlag bekommen. - Wie ich mich freue, dass du da bist. Ich konnte dich gestern Abend doch nicht wecken. Ich bin schon egoistisch, doch so sehr nun auch wieder nicht.<<

Nach diesen Worten zieht sie ihn dichter zu sich heran und küsst ihn auf den Mund, auf die Nasenspitze, auf die Augen.

Schöner kann es nicht mehr werden, denkt er, und streichelt ihr Gesicht. Dieselbe Hand wandert über Brust und Bauch in ihren Schoß. Doch hier fängt sie seine Hand mit einem Verweis auf >>später!<< ab.

Sarah verlässt blitzschnell das Bett. Lachend zurückblickend eilt sie ins Bad. Sie schließt die Tür, was wohl bedeutet, er darf ihr jetzt nicht hinterher. Als nach einer Weile die Tür wieder geöffnet wird und er gefragt wird, wo sie ihren Koffer finden kann, erhebt er sich. In Boxershorts geht er vor ihr her ins Gästezimmer.

>>Ich habe mir gedacht, falls du mal alleine sein möchtest?<< Rick sieht sie fragend an. >>Ich trage auch gerne all deine Sachen hinüber zu mir. Der Kleiderschrank hier im Zimmer ist leer, meiner allerdings ist ziemlich voll.<<

>>Es ist gut so. Kannst du meinen Koffer hoch legen?<<

>>Kann ich!<< Rick wuchtet den Koffer aufs Gästebett.

Das Gästezimmer ist keineswegs kleiner als das Schlafzimmer von Rick. Es hat nur keinen direkten Zugang zum Bad. Es liegt dem Badezimmer gegenüber und es ist ausgesucht geschmackvoll eingerichtet. Da es auf der Schattenseite des Hauses liegt und auch nicht so große Fenster hat, sondern zwei Dachhaubenfenster ist es dafür mit helleren Möbeln ausgestattet.

Ein freundliches Zimmer, denkt Sarah. Beim öffnen und ausräumen des Koffers öffnet sich ihr Morgenmantel. Rick verlässt leise das Zimmer. Damit Sarah das Bad für sich alleine hat geht Rick nach unten ins Bad und putzt sich dort die Zähne. Eine Wäsche noch für das Gesicht und mit nassen Händen durch die Haare fahrend macht er sich auf den Weg in die Küche. Neben dem Gasherd auf der Arbeitsfläche sieht Rick einen Korb. Er schaut hinein und entdeckt, nachdem er eine große Tüte herausgenommen hat am Korbboden frisches Obst und Möhren. Er öffnet die Tüte und schüttet den Inhalt in eine Korbmulde. Rick bereitet für sich schwarzen Tee zu, und für Sarah Kaffee.

Rick ist so beschäftigt, dass er nicht bemerkt dass Sarah in die Küche kommt.

>>Du bist ein wahrer Schatz<<, sagt sie, >>komm, ich helfe dir.<<

Rick sieht sie an und mustert sie. Sarah trägt eine helle Brax-Jeans ohne Taschen und einen Rollkragenpullover. Der Pullover vielleicht einen Ton heller als die Hose. An den Füßen trägt sie grüne Hausschuhe mit aufgenähten Wollebällchen. Sarah zeigt eine tolle Figur. Ihre Brüste zeichnen sich wunderschön unter dem Pullover ab. Die eng anliegende Hose betont ihre Rundungen, die Rick so sehr an ihr liebt.

>>Du bist zum fressen schön<<, entfährt es ihm.

>>Komm, willst du an mir knabbern?<< Sarah begibt sich in seine Arme, >>lass uns lieber frühstücken. Wo hast du nur die vielen leckeren Sachen her?<< Flink greift sie an ihn vorbei nach einem Vanillecroissant und beißt hinein. >>Hm, lecker.<<

Rick wäre beinahe die Kaffeekanne aus der Hand gefallen.

Gemeinsam tragen sie Brötchen, Wurst und Käse, Tee und Kaffee zum Küchentisch. Sie frühstücken und Sarah will immer noch wissen, wo die frischen Brötchen herkommen.

>>Du kannst doch nicht zaubern oder?<<

>>Nein, aber meine Haushälterin kann. Sie ist immer ebenso früh auf den Beinen als du. Sie hat all die Sachen gebracht. Sieh nur in den Korb, sogar an frisches Obst hat sie gedacht. Sie hat alles abgestellt und ist so leise gegangen wie sie gekommen ist.<<

Sarah geht mit einem Brötchen in der Hand ans Fenster um hinaus zu sehen.

>>Hast du einen großen Garten<<, staunt sie, >>so viele Pflanzen, Büsche und Bäume. Ist unter der Plane ein Swimmingpool?<<

>>Ja, nur ist kein Wasser drin. Komm mit, ich zeig dir was.<<

Gemeinsam gehen sie in den Keller. Rick macht Licht und öffnet eine Glastür.

>>Schau<<, sagt er, >>wenn du morgens, oder wann immer du Lust hast schwimmen gehen möchtest, so kannst du das hier tun. Das Wasser im Becken ist gefiltertes Nordseewasser, so salzig, dass ein Ertrinken fast nicht möglich ist. Dann ist hier die Sauna. Das Fass daneben wird mit eiskaltem Wasser gefüllt, wie es sich gehört. Dort, wo die große Flächenbrause aus der Wand kommt musst du drum herum gehen, und du hast das Bad gefunden. Wenn wir die gegenüberliegende Tür hier aufmachen, kommen wir in einen Ruheraum, der auch als Partyraum genutzt werden kann. Siehst du die Spiegelwand? Dort ist die Bar. Warte, ich mach mal das Licht an.<<

>>Und wo bitte, könnte ich Kleider, Röcke und Hosen ändern, wenn ich das vor hätte?<<

>>Dazu müssen wir wieder nach Oben gehen.<<

Rick macht das Licht aus und sie gehen die Kellertreppe wieder hinauf. Er öffnet die Tür zu einem Raum gegenüber dem Bad im Erdgeschoss und sagt: >>Eigentlich ist das mein Büro. Hier sind Nähmaschine und Bügelbrett, siehst du? Dieser Raum wird von Annegrete, meiner Haushälterin genutzt. Ich arbeite lieber im Wohnzimmer. Dort habe ich mehr Licht und ich komme schneller in den Garten, wenn ich frische Luft schnappen will.<<

>>Ich bin ehrlich beeindruckt<<, sagt Sarah.

Wieder in der Küche, begeben sie sich an den Tisch zurück. Rick trinkt seinen Tee, Sarah ihren Kaffee und beide essen sie noch ein Brötchen. Sarah schält für sich und Rick je eine Apfelsine. Erst danach sieht Rick in ein zufriedenes Gesicht.

Er fragt: >>Was wollen wir heute anstellen?<<

>>Du bist noch nicht mal angezogen<<, lacht sie.

Sarah kommt um den Tisch, setzt sich auf seinen Schoß und umarmt ihn. Zärtlich küsst sie seinen Mund und sagt: >>Lass uns nachher weiterreden. Geh unter die Dusche und zieh dich erst einmal an. Ich räume den Tisch ab und tu das Geschirr in die Maschine. Annegrete soll eine saubere Küche vorfinden.<<

>>So machen wir‘s<<, sagt Rick und erhebt sich zugleich mit Sarah. Er küsst Sarah auf den Mund und sagt zu ihr: >>Sarah, ich liebe dich. Warum nur musste ich erst so alt werden um dir zu begegnen? Konnte das nicht eher geschehen?<<

>>Ach Rick, das hatten wir doch gar nicht in der Hand. Gott lenkt und Gott schenkt. Ich musste achtunddreißig werden um dich zu finden. Du kamst als ein Geschenk und ich nehme dieses Geschenk dankbar an. Ich möchte niemals mehr ohne dich sein.<<

>>Sarah, darf ich dir eine sehr persönliche Frage stellen?<<

>>Aber ja, frag mich nur.<<

Rick nimmt sich ein Herz und fragt: >>Sag mir, können wir noch Kinder bekommen?<<

Sarah lacht aus vollem Herzen. Sie holt einmal tief Luft und fragt: >>Wie viele möchtest du denn?<<

>>Zwei, vielleicht. Wär das möglich?<<

>>Ach, Rick, ab dem zweiten Kind musst du anbauen, das weißt du hoffentlich.<<

>>Das ist mir egal, nun sag schon ...<<

>>Gehst du dich dann duschen und anziehen?<<

Rick nickt.

>>Jungen oder Mädchen. Was ist dir lieber?<<

>>Mädchen.<<

>>Ich will aber ... ach nein, lassen wir das. An mir soll es nicht liegen. Ich bin gesund, du hoffentlich auch und jetzt ab mit dir.<<

Sarah schiebt ihn lachend durch die Küchentür.



Ricks Telefonanlage macht sich bemerkbar. Sarah, die sich im Wohnzimmer aufhält und die Buchtitel auf Rick seinem Schreibtisch studiert und nun vor den großen Bücherregalen steht, sieht sich nach dem Telefon um. Sie entdeckt das schnurlose Telefon auf dem Wohnzimmertisch. Sarah drückt die grüne Hörertaste und meldet sich.

>>Sarah, bist du das?<<

>>Ja, Bebe.<<

>>Wie geht es dir mein Kleines, seid ihr gut angekommen?<<

>>Ja Bruno, sind wir. Es ist so schön hier. Ich hoffe, Rick geht gleich mit mir zum Strand.<<

>>Wo ist der Kerl, der dich mir wegnehmen will?<<

>>Wir sind gerade mit dem Frühstück fertig. Ich habe Rick unter die Dusche geschickt, willst du mit ihm reden?<< fragt Sarah.

>>Nein, das muss nicht sein. Rick läuft mir ja nicht weg. Wenn ich darf, rufe ich am Abend wieder an.<<

>>Ja, tu das. Dann kann ich dir sicher mehr von hier erzählen.<<

>>Bis heute Abend, Sarah. Passt gut auf euch auf.<<

>>Bebe?<<

>>Ja?<<

>>Ich liebe dich.<<

>>Das weiß ich doch, ich liebe dich auch. Bis heute Abend.<<

Das Telefon läutet gleich wieder. Sarah meldet sich mit: >>Bei van Straaten?<< Vorhin als ihr Bruder anrief, hatte sie nicht daran gedacht.

>>Grete, bist du das?<< wird gefragt.

>>Nein, hier spricht Frau Bruns. Ich bin eine Bekannte von Herrn van Straaten. Möchten sie ihn sprechen? Dann bringe ich ihm das Telefon. Er steht gerade unter der Dusche.<<

>>Ne, leeve Frouw, lass man. Ach jeminee, sie sprechen ja deutsch. Frau Bruns, mein Name ist Heinrich Wouters. Ich bin Rick sin Verleger. Sech em bloß, dat ick angerufen habe, daag ook.<<

Damit ist das Gespräch beendet. Sarah legt den Hörer zur Seite. Dann räumt sie die Post auf, die Rick am Boden hat liegen lassen. Sarah steht am Fenster und sieht hinaus. Wolken ziehen am Himmel vorüber. Draußen weht ein kräftiger Wind. Wenigstens regnet es nicht, denkt sie. Rick schleicht sich heran und nimmt sie von hinten in seine starken Arme.

>>Na, wie sieht es draußen aus?<< fragt er.

>>Gehst du mit mir zum Strand, oder ist es zu weit dorthin?<<

>>Nein<<, sagt er. >>Wir müssen nur durch die Dünen dort drüben, dann sind wir am Wasser. Komm mit.<<

Vor der Tür, in dicke Mäntel gehüllt hakt Sarah sich bei Rick ein. Sie laufen um das Anwesen herum in Richtung auf die Dünen.



Im schwarzen Mercedes, unweit vom Haus, fragt der Fahrer: >>Und, was machen wir jetzt?<<

>>Wir warten, der geht mit seiner Alten zum Strand. In ein paar Stunden sind die wieder da<<, antwortet der Mann neben ihm.



>>Die niederländische Küste besteht hauptsächlich aus Dünen und den von Menschen errichteten so genannten wasserwehrenden Konstruktionen, den Deichen. Gemeinsam schützen diese die tiefer liegenden Gebiete der Niederlande gegen die Nordsee. Ungefähr 75 Prozent dieses Schutzwalles besteht aus Dünen, die Breite variiert von einigen Hundert Metern bis zu einigen Kilometern. Die Dünen formen zusammen mit dem Strand und den im Meer liegenden Sandbänken einen natürlichen, aus Sand gebauten Schutz. Dieser Schutzwall ist ständig in Bewegung, dank der Naturgewalten wie Wind, Strömung und Wellen. An manchen Stellen wird der Wall stärker, an anderen schwächer. Die Wirkung von Wind, Wellen und Strömung ist mehr oder weniger bekannt. Dieses Wissen wird benutzt um das sandige Wasserwehr in stand zu halten. Diese Nutzung der Natur bewirkt, dass die niederländische Küstenlandschaft ihren natürlichen Charakter und Wert behält. Andere Interessen wie Trinkwassergewinnung, Wohnen, Erholung und Tourismus werden gleichzeitig gesichert.<< erklärt Rick.

>>Ich habe mal in einer Zeitschrift gelesen, das ist bestimmt schon zwei Jahre her, dass wenn die Pole schmelzen der Wasserspiegel ansteigt, und das Land bis Köln überschwemmt wird.<<

>>Die Pole schmelzen schon<<, antwortet Rick.

>>Unsere niederländische Regierung hat überall an der Nordseeküste Messstationen errichtet. Der Wasserstand der Nordsee wird ständig überwacht. Wir Holländer machen uns große Sorgen ... Gefällt es dir in den Dünen?<<

>>Oh ja, was man hier alles anstellen könnte, ohne gesehen zu werden<<, sagt sie verschmitzt.

>>Na, na, na, die Dünen genießen einen besonderen Schutz. Es ist schon ratsam auf den Wegen zu bleiben. Klar, im Sommer kannst du in den Dünen schon mal einen blanken Hintern sehen. Hier sind sicher schon viele Kinder gezeugt worden, und manch ein junges Mädchen hat hier seine Unschuld verloren. Wenn du mal eine andere Aussicht haben möchtest, dann müssen wir eine Düne hochklettern.<<

>>Nein, lass nur. Erst möchte ich ans Meer. Diese Stille hier, ist die nicht wunderbar.<<

>>Ja, eine Oase der Ruhe. Bestehend aus Morast, Dünentälern, Seen und Wald. Hier fühlen sich Löffler, blaue Reiher, Silbermöwen und Sturmmöven zu Hause. Die vielen Strandwege und Dünenübergänge führen an den Strand mit herrlich viel Platz. Im Laufe der Zeit entstand hier ein Badeort voller Kontraste, an dem es sich endlos durch die Dünen und über lange Strände bummeln lässt - dort wo nur die Seemöwen zu sehen sind. Sollte die See einmal zu rau, oder die Brandung zu gefährlich sein, ist das eine schöne Abwechslung. Du wirst sehen ... Rede ich dir zu viel?<<

>>Nein Rick, ich hör dir gern zu.<<

>>Die Dörfer Bergen und Bergen aan Zee liegen dicht beieinander. Getrennt, nur von Dünen. Bergen ist ein Künstlerdorf mit geselligen Terrassen im Zentrum. Wir können uns Ausstellungen ansehen und wenn du möchtest, dann stelle ich dir bekannte niederländische Schriftsteller und Maler vor. Die Menschen hier sind freundlich, die meisten sprechen deutsch. Allein in Bergen aan Zee haben wir vier Museen, aber auch fünfundzwanzig Hotels und sieben Campingplätze ... Du hast sicher bemerkt, dass doch ein ganzes Stück zu laufen ist. Wir sind aber gleich am Meer. Du bist wirklich eine gute Zuhörerin ... Diese eine Dünenkante müssen wir noch hoch, danach geht es runter ans Wasser.<<

Sarah und Rick erreichen den Kamm der Düne und sehen aufs offene Meer hinaus. Sie sehen sich an, Sarah ist stumm vor Glück. Der eisige Wind zwingt sie, die Mantelkragen hochzuschlagen und zuzuknöpfen. Sarah schaut in alle Himmelsrichtungen und sagt: >>Gott, ist es hier schön.<<

Rick kann sie nicht verstehen, der Wind hat ihre Worte fortgetragen. Er macht sich auf den Weg hinunter an den Strand. Langsam und vorsichtig folgt ihm Sarah. Unten angekommen fragt er: >> gehen wir nach links, rechts oder geradeaus?<<

>>Geradeaus. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben am Meer und möchte mich ihm vorstellen.<<

>>Also gut, gehen wir ans Wasser.<<

Rick hat längst gesehen, dass die Ebbe eintritt. Er macht Sarah darauf aufmerksam.

>>Was haben diese Holzbarrieren, die ins Meer hinausführen zu bedeuten?<<

>>Das sind Buhnen<<, antwortet Rick. >>Eine Buhne ist ein dammartiger Küsten- oder Ufervorbau aus Steinen, Pfählen oder Beton und dient als Schutz vor Abspülung oder zur Anlandung von Sand.<<

Sie laufen durch den knöcheltiefen Sand. Dann wird der Sand unter ihren Füßen fester und sie gelangen ans Wasser. Sarah sieht kleine Rinnsale, Muscheln und Krebse.

Sarah schaut aufs Meer hinaus und ruft: >>Meer, ich bin Sarah. Ich liebe dich wie meinen Rick. Ich will dir und Rick meine Kinder anvertrauen, die ich bald gebären werde. Ich werde dich malen und dir Respekt erweisen. Danke dafür, das ich bei euch sein darf.<<

Sarah hat sich bei Rick eingehakt. Sie schmiegt sich an ihn und legt ihren Kopf an seine Schulter. Eine halbe Minute oder länger stehen sie schweigend am Wasser, sehen andächtig aufs Meer hinaus. Dann sagt sie: >>So, nun habe ich Hunger.<<

Rick, der sich von dem Schauspiel erst erholen muss, schluckt. Er schaut in eine andere Richtung, denn er hat Tränen in den Augen.

>>Es ist ja auch gleich Mittag<<, sagt er auf seine Armbanduhr schauend.

>>Wie weit ist es zurück?<<

>>Gute drei Kilometer, Liebes.<<

Den größten Teil des Weges gehen sie schweigend. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Sarah hat eine schöne Farbe im Gesicht bekommen, findet Rick. Die roten Wangen stehen ihr gut. Sarahs dunkelbraune mittellange Haare sind vom Wind zerzaust. Daheim angekommen, zeigt ihr Rick, wie man durch die Doppelgarage ins Haus kommt. Sarah sieht einen Porsche, doch sie sagt nichts zu dem Sportwagen. Von der Garage aus gelangen sie in einen Raum, wo allerlei Geräte herumliegen oder hängen. Hier befindet sich auch die Gasheizung, die recht groß ausfällt. Neben der Heizung steht ein Warmwasserboiler. In dem Raum ist es natürlich sehr warm und Rick hilft Sarah sofort aus dem Mantel. Auf einer ausgedienten Gartenbank lassen sie sich nieder, um die Stiefel auszuziehen. Rick schüttet den Sand aus seinen Wanderstiefeln und befreit seine Socken vom Sand. Sarah tut es ihm gleich. Sie erhebt sich und küsst Rick auf die Nasenspitze.

>>Es war schön<<, sagt sie, >>ich fühle mich wie neugeboren. Sieh mal, wie meine Wangen glühen?<<

>>Das geht gleich vorbei<<, meint der.

Durch den Flur gehen sie zur Küche. Im Flur stellen beider Nasen fest, dass sie nicht allein im Haus sind, in der Küche wird gekocht. Rick und Sarah treten ein.

Am Herd steht Annegrete und rührt gerade eine Soße an.

>>Heij!<< ruft Grete, wie Rick sie nennt, >>da seit ihr ja.<<

>>Grete, darf ich dir Frau Bruns vorstellen?<<

>>Sarah, das ist Grete, die gute Seele im Haus. Ohne sie würde ich verhungern.<<

>>Nun übertreiben sie aber<<, sagt Grete.

Die beiden Frauen reichen sich die Hand. Was Rick niemals ungestraft tun dürfte, lässt Grete bei Sarah zu. Sarah hat sich einen Holzlöffel genommen und kostet Gretes Soße. Die beiden Frauen stehen nebeneinander am Herd, sehen sich vielsagend an und nicken.

>>Köstlich<<, sagt Sarah.

>>Köstlich!<< wiederholt Grete.

Rick schüttelt den Kopf und verlässt die Küche.

Im Wohnzimmer greift Rick nach dem Telefon und wählt die Nummer von Heinrich Wouters in Amsterdam.

Wouters berichtet ihm, dass er schon mal angerufen hat und dass er mit Sarah gesprochen hat. Sie verabreden sich auf den nächsten Tag in Amsterdam zum Essen.

Die Durchreiche wird aufgeschoben und Grete sagt: >>Ein Herr Peter ... hat angerufen und gesagt, dass er morgen in Amsterdam sein wird.<<

Gretes Gesicht verschwindet und Sarah wird sichtbar.

>>Bruno hat auch angerufen, er ruft heute Abend noch mal an. Ach ja, dein Verleger hat auch angerufen. Hab ganz vergessen dir das zu sagen. Noch was, wir können essen, kommst du?<<

>>Schön<<, hört Rick sich sagen und geht in die Küche zurück. Sie stehen zu dritt an dem gedeckten Tisch und sehen in die dampfenden Schüssel.

>>Lasst uns essen. Ich habe auch einen Nachtisch für euch.<<

>>Lass mich raten, Grete: Sirupwaffeln aus Gouda<<, sagt Rick und grinst über das ganze Gesicht.

>>Herr van Straaten, sie sind ein...<<

>>Spielverderber?<<

>>Ja genau, so einer sind sie.<<

>>Tut mir leid, Grete. Soll ich dir ein Geheimnis verraten, Sarah?<<

>>Dein Geheimnis kenn ich schon, mein Lieber!<<



Rick sitzt an seinem Schreibtisch auf einem Rattanstuhl, als Sarah das Wohnzimmer betritt und zu ihm kommt. Sie legt von hinten beide Arme um ihn und küsst ihn auf die Wange.

>>Die Küche ist aufgeräumt und Grete ist nach Hause gegangen. Sie sagte, das sie morgen und am Sonntag nicht kommt.<<

>>Das haben wir so vereinbart<<, sagt Rick. >>An Wochenenden esse ich oft auswärts. Hast du Lust, morgen mit mir nach Amsterdam zu fahren? Ich muss meinen Verleger treffen. Vielleicht kann ich Peter irgendwie erreichen und ebenfalls treffen. Ich könnte dir die Stadt zeigen. Du wirst begeistert sein und nie mehr fort wollen. Was meinst du?<<

>>Ich komme sehr gerne mit. Amsterdam muss eine schöne Stadt sein. Man hört so viel von ihr. Amsterdam ist doch die Stadt mit den vielen Kanälen, nicht wahr?<<

>>Ja, mein Lieb, wir nennen sie Grachten. An den Grachten stehen viele schöne Patrizierhäuser. Es gibt viele Brücken, die St. Nikolaus Kirche, das Dreigrachtenhaus, die Effektenbörse, das Van-Gogh-Museum, braune Cafés und Probierstuben mit Spezialitäten vom Fass. Wir können den königlichen Palast besuchen oder eine Grachtenrundfahrt machen.<<

Sarah hat sich auf seinen Schoß gesetzt und Rick hält sie fest. Es liegt in der Natur eines liebenden Mannes, dass er seine Hände nicht ruhen lassen kann. Seine Finger finden den Weg unter ihren Pullover und berühren ihren nackten Oberbauch. Seine suchende Hand findet ihre Brüste, und er streichelt sie. Zuerst die Linke, dann die rechte Brust und immer wieder die Linke. Sarah lässt es geschehen und genießt. Ihr ganzer Körper wird von einer wohltuenden Wärme durchflutet. Ihre Begierde wächst. Rick fühlt die harten gebirgigen Brustwarzen und umkreist diese zärtlich mit den Fingern. Sarah richtet sich ein wenig auf. Sie erfasst mit gekreuzten Armen ihren Pullover und zieht ihn aus. Ungeduldig bietet sie Rick ihre Brüste an. Zärtlich liebt er diese. Dann sucht er ihren Mund. Sie küssen sich wild und leidenschaftlich. Sie stöhnen vor Wollust. Gemeinsam gleiten sie auf den Parkettfußboden. Rick zieht ein Schaffell herbei und sie legen sich auf das Fell. Sie wollen kein weiteres Vorspiel mehr. Sie wollen sich lieben und schon verschmelzen sie ineinander.

Später rennen Sarah Tränen des Glücks über das Gesicht. Sie sieht Rick auf der Seite liegend mit feuchtglänzenden Augen an.

>>Wir haben soeben deine Tochter, vielleicht aber auch meinen ersten Sohn gezeugt<<, sagt sie zu ihm.

Rick schaut in das liebe Gesicht ihm gegenüber und nach einer kleinen Pause fragt er: >>woher willst du das wissen?<<

>>Ich fühle es ...<<, und Sarah legt eine Hand unter die linke Brust.

>>Ich werde mit dir zusammen fest daran glauben. Ich möchte dich ob nun mit oder ohne Kinder immer so lieben wie heute.<<

>>Ja, ich dich auch. Du, mein Mann. Ich liebe dich mehr als alles Andere auf dieser Welt.<<

Sarah legt sich wieder auf den Rücken und zieht Rick zu sich heran. Er legt seinen Kopf an ihre Schulter und sie bleiben liegen bis draußen die Dunkelheit hereinbricht und sie zudeckt.

Rick hat sich erhoben. Sarah und er waren eingeschlafen. Er holt ihr ein kleines Kopfkissen und schiebt es ihr vorsichtig unter den Kopf. Mit einer Decke, die er bringt, deckt er Sarah zu. Sarah dreht sich auf die Seite und schläft weiter. Rick weiß, dass nicht der Sex allein sie müde macht. Es ist die gesunde Nordseeluft, an die sie sich erst noch gewöhnen muss. Das dauert zwei, drei Tage. Alle Nordseebesucher erleben das. Rick geht zum Kamin und zündet das Gas an. Ihm ist nicht kalt. Doch mit der Flamme im Kamin wird der Raum in ein rotbraunes Licht getaucht. Er geht in den Hausflur und findet auf einer Anrichte neben einem Ankleidespiegel aus Kristallglas Post und Tageszeitung. Er setzt sich in einen Sessel am Fenster, schaltet eine Stehlampe an, und wirft einen Blick in die Zeitung. Danach öffnet er seine Post. Werbung ist dabei, die Telefonrechnung, ein Brief vom Verlagshaus sowie Einladungen zu Kongressen und Vorträgen. Er legt alles an die Seite und begibt sich immer noch nackt nach Oben um zu duschen. Als er wieder herunterkommt, schläft Sarah immer noch auf dem Schaffell zwischen dem Sofa in der Mitte des Raumes, dem Schreibtisch und der Systemgarnitur unter den Bücherregalen. Das Telefon läutet und Rick eilt zum Schreibtisch, um ans Telefon zu gelangen. Bis er es erreicht, hat es dreimal geläutet. Nicht laut, aber in dem so stillen Haus, reicht es um Sarah zu wecken. Mit einem Auge sieht er wie sie sich aufrichtet. Als sie sich orientiert hat, legt sie sich wieder hin um sich zu strecken, zu gähnen und um ihn dann fröhlich anzugrinsen.

Rick nimmt das Gespräch an, legt eine Hand über die Sprechmuschel und sagt zu Sarah: >>Es ist Bruno.<< Sarah nickt und verschränkt die Arme unter Kopf und Kissen.

>>Bruno, schön das sie anrufen. Wie geht es ihnen?<<

>>Danke gut, ich habe nur zu viel um die Ohren. Und was treibt ihr so?<<

>>Im Moment? ... Wir waren am Wasser und das war ein ziemlich weiter Weg. Der Wind und die ungewohnte Luft haben Sarah geschafft.<<

>>Das glaube ich sofort<<, antwortet Bruno.

>>Rick, wir haben diesen Schröter in Spanien gefunden. Er wurde auf Wunsch vom BKA am Flughafen in Madrid von der spanischen Polizei festgenommen. Er wollte gerade einchecken. Wir verhandeln mit den spanischen Behörden wegen seiner Auslieferung an uns. Wenn das bis Montag nicht geklappt hat, dann fliege ich nach Madrid um ihn dort zu vernehmen.<<

Bruno legt eine Pause ein.

>>Reden sie nur weiter, Bruno, das interessiert mich.<<

>>Ja, weißt du? Jetzt kommt der unangenehmere Teil und natürlich musste ich dich deshalb anrufen. Es gab für die Toten vom Dienstag eine Trauerfeier und es gab eine Trauerfeier für Wolfgang, den Piloten und den Kameramann. Ich war bei beiden dabei. Rick, ich habe veranlasst, dass die Urne mit der Asche deines Bruders in dem Institut welches die Trauerfeier ausgerichtet hat aufbewahrt wird, bis du sie abholst. Du wirst deinen Bruder in Norddeutschland bestatten wollen, denke ich mal. Habe ich in deinem Sinne gehandelt?<<

>>Ja, das geht in Ordnung. Ich übernehme die Urne, wenn ich Sarah zurückgebracht habe.<<

>>Entschuldige, Rick, wenn ich dich einfach so duze. Mir ist so, als würde ich dich schon Jahre kennen.<<

>>Schon gut Bruno, geht mir genauso ... Ach, Bruno?<<

>> Ja?<<

>>Wenn du uns morgen anrufen willst dann nimm die Nummer von meinem Funktelefon, Sarah und ich sind morgen in Amsterdam. Ich habe dort Termine und will Sarah die Stadt zeigen. Ich geb sie dir, sie ist schon ganz ungeduldig. Bis dann, Bruno.<<

>>Okay, bis dann.<<

Sarah hat sich erhoben, übernimmt das Telefon und setzt sich in ihrer Nacktheit wunderschön anzuschauen auf den Rattanstuhl am Schreibtisch. Rick zieht sich in seinen Sessel am Fenster zurück.

>>Bebe, stell dir vor, ich hab das Meer gesehen. Warum bist du mit mir niemals an die Nordsee gefahren?<<

>>Ach Sarahkind, wenn ich das wüsste. Sei ehrlich, ist es so wie es jetzt gekommen ist nicht viel schöner?<<

>>Ja, Bebe, ich bin so glücklich dass ich hier sein darf. Stell dir vor, wir sind durch endlos viele Dünen gelaufen, bis wir endlich am Meer waren. Und Rick hat erzählt, und erzählt. Ich habe nicht bemerkt, dass wir drei Kilometer gelaufen sind, um an den Strand zu gelangen. Als wir dann wieder zu Hause ankamen, war das Mittagessen fertig. Rick hat eine ganz liebe Haushälterin, die hatte gekocht. Und es hat geschmeckt. Dann gab es noch Sirupwaffeln. Danach hat Rick mir von Amsterdam erzählt. Oh Bebe, ich freue mich so auf Amsterdam ... Was?<<

>>Du sollst mal eine Pause einlegen, und Luft holen<<, sagt der Bruder durchs Telefon.

>>Ach so, weißt du was noch schön ist? Hier gibt es Motive in Hülle und Fülle. Hier werde ich malen ... Was sagst du?<<

>>Das ich Schluss machen muss, Sarah. Ich telefoniere aus dem Büro. Sei mir nicht böse, doch ich freue mich auf morgen, dann erzählst du weiter, ja? Und du kommst ja auch mal wieder nach Deutschland. An einem unserer Wochenenden wirst du mir alles berichten.<<

>>Ja, Bebe und bitte, ruf wieder an.<<

Sarah betätigt den grünen Knopf am Telefon und legt es auf den Schreibtisch.

>>Beinahe hätte ich ihm erzählt, dass du mich heute geschwängert hast<<, sagt sie augenzwinkernd zu Rick, der seine Augen nicht von ihr lassen kann.

>>Untersteh dich, das erfährt er noch früh genug.<<

>>Ich geh mich mal anziehen.<<

>>Und danach überlegen wir, wie wir den Abend platt machen<<, sagt Rick.

>>Hast du Schlingel etwa schon eine Idee?<< fragt Sarah von der Tür.

>>Vielleicht?<< sagt Rick und wirft ihr ihren Pullover hinterher.

Mit leichten Schritten läuft Sarah die Treppe hoch ins Bad. Nach dem Duschen bekleidet sie sich mit einem Frot’tee-Hausanzug.

Rick begibt sich in die Küche, er hat Hunger, isst aber nur einen Apfel.

>>Das hatte ich auch gerade vor, ich nehme auch einen Apfel. Sag, hast du vor noch aus zu gehen, oder soll ich uns ein Abendessen richten?<< fragt Sarah.

>>Wenn du möchtest, dann gehen wir noch aus. Nach Bergen in ein Café. Dort treffe ich meine Freunde und wir können dort auch etwas essen. Du hast dich ja fein herausgeputzt. Sind bequem diese Hausanzüge, nicht wahr?<<

>>Und ich habe nichts darunter, sieh nur<<, sagt sie und hebt das Oberteil an.

Rick nimmt sie in die Arme und sucht unter dem Anzug nach ihrer Wäsche. Er streichelt ihren Rücken und in die Hose fassend ihren Po.

>>Tatsächlich, nichts darunter. Wir bleiben zu Hause<<, sagt er lachend.

>>Nein<<, sagt Sarah, >>mir ist es recht, wenn wir aus gehen. Stell mir deine Freunde vor.<<

>>Na dann geh, und zieh dich um. Lass dir aber ruhig Zeit, es ist ja noch früh am Abend.<<



Rick nimmt den Kombi, der noch in der Einfahrt steht. Nur wenige Minuten später hält Rick das Auto an und sie kehren ein in ein Café. In Deutschland hätte man Kneipe gesagt. Sarah sieht sich um. Die Kneipe ist dunkel eingerichtet oder nur dunkel vom Qualm der Zigarren und Zigaretten.

>>Hier hole ich mir gleich am ersten Abend einen Lungenkrebs<<, sagt sie zu Rick, doch der lacht nur.

Sarah sieht an den Tischen die Leute Bier trinken, und Karten spielen.

>>Die spielen Klaverjassen, das ist eine niederländische Variante von Skat. Du kennst doch Skat?<<

>>Bruno spielt Skat, soviel ich weiß, aber er ist Polizist, und alle Polizisten können Skat<<, sagt Sarah.

>>Es ist laut hier, aber wenigstens spielt keine Musik<<, redet Sarah weiter.

Rick steuert ziel genau eine bestimmte Ecke an. Diese besteht aus zwei über Eck positionierte mit rotem Stoff bezogene Sofas, einem großen ovalen Tisch und mehreren roten Sesseln. Über dem Tisch hängen zwei Korblampen in Augenhöhe. In dem einen Sofa sitzt ein einzelner Mann. In den Sesseln sitzen ein Mann und eine Frau. Rick hält Sarah an der Hand und steuert durch die Schenke auf die rote Ecke zu. Der Mann im Sofa, bekleidet mit grauer Manchesterhose, hellem Cordsacco und Baskenmütze hat Rick längst kommen sehen und er erhebt sich um sie zu begrüßen. Der Mann mit der Baskenmütze ist nicht sonderlich groß, hat ein rundes Gesicht, einen weißen Vollbart und freundliche Augen. Er begrüßt Rick, in dem er ihm die Hand schüttelt und ihn dann umarmt. Dabei klopfen sie sich gegenseitig mehrmals auf den Rücken.

>>Sarah, darf ich dir meine Freunde vorstellen? Das ist mein Freund Wilhelm, Wilhelm de Vries. Wilhelm, das ist Frau Sarah Bruns aus Deutschland.<<

Wilhelm de Vries gibt Sarah die Hand und sagt: >>sagen sie ruhig Wilhelm zu mir.<<

>>Und ich bin Sarah ...<<

>>Das ist in Ordnung<<, sagt Wilhelm de Vries.

>>Wilhelm ist Hollands berühmtester Maler, Sarah. Und diese bezaubernde junge Dame ist Malerin. Das hier ist Frau Gudrun Deyberg.<<

Gudrun Deyberg ist ungefähr so alt wie Sarah, etwa einsachtundsechzig groß, mollig, aber nicht dick, und sie hat blonde Haare. Gudrun hat gütige, freundliche blaue Augen. Die Frauen reichen sich die Hand.

Rick erhält von Gudrun auf jede Wange einen Kuss.

>>Halt sie fest, halt sie ganz tüchtig fest<<, flüstert Gudrun Rick ins Ohr >>sie passt so gut zu dir, mein Alter.<<

>>Ja<<, sagt Rick, >>das habe ich auch vor. Und der hier, Sarah, der ist wie ich, einer von der schreibenden Zunft.<<

Damit spricht er Ewald Bloom an. Der, ein schlanker Riese hat sich auch erhoben und will gerade seine noch qualmende Pfeife in die Jackentasche tun.

>>Herr Bloom, ich freue mich, aber wäre es nicht besser, die Pfeife in den Aschenbecher zu legen?<<

Der angesprochene schmunzelt.

Dann wiederholt sich die Begrüssungszeremonie zwischen Ewald Bloom und Rick, Umarmungen und Schulterklopfen, dazu die üblichen Begrüssungsworte.

Nach dem sich alle hingesetzt haben beginnt ein fröhlicher Abend mit typisch niederländischer Geselligkeit. Wenn Holländer ihre Stammkneipe aufsuchen, dann haben sie Lust zu reden. Ewald Bloom hat sich anderswo hingesetzt, so dass Sarah neben Gudrun in dem freigewordenen Sessel Platz nehmen kann. Gudrun und Sarah erhalten ein Colaatje Pils, ein kleines Glas Pils vom Wirt, die Männer eine Vaas Gerstenbier, ein großes Glas Bier. Zu dem Bier stellt der Wirt je ein Glas Jenever. Das Glas ist so voll, dass man erst vorsichtig abtrinkt. Der Wirt, den Rick ebenfalls zu seinen Freunden zählt, langt noch einmal nach dem Stelletje und nimmt das letzte Glas Jenever. Dann wird angestoßen.

Sarah unterhält sich ausgezeichnet mit Gudrun. Und das sie sich manchmal über die Sessellehnen hinweg bei den Händen fassen und sich ausschütten vor lachen, bringt die Männer dazu sie amüsiert anzusehen und den Kopf zu schütteln. Sarah sieht ab und an zu Rick und stellt fest, dass er und Wilhelm de Vries immer eine lustige Unterhaltung führen. Unterhält sich Rick jedoch mit Ewald Bloom, so sieht sie ernste Gesichter. Wenn Wilhelm sich nicht am Gespräch von Rick und Ewald beteiligt, was vorkommt, so mischt er sich in die Unterhaltung von Sarah und Gudrun ein. Zwischendurch hat der Wirt eine Käseplatte gebracht, später dann noch einen Teller mit Waffeln. Die Waffeln sind mit Rübensirup bestrichen und ein wenig Puderzucker bestreut.

Nachdem Rick ein zweites Bier getrunken hat, eine Standuhr in einer der Ecken neben einer Vitrine elfmal mit dunklem Klang die fortgeschrittene Zeit ankündigt, sagt Rick zu seinen Freunden und zu Sarah: >>Für uns wird es nun langsam Zeit, Sarah und ich möchten morgen zeitig nach Amsterdam. Ich habe dort Termine und ich möchte Sarah Amsterdam zeigen.<<

>>Ich muss auch los<<, sagt Ewald, >>sonst stellt Erna, meine Frau, mir den Pultstock vor die Tür.<<

>>Was ist ein Pultstock?<< will Sarah wissen.

Ewald grinst über das ganze Gesicht: >>Das sollte ein Scherz sein. Ein Pultstock, ist eine überlange hölzerne Stange. Unten am Ende befindet sich eine runde Kugel. Mit der Stange springt man für gewöhnlich über einen Graben. Man senkt die Stange in die Grabenmitte ab und mit leichtem Schwung überquert man den Graben. In Holland gibt es viele Gräben zur Entwässerung. Früher kam man mit einem Pultstock schnell von einem Dorf, aber auch von einem Hof zum anderen. So war man nach Feierabend natürlich auch schnell bei seinem Mädchen.<<

>>Stimmt das auch?<< fragt Sarah in die Runde.

>>Natürlich<<, rufen sie. Alle haben sich erhoben und sehen Sarah ehrlich lachend an, so dass sie beschließt, die Geschichte mit dem Pultstock vorerst mal zu glauben.

Gudrun steigt in die von Wilhelm gehaltene kanadische Wetterjacke und sieht nun aus wie eine Eskimofrau. Sarah trägt ein Kleid und zieht ihren Mantel darüber. Gudrun hängt sich bei Sarah ein. Bis auf Wilhelm gehen alle zum Ausgang. Wilhelm de Vries will noch etwas mit dem Wirt besprechen. Vor der Kneipe verabschieden sich Sarah und Rick von Gudrun und Ewald. Sarah und Gudrun verabschieden sich auf ihre Weise. Gudrun küsst Sarah auf den Mund, so wie eine Mutter die Tochter küsst und drückt sie. So beginnt eine Freundschaft, die ein Leben lang andauern wird.

>>Nun aber flott ins Bett. Wenn du erlaubst, dann stelle ich uns den Wecker. Ich fürchte, sonst kommen wir vor morgen Mittag nicht los<<, sagt Rick zu Sarah, als sie zu Hause angekommen, und sich direkt ins Schlafzimmer begeben. Nach dem Zähneputzen legen sie sich ins Bett. Dicht aneinander geschmiegt wird ihnen schnell warm.

>>Ein schöner Abend<<, sagt Sarah und spürt ihre Müdigkeit.

Rick und Sarah drehen sich zu einander hin. Sarah empfängt bereitwillig seinen letzten Kuss an diesem Abend und schließt die Augen. Sarah lässt zu, dass er seinen Arm um sie legt. Mit einem letzten Blick in das liebe Gesicht löscht Rick das Licht und bald darauf sind sie eingeschlafen.

Samstag, 25. März

Sarah und Rick sind mit dem schnelleren Porsche unterwegs nach Amsterdam. Sarah bewundert seine umsichtige Fahrweise und ist beruhigt. Ihr war ein wenig mulmig zu Mute gewesen, als er sagte: >>Wir nehmen den Porsche.<<

>>Rick, erzähl mir von Amsterdam<<, bittet Sarah.

>>Gern!<< und Rick beginnt, Amsterdam zu beschreiben.

>>Amsterdam gehört seit Jahrhunderten zu den wichtigsten Kulturzentren Europas. In den rund sechzig Theatern und Konzertsälen, über vierzig Museen, über hundert Galerien und vor allem im Sommer in den Parkanlagen entfaltet sich ein vielseitiges Kunstleben. Amsterdamer an sich sind überzeugt, dass man die Neunte von Beethoven auch in Jeans genießen kann. Anschließend an das Holland Festival gibt es im Juli und August in den fünf großen Theatern Aufführungen, bei denen die Sprache kaum eine Rolle spielt: Tanz, Musik, aber auch Musicals, Varietés und Bühnenstücke. Im Concertgebouw sind zwei sehr gute Orchester zu Hause: das Königliche Concertgebouworkest und das Nederlands Philharmonisch Orkest. In der Oude Kerk und der Nieuwe Kerk befinden sich weltberühmte Orgeln, und das sind nur zwei von über vierzig historischen Kirchenorgeln in Amsterdam. Auch Jazz, von freier Improvisation bis zum traditionellen wird geboten...<<

>>Du hattest was von den vielen Grachten, den Brücken und den prachtvollen Häusern gesagt, wer hat all diese Häuser gebaut und wozu sind die Grachten gut<<, will Sarah wissen.

>>Die Grachten aus dem Goldenen 17. Jahrhundert, machten Amsterdam erst berühmt. Als Zeugnis sind in Amsterdam noch immer die reich verzierten Kaufmannshäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu sehen. Die schönsten Fassaden und Brücken sind am Abend beleuchtet. Das ganze Jahr über bieten die Grachten einen lebendigen Anblick, dank der zahllosen Boote, die den ganzen Tag über und bis in die späten Nachtstunden hin- und herfahren. An der Stelle, an der die Amstel in die ehemalige Zuiderzee, nun das "IJ" mündet, haben sich ungefähr im Jahr 1200 nach Christus die ersten Bewohner niedergelassen. Sie fanden ein fischreiches Gebiet vor und die strategische Lage im Hinblick auf Handel und Verkehr war von Vorteil. Aber das Wasser sorgte nicht nur für Wohlstand; es war andererseits auch der größte Feind der ersten Amsterdamer. Die Zuiderzee wurde bei Sturm zum wilden Meer. Manchmal konnten die Deiche, die seine Bewohner angelegt hatten, den sich aufstauenden Wassermassen nicht standhalten. Dann wurden ihre Häuser mit dem gesamten Hausrat vom Meer verschlungen. Heute hat Amsterdam keine so dramatische Beziehung zum Wasser mehr. Die Amsterdamer haben gelernt mit dem Wasser umzugehen. In der Innenstadt lässt sich das Wasser wirklich nicht übersehen. Diese Stadt hat etwa tausend Brücken und einhundertsechzig Grachten. Viele Rundfahrtboote und andere Wasserfahrzeuge befahren diese. Und bald wirst du sehen, dass die Amsterdamer nicht nur am, sondern auch auf dem Wasser wohnen. Hunderte, oftmals bunt bemalte Hausboote beweisen, dass hier kein einziger Quadratmeter ungenützt bleibt. Andere Beweise welche Rolle das Wasser in Amsterdam spielt, sind beispielsweise der Blumenmarkt auf dem Singel, der vom Wasser aus geführt wird. Das Nederlands Scheepvaart Museum, das ganz von Wasser umgeben ist und die zahlreichen historischen Schiffe im nautischen Viertel. Als Besucher kann man auch Zeuge besonderer Veranstaltungen auf dem Wasser werden: Angefangen bei den Grachtenkonzerten bis hin zu den Drachenbootrennen. Amsterdam ist die wasserreichste Stadt Europas. Ein ganzes Netz von Grachten und kleinen Kanälen unterteilt die Innenstadt in ungefähr neunzig kleine Inseln, die durch Brücken miteinander verbunden sind. Am berühmtesten ist der Grachtengürtel, in Form eines Halbmondes, der im 17. Jahrhundert rund um den Singel angelegt wurde. Amsterdam war damals die mächtigste Handelsstadt der Welt. Die Grachten eigneten sich ausgezeichnet, die Handelsgüter die hier aus aller Welt eintrafen zu den Lagerhäusern zu transportieren. Der angesehenste Teil der Grachten wurde die Golden Bocht in der Herengracht. Die ältesten Grachten, wie der Singel und die Kloveniersburgwal waren ursprünglich dazu bestimmt, die Stadt vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen. Damit ist deine Frage nach Sinn und Zweck der Grachten, wohl beantwortet. Die schnelle Zunahme der Bevölkerung sorgte dafür, dass diese Verteidigungslinie immer wieder verschoben werden musste. Die Stadtwälle verschwanden, aber die Grachten blieben. Nicht nur weil sie für den Abfluss des Wassers aus dem sumpfigen Boden dienten, sondern auch, weil sie für die Schifffahrt so praktisch waren. Obwohl die Amsterdamer Grachten ihre Funktion für den Frachttransport eingebüßt haben, werden sie noch immer intensiv befahren. Zum Beispiel von den Amsterdamer Rundfahrtbooten. Jährlich fahren sie Millionen Fahrgäste durch die Grachten. Man hat einmal alle Grachten gezählt und kam auf einhundertundsechzig. Sie haben eine Gesamtlänge von fünfundsiebzig Kilometern. Jahrhundertelang hatten die Amsterdamer Grachten auch noch eine weniger sympathische Funktion: sie dienten als offene Abwasserkanäle. Wohnhäuser und Fabriken leiteten ihre Abwasser in die Grachten. Auch Müll, Schlachtabfall und sonstiger Unrat, der auf den Märkten anfiel, wurde in die Grachten geworfen. Heute sind die Grachten ziemlich sauber. Amsterdam reinigt sie jede Nacht. Am Abend werden zahlreiche Schleusen in der Innenstadt geschlossen, die für die Erneuerung des Wassers sorgen. Meist geschieht dies noch von Hand. Zum Beispiel bei den Schleusen an der Amstel, gegenüber dem Theater Carré oder bei der Haarlemmersluis im Singel. Männer drehen mit großen Holzrädern die verschiedenen Schleusen zu. Wenn diese Arbeit beendet ist, dann wird an der Ostseite der Stadt, auf der Insel Zeeburg, ein riesiges Schöpfwerk betrieben. In der Nacht pumpt das Schöpfwerk Wasser aus dem IJsselmeer in die Grachten. Damit das Wasser schneller herausströmt, bleiben an der Westseite der Stadt einige Schleusen offen. Durch diese Schleusen wird das Grachtenwasser in das IJ gestaut, jener Teil des Hafens zwischen IJsselmeer und Nordseekanal und strömt danach durch den Nordseekanal in die Nordsee. Auf diese Weise wird ungefähr alle drei Tagen die gesamte Wassermenge der Amsterdamer Grachten erneuert. Nur in den Wintermonaten, wenn die Grachten zugefroren sind, werden diese Arbeiten eingestellt. Wenn es drei Tage lang ordentlich friert, dann ist das Eis gerade fest genug, damit die vielen Liebhaber des Schlittschuhlaufens sich ihre Eisen unterschnallen können. Kannst du Schlittschuhlaufen, Sarah?<<

>>Leider nicht.<<

>>Die städtischen Wasserwerke, die im Montelbaanstoren am Rande des IJ untergebracht sind, kontrollieren den Wasserstand der Grachten genau. Über den Nordseekanal ist Amsterdam mit dem Meer verbunden und bei starkem Sturm aus dem Westen geschieht es manchmal, dass das Wasser in ihnen zu hoch steigt. Auch durch schwere Regengüsse in den Poldern im Süden von Amsterdam kann das Wasser ansteigen. Sobald der Wasserstand zu hoch ist, wird das Schöpfwerk auf Zeeburg betrieben. Der Vorgang der Wassererneuerung wird dann umgedreht, so dass das Wasser aus den Grachten in das IJsselmeer fließt.<<

>>Und wie ist das mit den Sturmfluten? Im Herbst oder im Frühjahr hört man doch in den Nachrichten immer die Sturmflutwarnungen und die sagen dann immer im Fernsehen: Die Flut wird bis zu sechs Meter über Normal eintreten. Meistens zeigen sie dann, wie in Hamburg dieser Fischmarkt unter Wasser steht und wie die Autos abgeschleppt werden.<<

>>Ja, genau! Ohne Deiche und Dünen würde es Amsterdam genauso ergehen. Wie die übrigen westlichen Niederlande liegt auch Amsterdam zum größten Teil unter dem Meeresspiegel. Nur Dünen und Deiche schützen die Stadt vor der Nordsee und der Zuiderzee. Kein Wunder, dass die Amsterdamer in früheren Jahrhunderten den Wasserstand bei Ebbe und Flut genau überwacht haben. Amsterdam war die erste Stadt der Welt, in der dies systematisch geschah. Wie hoch der Wasserstand ist, sieht man in der Passage zwischen dem Amsterdamer Stadhuis und dem Muziektheater auf dem Waterlooplein. Wer dorthinein schaut, sieht zuerst drei mit Wasser gefüllte Säulen, die aus dem Boden ragen. Zwei zeigen den aktuellen Wasserpegel der Küstenstädtchen Vlissingen und IJmuiden an. Bei Flut reicht das Wasser in den gläsernen Rohren bis weit über das Knie. Feste Deiche und eine breite Dünenlinie an der Küste schützen uns jedoch vor dem Wasser. Noch interessanter ist jedoch die dritte Glassäule; in dieser steigt das Wasser sprudelnd bis auf vier Meter über Kopf. So hoch, stieg das Wasser während der Hochwasserkatastrophe in Zeeland 1953. Damals war ich fünf Jahre alt und lebte noch in Ostfriesland. Den Stand des einzigen wirklichen Amsterdamer Pegels sieht man, wenn man die Treppe bei den Wassersäulen hinuntergeht. Ein Bronzeknopf zeigt dort genau die Höhe des Amsterdamer Pegels an. Von Helsinki bis Rom werden alle Höhenmessungen im Straßenbau, beim Bauen von Häusern und Brücken und natürlich beim Messen des Wasserstandes im Vergleich zu diesem Bronzeknopf vorgenommen. Amsterdam ist eine Stadt die auf Pfählen erbaut ist. Wer in hier ein Haus baut, weiß, dass er mit dem Wasser rechnen muss, trotz der festen Deiche, die der Stadt vor dem Meer ausreichenden Schutz bieten. Durch das viele Wasser ist hier ein weicher Torfboden entstanden, auf den man nicht auf normale Weise ein Haus bauen kann. Nach einigen Großbränden, die ganze Stadtteile von Amsterdam in Schutt und Asche legten, wurde im Jahre 1669 das Bauen von Holzhäusern verboten. Der Bau der viel schwereren Ziegelhäuser erforderte jedoch besondere Vorkehrungen. Damit die Häuser und Gebäude aufrecht stehen blieben, mussten sie ein Fundament aus Holzpfählen, die mindestens elf Meter lang sein müssen, erhalten. Diese wurden in den Boden gerammt, bis die Pfähle auf eine feste Sandschicht stießen. Dieses Einrammen war eine schwere Aufgabe, die mit Menschenkraft ausgeführt werden musste. Große Gebäude, wie der Palast auf dem Dam, brauchten ein solides Fundament. Für dieses Bauwerk mussten dreizehntausendsechshundertundsechzig Pfähle in den Boden gerammt werden. Seit über dreihundert Jahren sorgen die Holzpfähle dafür, dass der Palast nicht im Erdboden versinkt. Auch heute noch werden alle Gebäude in Amsterdam auf diese Weise gebaut. Dafür verwendet man keine Holzpfähle mehr. Nach 1945 wurde das Holz durch Beton ersetzt. Auch werden die Pfähle jetzt viel tiefer in den Boden gerammt: bis auf die zweite Sandschicht, die ungefähr zwanzig Meter unter der Oberfläche liegt. Hohe, schwere Bürogebäude und Appartementhäuser stehen sogar auf Pfählen, die sechzig Meter lang sind und bis auf die dritte Sandschicht eingerammt werden. Tausende Amsterdamer wohnen auf dem Wasser. Ich schätze mal, es liegen mehr als zweieinhalbtausend Wohnschiffe in den Grachten. Das Wohnen auf dem Wasser hat natürlich seinen ganz eigenen Reiz, aber das ist nicht der wichtigste Grund für diese Besonderheit. In den Jahren nach 1950 wurde diese Art zu wohnen vor allem deswegen beliebt, weil es keine billige Wohnmöglichkeit in der Stadt gab. In dieser Zeit verkauften viele Schiffer ihre Schiffe, weil sie auf größere Schiffe umsteigen wollten oder weil sie nicht mehr von der Schifffahrt leben konnten. Amsterdamer, die damals eine Wohnung suchten, konnten diese abgedankten Schiffe für wenig Geld kaufen und durch kleine Umbauten an diesen Schiffen erhielten sie eine billige Wohnung. Die Wohnschiffe in den Amsterdamer Gewässern fallen vor allem durch ihr unterschiedliches Äußeres auf. Man sieht Rheinkähne, die in ihrem Charakter nicht verändert sind, neben bunt bemalten Schiffen. Manchmal verdient ein Wohnschiff kaum mehr diesen Namen. Eines der Geheimnisse der Anziehungskraft Amsterdams ist zweifellos der besucherfreundliche Maßstab dieses kosmopolitischen Weltdorfs. Seine historische Innenstadt ist so kompakt gebaut, dass alle Sehenswürdigkeiten bequem zu Fuß erreichbar sind. Eine Überraschung reiht sich an die Andere. Im Historischen Museum an der Kalverstraat steht eine aus dem 18. Jahrhundert stammende Kutsche ohne Räder. Dieses sonderbare Gefährt wurde auf Verordnung des Stadtrates angefertigt. Dieser hatte nämlich um die Lärmbelästigung in der Innenstadt einzudämmen, Kutschen mit Rädern verboten. Das Rattern der Räder auf dem holprigen Pflaster muss ohrenbetäubend gewesen sein. Und so gingen die reichen Amsterdamer dazu über, sich auch mitten im Sommer in Schlitten fortzubewegen. Unter diesen Schlitten waren hölzerne Kufen angebracht, die um leicht über die Steine gleiten zu können, regelmäßig mit einem Smeerlap eingefettet wurden. Ein Smeerlap, ist ein Schmiertuch, heute ein niederländisches, aber auch ein ostfriesisches Schimpfwort. Auf plüschgepolsterten Sitzen glitten die wohlhabenden Amsterdamer in ihren Schlitten an den Grachten entlang. Im Bibelmuseum an der Herengracht befindet sich ein außergewöhnliches, aus dem Jahre 1851 stammendes Klang- und Lichtspiel, dessen Mittelpunkt die Stiftshütte, der Vorläufer des Tempels in Jerusalem, darstellt. Hier kannst du erfahren, wie der Sündenbock zu seinem Namen kam. In der Stiftshütte befindet sich die Bundeslade mit den zehn Geboten. Einmal im Jahr, am Tag der Versöhnung, besprengte der Hohepriester die Bundeslade mit dem Blut eines zu diesem Zweck geopferten, reinen Bocks. Ein zweiter Bock wurde mit den Sünden des ganzen Volkes beladen und in die Wüste geschickt. Das war der so genannte Sündenbock. Alle halbe Stunde ist in dem Museum die fünfzehn Minuten dauernde Vorstellung dieses Klang- und Lichtspiels zu sehen. Die ausgestellte Stiftshütte hat eine Oberfläche von etwa zwölf Quadratmetern und ist eine Nachbildung des Originals im Maßstab eins zu zwölf. Im Niederländischen Schiffahrtsmuseum am Kattenburgerplein ist ein schauriges Relikt ausgestellt: In einem Glasbehälter ist ein graues Stück Haut mit noch daran haftenden Fleischresten zu sehen. Bis zum Jahre 1831 gehörte dies zu dem niederländischen Leutnant Jan van Speyck. Am 5. Februar 1831 verursachte er nicht nur den Tod zahlreicher Niederländer und Belgier, sondern er verlor sein Schiff und er verlor das Leben. Doch wurde er mit seinem Tod auf einen Schlag zum Nationalhelden. Während des belgischen Aufstands lag er mit seinem Kanonenboot im Hafen von Antwerpen und wurde von den Belgiern aufgefordert sein Schiff aufzugeben und die Flagge zu streichen. Diese Schmach wollte er nicht hinnehmen und so beschloss er sein Schiff in die Luft zu sprengen. Plötzlich warf er seine brennende Zigarre in den Pulvervorrat und innerhalb weniger Augenblicke flog das Kanonenboot mitsamt seiner Mannschaft in die Luft. Die Niederländer feierten Van Speyk für seine Vaterlandsliebe und Opferbereitschaft natürlich sofort als Helden. Eins der Prunkstücke der mittelalterlichen Nieuwe Kerk ist die mehr als zehn Meter hohe Kanzel. Der Innenraum der ältesten Kirche Amsterdams - der Oude Kerk - am Oudekersplein ist ausgesprochen malerisch. Der Ursprung der Universität von Amsterdam liegt in der mittelalterlichen Kapelle des Agnietenklosters. Als das Atheneum Illustre dort 1632 untergebracht wurde, dekorierte man die Holzdecke eines der Vorlesungssäle mit verschiedenen Gemälden. Auf einem von ihnen befindet sich Minerva, die Göttin der Weisheit. Man sieht sie auf primitive, doch außergewöhnlich rührende Weise mit Helm, Schild und Lanze abgebildet.<<

>>Hast du in Deutschland oder hier studiert?<< unterbricht Sarah seine Schilderungen.

>>Ich habe in den USA studiert<<, antwortet Rick.

>>Davon hast du noch gar nicht erzählt.<<

>>Das kommt schon noch. Wenn wir wieder zu Hause sind, machen wir uns mal einen gemütlichen Abend und ich erzähle dir nur von Amerika. Wir sind übrigens gleich da.<<

Er fährt eine Rampe hinauf und parkt den Porsche in einer Hochgarage. Rick steckt nur das Telefon ein und hilft Sarah in den Mantel. Seinen eigenen Mantel wirft er über die Schulter. Nach einer Fahrt mit dem Aufzug treten sie auf die Straße. Sarah hängt sich bei Rick ein und schmiegt sich an ihn. Es ist kalt in Amsterdam.

>>Wie du siehst, wurden bei der Gestaltung von Bürogebäuden und Geschäftshäusern auch neue technische Kombinationen benutzt wie der Gebrauch von Gusseisen, großen Glasflächen und der Skelettbau. Die Amsterdamer Innenstadt ist zwar bekannt für ihre Grachtenhäuser aus dem 17. Jahrhundert. Aber auch andere Zeitepochen haben interessante architektonische Spuren in der niederländischen Metropole hinterlassen.<<

>>Mir gefällt die fantasievolle Formgebung der Giebel. Sieh nur, der Gebrauch von Backsteinen und die große Aufmerksamkeit für Details. Die Giebel haben wellenförmige Formen und aus der Giebelwand ragen Erker heraus<<, stellt Sarah fest.

>>Komm, wir haben noch zwei Stunden, bis wir Wouters treffen.<<

Rick wählt auf dem Funktelefon Peter an. Nach mehrmaligem Rufton, meldet sich Peter. Rick und Peter vereinbaren ein Treffen bei „Upstairs“ um die Mittagszeit.

>>Dort gibt es Pfannkuchen<<, sagt er zu Sarah.

Rick wählt anschließend die Nummer Wouters. Wouters ist in einer Besprechung und will nicht gestört werden. Rick bespricht mit seiner Sekretärin die Änderung des Treffpunkts. Er kann sich darauf verlassen, dass Wouters um Mittag zu ihnen stoßen wird. Rick und Sarah befinden sich am Dam Square, im Herzen von Amsterdam.

>>Hier war früher einmal der Fischmarkt. Störche stolzierten herum und aßen Reste von Fisch<<, erklärt Rick.

Er zeigt Sarah das National Monument, das berühmte Departement Store „De Bijenkorf“ und das Amsterdam Diamond Center gleich an der Ecke. Sarah bekommt das Kaufhaus Maison de Bonneterie zu sehen und den Königspalast. Sie kommen an Boutiquen und Souvenirläden vorbei. Vom Dam Square laufen sie in Richtung Waterloo Square. Die Kalverstraat ist lang und schmal. Besonders an Wochenenden ist es schwer überhaupt vorwärts zu kommen. Am Ende der Kalverstraat kommen sie zum Mint-Tower und zum Blumenmarkt.

>>Komm, ich zeige dir schwarze Tulpen.<<

Nach dem Blumenmarkt kommen sie zur Leidsestraat.

>>Hier müssen wir auf die Straßenbahn und Radfahrer aufpassen. Bevor wir die Brücke überqueren, siehst du links Scholtema Holkema Vermeulen an der Ecke. Das größte Buchgeschäft in Amsterdam. Dort an der Ecke von Leidsestraat und Keizersgracht ist das Kaufhaus Metz. Im Obergeschoss ist ein Café. Von dort hat man eine tolle Aussicht auf die Kanäle. Im Sommer gehen wir da mal hinein.<<

Sarah und Rick bleiben an Schmuckgeschäften stehen und sehen beim größten Amsterdamer Diamantenhändler vorbei.

>>Komm, mein Mädchen, gehen wir zu Upstairs. Dir tun die Füße weh, nicht wahr? Es sind nur noch wenige Schritte.<<

Dafür, dass Rick bemerkt hat, dass Sarah eine Pause braucht, erhält er einen Kuss.

>>Wie bist du nur auf Upstairs gekommen?<< fragt jemand hinter ihnen.

>>Was hast du gegen Upstairs?<< will Rick sich umdrehend von Wouters wissen, der schnaufend hinter ihnen herrennt. Sarah lernt so auf der Straße einen Mann kennen, der aussieht wie dieser große alte Doktor aus der Serie „Freunde fürs Leben“ im Zweiten Deutschen Fernsehen. Gemeinsam treten sie unter einem roten Baldachin an die Tür eines Pfannkuchenrestaurant und gehen hinein. An einem Tisch entdeckt Rick Peter Egerer, der verzweifelt versucht jemandem zu erklären, das der Tisch unbedingt freigehalten werden muss. Peter strahlt über das ganze Gesicht, als er Rick entdeckt. Rick fällt auf, dass dem armen Jungen der Schweiß ausgebrochen ist, beim Kampf um den Tisch. Man muss wissen, dass in dem Lokal nicht mehr als zwanzig Personen Platz haben. Rick stellt sie gegenseitig vor. Er nimmt Sarah den Mantel ab und dann sitzen sie endlich beieinander. Sarah sieht sich um. Wouters schnauft immer noch. Peter sieht Rick an und sagt: >>Tut mir wirklich leid, was deinem Bruder zugestoßen ist.<<

>>Schon gut, Peter. Mein Bruder hat wahrscheinlich mit Hilfe eines gewissen Schröter, Unterlagen der „Firma“ aus der ehemaligen DDR geschmuggelt. Wohin weiß keiner. Ein Kollege von dir wurde umgebracht. Ich will nicht, das du dich in Gefahr begibst, aber hör dich einfach mal um. Niemand kommt so viel in der Welt herum als du. Meine Idee ist, so viele Spürhunde auf die Akten anzusetzen, als irgendwie möglich. Schröter wurde übrigens in Madrid gefasst. Es wäre ungeheuer wichtig zu erfahren, was er weiß.<<

>>Das trifft sich gut, ich bin Montag in Madrid. Also gut, ich kümmere mich um die Sache. Du verstehst sicher, dass ich meiner Zeitung Bescheid sagen muss?<<

>>Klar. Hier die Telefonnummern eines Kriminalhauptkommissars in Frankfurt und Leiter der Soko. Er heißt Bruns und ist der Bruder von Sarah. Kann sein, dass der am Montag nach Madrid fliegt. Versuch ihn dort zu treffen. Vielleicht nimmt er dich mit ins Gefängnis zu Schröter. Na?<<

>>Okay, Rick, an etwas ähnlichem bin ich übrigens zur Zeit dran.<<

>>Um was geht es dabei?<<

>>Sagen dir die Begriffe "NSA" oder "Echelon" etwas?<<

>>Spionage?<<

>>Ja, wenn du mehr darüber wissen willst, dann suche im Internet unter „Echelon“ und du wirst dich wundern. Jetzt muss ich aber los. Meine Maschine nach Hamburg geht in einer Stunde.<<

>>Sie haben kaum gegessen<<, sagt Sarah.

>>Das macht nichts, zu Essen bekomme ich auch im Flugzeug. Es hat mich gefreut sie kennen zu lernen, Sarah. Und auch sie Herr Wouters!<<

Wouters nickt, und Sarah sagt: >>Mich auch, Peter.<<

Peter verabschiedet sich und geht.

>>Netter Junge<<, sagt Wouters.

Rick und Wouters beginnen über ein Projekt zu sprechen. Sarah hat das Gefühl, dass beide abgetaucht sind in eine völlig andere Welt.

>>Sarah, sie müssen wissen<<, sagt Wouters nach einer Weile, >>Rick schreibt ganz tolle Bücher. Er schreibt über mikroskopisch kleine Teilchen. Mikrotechnologie, auch Nanotechnologie nennt man so etwas. Rick beschreibt intelligente Maschinen die so klein sind, dass sie einem in die Armvene gespritzt werden können. Diese Miniroboter können Blutdiagnosen durchführen oder direkt vor Ort gegen Thrombosen vorgehen. Sie können aber auch eine Information an eine Zelle weitergeben. Ricks Bücher sind spannend, und so voller Ideen, dass Wissenschaftler in der ganzen Welt begonnen haben sich damit zu befassen. Nun bauen sie diese winzig kleinen Teilchen. Ein Miniroboter ist inzwischen entwickelt. Er ist nicht größer als ein Stecknadelkopf und nur unter dem Mikroskop kann man erkennen, dass es eine Maschine ist. Diese Maschine, die man schlucken muss, kann minimale Mengen Medikamente transportieren und irgendwo in Magen oder Darm zurücklassen. Gleichzeitig können per Signalübertragung Bilddokumente aus dem Innern eines Menschen übertragen werden. Sensoren erfüllen Messfunktionen und ein Micromanipulator entnimmt wenn nötig, Gewebeproben. Miniaturlichtquellen in der Kapsel machen es möglich, dass Bilder die gesendet werden auch sichtbar sind. Haben sie nicht gewusst, nicht wahr?<<

>>Nee, woher denn. Stimmt das, Rick?<<

>>Ich erzähl dir schon noch davon.<<

>>In Duisburg befindet sich die Entwicklungsstätte des kleinsten U-Bootes, das jemals gebaut wurde. Das Ding misst gerade mal 4 mm Außenlänge und es hat einem Schiffskörper, der im Durchmesser 650 µm misst. Es ist kleiner als die Spitze eines Druckbleistiftes. In seinem Inneren verbirgt sich komplexe Mikrosystemtechnik, deren weitere Entwicklung Fortschritte auf den Gebieten der Medizin- und Umwelttechnik verspricht<<, fährt Wouters fort.

>>RMPD - Rapid Micro Product Development - nennt man die Methode, die es erlaubt, verschiedene Materialien zur schnellen Herstellung von beliebig geformten dreidimensionalen Mikrostrukturen zusammenzusetzen und die Voraussetzung für die Produktion des Micro-U-Bootes war. Angetrieben wird das U-Boot über ein magnetisches Drehfeld mit einer Schiffsschraube. Es bietet im Bereich der Medizin Diagnostik und Therapie neue Perspektiven. Mit Hilfe dieses Transportmittels sollen Diagnostikinstrumente oder auch Medikamente durch die Blutbahn auf direktem Weg zum Krankheitsherd gebracht werden. So lassen sich einige aufwendige Untersuchungsmethoden für Patienten zukünftig vermeiden<<, fügt Rick hinzu.

>>Es gibt sogar einen abendfüllenden Film darüber ... So, ich muss zurück in mein Büro. Ich hatte nicht vor, so lange weg zu bleiben. Darf ich euch alleine lassen?<<

>>Klar ... Ich zeig Sarah noch ein wenig die Stadt, wenn sie möchte. Vielleicht will sie auch noch etwas einkaufen. Danach fahren wir zurück nach Bergen. Ich denke, wir sehen uns bald wieder.<<

Vor der Tür trennt man sich. Rick nimmt Sarah an die Hand und sie schlendern los. Sie streifen über den original jüdischen Flohmarkt, dem Waterlooplein Market, vorbei am Geschenkemarkt mit seinen vielen Ständen. Sie treffen auf ein Second-hand book market und befinden sich zu guter letzt am Cine`-qua-market, einem Buch- und Fotoshop mit Postern von Brigitte Bardot, Romy Schneider, Marilyn Monroe und James Bond. Am späten Nachmittag treffen sie wieder am Porsche ein.

>>Hätte ich doch nur bequemere Schuhe mitgenommen<<, stöhnt Sarah.

>>Mein armer Schatz, wie kann ich dir helfen?<< fragt Rick.

>>Gieb mir einen Kuss, dann geht es mir gleich besser<<, antwortet Sarah und beugt sich zum Fahrersitz hinüber. Sarah bekommt einen langen innigen Kuss von Rick. Danach sagt er zu ihr: >>Ich bekomme Appetit auf dich.<<

>>Ich auch auf dich, mein kluger Mann. Lass uns fahren.<<

Sarah zieht die Schuhe von den gequälten Füßen.



Auf der Autobahn bis Haarlem schweigen sie.

>>Wir fahren gleich an Haarlem vorbei<<, bricht Rick sein Schweigen, >>die Stadt musst du unbedingt kennen lernen. Haarlem ist die Stadt der Innenhöfe ... Hofjes. Wer durch die malerischen Gassen und über die hübschen Brücken geht, versteht, warum sich hier ein Maler wie Frans Hals inspirieren ließ. Die Vergangenheit ist in Haarlem so gut bewahrt geblieben, dass Hals seine Gemälde auch heute noch problemlos malen könnte. Weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt ist der Dom. Ebenso inspirierend wie Haarlem ist Delft. Seine ganz persönliche Liebeserklärung an die Stadt gab Johannes Vermeer mit seiner „Ansicht von Delft“ ab. Einem Gemälde, das vor allem für seinen meisterhaften Lichteinfall bekannt ist. Malerische Motive gibt es auch heute noch reichlich. Kunstwerke auf Porzellan haben Delft bekannt gemacht. Kacheln mit Motiven in „Delfts Blauw“ zieren Wände in aller Welt.<<

>>Da gab es doch vorhin ein Hinweisschild nach Gouda. Also gibt es auch eine Stadt mit dem gleichen Namen, und nicht nur den Käse?<< fragt Sarah.

>>Ja, Gouda ist auch eine Stadt mit Geschichte. Aber Gouda ist in erster Linie ein Inbegriff für Käse. Auf Märkten wird der traditionelle Handel mit Käse gepflegt. Berühmt sind auch die einmaligen Bleiglasfenster der St. Janskerk. Neben der Kirche geht ein Steinmetz mit großer Fingerfertigkeit zu Werke. Er arbeitet noch immer bei offener Tür, häufig sogar im Freien, vor historischer Kulisse. Wenn du ihm über die Schulter schaust, scheint das Mittelalter wieder lebendig zu werden. Die einmaligen Fenster der St. Janskerk in Gouda wurden von anderen Städten gestiftet, nachdem eine ältere Kirche abgebrannt war. Damit genug über holländische Geheimnisse zwischen Grachten und Hinterhöfen. Was hältst du von einem Saunagang? Wir sind gleich zu Hause. Ich habe die Sauna am morgen eingeschaltet, weil ich mir dachte, dass dir das nach unserem Ausflug gut tun könnte. Mir war klar, es wird ein anstrengender Tag für dich. Ich muss die Saunatemperatur nur ein wenig höher stellen und einmal aufgießen. Das wird dir gut tun. Dazu noch ein wenig schwimmen und du fühlst dich wie neugeboren.<<

>>Darauf wäre ich nicht gekommen. Die ganze Fahrt über, freue ich mich schon auf die Badewanne.<<



In Bergen aan Zee angekommen, finden sie in der Küche belegte Brote und frisch gebrühten Kaffe vor. Das kann nur Grete gerichtet haben. Sarah und Rick nehmen die Leckereien mit nach unten in den Keller. Teller, Tassen und Gläser finden sich in der Bar. Der Kühlschrank ist gefüllt mit Sekt und Erfrischungsgetränken. Während Rick sich um die Sauna kümmert, entkleidet sich Sarah. Sie treffen sich kurz darauf am Becken und steigen ins Wasser. Das Nordseewasser ist gut temperiert. Ein Wärmetauscher an der Heizung sorgt über Temperaturfühler und Mischeinrichtung für die gewünschte Wassertemperatur. Sie schwimmen ein wenig. Sarah merkt, wie gut ihr das tut.

Irgendwann stoßen sie zusammen und beginnen im Wasser herumzualbern. Rick zeigt Sarah, wo sich die Massagedüsen befinden und wie man diese bedient. Doch Sarah ist weniger an den Düsen interessiert, als an Rick. Sie umarmen sich am Beckenrand, lachen, scherzen und küssen sich. Sarah und Rick lieben sich im Wasser. Nach geglückter Befriedigung verlassen sie das Becken. Sie trinken ein wenig Mineralwasser und begeben sich mit Saunatüchern in die Sauna. Rick nimmt noch einen Aufguss vor. Sarah legt sich irgendwann zu Rick. Sie tauschen Zärtlichkeiten aus und beider Verlangen wächst von Neuem. Nach der Liebe verlassen sie die Sauna und steigen ins Tauchbecken. Danach brausen sie gemeinsam und sind albern. Verliebt und glücklich legen sie sich auf die Liegen. Sie essen, trinken und schmieden Pläne für die nächsten Tage. Rick schlägt einen letzten Saunagang vor.



>>Das Licht ist überall aus, die sind ins Bett gegangen. Wenn du mich fragst, der mischt sich nicht ein. Der überlässt alles der deutschen Polizei.<< Der Fahrer des Mercedes, ein dunkler Typ, groß und mit streng nach hinten gekämmten Haaren war bei Rick um das Grundstück geschlichen.

>>Könntest recht haben, in Amsterdam war ja auch nichts was sich zu melden lohnt. Wenn wir länger hier bleiben, fallen wir noch auf<<, meint sein Beifahrer, ein Mann mit Glatze.

>>Ruf mal in München an und frag, ob wir noch länger hier herumstehen sollen?<<

Der Glatzkopf nickt und langt nach dem Funktelefon. >>Wir sollen bis morgen Abend hier bleiben<<, sagt er kurz darauf.

>>Scheiße!<< flucht der Fahrer.

Sonntag, 26. März

Für die Beiden im schwarzen Mercedes wird der Sonntag zur Qual, sie bekommen Sarah und Rick nicht zu Gesicht. Grund dafür könnte der Regen sein, es regnet ununterbrochen. Bei hereinbrechender Dunkelheit verlassen sie Bergen aan Zee.



Bruns zeigt bei der Abfertigung sein Ticket. Er hat einen direkten Flug nach Madrid gebucht.

Peter Egerer checkt in Fuhlbüttel ein. Seine Abendmaschine fliegt über Amsterdam nach Madrid. Peter wird erst zu später Stunde in Madrid eintreffen. Ihm ist das egal. In Madrid beginnt der Tag eh erst am Abend.

Dr. Simon hatte Bruns geraten, am späten Nachmittag zu fliegen. >>Sie versäumen nichts<<, hatte der gesagt.

Bruns steigt im Monaco ab, einem familiär geführten Hotel, wie aus der Jahrhundertwende. Abends um elf Uhr hockt Bruns im Esteban in der Altstadt. Die Gastronomie der Hauptstadt bietet eher eine spanische als eine regionale Küche an. Die Speisen, die in Spanien mit dem Adjektiv madrileño versehen werden, sind vor allem Eintopfgerichte: Cocido Madrileño, mit Kichererbsen zum Beispiel. Zu den verschiedenen anderen Gemüseeintöpfen und die Sopa de Ajo, wird noch eine Knoblauchsuppe serviert. An Fleischgerichten findet man vor allem Rezepte von Kalb und Lamm. Ein echter Geheimtipp in Madrid sind Fischgerichte. Fisch und Meeresfrüchte werden hier in großen Mengen und in ausgezeichneter Qualität angeboten. Schließlich verfügt Spaniens Hauptstadt über den zweitgrößten Fischmarkt der Welt nach Tokio.

Nach dem Essen, Mitternacht ist vorbei, steht er auf der Plaza Mayor, dem Mittelpunkt der Altstadt. Dort wurden Könige proklamiert. Dort rollten auch Köpfe. Ein Rechteck umgeben von dreistöckigen Prachtbauten der spanischen Spätrenaissance. Philipp III. ließ diesen eindrucksvollen Platz zwischen 1617 und 1619 gestalten. Hier findet sich auch eine Statue des Königs. Im 17. Jahrhundert war die Plaza für zahlreiche Veranstaltungen gut. Theater, Stierkämpfe, diente Gremien, Handwerkerverbindungen und Geschäftsleute als Versammlungsort.

Wie hatte Dr. Simon noch gesagt: >>Morgens lange schlafen, zwischen ein- und zwei Uhr einen Aperitif zu sich nehmen und sich ein paar Tapas gönnen. Danach zum Mittagessen gehen und die nächsten zwei Stunden abschreiben. Ein Essen hat mehrere Gänge, endet mit einem Kaffee und einer Copa. Dann für eine Siesta zurück ins Hotel.<<

>>Und wann mach ich meine Arbeit?<< hatte er gefragt.

Da hatte er bei Simon und Houston nur Schulterzucken gesehen.

Bruns hat genug gesehen, er ist müde und will ins Bett. Gleich in aller Frühe will er der spanischen Polizei auf die Pelle rücken.



Peter Egerers Flieger landet spät in Madrid. Er wohnt im Hotel La-Casa-Grande. Peter köpft noch ein Bier und geht danach ins Bett. Auch er will früh aufstehen und ruft die Rezeption an um eine Weckzeit zu vereinbaren.

Montag, 27. März

Nach ausgiebigem Frühstück macht Bruns sich auf den Weg zur Polizei. Im Polizeigebäude fragt er nach Kommissar Fuentes. Ein Polizeibeamter bringt ihn zu ihm. Vor dessen Büro wird er aufgehalten. Peter spricht ihn an und stellt sich vor. Peter erklärt Bruns warum er da ist und dass er von Rick erfahren hat, dass er Bruns hier antreffen würde. Bruno ist überrascht und denkt was Rick sich dabei wohl gedacht haben mag. Bruns denkt kurz nach und fordert Peter Egerer zum Mitkommen auf.

Zu dritt betreten sie Fuentes Büro. In Fuentes Büro treffen sie auf den Kommissar. Eine weitere Person wird als Interpol-Mitarbeiter vorgestellt. Sein Name ist Jarre, er kommt aus der spanischen Filiale von Interpol. Man unterhält sich in englischer Sprache und beschließt Schröter kommen zu lassen. Fuentes macht Bruns und Jarre klar, dass er Schröter nach der Vernehmung freilassen muss, da nichts gegen ihn vorliegt. Das Schröter mit der Tat in Frankfurt zu tun habe, sei nicht bewiesen. Peter Egerer macht sich eifrig Notizen. Natürlich hat er sich in Hamburg noch schlau gemacht. Er hat Agenturmeldungen gelesen und mit der Frankfurter Tageszeitung telefoniert. Er hat ein Aufzeichnungsgerät dabei, doch das will er erst einsetzen, wenn Schröter vernommen wird. Bruns, Egerer und Jarre werden nach gut einer Stunde in ein Vernehmungszimmer geführt. Karl-Heinz Schröter wartet schon. Es wird vereinbart sich in englischer Sprache zu unterhalten. Für Schröter, Egerer, Jarre und Fuentes kein Problem. Bruns hat so seine Probleme. Die Zeiten, dass in Frankfurt wegen der amerikanischen Militärpolizei täglich englisch gesprochen wurde sind längst vorbei. Aber nach einer Weile geht es ganz gut. Schröter werden die Anwesenden vorgestellt. Peter Egerer hat sein Aufzeichnungsgerät eingeschaltet und Bruns beginnt zu fragen.



>>Herr Schröter, sie wissen warum sie hier sind?<<

>>Nein, tut mir leid, das weiß ich nicht!<<

>>Herr Schröter, ich habe hier ihren Terminkalender. Mir sind einige Termine und Namen aufgefallen, sie sind sehr oft im Bundeskanzleramt. Sagen sie mir, warum?<<

>>Ich bin Vertreter und Lobbyist der deutschen Schwerindustrie.<<

>>Blödsinn, Herr Schröter. Sie sind Waffenhändler.<<

>>Ja, ich bin Waffenhändler<<, antwortet Schröter.

>>Kennen sie Max van Straaten?<< will Bruns wissen.

>>Ja, Max van Straaten war mein Freund und ein enger Vertrauter. Ich habe ihn vor Jahren in meine Geschäfte eingeführt. Nun ist er leider tot.<<

>>Warum musste van Straaten sterben?<<

>>Das weiß ich nicht.<<

>>Also gut, was wissen sie über seine Aktivitäten in der ehemaligen DDR kurz vor dem Mauerfall?<<

>>Nichts.<<

>>Sie wissen also nicht, dass Max van Straaten geheime Unterlagen aus dem Land geschafft hat?<<

>>Nein.<<

>>Das kaufe ich ihnen nicht ab, Herr Schröter. Sie waren doch dicke Freunde und sie wollen nicht wissen, was ihr Freund so getrieben hat?<<

>>So ist es.<<

>>Haben sie Max van Straaten beim Außerlandesschaffen von Dokumenten aller Art geholfen und haben sie ihm das nötige Know-how zur Verfügung gestellt?<<

>>Nein.<<

>>Könnten sie sich vorstellen, Herr Schröter, dass sie von heute an als Waffenhändler erledigt sind?<<

>>Nein.<<

>>In ihrem Interesse, wollen sie es sich nicht doch noch einmal überlegen? Sie haben fast alle meine Fragen mit verneint. Haben sie Angst? Wenn ja, vor wem?<<

>>Ich habe keine Angst.<<

>>Sie werden wahrscheinlich gleich freigelassen, hat man ihnen das gesagt?<<

>>Nein.<<

>>Ich werde mich mit den Amis oder Israelis in Verbindung setzen und darum bitten, dass man sie zu mir nach Frankfurt bringt, was halten sie davon?<< fragt Bruns auf deutsch.

>>Sie wollen mich entführen lassen? Das wagen sie nicht.<<

>>So, meinen sie? Ich wette mit ihnen, dass ich sie heute Abend in Frankfurt habe<<, blufft Bruns und sieht Peter Egerer vielsagend an, >>und ich werde dafür Sorgen, dass die Presse da ist. Wie man es auch dreht, sie sind erledigt. Ach und noch was, das hätte ich beinahe vergessen. Kennen sie einen Journalisten mit dem Namen Noack? Der war dicht an van Straaten dran. Noack war mein Freund und er wurde wie van Straaten ermordet. Vor seinem Tode hat er mit mir telefoniert und mir gesagt, wenn ihm etwas zustoßen sollte, dann würde ich genügend Material erhalten, die für einige Festnahmen ausreichen. Ich frage mich nun, ob sie in den Berichten von Noack wohl erwähnt werden?<<

>>Können wir uns unter vier Augen unterhalten?<< will Schröter - nun sichtbar blass geworden - wissen.

>>Das glaube ich nicht, haben sie mir doch etwas zu sagen?<< Bruns spricht wieder englisch mit Schröter.

>>Ich möchte ihnen einen Handel vorschlagen. Ich händige ihnen Unterlagen aus, die ich für Max aufbewahre. Dazu müssen wir nach Düsseldorf, in mein Büro. Die Unterlagen liegen im Safe, vielleicht können sie was damit anfangen. Ich gebe zu, dass ich von seinen Aktivitäten in der DDR gewusst habe, an seiner Aktion war ich aber nicht beteiligt. Max kannte drüben Leute. KGB und so. Das ist keineswegs ungewöhnlich, der Kalte Krieg ist ja lange vorbei ... Als Gegenleistung erhalte ich von ihnen die Zusicherung, dass sie mich aus der Sache raushalten. Früher oder später, werden sie sowieso feststellen, dass ich mit der Sache nichts zu tun hatte.<<

>>Sie wollen sagen, habe ich sie da richtig verstanden, dass sie aus freien Stücken mit nach Deutschland zurückkehren, um mir Material zu übergeben?<<

>>Ja<<, antwortet Schröter, >>das war mein Vorschlag.<<

>>Ich kann ihnen aber nicht zusichern, das sie anschließend wieder frei sind. Das kann nur ein Staatsanwalt, den könnte ich natürlich anrufen<<, sagt Bruns.

>>Tun sie das<<, sagt Schröter.

>>Ich werde mich mit meinen Kollegen beraten und mit Deutschland telefonieren. Können sie ihn so lange da behalten?<< will Bruns von Fuentes wissen. Fuentes nickt.



>>Was meinen sie, meine Herren?<< will Bruns von seinen Kollegen wissen, nach dem man in Fuentes Büro zurückgekehrt ist.

>>Der würde nicht freiwillig nach Deutschland zurückgehen, wenn er in die Sache verwickelt wäre<<, meint Fuentes.

>>Das denke ich auch. Rufen sie ihren Staatsanwalt an<<, sagt Jarre.

Bruns telefoniert mit Deutschland. Danach lässt man Schröter in Fuentes Büro holen, und Bruns sagt ihm: >>Also, in Deutschland ist man einverstanden. Es wird eine Durchsuchung ihrer Räume geben. Sind sie sauber, so können sie anschließend ab Düsseldorf ihre Reise fortsetzen. Sie bleiben hier und werden von Fuentes zum Flugzeug gebracht, sind sie einverstanden?<<

>>Ja.<<

>>Dann sehen wir uns am Flugzeug.<<

Auf ein Kopfnicken von Fuentes, wird Schröter von einem Polizeibeamten in Uniform hinausgeführt.

>>Sie sind ein Fuchs<<, sagt Peter, nachdem sie sich von Fuentes und Jarre verabschiedet haben. Sie stehen auf der Straße und Peter Egerer will von Bruns wissen: >>Darf ich sie anrufen? Ich würde gern an der Geschichte dran bleiben. Eine Kopie der Aufnahme haben sie in zwei Stunden. Wir unterhalten ein Büro in Madrid, die erledigen das für mich.<<

>>Okay, warum nicht. Rufen sie mich an.<<

Die Beiden geben sich die Hand und trennen sich. Peter Egerer hat noch Termine in Madrid. Bruns kehrt in sein Hotel zurück, um zu telefonieren. Er bucht seinen Flug um, und einen zusätzlichen Platz für Schröter. Der Staatsanwalt in Frankfurt verspricht einen Kollegen in Düsseldorf zu informieren. Nach dem das alles erledigt ist, geht Bruns etwas essen. Anschließend findet er noch Zeit sich die Iglesia Catedralde San Isidro anzusehen. Die Barockkirche war ursprünglich die Klosterkirche des Antiguo Colegio Imperial de la Compañía de Jesús, und wurde später die Kathedrale von Madrid.



Die LTU-Maschine mit Bruns und Schröter an Bord, landet gegen einundzwanzig Uhr in Düsseldorf. Ein Streifenwagen der Polizei bringt sie zu Schröters Büro. Dort werden sie von der Kriminalpolizei und einem Staatsanwalt erwartet. Es sind zehn oder elf Beamte vor Ort. Seine Wohnungsschlüssel will Schröter nicht hergeben. Er will bei der Durchsuchung seiner Wohnung dabei sein. Bruns vermittelt zwischen dem Staatsanwalt und Schröter. Nach einigem hin und her einigt man sich. Zuerst wird das Büro durchsucht. Ein Computer und mehrere Umzugkartons mit Aktenordner werden in einen grünen Bus geladen. Schröter kann nichts dagegen tun. Bruns auch nicht. Der hat aber was er bekommen sollte, und würde sich am liebsten sofort verdrücken. Irgendwie tut ihm Schröter leid, der mit ansehen muss, wie die Beamten sein Büro auf den Kopf stellen. Um Mitternacht wird auch noch Schröters Wohnung durchsucht. Morgens um zwei verlassen sie die Wohnung wieder. Es wurde nichts gefunden. Schröter muss Personalausweis und Reisepass abgeben. Vorläufig darf er Düsseldorf nicht verlassen. Der Mann ist vollkommen fertig. Bruns wird von der Fahrbereitschaft zum Hauptbahnhof gebracht. Um drei Uhr fünf verlässt Bruns Düsseldorf mit einem Interregio in Richtung Frankfurt. Obwohl hundemüde und erschöpft, wirft er noch einen kurzen Blick auf die Unterlagen. Er ist zufrieden und verstaut das Material wieder. Bruns versucht zu schlafen.

Dienstag, 28. März

Es ist sechs Uhr am Morgen, als Bruns in Frankfurt eintrifft. Mit einem Taxi fährt er nach Hause um sich frisch zu machen. Um neun begibt er sich ins Präsidium. In seinem Büro wartet Houston, man hatte miteinander telefoniert. Zusammen gehen sie zum Chef. Der geht zu einem Schranksafe und entnimmt ein Päckchen. Das gibt er Bruns. >>Das kam gestern. Absender ist ein Anwalt in Zürich. Wir haben es untersucht ... ist keine Bombe.<<

>>Danke.<< - >>Da, schau her ... von Noack. Mit diesen und den Unterlagen von Schröter werden wir uns beschäftigen<<, sagt er zu Houston. >>Wir arbeiten das durch und treffen uns später noch mal, wenn ihnen das recht ist<<, sagt er zu Harald Bloch, seinem Chef.



Im eigenen Büro sagt Bruns zu Houston: >>Wir müssen ein paar Ordner anlegen. Einer muss in mit Gauck-Behörde gekennzeichnet werden. Mach das mal. Danach kniest du dich auch in diesen Papierkram ... Wo ist eigentlich Dr. Simon?<<

>>Keine Ahnung, vielleicht kommt er ja noch.<<

>>Sidne, erkläre mir doch mal was das ist<<, Bruns hält zwei Zip-Disketten hoch, >>was macht man damit?<<

>>Die steckt man in ein Laufwerk und sieht nach, was drauf ist.<<

>>Glaubst du, dass du so ein Ding auftreiben kannst?<<

>>Ich denke schon.<<

>>Fein, dann kümmere dich darum.<<

Bruns beginnt mit den Unterlagen, die er von Schröter hat. Er nimmt einen Bogen Papier und beginnt zu schreiben.



Bruns betrachtet die Fotos, die dem Päckchen beilagen. Auf einigen Bildern ist sogar Schröter zu erkennen. Die Bilder wurden fast ausnahmslos mit einem Teleobjektiv geschossen. Eines zeigt Max van Straaten, Schröter und einen Kanzleramtsminister in Bonn vor dem Eingang zum Bundeskanzleramt. Ein anderes Foto zeigt van Straaten, Schröter und ein hohes Tier der Bundeswehr an einem Verladekai. Im Hintergrund ein Schiff, in dessen Bauch Lastwagen und Panzer hineinfahren. Ein weiteres Bild zeigt das noch deutlicher. Man kann erkennen, dass es sich um Fahrzeuge der ehemaligen NVA handelt. Wurden nicht Panzer und Lastwagen an die Türkei verkauft? Der Hafen müsste demnach der Emder Hafen sein, denkt er.

Dann sieht er sich ein Foto an, auf dem zu erkennen ist, dass Kisten und Kartons auf Lkw verladen werden. Ein Foto zeigt eine Gruppe Männer an einem dieser Lkw. Leider sind nicht alle Gesichter zu erkennen. Bruns nimmt die nächsten Fotos und legt sie nebeneinander auf den Schreibtisch. Ein Bild zeigt einen knieenden Mann. Seine Hände sind auf dem Rücken zusammengebunden, die Augen verbunden und der Kopf gesenkt. Hinter ihm steht ein Mann im Mantel, der eine Pistole auf dessen Hinterkopf richtet.

>>Eine Hinrichtung.<<

Sidne Houston tritt zu ihm. >>Was?<<

>>Sieh dir nur diese Fotos an.<<

>>Das war doch bei denen an der Tagesordnung<<, sagt Sidne ungerührt.

>>Auf alle Fälle werden wir uns darum kümmern. Diese Bilder hat Noack ja nicht versehentlich beigelegt, die haben mit unserem Fall zu tun.<<

>>Da hast du sicher Recht ... Übrigens ich habe ein Ziplaufwerk aufgetrieben und nebenan an meinen Computer angeschlossen. Ich habe die Software für das Ding schon aufgespielt. Auf der einen Diskette sind Excel- und Accessdateien. Damit kommen wir zurecht. Doch auf dem anderen Band ist eine Lotusdatei. Wie es aussieht, handelt es sich um einen Terminkalender. Das Programm müsste ich allerdings erst noch besorgen. Vielleicht kann ich es auch aus dem Internet laden.<<

>>Mach das.<<

Bruns legt Zeitungsausschnitte der Märkischen-Oderzeitung zur Seite. Er findet einen Zettel, auf dem www.nierenspende.de und www.snafu.de (Gauck) handschriftlich vermerkt sind. Er steht auf und bringt Sidne den Zettel. >>Sieh nach, ob du die Seiten im Internet findest, muss aber nicht gleich sein.<<

Bruns fängt an, die vielen Wortprotokolle und Interviews die Wolfgang Noack geführt hat zu lesen. Da sind Gespräche mit Tschekisten und Funkaufklärer. Er liest ein Wortprotokoll, geführt mit einem KGB-Offizier. Da findet sich sogar ein Telefonprotokoll über ein Gespräch mit einem der bayrischen Landesregierung. Wolfgang Noack hat sogar mit der CIA gesprochen. In einem weiteren Bericht liest Bruns über Aktenvernichtung der bayrischen Landesregierung und wie man dort an die Unterlagen gekommen ist. Bruns liest in einem Bericht, dass die „Firma“ fünfundachtzigtausend hauptamtliche und einhundertundneuntausend inoffizielle Mitarbeiter gehabt haben soll.

Eine Karte der ehemaligen DDR beginnt Bruns zu interessieren. Auf der Karte sind Orte gekennzeichnet und mit Zahlen versehen. Bruns sieht sich die sonst weiße leere Rückseite an und findet zu den Zahlen beziehungsweise Nummern, handschriftliche Notizen.

Sidne kommt herein und sagt: >>Ich war im Internet. Die Seite mit der nierenspende.de wurde im Januar gesperrt. Die Seite snafu.de, hat mit der Gauck-Behörde nichts zu tun.<<

>>Okay. Sieh dir mal die Straßenkarten der DDR an und sag mir, was dir auffällt. Eine Karte ist von van Straaten. Die andere Karte von Noack.<<

>>Erstens: auf beiden Karten ist der Hafen von Warnemünde gekennzeichnet. Zweitens: auf beiden Karten finde ich ein „X“ in Berlin. Auf einer der Karten kann man den Ort besser bestimmen. Gemeint ist Berlin-Pankow. Drittens: Frankfurt an der Oder. Viertens: Dresden. Fünftens: Leipzig. Und sechstens: Magdeburg. Auf der Deutschlandkarte von Noack, sind außerdem München, Bonn und Emden gekennzeichnet.<<

>>Bravo, und jetzt sieh dir mal die Rückseite an. Die solltest du kopieren. Dann können wir die Karten an die Wand nageln.<<

>>Emden ... Panzer und Lkw Transport ... Warnemünde ... die „Karsibor“ Swinemünde. Fürstenwalde ... Hinrichtung! Fürstenwalde hab ich vorhin übersehen. Für die Großstädte gilt ... Verladung in Berlin, München und Bonn ... Siehe, Terminkalenderkopien und Protokolle. Mann, da haben wir aber heißes Material an Land gezogen<<, sagt Houston.

>>Sieh dir auch noch die Liste mit Namen der Tschekisten aus der damaligen Zeit an und das Papier mit den vielen Deckadressen. Wir brauchen die Hilfe der Gauck-Behörde. Mein Lieber, da kommt Arbeit auf uns zu. Heute kommen wir wohl kaum dazu, noch irgendein Papier auszuwerten. Wir müssen das ganze mit dem Chef besprechen. Der wird den Staatsanwalt hinzuziehen wollen, und dann ist der Tag rum ... Wo nur dieser Simon bleibt? Wir brauchen mindestens zwei Mann Verstärkung. Alleine schaffen wir das nie.<<



Das Schnurlostelefon läutet. Rick hat es mit nach oben genommen. Sarah und Rick machen ein Mittagsschläfchen. Der Spaziergang durch die Dünen zum Nordseestrand heute Morgen und danach das Mittagessen hatte sie müde gemacht. In der Mittagszeit hatte es wieder zu regnen begonnen. Der Wind hatte nachgelassen.

Es ist James Scott der anruft.

>>Hallo, alter Junge. Ist das Wetter bei dir auf der Insel auch so beschissen?<< will Rick wissen.

>>Wann regnet es bei uns einmal nicht? Rick, ich habe ein paar Quellen angezapft. Beim Yard hatte man nichts für mich. Beim MI 6 und beim CIA hier in London, bin ich fündig geworden. Was ich hier vor mir liegen habe, dass sind Kopien von Dossiers über geheime Aktionen beider Geheimdienste in der ehemaligen DDR vor 1990. Ich kann dir die Unterlagen aber nicht faxen.<<

>>Wie wäre es mit Luftpost?<< fragt Rick.

>>Also, gut. Dann solltest du es spätestens morgen Abend haben. Es sind auch handschriftliche Notizen von mir dabei über Telefonate und Gespräche mit Leuten, deren Namen ich dir nicht nennen kann. Vergiss nicht, mich im Sommer zu besuchen.<<

>>Versprochen! Ich freue mich auf unsere Wanderungen durch Cornwall und auf die unterhaltsamen Abende mit dir. Danke, für deine Hilfe.<< Mit diesen Worten verabschiedet sich Rick.

Sarah hat zugehört. >>Ohne mich fährst du nach England <<, schmollt sie.

>>Aber Sarah. Du willst doch den Sommer über in Bad Nauheim sein. Kündige deinen Job und kehre so schnell du kannst zu mir zurück. Dann kannst du mitkommen. Es würde dir gefallen. Die Grafschaft Cornwall ist eine der schönsten Gegenden Britanniens. Dort ist die Burg Tintagel, das angeblich das Camelot von König Arthus sein soll. Land´s End, der westlichste Punkt Englands und sehenswerte Städte und Dörfer, wie der Fischerort St. Ives.<<

>>Reden wir ein anderes mal darüber, jetzt bin ich zu müde<<, sagt Sarah. Während Sarah nach einer Weile fest eingeschlafen ist, gehen Rick viele Dinge durch den Kopf. Er hat ein Projekt noch nicht ganz abgeschlossen und denkt über den Schluss seines neuen Buches nach. Wie es enden soll, steht im Prinzip fest. Schließlich plant er sehr genau. Rick hat den ganzen Sonntag und Montag daran gearbeitet. Er hat Änderungen vorgenommen und wieder verworfen. Das Manuskript ist fast fertig, bis auf den Schluss. Rick ist nun wieder hellwach und beschließt nach unten an seinen Schreibtisch zu gehen. Noch einmal sieht er in Sarahs friedliches Gesicht, dann steht er auf und verlässt das Schlafzimmer.



In Frankfurt hat Harald Bloch den leitenden Oberstaatsanwalt ins Polizeipräsidium gelockt. Aber nur auf ein Viertelstündchen, hatte der gesagt. Sie sind nun alle in Blochs Büro versammelt und gehen die Akte van Straaten gemeinsam durch.

>>Es ist ihnen doch recht, wenn ich den Gauck-Ordner an mich nehme?<< will der Staatsanwalt wissen. Niemand hat etwas dagegen. Die Frage nach Verstärkung für die Soko kann geklärt werden. Bloch hat keine Leute. Der Oberstaatsanwalt Dr. Christian Lade denkt an, seine Assistentin Rosa Gold. >> Was halten sie davon?<< fragt er.

>>Okay, dann haben wir noch Dr. Simon, der soll im Laufe des Tages auch wieder zu uns stoßen<<, sagt Bruns.

Nach einer knappen Stunde, trennt man sich wieder. Auf dem Flur begegnet ihnen Hans Schreiber von der Rauschgiftabteilung.

>>Ich habe das Programm, das ihr sucht. Soll ich es installieren?<<

>>Ja, Mensch, das ist ja prima. Du kannst mir auch gleich zeigen, wie man das andere Programm, dieses Access bedient<<, sagt Houston.

>>Mach ich, wo muss ich hin?<<

>>Komm in mein Büro<<, sagt Houston, und zu Bruns gewandt: >>Bin gespannt, was wir finden.<<

>>Druck alles aus, Sidne. Mit Papier kann ich mehr anfangen, als mit dem Computer.<< Sidne und Schreiber lachen.

Wieder in seinem Büro ruft Bruns bei der Gauck-Behörde in Berlin an. Bruns will mehr über das Quellenverzeichnis und die Deckadressen erfahren und wie man die Kürzel versteht. Er will wissen wie man die Adressen aufschlüsselt. Ein halbes Dutzend Mal wird er weiterverbunden. Dann endlich hat er jemanden am Telefon, der sich auszukennen scheint.

>>Am einfachsten wird sein<<, sagt dieser, >>sie faxen mir die Liste und das Verzeichnis zu, dann kann ich den Computer suchen lassen. Wenn der was findet, drucke ich es aus und schicke es ihnen mit der Post. Faxen geht nicht, einverstanden?<<

>>Ja, einverstanden<<, sagt Bruns. Als nächstes will Bruns beim BKA anrufen um diese um Hilfe zu bitten, als Dr. Simon hereinkommt. Man gibt sich die Hand und Bruns bittet Dr. Simon: >>Können sie diese Namenslisten überprüfen? Es sind Namen von Deutschen und Russen. Ich möchte wissen, ob von denen schon mal einer aufgefallen ist. Und wenn ja, weshalb? Dann habe ich hier eine Liste ehemaliger Tschekisten. Finden sie heraus, was aus denen geworden ist. In den Kalenderkopien, die sie hier sehen, erscheinen auch recht viele Namen und Adressen. Viele davon im Ausland, wie es scheint. Wollen sie sich darum kümmern?<< >>Selbstverständlich. Das könnte interessant werden. Ich brauche aber einen Computerarbeitsplatz.<<

>>Nehmen sie meinen. Sidne durchforstet gerade auf seinem Computer die Dateien, die wir von van Straaten haben. Sagen sie, Dr. Simon, van Straaten wurde von uns festgenommen? Seine Wohnung in München, wurde doch auch durchsucht, von wem eigentlich? Mir ist aufgefallen, dass kein Computer oder Notebook erwähnt wird. War im Gepäck von van Straaten nichts?<<

>>Ich weiß es nicht, ich war ja nicht dabei. Wenn es einen gab, dann finden wir den auch. Ich kümmere mich darum. Ein Notebook ist doch ein Handgepäckstück. So ein Ding, gibt man eigentlich nicht aus der Hand. Ist ihnen denn bei der Verhaftung kein Notebook aufgefallen?<<

>>Nein, nicht das ich wüsste. Und wenn uns das Ding in der Hektik einfach abhanden gekommen ist? Vielleicht befand sich das Notebook gerade in der Röntgenschleuse, oder so.<<

>>Ich gehe der Sache nach, mit etwas Glück liegt ein Notebook im Flughafen Fundbüro. Ich rufe dort mal an.<<

>>Wieso bin ich nicht schon eher darauf gekommen. Das Notebook von Noack wurde beim Absturz des Helis zerstört. Man hat nur noch einen unbrauchbaren Klumpen davon gefunden, wie ich gelesen habe. Da hätte es doch schon Klick machen müssen bei mir.<<

>>Was ist denn los?<< will Sidne Houston wissen, der ins Zimmer kommt.

>>Wir überlegen gerade, wo die Computer von van Straaten abgeblieben sein könnten. Dass er einen hatte beweisen die Disketten <<, sagt Bruns, >> Dr. Simon kümmert sich schon darum, er ruft den Flughafen an.<<

>>Mir wurde gerade vom Fundbüro gesagt, dass etwa zehn bis fünfzehn Notebooks und Organizer aufbewahrt werden<<, hört man Dr. Simon sagen, >>es nützt nichts, wir müssen hinfahren und herausfinden, ob einer davon van Straaten gehört.<<

>>Gut, Dr. Simon, machen sie das. Morgen bekommen wir Unterstützung. Eine junge Dame von der Staatsanwaltschaft wird uns helfen. Mich müsst ihr jetzt entschuldigen, ich bin hundemüde und hab nichts im Magen. Ich geh nach Hause. Morgen werden wir hoffentlich zu ersten Ergebnissen kommen ... Noch was, die Liste mit den Deckadressen und das Quellenverzeichnis musst du heute noch an die Gauck-Behörde faxen, Sidne. Die Nummer habe ich irgendwo hinten draufgeschrieben.<<



>>Was liest du da?<< fragt Sarah. Er hatte sie wieder mal nicht kommen hören. Rick liegt auf dem Sofa und liest eine Veröffentlichung vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) über künstliche Intelligenz. Sarah zwängt sich in die Sofaecke, so dass Rick den Kopf in ihren Schoß legen kann.

>>Am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo auch ich gearbeitet und geforscht habe, arbeitet man an künstlicher Intelligenz. An Miniroboter mit Sozialverhalten. Das ist hoch interessant, soll ich dir vorlesen?<<

>>Ja, nur zu, vielleicht bekomme ich so einen Einblick in deine Arbeit.<<

>>Also gut<<, sagt Rick und beginnt ihr vorzulesen.

>>Wer das Labor für künstliche Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology (MIT) betritt sieht Ameisen, so scheint es zumindest auf den ersten Blick. Doch die kleinen schwarzen Punkte, die hier unter Glas auf den Versuchstischen herumwuseln, Gruppen bilden oder einfach still stehen, sind keineswegs natürlichen Ursprungs, sondern eines der jüngsten Projekte der Roboterforscher. Was zunächst aussieht wie eine nette Kinderei, könnte für die Zukunft der Roboterforschung von entscheidender Bedeutung sein. Denn das Ziel dieses Ameisenprojektes ist es, Robotern Teamwork und die Grundlagen des Gruppenverhaltens beizubringen. Gelänge das, wären Roboter damit nicht mehr nur auf menschliche Befehle angewiesen, sondern könnten auch miteinander kommunizieren und - wichtiger noch - selbstständig zusammenarbeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, nutzen auch die Wissenschaftler vom MIT ein Vorbild aus der Natur, den Ameisenstaat. Um die komplexen Vorgänge in einem solchen Insektenstaat auf Roboter übertragen zu können, zerlegten die Forscher das Sozialverhalten der Ameisen zunächst in kleine Verhaltensbausteine, die sie nun nach und nach ihren Minirobotern beizubringen versuchen. Damit sie überhaupt interagieren können, sind die kleinen auf Rollen laufende Roboterameisen so ausgerüstet, dass sie wie ihre natürlichen Vorbilder sowohl Signale empfangen, als auch selbst welche senden können. Dafür sind sie mit Sensoren bestückt, die Licht, Infrarotstrahlung, Berührung, Futter und Neigung registrieren. Kommunikation findet mit Hilfe von Infrarotsignalen statt. Jede Ameise trägt dazu einen Sender am Kopf und einen auf dem Rücken. Die erste Aufgabe für die kleinen lautet: „Folge der Leitameise“. Eine der Roboterameisen sendet das Leitameisensignal aus, die anderen sollen darauf reagieren, indem sie ihr nachkommen. Zur Freude der MIT Forscher geschieht dies tatsächlich. Im nächsten Experiment sollen sich die im Gelände verstreuten Roboter um einen Futterklumpen sammeln. Bei Ameisen funktioniert das, indem das Signal „Futter“ von einer zur anderen weitergegeben und dabei abgewandelt wird. Nicht viel anders läuft es auch bei ihren Roboterkollegen ab: Der Roboter, der einen Futterbrocken registriert, sendet als erster das Signal „Ich habe Futter gefunden“ aus. Jeder Roboter in Reichweite reagiert auf das Signal, indem er seinerseits sendet: „Ich sehe eine Ameise, die Futter hat,“ und sich auf die Futterquelle zubewegt. Fängt ein dritter Roboter dieses Signal auf, modifiziert er es, schickt es weiter und bewegt sich auf das Signal der zweiten Ameise zu. Am Ende sind alle Ameisen um das Futter versammelt. Zwar mutet dieses „Spielchen“ eher simpel an, doch wenn dieses Verhalten mit anderen kombiniert wird, könnte es genutzt werden, um eine größer Zahl von Robotern schnell und effektiv interagieren zu lassen. Noch sind die „Ameisen“-Forscher des MIT von ihrem Ziel, einem ganzen Staat aus selbstständig handelnden Roboterameisen, weit entfernt. Aber Experiment für Experiment und Verhaltensbaustein für Verhaltensbaustein tasten sie sich weiter an das komplexe System heran...<<

>>Die kleinen schwarzen Punkte unter der Glasscheibe: bedeutet das etwa, dass diese Roboter so winzig klein sind? So wie Wouters sie beschrieben hat?<<

>>Ganz so klein nicht. Aber bei den Bauteilen, spricht man von der Nanotechnik. Nanoforschung ist die Technologie von morgen. Medizin, Robotertechnik, Molekularbiologie. In allen diesen Bereichen lautet das Motto der Zukunft: Je kleiner, desto besser. Die Zeiten, in denen für die Entwicklung eines Arzneimittels Chemikalien gerührt und gemischt oder in der Biologie neue Mutanten mühsam gezüchtet werden mussten sind vorbei. Mit der Nanotechnologie wird es möglich, Atome und Moleküle direkt und kontrolliert zu manipulieren<<, antwortet ihr Rick auf diese Frage.

>>Begonnen hat alles mit der Erfindung des Rastertunnelmikroskops in den achtziger Jahren. Damit konnte man erstmals Beobachtungen auf der Ebene der kleinsten Teilchen machen. Molekulare Maschinen, Nanoroboter aus speziell konstruierten Molekülen könnten in Zukunft selbsttätig auf kleinster Ebene agieren und komplexe Arbeiten durchführen. Schaltkreise, Gelenke und Gerüst dieser Minimaschinen bestehen nicht mehr aus konventionellen Materialien, sondern werden durch maßgeschneiderte Moleküle wie Nanoröhren aus Kohlenstoff, abgewandelte DNA-Moleküle und Fulleren, einer neu entdeckten kristallinen Kohlenstoff-Form ersetzt.<<

>>Entschuldige, wenn ich dich das erst heute frage. Sag mir, wovon handelt dein neues Buch?<<

>>Das ist schnell erzählt<<, sagt Rick, >>es geht um Wirtschaftskriminalität. Oder, besser noch um Industriespionage. Die Wirklichkeit sieht so aus, dass in allen Bereichen der Wirtschaft spioniert wird. Vor kurzem erst, wurde in Deutschland ein amerikanischer CIA-Agent verhaftet und der Industriespionage verdächtigt. Nach dem der Kalte Krieg vorüber war, hatten die Geheimdienste dieser Welt plötzlich nichts mehr zu tun. Man hatte sich zwar immer schon mit der Industrie beschäftigt. Doch nun ist sie der Schwerpunkt ihrer Spionagetätigkeit. Es wird behauptet, dass China so zu einer atomaren Weltmacht werden konnte. Es gibt da einen Physiker, dessen Arbeit ich mit meinem Buch ein wenig würdigen will. Er heißt Thomas Ebbesen. Zehn Jahre wartete der Physiker, bevor er seine ungewöhnlichen Beobachtungen der Fachwelt mitteilte. Denn damals mochte er seinen Augen nicht trauen, als er durch eine goldplattierte Glasscheibe die andere Seite des Raumes sehen konnte. Zwar hatte er das Gold zuvor mit winzigen Löcher perforiert, doch diese waren kleiner als die Wellenlänge des sichtbaren Lichts. Allenfalls verschwommene Schatten sollten nach gängigen Theorien zu sehen sein, keinesfalls aber scharfe Konturen und Farben. Als seriöser Forscher geduldete sich der Physiker, bis er nun die Theorie zum Phänomen mitliefern konnte: Die Elektronen im Metallfilm saugen das Licht in die Löcher hinein, so dass diese letztendlich bis zu tausendmal größer erscheinen, als sie tatsächlich sind. Am Telefon erzählte er mir, ihm sei ein Schauder über den Rücken gelaufen, als er durch die Goldschicht auf einer Glasplatte nicht nur sein eigenes Spiegelbild sah, sondern geradewegs durch das Gold hindurchsehen konnte. Wie durch eine Sonnenbrille. Die Löcher, die er zuvor in die Goldlage geschossen hatte, waren gerade einige hundert Manometer groß. Das ist nur halb so viel wie die Wellenlängen sichtbaren Lichts. Ebbesen, damals noch beim NEC Research in Japan hatte erwartet, etwas diffuses Licht durchscheinen zu sehen, aber eher wie durch Milchglas. Klare Formen und Farben konnten mit den üblichen Theorien nicht erklärt werden. Je weiter die Untersuchungen gingen, die Ebbesen mit Kollegen schließlich in den NEC Laboratories in Princeton fortführte, desto mysteriöser wurden die Ergebnisse. Selbst wenn die Löcher nur zwanzig Prozent der Goldfläche füllten, passierten bis zu fünfzig Prozent des einfallenden Lichts die Schicht. Als wenn das Licht wie von einem Strudel in die Löcher hineingesogen würde. Einzelne Wellenlängen durchquerten die Schicht mit tausendmal stärkerer Intensität, als konventionelle Theorien annahmen. Dafür schienen andere Farben sich genauso zu verhalten, wie vorhergesagt. Das Phänomen trat bei wenigen Löchern ebenso auf wie bei einigen Millionen, ob auf Glas oder anderen transparenten Scheiben, die mit Gold oder anderen Metallen beschichtet waren. Letztendlich verdankt Ebbesen den theoretischen Durchbruch nach eigenen Angaben Peter A. Wolff vom Massachusetts Institute of Technology. Der Effekt, so meint der, wird durch Elektronen hervorgehoben, die sich in der dünnen Metallschicht wie in einer Flüssigkeit bewegen. Dabei Schwingen sie in Wellen, so genannten Plasmonen und erzeugen so ein elektromagnetisches Feld. Durch die Löcher wird das Muster dieser Wellen und somit das Feld der Elektronen verändert. Licht, das ebenfalls nichts weiter als eine elektromagnetische Welle ist, werden durch das Feld in der Metallschicht beeinflusst: Das Licht wird in die Löcher eingesogen. Statt wie ein trüber Spiegel verhält sich das perforierte Gold wie ein optisches Sieb. In der Anwendung gibt es bereits zwei lukrativ erscheinende Forschungsrichtungen: Als Maske direkt auf einen Siliziumwafer gelegt, könnten mit dem optischen Sieb wesentlich schärfere und detailliertere Muster auf einen Chip geschrieben werden. Alternativ wird die Anwendung in der Displaytechnologie untersucht: Laserlicht kann durch das Sieb beliebig gemischt werden. Bis 2010 haben die alten Chips endgültig ausgedient. Dann nämlich wird die Infrastruktur multimedialer Systeme auf optische Systeme umgestellt werden. Lichtwellenleiter mit Übertragungsraten von 12000 Gigabyte pro Sekunde sollen die bisher übliche Übermittlung von Signalen mit Glasfaserkabel ersetzen. Auch bei der Speicherung der Daten soll in der Zukunft Licht eine entscheidende Rolle zufallen. Optische Speicher werden die bisherige Technik ablösen. Aufzeichnungsdichten von mehr als 12000 Gigabyte pro Kubikzentimeter könnten damit erreicht werden. Auch neue Displaytechnologien, beliebig formbare leuchtende Kunststoffe sollen in diesem Zeitraum zum Einsatz kommen. In der Computerindustrie denkt man schon längere Zeit über Nanocomputer nach. Wissenschaftler der amerikanischen Purdue Universität haben jetzt entdeckt, dass Nanoröhren elektrischen Strom leiten ohne dabei all zu viel Wärme zu produzieren. Damit ist eine erste Hürde auf dem Weg in Richtung auf zukünftige Computer und Elektronikgenerationen genommen. Als Ersatz für die vergleichsweise großen elektronischen Schaltkreise auf Silikonbasis, sind die winzigen Kohlenstoffröhren von nur wenigen Atomen Durchmesser schon länger in der Diskussion. Aber bisher wusste niemand, ob ihre elektrischen Eigenschaften dafür überhaupt geeignet sind. Die durch den Widerstand des Materials entstehende Hitze ist eines der Haupthindernisse bei der Entwicklung von miniaturisierten Schaltkreisen und anderen elektrischen Leitern. Je kleiner ein Stromkreis ist, desto empfindlicher ist er auch für Hitzeschäden. Was man braucht, sind Materialien, die Elektronen mit nur geringem Widerstand und wenig Wärmeentwicklung leiten. Schon die vorbereitenden Messungen an den Nanoröhren deuteten an, dass diese tatsächlich die begehrten Eigenschaften haben könnten. Sie bestätigten damit die theoretische Annahme und Hoffnung die Kohlenstoffröhren könnten Elektronen in einer Art „ballistischem Transport“ befördern. Dabei fließen die Elektronen von einem Ende der Röhre zum anderen, ohne mit Unreinheiten oder anderen Hindernissen zusammenzustoßen. Wenige Kollisionen bedeuten entsprechend wenig Widerstand und damit auch nur wenig Reibungshitze. Diese Theorien über die Nanoröhren im Experiment zu testen, ist extrem schwer, weil sie so klein sind. Der beste Weg, die elektrischen Eigenschaften der Röhren zu testen, wäre, sie an beiden Enden mit metallischen Kontakten zu verbinden und dann einfach Strom durchzuschicken. Aber genau das war bisher nicht gelungen. Die Versuche scheiterten daran, dass man einzelne Nanoröhren nicht gezielt manipulieren konnte um verlässlichere Kontakte herzustellen. Das Purdue-Team hat jetzt dafür eine Methode entwickelt, bei der sie mit Hilfe eines Rastertunnelmikroskops eine einzelne Röhre so positionierten, dass ihre beiden Enden einen Stromkreis schlossen. Es gelang ihnen sogar, die Enden des winzigen Kohlenstoffröhrchens mit Gold zu überziehen und dadurch stabile Kontaktstellen zu schaffen. Das optische Sieb, die Nanoröhre, die elektrischen Strom leitet ohne besonders warm zu werden, beschäftigt die Geheimdienste der großen Industrienationen in meinem Buch.<<

>>Puh, das war ja wieder ein langer Vortrag, aber unglaublich interessant. Das Buch bekommt Bebe von mir zu Weihnachten, was sagst du dazu?<< fragt Sarah.

>>Bis das Manuskript fertig ist, vergeht noch Zeit. Dann geht es an meine Lektorin. Ob das Buch bis Weihnachten auf dem Markt ist, kann ich heute noch nicht sagen.<<

>>Möchtest du auch was essen? Ich hab nämlich Hunger<<, fragt Sarah.

>>Ja, nicht schlecht, wollen wir in die Küche gehen?<<

>>Ich kann uns etwas herrichten und wir essen hier. Dann kannst du mir noch mehr berichten, wenn du möchtest.<<

>>Okay.<<

Bis Sarah mit einem Tablett, voll mit einem Teller belegter Brote, Tee für Rick und Kaffee für sich ins Wohnzimmer zurückkommt, ist Rick etwas eingefallen, was ihn auch mehr als fasziniert hat. Sarah stellt das Tablett ab und reicht Rick den Teller mit den belegten Broten. Sie richtet die Tassen und schenkt ein.

>>Wenn es dich nicht langweilt, dann schildere ich dir mal, was Wissenschaftler der Natur abschauen. Mit der Natur und was man von ihr lernen kann, habe ich mich vor einigen Jahren auch mal beschäftigt. Da habe ich Tiere, Kleinstlebewesen beobachtet und mir überlegt, wie man einen Roboter baut, der sich wie eine Schlange bewegt. Ich war nämlich nicht sonderlich begeistert, von dem Fahrzeug, welches auf dem Mars herumfuhr. Roboterforscher sehen zunehmend auf das Vorbild der Natur. Dieses kopieren der Natur, nennt man Biomimetik. Das Ziel ist klar: man will Roboter, die man möglichst effektiv durch unwegsames Gelände steuern kann. Das war auch meine Idee, als ich begann Tiere zu beobachten. Ich brauchte dazu nirgendwo hinfahren. Da gibt es genügend Filmmaterial darüber. Wenn du mein Liebling auf eine Unebenheit trittst, sagen wir mal auf einen Stein oder aber auch etwas weiches wie zum Beispiel einem Kuhfladen, dann spürst du das in Bruchteilen einer Sekunde. Unbewusst registriert dein Gehirn bei jedem Schritt in Sekundenschnelle die Bodenstruktur, mögliche Hindernisse und eine Vielzahl anderer Faktoren und passt die Bewegung daran an. Ein Roboter spürt das nicht. Er tritt auf einen Stein und fällt um. Und darum geht es. Man schaut nicht mehr auf den Menschen, der ja fast genauso unbeholfen daherkommt wie ein Roboter, sondern schaut ins Tierreich. Robert Michelson und sein Team von der Universität Cambridge in England arbeiten am „Entomopter“ einem mechanischen Insekt, das sowohl fliegen als auch krabbeln kann. Für diesen Flugroboter verwenden die Forscher eine Neuentwicklung, die auf einem natürlichen Vorbild beruht: Die Flügel und Beine des künstlichen Fluginsekts werden nicht von Metallverbindungen und Elektromotoren, sondern von künstlichen Muskeln bewegt. Diese so genannten „Reciprocating Chemical Muscles“ (RCM) wandeln, ähnlich wie unsere Muskeln auch, chemische Energie in Bewegung um. Dieses Prinzip ist so effektiv, das bei der Flügelbewegung des künstlichen Insekts sogar noch zusätzliche elektrische Energie produziert wird. Noch knobeln die Entwickler des Entomopters an der optimalen Bauweise der Flügel, aber ist der fliegende Miniroboter erst einmal fertig, könnte er fast überall eingesetzt werden. Ein anderes natürliches Vorbild hat sich Gavin Miller im kalifornischen Palo Alto gesucht. Er hat Roboterschlangen gebaut, die nicht nur lebensecht aussehen, sondern die typische gleitende Bewegungsweise der Schuppentiere perfekt nachahmen. Warum ausgerechnet Schlangen? Anregung dafür war die Beobachtung, dass diese mit ihrem Schlängeln auch in schwierigem Gelände wie tiefem Sand oder Geröllfeldern schnell und ohne größere Schwierigkeiten vorankommen. Während bisherige Roboterschlangen sich eher raupenartig fortbewegten, ist es Miller als erstem gelungen, das seitliche Gleiten von Natter, Kobra und Co. umzusetzen. Die 30 Segmente seiner „Rollersnake“ tragen zu beiden Seiten jeweils ein paar Elektromotoren und sind in der Mitte über eine „Wirbelsäule“ verbunden. Um die Reibung mit dem Untergrund zu verringern, laufen alle Teile auf Gleitrollen. Wenn die Motoren, vom Kopf der Schlange angefangen, nacheinander in Aktion treten, krümmen sich die Segmente gegeneinander. Der seitliche Druck auf die Räder treibt die Schlange vorwärts. Die Geschwindigkeit und Eleganz, die Rollersnake auf diese Weise erreicht, beeindruckt selbst die Experten der NASA. Miller, der ursprünglich Animationen für Kinofilme entwickelte, plant als nächstes, eine Schlange zu bauen, die auch auf Bäume klettern kann.<<

>>Eine Reihe von Möglichkeiten, Bücher zu füllen.<<

>>Du sagst es ... Roboterforscher holen sich ihre Ideen nicht nur in der Natur, sie helfen auch bei ihrer Enträtselung. Die Ergebnisse ihrer Forschung an Biobots tragen häufig dazu bei, dass Naturwissenschaftler einen tieferen Einblick in die Vorgänge im Inneren des Vorbild-Tieres erhalten. Ein Beispiel sind die Experimente der Roboterforscher der Universität Edinburgh. Stell dir vor, es ist dunkel im Laborraum der Universität. Plötzlich ertönt ein Zirpen, der Lockruf eines Grillenmännchens und ein bis dahin bewegungslos in der Ecke stehendes Grillenweibchen dreht sich, horcht und steuert auf die Quelle des Geräusches zu. Sie hat schon ihr gesamtes Leben in dieser Dunkelheit verbracht und das ersehnte Männchen wird sie nie erreichen. Dennoch verspürst du als Beobachter dieses Experiments kein Mitleid mit dem „armen Wesen“ und auch Tierschützer dürften keine Einwände haben: Denn - die Grille ist ein Roboter. Cybercricket soll helfen, eine der wichtigsten Fragen der Neurobiologie zu klären: Wie sind bestimmte Verhaltensweisen mit speziellen Aktivitätsmustern im Gehirn der Tiere verknüpft? Das es eine Verbindung gibt, weiß man schon lange. Nicht aber, über welche Mechanismen dies geschieht. Erst Biobots wie Cybercricket können vielleicht Licht in das Dunkel bringen. Die neuen Tiere aus Metall und Silikon ahmen ihre natürlichen Vorbilder erstmals nicht nur in ihrem äußeren Verhalten nach, sondern auch in ihrer neuronalen Struktur. Die Sinnesorgane der Cybercricket, Kameraaugen und akustische Sensoren sind auf die gleiche Weise mit ihren Muskeln, Elektromotoren verknüpft, wie bei dem echten Vorbild. Für Biologen eröffnen sich damit völlig neue Möglichkeiten: Bisher mussten alle Versuche zu neuronalen Verbindungen an lebenden Tieren gemacht werden. Und selbst dann waren gute Ergebnisse nur schwer zu bekommen. Um dem abzuhelfen, setzten sie sich zum Ziel, von einer Grille ein komplettes Robotermodell zu bauen. Auf eine Wiese gesetzt, sollte diese Robotergrille nicht nur das gleiche Verhalten zeigen, wie eine echte Grille, sondern dabei auch die gleichen Mechanismen benutzen. Seit 1991 bauen und experimentieren sie an Cybercricket und schon in den ersten Anläufen zeigte sich Verblüffendes: Bisher nahmen Biologen immer an, dass Grillenweibchen für das Erkennen und Orten eines männlichen Lockrufs mindestens zwei Kontrollsysteme brauchen. Doch eine Cybercricket, deren akustisches System einer echten Grille genau nachgebildet war, aber an der entscheidenden Stelle nur ein Kontrollsystem trug, war anderer Meinung. Sie erkannte nicht nur den Gesang aus Dutzenden anderer Störgeräusche, sondern bewegte sich auch sofort auf die Quelle des Rufs zu. Konnte es sein, dass auch echte Grillen ein viel einfacheres System benutzen, als angenommen? sie machten einen weiteren Versuch. Diesmal ging es um die Frage, welche Strukturen dafür verantwortlich sein könnten, dass Grillen Rufe mit schnellerem Takt bevorzugen. Einige Biologen argumentieren, dass solche Vorlieben im Gehirn selbst gespeichert sein müssen. Doch das Verhalten der Robotergrille widersprach auch diesen Annahmen. Cybercricket entschied sich unweigerlich für den schnelleren Ruf, ohne dass mehr als nur das akustische System und ein paar Neutronen daran beteiligt gewesen wären. Im Augenblick sind es nur sehr einfache Verhaltensmuster, die auf diese Weise nachvollzogen werden können, dennoch erlauben sie sicher zumindest in einigen Fälle Rückschlüsse auf die Mechanismen im Tier. Für die Neurobiologen sind Roboter daher dabei, ein wichtiges Hilfsmittel bei ihren Studien zu werden. Am Anfang war alles was ich beschrieb Science-fiction. Heute stelle ich immer öfter fest, dass es das, was ich mir ausgedacht habe längst gibt oder sich in der Entwicklung befindet. Die Schuppenoberfläche meiner Schlange bestand aus winzigen Solarzellen zur Energiegewinnung.<<

>>Diese Forschungs- und Entwicklungsarbeit ist doch nicht nur zeitaufwendig, sondern sicher auch sehr teuer?<< fragt Sarah.

>>Das stimmt, doch Geld ist genügend vorhanden und an Ideen mangelt es nicht. Du musst damit nur nach Amerika gehen um sie zu verwirklichen. Das was mich am meisten an Deutschland stört, ist, dass die staatlichen Fördermittel für die Forschung jedes Jahr gekürzt werden. Die großen Banken rücken für Forschung und Entwicklung keine müde Mark heraus. So ist es kein Wunder, dass an Deutschland diese eben geschilderte Entwicklung vorbeizieht. Es sollte aber genau anders herum sein. Ich weiß schon, warum ich in Amerika studiert habe, die deutsche Ingenieurskunst ist so weit heruntergekommen, dass kaum jemand sie will. In Deutschland gibt man für die Instandhaltung einer Autobahnbrücke im Jahr so viel Geld aus, wie Italien für all seine Autobahnbrücken zusammen. In Japan fährt der schnellste Zug der Welt und ist in fünfzig Jahren noch nicht einmal verunglückt. In Deutschland verunglückt der Intercity alle paar Monate. Manager in Deutschland sind so schlecht, dass Bücher über sie geschrieben werden. Aber sie gehen bei ihrer Entlassung mit zweistelligen Millionenbeträgen an Abfindung nach Hause. Der deutsche Arbeiter dagegen lebt an der Armutsgrenze. Während europäische Regierungen und Konzerne insgesamt neunzehn Millionen Arbeitslose produziert haben, geht man in Amerika und bei uns den umgekehrten Weg, man schafft Arbeit für die Menschen. Dir wird doch nicht entgangen sein, dass indische und polnische Computerfachleute nach Deutschland geholt werden sollen. Die sind noch gar nicht im Land, schon heißt es, dass man aber nicht bereit ist Tariflöhne zu zahlen, soll heißen: Wir wollen wohl von euch profitieren, doch kosten darf uns das nichts.<<

>>Ich kann dich ja verstehen, wenn ich mich auch mit Politik nicht befasse<<, sagt Sarah. >>Mir liegt seit einer halben Stunde schon eine Frage auf der Zunge: Was genau sind Nanos?<<

>> Unter Nanos versteht man kleinste Partikel zwischen atomaren Bausteinen und einem kompakten Körper. Mit ihnen lassen sich Materialien neu designen, können ihnen vielfältige neue Eigenschaften verliehen werden.<<

>>Wie groß ist so ein Nano?<<

>>Zum Vergleich: Ein Nano-Strukturelement verhält sich in der Größe zu einem Fußball wie der Fußball zur Erde. Bislang war diese Dimension eine Domäne der Natur. Seit Jahrmillionen baut sie nach diesem bewährten Grundprinzip unsere Welt aus Pflanzen, Tieren und Menschen.<<

>>Wie war es möglich, in solche Dimensionen vorzudringen?<<

>>Dir das zu erklären, würde den Abend sprengen und dann wüsstest du noch nicht einmal einen Bruchteil von dem, was ein Student im ersten Semester beigebracht bekommt.<<

>>Das sehe ich ein. Wie hast du eigentlich diesen Engländer kennen gelernt?<<

>>James?<<

>>Ja, ich glaube, so heißt er ... Der Schriftsteller.<<

>>Auf einer Buchmesse. Wir kamen ins Gespräch und tauschten Gedanken und Erfahrungen aus. Er war so fasziniert von Technik, Forschung und Wissenschaft, dass ich ihm nicht genug darüber erzählen konnte. Am meisten hat er sich für Forensische Entomologie interessiert.<<

>>Was ist denn das nun wieder?<<

>>Da geht es um Insekten auf Leichen. Eine sehr ernst zu nehmende Wissenschaft. Wichtig in der Kriminalistik und der Rechtsmedizin. Das Thema fand James so interessant, dass der an einem Abend, als ich ihm beim Essen davon erzählte vergessen hat wozu er eigentlich in das Restaurant gekommen war. Ich habe ihn dann an einen deutschen Diplombiologen verwiesen. Mark Benecke am Institut für Zoologie, an der Universität Köln. Der leistet was auf dem Gebiet.<<

>>Wozu wollte er das alles wissen?<<

>>Ist doch klar, er wollte das in ein Buch einflechten. Ich konnte ihm sagen, wo er mehr darüber erfahren kann, im Internet nämlich. Dort hat Benecke eine eigene Homepage. Hinzu kommt noch, dass der Mann darüber Bücher schreibt. Kriminalistisch interessante Fälle, stellt er ins Internet. Eine Buchmesse dauert für gewöhnlich mehrere Tage. James und ich waren in jeder freien Minute zusammen. Er lud mich nach Cornwall ein, ich ihn zu mir. So ist eine wunderbare Männerfreundschaft entstanden. James ist um einiges älter als ich. Was so faszinierend an ihm ist, er ist der typische englische Gentleman.<<

>>Und, hast du sein Buch gelesen?<<

>>Aber ja, es liegt hier irgendwo herum, allerdings im Original, in englisch. Das Buch ist gut gemacht.<<

>>Und wie ist es so in Cornwall, immer nass und regnerisch?<<

>>Auch auf der Insel scheint im Sommer die Sonne, manchmal auch wochenlang.<<

>>Ich dachte, es regnet immerzu.<<

>>Cornwall ist die am weitesten im Südwesten gelegene Grafschaft Englands. Bekannt ist sie für ihr mediterranes Klima. Newquay ist zum Beispiel ein Badeort an der Küste dort und das Zentrum des Surf-Sports. In der Nähe der Stadt Falmouth liegen die Trelissik Gardens sowie die Burgen Pendennis Castle und St.Mawes.<<

>>Was bedeutet Trelissik Gardens?<<

>>Gardens sind Gärten oder Parkanlagen. Im Südwesten gibt es viele Englische Gärten. Teils weltbekannte, wie Trelissick oder Trehbah, aber auch kleinere die relativ unbekannt sind. Außerdem werden immer wieder Gärten gefunden, die in Vergessenheit geraten sind und restauriert werden, wie die verlorenen Gärten von Heligan. Der Südwesten Englands wird häufig als die ursprünglichste Gegend Englands angesehen. Die Gegend ist nur wenig bevölkert und mit seinen zwei Nationalparks, der einmaligen Küste und den vielen Sehenswürdigkeiten ideal für einen Urlaub. Besonders Sehenswert ist die Stadt Exeter, von deren Geschichte nicht nur die Kathedrale und die Altstadt zeugen, und das Künstlerdorf St. Ives. Für Naturfreaks sind vor allem die beiden Nationalparks sehenswert, in deren Landschaft sich schon so mancher verliebt hat, mich eingeschlossen. Die Küste, die man über einen Küstenpfad bewandern kann, fasziniert mit der ruppigen Steilküste, seinen Klippen und den im krassem Gegensatz dazu stehenden Badestränden.<<

>>Du könntest dein Geld auch als Reisebuchautor verdienen, weist du das eigentlich?<< fragt Sarah und rückt aus der anderen Sofaecke kommend, an Rick heran. Sie richtet es so ein, dass sie mit Kopf und Schultern an der Brust von Rick bequem zu liegen kommt.

>>Du bist dabei meine Talente zu entdecken. Ich denke, ich hätte auch einen guten Handwerker abgegeben, was meinst du?<< fragt er und führt eine Hand unter das Oberteil ihres Hausanzuges.

Sarah trägt nur den Hausanzug und nichts darunter. Das sanfte massieren ihrer Brüste tut ihr gut und Wärme fließt durch ihren Körper. Sie fühlt, wie ihre Brustwarzen sich verhärten und würde am liebsten bei diesem kleinen biologischen Wunder zuschauen. Rick streichelt ihr Sonnengeflecht und seine Fingerspitzen berühren ihr linkes Leistenband. Bei dieser Berührung fühlt Rick wie ein Zittern durch ihren Unterleib geht. Sarahs Schoß schließt sich heftig und ebenso heftig zieht sie die Beine ein.

>>Was war denn das?<< fragt er.

>>Das war das Gleiche, was mir kürzlich im Bett passiert ist. Ich sagte dir ja, das war, als würde ich elektrisiert. Es ist schon vorüber. Bitte küss mich. Dein streicheln ist so angenehm, mach nur weiter, aber küss mich. Ich liebe dich so sehr, Rick.<<

Und Rick küsst sie, zärtlich und liebevoll. Seine Hand hat er in ihrem Schoß, den sie nun für ihn öffnet. Sanft gleiten seine Finger durch die Feuchte. Sarah geniest sein Liebesspiel. Nach wenigen Minuten wird Sarahs Verlangen so groß, dass sie sich erhebt und sich blitzschnell entkleidet.

Rick grinst und sagt: >>Du hast es wohl sehr eilig?<<

>>Ja, ich will dich, ich will dich in mir spüren.<<

Stunden voller Zärtlichkeiten füreinander beginnen.

Mittwoch, 29. März

Bruns kommt in sein Büro gestürmt, als habe er neu aufgetankt. Die Fragen an seine Kollegen schluckt er herunter, als er die junge Frau auf dem Besucherstuhl wahrnimmt. Sein Schritt stockt. Die Tür, die er eben noch in der Hand hielt fliegt krachend ins Schloss.

>>In Gottes Namen, Houston, wer ist sie?<< flüstert er.

Houston antwortet: >>Bruno, darf ich dir unsere neue Kollegin, die Staatsanwältin Frau Rosa Gold vorstellen?<<

Bruns gibt Frau Gold die Hand, doch er lässt nicht wieder los. Als er es schließlich bemerkt, sagt er verlegen: >>Sie, sie wollen uns also bei unseren Ermittlungen helfen. Sie werden ein toller Türöffner?<<

>>Danke, für den Türöffner. Bisher habe ich mich als Frau gefühlt, mit allen positiven und negativen Eigenschaften.<<

>>Entschuldigung<<, sagt Bruns, >>so war das nicht gemeint. Gemeint war, dass sie es uns erleichtern, bei unseren Hausbesuchen in die Wohnungen zu kommen. Ich wollte sie nicht kränken, bestimmt nicht.<<

>>Schon gut Herr Bruns, ich habe es auch nicht angenommen.<<

>>Womit fangen wir an?<< will Sidne wissen.

>>Halten wir doch erst eine kleine Lagebesprechung ab. Danach gehst du mit Frau Gold in den Keller und sorgst dafür, dass sie ein Funktelefon und eine Waffe bekommt. Einen Dienstausweis haben sie bereits, nehme ich an.<<

>>Richtig. Ich habe einen Dienstausweis und auch ein Handy, an das ich gewöhnt bin. Aber, das mit der Waffe, muss das sein?<<

>>Wenn sie keine Waffe wollen, dann bedeutet das, dass sie bei jedem Hausbesuch unserer Klienten draußen bleiben müssen, bis wir die Wohnung beziehungsweise das Haus gesichert haben. Mit Waffe, gehen sie sofort mit uns hinein. Mögen sie keine Waffen, kennen sie sich überhaupt mit Waffen aus?<< fragt Bruns.

>>Ich habe keine eigene Waffe. Aber wir gehen alle paar Monate auf den Schießstand der Polizei und üben. Ich schieße gar nicht so schlecht, fragen sie mal meinen Chef. Ich hatte nur im Dienst noch nie eine Waffe dabei.<<

>>Mir wäre es lieber, wenn sie sich eine geben lassen. Wenn sie uns dann bitte noch ihre Handy-Nummer verraten wollen, wären wir schon zwei Schritte weiter. Und nicht vergessen, die Nummer auch in der Leitstelle bekannt machen. Sie müssen sich an der Pforte immer an- und abmelden, egal, was sie vorhaben. Einzelaktionen sind untersagt, nur so kann ich sicher sein, dass ihnen nichts passiert. Überlassen sie das Fahren der Dienstfahrzeuge mit Blaulicht und Horn immer uns. Wir beherrschen unsere Fahrzeuge auch mit Tempo einhundert in der Innenstadt. Sie sind keine Dr. jur., nein? Na, Gott sei Dank. Unser Kollege hier, Dr. Simon ist nämlich einer, er ist aber ziemlich umgänglich und gut zu ertragen.<<

>>Puh! Nein, ich bin nur Frau Rosa Gold und möchte nicht mit Frau Staatsanwältin angeredet werden. Dr. Simon hat sich mir bereits vorgestellt. Da ich ja so etwas wie ein Azubi bin, zumindest was diese Dienststelle angeht, erlaube ich ihnen allen, mich Rosa zu nennen. Ich hoffe, dass wir dann gut miteinander auskommen. Ich hoffe auch, dass ich mich nützlich machen kann und ihnen kein Klotz am Bein bin.<<

>>Okay, nach dem wir das geklärt haben lasst uns darüber reden, was wir haben und wo wir was mit anfangen können. Wer will anfangen?<<

Einer schaut den Anderen an, doch dann beginnt Dr. Simon. >>Sidne und ich sind gestern noch zum Flughafen rausgefahren. Wir haben im Fundbüro die Notebooks und die Organizer überprüft. Ein Notebook konnte zweifelsfrei als die van Straaten gehörende identifiziert werden. Es steht nebenan auf Sydneys Schreibtisch und ist in Betrieb. Fingerabdrücke: Fehlanzeige. Sidne hat festgestellt, dass alle Programme auf der Festplatte drauf sind, von denen wir Dateien auf Diskette haben. Bevor wir zum Flughafen sind, haben wir mit dem Hafenmeister in Warnemünde wegen der Karsibor gesprochen. Die Karsibor liegt nicht im Hafen. Der Hafenmeister hat in seinen Büchern nachgesehen. Er war aber nicht bereit, die Bücher ab 89 durchzusehen. So weit er sich aber erinnern konnte, sei es ein polnisches Schiff gewesen, mit Heimathafen Swinoujscie. Uns ist der Name eher geläufig, als Swinemünde. Karsibor ist übrigens eine Insel im Stettiner-Haff. Der Hafenmeister hat uns geraten, den Kollegen in Swinemünde anzurufen. Dort würden wir sicher den Besitzer ausfindig machen. Wir haben mit München telefoniert. Ein schriftlicher Bericht der Münchner-Kollegen ist unterwegs zu uns. Ein Computer wurde in der Wohnung von van Straaten nicht gefunden. Ein Teil der persönlichen Sachen und auch die Post der letzten vierzehn Tage ist auf dem Weg hier her. Per Computer habe ich gestern Abend noch versucht beim BKA, etwas über die Namen auf den Listen die sie mir gaben herauszufinden. Doch mit den mir bekannten Codewörtern kam ich nicht weit. Es gibt eine Möglichkeit weiterzukommen, dazu muss ich nach Wiesbaden. Am besten mit einem Gerichtsbeschluss, sonst kann es passieren, dass mein Abteilungsleiter mir das Passwort nicht nennt. Mit den Deckadressen konnte unser Computer im BKA nichts anfangen. Wir haben gestern noch herausgefunden, dass der in dem Wortprotokoll genannte CIA-Agent Johann Marcowicz, sich seit 90 in London aufhält. Über einen Kollegen beim BKA, der noch im Büro war, erfuhren wir, das genannter KGB-Offizier im russischen Konsulat in Berlin zu finden ist. Er heißt Andreji Pottrow. Leider ist der Name in dem Wortprotokoll schlecht zu lesen. Aber, er müsste es sein.<<

>>Stellen wir die beiden ein wenig hinten an. Mich interessieren mehr die Namen der Tschekisten, und die Namen auf den anderen Listen. Wir müssen mehr über diese Leute erfahren, wir müssen die Verbindung zu einer Seilschaft herstellen. Die haben immerhin eine Menge Leute umgebracht. Irgendwo hier in Deutschland treiben sich Ehemalige der „Firma“ herum. Die könnten in Unternehmen oder bei Behörden beschäftigt sein, und die haben einen Riesenbammel davor, entdeckt zu werden. Herr Dr. Simon, sie fahren nach Wiesbaden. Rosa, sie besorgen bitte sofort einen Gerichtsbeschluss für Dr. Simon.<<

>>Das kann ich telefonisch machen<<, sagt die Staatsanwältin.

>>Um so besser.<<

>>Ich kann dir inzwischen mit ausgedruckten Listen dienen<<, sagt Houston.

>>Dann her damit.<<

>>Die Listen sind aus den Excel-Dateien. Den Organizer, also den Terminkalender. Diese müsste man beginnend 89, Tag um Tag durchgehen. Einige habe ich mir angesehen, speziell die, die in Form von Kopien bereits vorlagen. Sie stimmen überein.<<

>>Sehr gut, Sidne. Und was geben die Listen her?<<

>>Am besten gehen wir die gemeinsam durch und picken die raus, die uns interessant erscheinen.<<

>>Dann fangen wir damit an.<<

>>Dr. Simon und ich sollten zum Gericht fahren, um den Gerichtsbeschluss zu holen. Per Kurier, dauert es zu lange. Ich nehme ein Taxi um zurück zu kommen. Dr. Simon kann dann direkt nach Wiesbaden fahren, ist das Okay?<< will die Staatsanwältin wissen.

>>Okay, dann los.<<

Rosa Gold und Dr. Simon verlassen das Büro.

>>Sidne, sag mir, wie kann eine Frau so schön sein?<<

>>So sind nun mal die Launen der Natur, Bruno.<<

>>Nun denn. Wir gehen folgendermaßen vor: In den Listen stehen Namen und Adressen von Firmen. Du stellst im Firmenverzeichnis fest, um was für Firmen es sich handelt, was die machen. Um Bürgernamen und Adressen, sofern sie erreichbar sind, kümmern wir uns sofort. Am Telefon äußerste Vorsicht, wenn wir jemanden aufscheuchen, der anschließend verschwindet, haben wir nichts davon.<<

>>Okay<<, antwortet Houston und macht sich an die Arbeit. Die Listen lässt er bei Bruns. Er hat ja alles auf seinem Computer und dem von van Straaten. Bruns arbeitet die ausgedruckten Listen durch. Die Firmennamen ignoriert er, darum kümmert sich Houston. Bruns Zeigefinger bleibt an einem Namen kleben, wo nicht nur eine Frankfurter Anschrift angegeben ist, sondern auch eine Telefonnummer, es handelt sich um eine Behördennummer. Bruns greift zum Telefon und wählt die Nummer, aber nicht die Durchwahl. Er hängt eine Null hinten dran.

>>Gartenamt-Sekretariat, Mistel mein Name, was kann ich für sie tun?<<

>>Tag auch, hier spricht Bruns von der Kripo.<<

>>Kriminalpolizei?<<

>>Ja, mein Name ist Bruns. Können sie auf ihrem Display meine Telefonnummer sehen?<<

>>Ja, ich sehe eine Behördennummer.<<

>> Ich möchte eine Auskunft von ihnen über eine Person, von der ich annehme, dass diese bei ihnen beschäftigt ist. Sie sind nicht verpflichtet mir Auskunft zu geben. Sie können aber zurückrufen. Lassen sie sich dann mit Bruns verbinden.<<

>> Fragen sie nur, ich will sehen, ob ich helfen kann.<<

>>Danke, ich möchte eine Auskunft über einen gewissen Herrn Anton Wurzynski, arbeitet der beim Gartenamt und wie lange schon?<<

>>Ja, der arbeitet hier im Haus als Gartenbauarchitekt, mindestens schon neun oder zehn Jahre.<<

>>Danke, das wars schon, bitte sprechen sie nicht mit dem Mann nicht über meine Anfrage, sie müssten sonst mit Konsequenzen rechnen.<<

>>In Ordnung.<<

Bruns Zeigefinger wandert weiter und stößt nach dem vierten oder fünften Blatt auf einen weiteren Namen. Ulf Zedenka, Ingenieur bei SIPCo. Fernmeldetechnik. Bruns ruft aber nicht an, sondern schaut bewundernd auf Rosa Gold, die hereinkommt.

>>Haben sie Lust, mit mir Besuche zu machen?<<

>>Klar.<<

>>Na, dann kommen sie. Sidne wir machen zwei Besuche, wir fahren zum Gartenamt der Stadt und zur Firma SIPCo.<<

Bruns steht in der Tür zu Sidnes Büro. >>Muss mal raus, okay?<<

Houston gibt Handzeichen, er ist am telefonieren.

>>Kommen sie, Rosa.<<

Am Dienstfahrzeug fragt er: >>Möchten sie fahren?<<

>>Muss nicht sein ...<<

>>Doch, ich will sie fahren sehen. Unterwegs erkläre ich ihnen, wie man das Blaulicht aufs Dach bekommt, ohne dass es einem aus der Hand geweht wird und wie das Horn eingeschaltet wird. Fahren sie los. Sehen sie, wie ich das Blaulicht halte? So, gegen den Fahrtwind und dann mit Schwung aufs Dach. Haben sie gesehen?<<

Rosa nickt.

>>Mit diesem Knopf hier schalten sie das Horn ein. Das Funkgerät bitte nicht verstellen, es sei denn, sie werden gebeten auf eine andere Frequenz zu gehen, das macht man mit diesem Knopf. Beim Senden müssen sie immer die Leiste an der Seite drücken, ohne drücken sind sie auf Empfang, wie sie gleich hören werden. Wenn wir das Fahrzeug verlassen, nimmt einer das Gerät an sich. Das ist wichtig, um in schwierigen Situationen die Kollegen herbeizurufen. Wenn sie „Polizeibeamter in Not“ durchgeben, bekommt ihr Notruf oberste Priorität. Ist doch ganz leicht, oder?<<

>>Ich hoffe, ich kann mir das merken<<, sagt die Staatsanwältin.

Bruns lehnt sich zurück. Nach zwanzig Minuten ist das Gartenamt erreicht. Sie steigen aus und gehen in das Gebäude. Durch eine Lochscheibe fragt er nach Wurzynski. Seinen Ausweis drückt er an die Glasscheibe.

>>Soll ich sie anmelden?<<

>>Nein, lassen sie das.<<

Frau Mistel nickt. Sie versteht und betätigt den Türöffner. Bruns und die Staatsanwältin müssen in den ersten Stock. Nach einigem Suchen, finden sie das Büro von Wurzynski. Bruns öffnet seinen Mantel und die Jacke um schneller an seine Waffe zu kommen. Das Funkgerät reicht er Rosa Gold. Dann klopft er an und betritt sofort das Büro. Das Büro ist groß und mit mehreren Tischen ausgestattet. Ein riesiges Arbeitsgerät zum zeichnen steht am Fenster.

>>Was kann ich für sie tun?<< fragt der Mann am Schreibtisch nicht gerade freundlich.

>>Mit uns reden<<, sagt Bruns und hält dem Mann seinen Dienstausweis hin.

>>Das ist Frau Rosa Gold, von der hiesigen Staatsanwaltschaft, sie wird sich ausweisen.<<

Rosa Gold, die ihren Dienstausweis vorzeigt wie Bruns, sieht, wie der Mann am Schreibtisch kreidebleich wird.

>>Staatsanwältin, Polizei, was soll das?<<

>>Sind sie Anton Wurzynski und sind sie aus der Ostzone?<<

>>Ja <<, flüstert der Gefragte.

>>Wir ermitteln wegen eines Anschlags auf das Landgericht. Dabei kam ein Untersuchungsgefangener zu Tode. In seinen Unterlagen fanden wir Hinweise, die uns zu ihnen führen.<<

Bruns und die Staatsanwältin sehen mit an, wie Wurzynski immer noch sitzend um Jahre altert und irgendwie immer kleiner wird. Sie lassen ihm Zeit. Minuten vergehen, bis er Worte findet und fragt: >>Und was weiter?<<

>>Kannten sie Max van Straaten?<<

>>Ja, den kannte ich. Sie kriegen es ja doch heraus, ich habe aber mit dem Anschlag nichts zu tun, das müssen sie mir glauben.<<

>>Das wird sich herausstellen. Kennen sie auch einen gewissen Ulf Zedenka?<<

>>Ja, aber auch der hat mit dem Anschlag nichts zu tun, wir sind gute Freunde.<<

>>Das genügt, ich lasse sie jetzt ins Polizeipräsidium bringen.<<

>>Heißt das, ich bin verhaftet?<< will Wurzynski wissen.

>>Nein, das heißt es nicht ... Fassen sie bitte das Telefon nicht an ... Ich möchte sie nur mit Material bekannt machen, das ich nicht bei mir habe. Dazu müssen sie mit ins Präsidium. Wenn sie sich weigern, verhafte ich sie. Das aber würde hier im Haus für sie kein gutes Bild abgeben. Was ist ihnen lieber?<<

>>Habe ich eine Wahl? Ich komme selbstverständlich mit.<<

Bruns greift zum Telefon auf Wurzynskis Schreibtisch um Houston anzurufen.

>>Du, Sidne<<, sagt er ins Telefon, >>nimm dir zwei Männer von der Bereitschaft und hole mir den Zedenka ins Büro. Der arbeitet bei der SIPCo in Frankfurt. Die Anschrift findest du markiert in der Liste auf meinem Schreibtisch. Sag ihm nur wir hätten ein paar Fragen an ihn ... Wurzynski ... Wurzynski, ja. Wir sind im Gartenamt, und bringen ihn mit. Ja, bis gleich.<<

Bruns legt den Hörer zurück. >>Kommen sie, Wurzynski, Heute machen sie mal blau.<<

Zu dritt fahren sie ins Präsidium zurück.

>>Wie lange sind sie schon in Frankfurt?<< will die fahrende Staatsanwältin von Wurzynski wissen.

>>Seit der Wende<<, antwortet der Gefragte.

>>Und Zedenka?<<

>>Auch.<<

>>Was macht Zedenka bei SIPCo?<<

>>Oh, Zedenka ist Ingenieur für Kommunikationstechnik. Wir waren zusammen in einer Fernmeldeeinheit.<<

>>Lassen sie mich raten, er war ihr Vorgesetzter?<<

>>Funkoffizier!<<

>>Wie, Funkoffizier, und warum arbeiten sie im Gartenamt?<<

>>Ich habe Gartenbauarchitektur studiert, hab aber keinen Abschluss. Das Militär kam mir dazwischen. Ich habe versucht von denen los zu kommen, doch die ließen mich nicht gehen. Es hieß immer, ich wüsste zu viel und man habe viel Geld in meine Ausbildung gesteckt.<<

Bruns und die Staatsanwältin sehen sich vielsagend an, fragen aber nicht weiter, da sie das Präsidium erreichen.

Im Büro, bietet Bruns Wurzynski Kaffee an, doch der lehnt ab.

>>Mann, sie sehen schlecht aus, soll ich einen Arzt rufen?<<

>>Nein, lassen sie nur, haben sie ein Glas Wasser für mich? Ich leide an Herzrythmusstörungen und möchte eine Tablette einnehmen.<<

>>Was sind das für Tabletten?<<

>>Keine Angst, ich hänge am Leben, das sind Betablocker.<<

>>Zeigen sie mal her<<, sagt die Staatsanwältin. Sie studiert den Beipackzettel und reicht die Tabletten zurück. Wurzynski schluckt zwei von den Tabletten. Als nach etwa einer Stunde Houston mit zwei Beamten und Zedenka hereinkommt, ist die Farbe in Wurzynskis Gesicht zurückgekehrt. Zedenka und Wurzynski sind etwa gleich groß. Bruns schätzt sie auf einmetersiebenundsiebzig. Beide haben kein Gramm Fett zu viel am Leib.

Zedenka macht einen ruhigen und gefassten Eindruck. Er begrüßt seinen Freund und sagt zu ihm: >>Mach dir keine Sorgen, die können uns nichts anhaben. Hast du denen schon was erzählt, Anton?<<

>>Nee, aber ich halte es für besser. Ulf, versteh doch, wir sind beide über die fünfzig. Ich will die letzten Jahre in Freiheit verbringen und noch ein wenig leben ... Leben, verstehst du, wir hatten doch nichts vom Leben.<<

>>Du hast ja recht, Anton. Wir berichten, was wir wissen, und dann müssen die uns gehen lassen.<<

>>Sidne, das Bandgerät!<<

Houston bringt in aller Eile ein Tonbandgerät, und stöpselt zwei Mikrofone ein.

>>Du siehst nicht gut aus, Anton. Lass mich anfangen.<<

Wurzynski nickt.

>>Wir wurden beide kontaktiert. Auf dem Display meines Telefons konnte ich sehen, dass der Anruf aus München kam. Bei meinem Freund war es genauso. Wir wurden aber auch über Funktelefon angerufen. Der Stimme nach war es keiner aus dem Westen.<<

>>Würden sie die Stimme wiedererkennen, wenn sie die hier über das Telefon hören könnten?<<

>>Kann sein, ich weiß es nicht.<<

Bruns fängt an in den Unterlagen zu wühlen, wird fündig und greift zum Telefon. Er ruft die Leitstelle und bittet um eine Verbindung nach München.

>>Die Rufnummer von uns muss unterdrückt werden, bekommt ihr das hin?<<

>>Kein Problem.<<

In München meldet sich eine Männerstimme mit: >>Gutzeit, was kann ich für sie tun?<<

>>Herr Gutzeit, guten Morgen. Entschuldigung, hier spricht Sundermann. Ich bin ein Kollege von Herrn Noack, dem sie vor einiger Zeit ein Interview gegeben haben und der leider tödlich verunglückt ist, erinnern sie sich?<<

>>Noack..., Noack, ich glaube nicht das ich den Namen schon mal gehört habe. Wissen sie, ich habe andauernd mit Presseleuten zu tun.<<

>>Aber das macht doch nichts, ich habe das Wortprotokoll von damals vor mir liegen und würde sie gerne etwas fragen.<<

>>Nur eine Frage, ich halte meine Bürgersprechstunde ab und habe eigentlich gar keine Zeit für sie.<<

>>Ich verstehe sie sehr gut, lassen sie mich die Frage stellen. Es sind Kopien von Abhörprotokollen der „Firma“ aufgetaucht, der sie einmal angehörten. Die liegen hier vor mir ...<<

Weiter kommt Bruns nicht. Der Gesprächspartner in München beginnt sich fürchterlich aufzuregen. Alle in Bruns Büro hören aufmerksam zu bis Bruns langsam und bedächtig den Hörer auflegt.

>>Nun, ist er das?<< will er von Zedenka und Wurzynski wissen.

>>Das ist er<<, ruft Zedenka. Bruns sieht Wurzynski an.

>>Ich bin mir da nicht so sicher, ich höre nicht mehr so gut. Kann ich das noch mal hören?<<

Bruns gibt Houston ein Zeichen und der spielt das Band, welches die ganze Zeit mitgelaufen ist zurück. Dann stellt er es auf Ton-ab. Wurzynski lauscht ganz konzentriert.

>>Klar, das ist er, das musst du doch hören. Anton, hörst du nicht wie der jetzt, wo er sich aufregt, in den Komißton fällt. Ganz klar, das ist er.<<

Wurzynski zuckt mit den Schultern und sagt: >>Beschwören möchte ich das lieber nicht.<<

Bruns wirft fragende Blicke auf die Kollegen.

>>Na gut, berichten sie weiter. Wenn sie Hunger haben, sollten sie das ungeniert sagen, wir lassen dann was kommen. Sidne, bring mal ne Flasche Wasser.<<

>>Woher hatte dieser Gutzeit, Antons und meine Adresse? Der hat bei uns angerufen und so getan, als seien wir alte Kumpel, hätten uns nur lange nicht gesehen. Der wollte nur nie seinen Namen verraten.<<

Zedenka erzählt von seiner Militärzeit und wie er in die Abhörzentrale der Staatssicherheit geraten war. Er berichtet davon, wie er seinen jetzigen Freund Anton kennenlernte.

>>Ganz plötzlich, und obwohl man es uns verheimlichen wollte, bekamen wir mit, das irgendwas im Busch war. Wir hörten davon, dass Tausende DDRler aus den Sommerferien nicht nach Hause zurückkehrten und sich nun aus dem Westen meldeten. Unsere Aktivitäten nahmen ungeheure Ausmaße an, wir kamen kaum noch ins Bett. Wir bekamen immer häufiger Besuch, KGB-Offiziere gaben sich die Klinke in die Hand. Nie zuvor, waren Leute vom amerikanischen Geheimdienst in unserer Nähe gesehen worden. Nun waren sie da. Anton und ich sahen leere Lkw ankommen, und voll beladen wieder abfahren. Technisches Gerät wurde abtransportiert. So viel ich weiß, ging technisches Gerät an den KGB. Irgendwann gab es für Anton und mich nichts mehr zu tun. Anton kam zur Fahrbereitschaft, ich wurde in die Erfurter Bezirkszentrale versetzt. Wenn Dokumentenmaterial aus anderen Dienststellen nach Erfurt in die Bezirkszentrale in der Andreasstraße transportiert wurde, waren Leute der US-Militärmission in der Nähe. Außerdem waren auffällig viele Touristen im Andreasviertel. Der japanische- und der schwedische Geheimdienst waren da und wollten Material haben. Im Erfurter Archiv wurde 1990 wiederholt eingebrochen. Im Frühjahr wurden die gesamten Unterlagen der Abteilung XV, der Spionageabteilung vernichtet. Dort befanden sich auch die Unterlagen für konspirative Konten. Es gab mysteriöse Autounfälle und Drohbriefe. Es gab Bestechungsversuche, wo Unsummen gezahlt werden sollten. Als im Januar 1990 DDR-Bürger die Zentrale stürmten, befanden sich unter ihnen wahrscheinlich auch westliche Agenten auf der Suche nach Aktenmaterial, denn nur ein kleiner Teil der aufgebrachten Bürger drang in die eigentlich interessanten Gebäude der Spionageabwehr ein und brach gezielt Stahlschränke auf. Es waren wohl eher die Westagenten, die ganz gezielt suchten. Ich bekam mit, wie unser gesammeltes Material verhökert wurde. Sie haben da ein Bild an der Wand, dort direkt neben den Karten. Der Mann war oft bei uns.<<

>>Das ist Max van Straaten, sie kannten Max van Straaten?<< fragt Bruns.

>>Aber ja, der hat versucht mit Anton und mir ins Geschäft zu kommen. Erst hat er uns mit einem neuen Job zu ködern versucht, später dann mit Geld, viel Geld. Der wollte Material von uns. Anton und ich haben uns darauf aber nicht eingelassen. Der war nur am kaufen und verladen. Den auf dem Foto neben van Straaten, kenne ich auch. Das ist ein Westjournalist, seinen Namen habe ich vergessen.<<

>>Das ist Noack, der wurde auch ermordet<<, sagt Bruns.

>>Nehmen wir mal an, das der eben am Telefon, dieser Gutzeit der Mann ist, der bei ihnen angerufen hat, was wollte der eigentlich von ihnen<<, will die Staatsanwältin wissen.

>>Nur das wir uns treffen, er wollte einen Verein gründen. Er sagte immer: Der Deutsche Raum müsse wieder hergestellt werden, dafür wolle er sich einsetzen. Aber, er brauche Mitstreiter. Ein Treffen hat es aber nie gegeben.<<

>>Berichten sie weiter<<, sagt Bruns.

Zedenka und Wurzynski berichten abwechselnd. Immer wieder werden sie von Bruns und der Staatsanwältin unterbrochen. Es stellen sich immer wieder Fragen, die sie beantwortet haben wollen. Draußen ist es bereits dunkel und Bruns macht den Vorschlag die beiden nach Hause fahren zu lassen.

>>Es ist erforderlich, dass sie sich zu unserer Verfügung halten. Ich möchte sie bitten, nicht zu verreisen. Ach, noch etwas: Vielen Dank dafür, dass sie so bereitwillig ausgesagt haben. Sie haben uns damit sehr geholfen.<<

Wurzynski und Zedenka verlassen sichtbar erschöpft, aber auch erleichtert Bruns Büro. Sie werden von einer Zivilstreife nach Hause gefahren.

>>Na, was haltet ihr davon? Was meinen sie, Rosa? Ihr erster Arbeitstag bei der Frankfurter Kriminalpolizei ist doch ganz gut gelaufen, oder?<<

>>Ja, nicht schlecht, und wie geht es nun weiter?<< will sie wissen.

>>Was unternehmen wir gegen den Gutzeit?<<

>>Lasst uns morgen darüber reden, für heute war es genug. Sidne war erst gestern bis Mitternacht im Büro. Ich mache euch einen Vorschlag, ich lade euch zum Essen ein. Wer geht mit?<<

>>Ich nicht<<, antwortet Sidne, >>ich gehe zum Nahkampf.<<

>>Treiben sie Kampfsport?<< will Rosa von Sidne wissen.

>>So kann man das auch nennen, Sidne hat eine sehr emotionale und impulsive Freundin. Wenn er nach Hause kommt, dann ... Was ist mit ihnen, Rosa? Kommen sie mit?<<

>>Wenn sie mir versprechen, dass es nicht so spät wird, dann gerne.<<

>>Versprochen<<, sagt Bruns.

Die Staatsanwältin und Bruns essen beim Chinesen. Nach dem Essen bringt Bruns Rosa Gold nach Hause. Nach einem Schnaps vor dem Essen, hatten sie Wein bestellt. Rosa traut sich nicht mehr zu fahren. Sie trinkt sonst kaum Alkohol. Doch in Bruns Gesellschaft hatte es ihr so gut gefallen, dass sie dem Wein zugestimmt hatte. Der Wagen von ihr bleibt am Präsidium stehen und Bruns verspricht der Staatsanwältin, sie am nächsten morgen von zu Hause abzuholen. Bruns muss sie in eine noble Wohngegend fahren und hält auf ihre Anweisung hin vor einer schönen Villa. Er sieht sich aus dem Auto heraus die Villa genauer an. Es ist ein Haus, wie sie die reichen Kaufleute vor hundert Jahren gebaut haben. Viele Erker, einen großen Hauseingang, der dazugehörige Garten mit vielen Bäumen, Büschen und Sträuchern. Schmiedeeiserne Tore in der Einfahrt zur Garage, und vor dem Hauseingang.

>>Ein schönes Anwesen<<, sagt er.

>>Mein Großvater hat es gebaut. Hier bin ich zusammen mit meinen Brüdern aufgewachsen.<<

>>Darf ich fragen, was Großvater und Vater beruflich tun?<<

>>Großvater und Vater sind tot. Meine beiden Brüder sind Geschäftsführer der Gold-Bank, die Großvater gehört hat. Mutter kümmert sich gemeinsam mit einer Hausangestellten um das große Haus. Bei der nächstbesten Gelegenheit, zeige ich ihnen einmal alles, nur nicht mehr heute Abend. Ich werde gleich wie tot ins Bett fallen. Bruno, sie sind ein lieber Mensch. Ich danke ihnen dafür, dass sie mich zum Essen ausgeführt haben.<<

Die Frau Staatsanwältin öffnet die Beifahrertür. Steigt aber nicht sofort aus, sondern wendet sich noch einmal um und küsst Bruns ohne Spuren zu hinterlassen auf die Wange.

>>Sie sind so anders als mein Chef und meine Kollegen am Gericht. Von denen werde ich mehrmals am Tag mit den Augen ausgezogen. Das war bei euch heute nicht so. Ich habe am Samstag Geburtstag und gebe eine kleine Party. Würden sie mir die Freude machen und kommen, natürlich werde ich auch Sidne und seine Frau einladen.<<

>>Glauben sie, dass ich zu ihren Gästen passe, ich bin Polizist?<<

>>Ich wünsche mir sehr, dass sie kommen.<<

>>Ja, wenn sie mich so lieb darum bitten, kann ich natürlich nicht nein sagen. Dann hoffen sie mal mit mir, dass wir am Sonnabend keinen neuen Mordfall angehängt bekommen<<, sagt Bruns lächelnd.

Rosa Gold ist nun vollends ausgestiegen und macht die Beifahrertür zu. Beim losfahren, sieht Bruns noch wie sie winkt, also hebt auch er die Hand und winkt zurück.

Ein liebes Mädchen, denkt er.

Donnerstag, 30. März

Bruns braucht nur einmal zu hupen, schon öffnet sich die Haustür und Rosa Gold, die Staatsanwältin kommt zum Wagen gespurtet. Bruns der ausgestiegen ist, hält ihr die Beifahrertür auf. Sie lacht ihn strahlend an.

>>Guten Morgen, Bruno.<<

Bruno schließt die Wagentür hinter ihr, hebt die Hand um die Mutter, die vor die Haustür getreten ist zu grüßen. Die erwidert den Gruß. Bruns geht ums Auto und steigt ein.

>>Na, haben sie gut geschlafen?<< fragt er sie.

>>Ja, wie eine Tote.<<

>>Das ist gut, ich habe auch nur noch meine Post durchgesehen, mit Sarah telefoniert und schon lag ich in der Falle.<<

>>Sarah, ist das ihre Frau? Ich dachte, sie sind nicht verheiratet, mein Chef hat es mir so erzählt.<<

Bruns muss lachen. >>Ich bin nicht verheiratet, war es auch noch nicht. Sarah ist meine Schwester. Sie hält sich zur Zeit in den Niederlanden auf.<<

>>Macht sie Urlaub? Ich kenne das Land ein wenig, es ist schön dort. Ist sie an der Nordsee?<<

>>Ja, ich hatte Rick van Straaten bei ihr in Bad Nauheim einquartiert. Das heißt, natürlich nicht bei ihr, sondern in dem Seniorenheim wo sie arbeitet. Die haben sich gesehen und auf Anhieb ineinander verliebt.<<

>>Wie romantisch?<< sagt die Staatsanwältin.

>>Waren sie eigentlich schon mal verliebt?<< will Bruns wissen.

>>Das ist vielleicht eine Frage, aber, na gut! Ich war als junges Mädchen oft verliebt. Als kleines Mädchen, da wollte ich immer meinen Großvater heiraten. Ich glaube, dass wollen alle kleinen Mädchen, und sie Bruno?<<

>>Ich war auch schon mal verliebt. Sicher, aber eine feste Bindung, die gab es bisher nicht. Wenn man wie ich, nie zu Hause ist, dann hält das eine Frau nicht lange aus.<<

>>Meine Mutter, und auch meine Brüder, die sähen mich gern unter der Haube. Meine Brüder haben schon Freunde mit nach Hause gebracht, und wollten mich verkuppeln. Aber immer, wenn ich deren lüsterne Blicke gesehen habe, dann bin ich abgehauen. Natürlich waren es immer steinreiche Typen die meine Brüder angeschleppt haben. Eigenartig, mir fällt dieser Blick auch oft bei der einen oder anderen Freundin auf.<<

>>Warum sind sie ausgerechnet Juristin geworden?<<

>>Das liegt wohl an meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Den habe ich vom Großvater geerbt. Ausschlaggebend war aber eine Geschichte, die mich sehr wütend gemacht hat. Da gab es vor vielen Jahren einen Porschefahrer, der hatte in einer verkehrsberuhigten Zone, ein kleines Mädchen tot gefahren. Obwohl er nur dreißig Kilometer die Stunde fahren durfte, war er nachweislich siebzig gefahren. Das Urteil damals, hat mich unglaublich aufgeregt. Dem Fahrer wurde weder der Führerschein weggenommen, noch bekam er eine hohe Strafe. Er wurde lediglich zu zweitausend Mark Bußgeld verurteilt. Zweitausend Mark Strafe für ein totgefahrenes Kind. Ich hätte ihn für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt. Der Porschefahrer hat die Eltern des toten Mädchens nie besucht.<<

>>So etwas hätte mich auch wütend gemacht. Aber wie oft verhaften wir einen Straftäter und am nächsten Morgen ist er wieder frei. In meinem Beruf, da hat man irgendwann ein dickes Fell. So, da wären wir. Wir sind am Präsidium.<<



Rick zu liebe steht Sarah nicht mehr so früh auf. Doch ab acht hält sie höchstens die Liebe noch im Bett. Rick schläft noch. Sarah verlässt ohne ihn zu wecken das Bett um zu duschen. Dann geht sie ins Wohnzimmer um dort aufzuräumen. In der Küche bereitet sie das Frühstück vor. Sie kocht Tee und Kaffee. Dann erscheint auch Rick in der Küche, auch er hat bereits geduscht. Rick nimmt Sarah in die Arme und sagt: >>Wie das hier nach Kaffee duftet, und wie gut du riechst<<, Rick steckt seine Nase in ihr Haar.

Es läutet an der Haustür. Rick geht um nachzusehen. Es ist ein Kurier, der Rick die Unterlagen von James Scott aushändigt. Rick gibt dem Kurier ein ordentliches Trinkgeld und geht in die Küche zurück. Dort erst öffnet Rick die Post und sieht die Unterlagen durch. Vor ihm liegen die Dossiers über geheime Aktionen der Geheimdienste in der ehemaligen DDR, die 1989 angelegt wurden. Vor ihm liegt auch eine Zusammenfassung über Aktivitäten seines Bruders Max zur selben Zeit in der DDR. Den Berichten zufolge, hat sein Bruder Unmengen an Material aus dem Land geschafft. Das Material wurde nach Warnemünde auf ein Schiff Namens Karsibor gebracht. Die Karsibor lief direkt danach aus um nach Rotterdam zu schippern. Dort wurde beobachtet, dass das gesamte an Bord befindliche Material in einen Container umgeladen wurde. Dieser Container wurden noch am gleichen Tag auf ein Containerschiff verladen, das gleich darauf den Hafen von Rotterdam verließ. Entladen wurde der Container in Istanbul. Dort verliert sich ihre Spur.

Rick sichtet auch eine Liste mit Namen ehemaliger Offiziere der „Firma“, Funkoffiziere und Soldaten der Volksarmee, die Max geholfen haben sollen.

Auf einer weiteren Liste mit nur wenigen Namen findet Rick die Anmerkung, dass die Genannten in Moskau leben. Eine weitere Liste besagt, dass Genannte nun vom CIA geführt werden, und nach wie vor in allen großen deutschen Industriebetrieben tätig sind.



Bei der Installation des Telekommunikationsnetzes der Deutschen Bundespost in den neuen Ländern haben frühere Offiziere der „Firma“ als Unternehmer mitgewirkt.



Es folgen einige Namen und Anschriften.



Der Ingenieurbetrieb Gerätebau GmbH z.B. belieferte vor der Wende die „Firma“ mit Spitzeltechnik. Nach der Wende wurde sie von den ehemaligen Offizieren der „Firma“ Günter Tetzlaff und Roland Winkelmann übernommen und mit Treuhandkrediten über Wasser gehalten. Winkelmann verstarb am 19. Januar nach einem Autounfall in der Schweiz. Bei den zuständigen Schweizer Behörden ist man sich sicher, das die Lenkung des von Winkelmann gefahrenen Mercedes manipuliert wurde.

Dr. Mark Mason, Universitätsdozent im nordenglischen Hull, als Austauschstudent der Uni Edinburgh bei einem einjährigen Studienaufenthalt an der Karl-Marx-Uni Leipzig angeworben, kundschaftete Studenten, Professoren und Freunde aus. Motivation: Kommunistische Überzeugung. Der Lohn: Bezahlung seiner Wohnung, Spesenerstattung. 1990 enttarnt und verhört, wurde am 16. Januar 2000 von einem Scharfschützen in London erschossen.

>>Ich glaube, ich werde nach dem Frühstück deinen Bruder anrufen müssen. Dazu fahre ich zur Post nach Bergen, willst du mitkommen?<< fragt Rick Sarah, die ihm nun schon die dritte Scheibe Brot belegt.

>>Du kannst mich bei Gudrun absetzen. Wenn du zurückfährst, holst du mich wieder ab. Aber bitte nicht so schnell. Ich will Gudrun überreden mit mir einkaufen zu gehen<<, antwortet sie.

>>Das ist eine gute Idee. Ich fahre dann noch bei Ewald Bloom vorbei.<<

>>Gut, in dreißig Minuten bin ich so weit.<<

Nachdem Rick Sarah bei Gudrun abgesetzt hat, sucht er die Post in Bergen auf um Bruns in Deutschland anzurufen. Dieser ist in seinem Büro und gleich am Telefon. Rick hört die nun schon vertraute Stimme Brunos fragen: >>Wer spricht da? Rick, bist du es, was gibt es denn? Ist Sarah gesund?<<

>>Ja, Sarah geht es gut. Also, ich habe Informationen von einem Freund aus England, deinen Fall betreffend.<<

>>Wo bist du jetzt? Du rufst doch nicht von zu Hause aus an?<<

>>Natürlich nicht, ich bin auf der Post in Bergen.<<

>>Was ist das für Material?<<

>>Das kann ich dir am Telefon nicht sagen, dazu ist es zu brisant. Du solltest dir das aber unbedingt ansehen, es lohnt sich. Die Frage ist nur, wie bekomme ich es nach Frankfurt.<<

>>Würde es sich lohnen, dafür zu dir zu kommen?<<

>>Ja, auf jeden Fall, wirst sehen.<<

>>Gut, ich versuche für morgen Abend einen Flug zu bekommen. Können wir uns in Amsterdam treffen?<<

>>Ja, ich werde dich abholen. Und bring ein paar warme Sachen mit, Bruno. Ich lass dich vor Sonntagabend nicht wieder fort.<<

>>Hm, das wäre natürlich schön. Es muss aber nicht sein, immerhin hast du schon jemanden aus meiner Familie am Hals.<<

>>So sehe ich das nicht, Bruno. Es wird dir Spaß machen, und Sarah wird sich freuen. Wenn du eine Frau oder Freundin hast, dann bring sie mit. Wir richten das Gästezimmer.<<

>>Mach blos keine Umstände, Rick. Aber, die Idee ist nicht schlecht, so komme ich wenigstens mal aus Frankfurt raus und ich kann dir berichten, was wir für Fortschritte machen. Also gut, ich rufe dich an um dir meine Ankunftszeit mitzuteilen.<<

>>Bis morgen Abend, dann. Ich freue mich<<, sagt Rick und beendet das Gespräch. Danach fährt er zu Ewald Bloom.



>>Fragt sich nur, ob man mir einen weiteren Flug ins Ausland bezahlt<<, resümiert Bruns.

Die Staatsanwältin Rosa Gold und seine Kollegen sehen ihn an.

>>Warum nicht?<< fragt Dr. Simon, der aus Wiesbaden zurück ist.

>>Weil alles, was ich denen sagen kann ist, das Rick van Straaten etwas für mich hat, das er mir geben will. Das reicht nicht, aber was solls, dann werde ich die Unkosten vorstrecken und anschließend abrechnen, sofern das Material was taugt. Damit wir weiterkommen, fahren sie Herr Dr. Simon und Sidne wie eben besprochen nach Darmstadt, anschließend nach Ludwigshafen um mit dem einen Mann beziehungsweise der einen Frau zu reden, deren Anschrift sie beim BKA herausgefunden haben. Ich rede jetzt mit dem Chef, wegen dem Gutzeit und wegen der Flugkosten. Anschließend fahre ich mit Rosa nach Offenbach, zu dieser dritten Adresse.<<

>>Mach diesmal aber bitte dein Handy an, Bruno.<<

>>Ich werd dran denken, Sidne<<, saht Bruns grinsend und langt nach dem Telefon. Bruns ruft wegen Schröter die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf an. Er erklärt den Leuten dort, dass es seitens der Staatsanwaltschaft und der Kripo Frankfurt nicht nötig ist, den Schröter länger festzuhalten.



Eine Stunde später sitzen er und die Staatsanwältin im Auto um nach Offenbach zu fahren.

>>Sie sind ja so still, Rosa. Was ist los?<<

>>Haben sie vergessen, dass sie zu meinem Geburtstag eingeladen sind?<<

>>Nein<<, lügt Bruns, >>verstehen sie doch, Rick van Straaten hat mich so neugierig gemacht, dass ich wissen muss, was in den Unterlagen drin steht. Übrigens, er hat gesagt, dass ich Frau oder Freundin mitbringen soll. Eine Frau habe ich nicht, das weiß er genau. Aber vielleicht habe ich ja eine Freundin. Wie wäre es, wenn sie mitkommen? Sagen sie ihre Party doch einfach ab, und ihren Geburtstag feiern wir in Holland. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe.<<

>>Das ist doch nicht ihr Ernst?<<

>>Doch, ich möchte sie sehr gern näher kennen lernen, und würde gern sehen, wie sie privat so sind. Wie sie sich unterhalten, wie sie lachen wenn sie mit netten Leuten zusammen sind. Sie werden doch keine Angst haben, dass ich ihnen zu nahe trete.<<

>>Natürlich nicht. Also gut, dann rufe ich meine Mutter an, sie soll die Party absagen. Sie weiß, wen ich eingeladen habe. Ist das auch wirklich okay?<<

>>Na klar, mit so was scherze ich doch nicht<<, sagt Bruns.

Gold und Bruns erledigen ihre Telefonate auf dem Weg nach Offenbach.

>>Was hat ihr Chef, der Herr Bloch wegen Gutzeit gesagt?<<

>>Das er sich mit dem Oberstaatsanwalt, ihren Chef beraten wird. Er denkt aber, ohne den Generalbundesanwalt läuft da gar nichts. Vielleicht schalten die den Verfassungsschutz ein, wer weiß das schon? Wir haben gegen den Gutzeit ja nichts in der Hand, man sollte nur ein Auge auf ihn haben.<<

Die Fahrt endet an der Haustür, der von Simon aus Wiesbaden mitgebrachten Adresse. Der Klient ist nicht zu Hause, wie sie feststellen. Bruns drückt auf den Klingelknopf der Wohnung gegenüber. Es öffnet eine Hausfrau und Mutter. An ihren Hosenbeinen klammern sich zwei kleine Mädchen. Auf die Frage, wo der Herr von Gegenüber wohl zu finden sei, nennt die Frau ihnen die Adresse des Arbeitgebers. Sie fahren zu der angegebenen Adresse. Vom Personalbüro erfahren sie, wo im Betrieb der Gesuchte zu finden ist. Nach einer weiteren Viertelstunde haben sie den Gesuchten gefunden, stellen sich ihm vor und beginnen vor Ort mit einer kurzen Vernehmung. Es stellt sich bald heraus, dass der Mann ebenso harmlos ist, als Wurzynski und Zedenka. Der Mann war einfacher Soldat. Ein Funker der beim Militär der DDR nur seinen Job gemacht hat. Bruns fährt sofort nach dem Gespräch zurück nach Frankfurt.



Dr. Simon und Houston ergeht es bei ihrem Besuch in Darmstadt ähnlich. Sie fahren weiter nach Ludwigshafen. Sie stehen nun im Personalbüro einer großen, deutschen Firma und erfahren, dass der Gesuchte im Haus ist und werden in den dritten Stock zur Zimmernummer 311 geschickt. A. Ebert und C. Lampert steht auf dem Namensschild neben der Tür. Simon und Houston wollen zu Anton Ebert. Sie klopfen an und treten ein. Was sie nicht ahnen können, ist, dass die Dame aus dem Personalbüro mit der sie gesprochen hatten Ebert angerufen hat um ihm mitzuteilen, dass er Besuch von der Polizei bekommt. Was Dr. Simon und Houston beim Eintreten in das Büro sehen, lässt sie einen Moment die Luft anhalten.

Dr. Simon reagiert als Erster, er sagt: >>Machen sie keine Dummheiten Herr Ebert, wir sind nur gekommen um ihnen ein paar Fragen zu stellen.<<

Anton Ebert steht neben einer jungen Frau am Schreibtisch und hält ihr eine Pistole an die Schläfe. Die junge Frau ist kreidebleich im Gesicht und sitzt stocksteif auf ihrem Schreibtischstuhl.

>>Kommen sie, lassen sie uns reden und lassen sie die Frau in Ruhe<<, sagt Dr. Simon.

>>Erzählen sie keinen Scheiß, Mann. Los, kommen sie herein, und dann gehen sie ans Fenster. Los, los, los, ein wenig schneller wenn ich bitten darf.<<

Dr. Simon und Houston begeben sich ans Fenster und stellen sich nebeneinander auf.

>>Mann, was soll das werden, sie müssen ja eine Scheißangst vor uns haben, dass sie so überreagieren.<<

>>Halts Maul, Neger, oder ich leg dich um.<<

>>Seien sie ruhig, Houston. Lassen sie mich das machen.<<

>>So ist es recht, öffnen sie ihre Mäntel und Jacken und fassen sie mit spitzen Fingern der linken Hand ihre Pistolen an. Der Schwarze macht das Fenster auf. Keine hastigen Bewegungen, sonst stirbt einer. Werfen sie jetzt ihre Waffen nach draußen auf den Rasen.<<

Dr. Simon und Houston tun, was ihnen befohlen wird und drehen sich wieder um.

>>Sie haben doch jetzt uns in ihrer Gewalt, lassen sie die Frau Lampert bitte gehen<<, sagt Dr. Simon.

>>Für wie blöde halten sie mich? In wenigen Minuten, hätte ich nicht nur den Sicherheitsdienst vom Haus, sondern auch die Polizei am Hals.<<

>>Finden sie nicht, dass sie total übergeschnappt sind<<, fragt Dr. Simon. Sein Ziel ist es, ein Gespräch am Laufen zu halten.

>>Sie haben ja keine Ahnung! Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich hier, wissen sie, wie man sich fühlt, wenn man Tag für Tag auf euer Kommen wartet? Sie haben doch sicher Handschellen dabei? Der Schwarze soll das zweite Fenster öffnen.<<

Houston öffnet das zweite Fenster und denkt, Hoffentlich verlangt er nicht, dass ich aus dem Fenster springe.

>>Gehen sie zum Fenster<<, bedeutet Ebert der jungen Frau. Diese erhebt sich und stellt sich zitternd zu Houston an die geöffneten Fenster.

>>Nun Schwarzer, streckt ihr eure Arme nach draußen, und du legst ihr und dir die Handschellen an. Zuerst wirfst du die Schlüssel nach draußen.<<

Houston macht das, und fesselt dann sich und die junge Dame ans Fensterkreuz. Ebert hält seine Waffe nun auf Dr. Simon gerichtet.

>>So wie ich euch kenne, habt ihr ein flottes Auto dabei. Sie und ich gehen jetzt zum Wagen und fahren weg. Ziehen sie ihren Mantel aus. Halten sie ihn nun mit beiden Händen fest.<<

Vorsichtig, ohne Dr. Simon aus den Augen zu lassen, öffnet Ebert einen Kleiderschrank, nimmt einen Mantel heraus und legt ihn sich über den Arm um damit die Pistole zu verdecken.

>>Kommen sie, wir gehen. Machen sie bloß keine Dummheiten, ich schieße sofort. Sie wären nicht der Erste, den ich umlege.<<

Dr. Simon vom BKA, und Anton Ebert verlassen den Raum. Für Houston der mit der freien Hand sein Funktelefon aus dem Mantel holt, werden sie erst wieder sichtbar, als sie gemeinsam zum Parkplatz laufen. Houston sieht noch, wie sie in den schnellen schwarzen Mercedes des BKA-Mannes einsteigen und losfahren. Houston, der nicht glaubt, dass es Sinn macht zuerst den Sicherheitsdienst des Hauses anzurufen, wählt gleich die Nummer von Bruns Funktelefon. Dort meldet sich die Mailbox. Er ruft im Büro an, dort meldet sich die Staatsanwältin. Houston schildert schnell, was geschehen ist. Rosa Gold begreift schnell und legt das Gespräch auf das Telefon von Harald Bloch. Sekunden vergehen, bis Bruns am Telefon ist. Houston schildert alles noch einmal. Bruns hört ruhig zu, ohne Houston zu unterbrechen.

>>Kommst du allein zurecht, kannst du irgendwie die Handschellen loswerden?<<

>>Mach dir um mich keine Sorgen<<, sagt Houston.

>>Wie ist die Nummer von eurem Sicherheitsdienst?<< will er von der jungen Dame, an der er gefesselt ist wissen. Der fällt die Nummer nicht ein. Die Bürotür öffnet sich, und ein Mann mit einem Aktenkarren kommt herein.

>>Was ist denn hier los?<< fragt er.

>>Frag nicht so blöde, Hannes, ruf lieber den Sicherheitsdienst<<, faucht Frau Lampert.

Der Sicherheitsdienst erscheint nach etwa zehn Minuten. Gerade, als Houston sagt: >>Die haben es überhaupt nicht eilig.<<

Es dauert weitere fünfundzwanzig Minuten, bis einer der Sicherheitsleute mit einem Bolzenschneider wiederkommt. Schlüssel für die Handschellen hatte man nicht gehabt und draußen auf dem Rasen keine gefunden. Mit dem Sicherheitsdienst und dem Bolzenschneider erscheinen vier Beamte der Ludwigshafener Polizei. Sekunden danach, werden der jungen Frau und Houston die Handschellen abgenommen. Frau Lampert wird in einen Raum gebracht, wo sie vom Werksarzt untersucht wird.

>>Habt ihr einen Hubschrauber?<< fragt Houston seine Kollegen aus Ludwigshafen.

>>Die Autobahnpolizei<<, antwortet einer der Beamten. Houstons Funktelefon klingelt. Es ist Bruns, der anruft und fragt: >>Wie geht es dir mein Junge?<<

>>Danke, gut.<<

>>Die Großfahndung ist raus. Ein Hubschrauber fliegt die Autobahn in Richtung Ludwigshafen ab. Ein anderer fliegt von Karlsruhe kommend in deine Richtung. Von Nürnberg, Stuttgart und ein paar anderen Autobahnpolizeistationen aus sind ebenfalls Hubschrauber aufgestiegen um sich an der Suche zu beteiligen. Ich musste in Wiesbaden anrufen, oder hättest du das Kennzeichen von Simons Wagen gewusst?<<

>>Nein. Bruno, was ich jetzt sage, ist nur so ein Gedanke. Was ist, wenn Ebert nach München will?<<

>>Wie kommst du darauf?<<

>>Denk selber darüber nach.<<

>>Na gut, werd drüber nachdenken.<<

>>Aber nicht zu lange. Bruno, sag mal, wie komme ich hier weg?<<

>>Zunächst einmal kommen sie mit uns, wir müssen das hier zu Papier bringen. Und wenn einer der Hubschrauber aus Frankfurt in der Nähe ist, kann der sie mit zurücknehmen<<, sagt der Einsatzleiter der Ludwigshafener Polizei.

>>Hast du gehört, Bruno?<<

>>Ja, hab ich. Wir sehen uns am Abend in Frankfurt.<<

>>Schön, bis dann<<, sagt Houston und beendet das Gespräch.



Anton Ebert sitzt hinter Dr. Simon auf dem Rücksitz. Dr. Simon fährt auf Anweisung von Ebert auf der A6, Heilbronn hinter sich lassend. Ebert hat sich eine Straßenkarte geben lassen, die er auf der Rückbank ausbreitet und studiert.

>>Fahren sie Kupferzell ab in Richtung Schwäbisch Hall.<<

Dr. Simon fährt, die Kocher mal links, dann wieder rechts in Richtung Aalen. Von dort nach Nördlingen und weiter nach Donauwörth, wo sie auf die Donau treffen. Von Donauwörth aus muss Dr. Simon nach Neuburg an der Donau fahren. Von hier aus geht es weiter Richtung Manching. Vor dem Autobahnkreuz Manching wird Dr. Simon von Ebert angewiesen die Bedarfsumleitung in Richtung Neufahrn zu nehmen. Dann geht die Fahrt weiter nach Oberschleißheim. Inzwischen fährt Dr. Simon mit eingeschalteten Scheinwerfern. In der Nähe von Oberschleißheim erhält er die Anweisung die Bundesstraße zu verlassen und in einen Feldweg einzubiegen.

>>So, hier ist Endstation, ab hier gehe ich alleine weiter. Steigen sie aus.<<

>>Ich denke nicht daran. Wenn sie mich erschießen wollen, dann tun sie es im Auto, so sterbe ich wenigstens im Trockenen.<< Es hatte zu nieseln begonnen. >>Ach und einen recht schönen Gruß an Gutzeit...<<

>>Gutzeit, woher kennen sie Gutzeit?<< will Ebert wissen.

>>Wir sind euch dicht auf den Fersen. Dachten sie, wir schlafen?<<

Anton Ebert schießt durch die Kopfstütze, ein weiteres Mal schießt er durch die Rückenlehne vom Fahrersitz. Dr. Simon sackt in seinem Sitz zusammen. Anton Ebert langt von hinten an Dr. Simon vorbei nach dem Zündschlüssel und stellt den Motor ab. Den Lichtschalter erreicht er nicht. Ebert steigt aus und öffnet die Fahrertür. Nun schaltet er die Scheinwerfer aus. Er wirft noch einen Blick auf den blutüberströmten Dr. Simon und schlägt die Tür zu. Anton Ebert zieht seinen Mantel an und verlässt den Tatort.

Dr. Simon ist schwer verletzt, doch er ist nicht tot. Der erste Schuss von Anton Ebert wurde durch in der Kopfstütze befindliches Metall geringfügig abgelenkt und hat ihm das rechte Ohr weggerissen. Schlimmer ist die Verletzung durch den Schuss in den Rücken. Dr. Simon ist nur kurze Zeit bewusstlos. Als er erwacht, stellt er fest, dass er alleine ist. Mit Mühe kann er die rechte Hand benutzen um den Rückspiegel auf sein Gesicht zu richten. Er sieht die Verletzung am Kopf und er sieht viel Blut. Er merkt, dass seine ganze linke Körperhälfte sich taub anfühlt. Er sieht an sich herunter und kann sehen, dass er im eigenen Blut sitzt.

Wenn ich nicht bald Hilfe bekomme, denkt er, dann verblute ich. Im Mantel ist mein Funktelefon. Mit der rechten Hand zieht er vom Beifahrersitz den Mantel zu sich in den Schoß. Er findet das Telefon und stellt zufrieden fest, dass es ausgeschaltet ist.

Dann können die Akkus auch nicht leer sein. Der Ebert ist ein Trottel, der hat weder Houston noch mich auf ein Funktelefon durchsucht. Vielleicht sollte ich ihm dafür dankbar sein ... Nein, wenn wir uns das nächste Mal treffen, werde ich erst schießen und danach die Fragen stellen, denkt er.

Dr. Simon wählt die Notrufnummer. Mit der rechten Hand hält er das Telefon an sein unverletztes linkes Ohr und er fühlt Tränen der Erleichterung in seine Augen steigen, als die Polizei sich meldet.

>>Helfen sie mir bitte<<, flüstert er, >>ich bin schwer verletzt und befinde mich irgendwo zwischen Oberschleißheim und Dachau auf einem Feldweg, nicht weit von der Straße.<<

>>Okay, Mann. Sie sind verletzt, können sie mir sagen, ob sie in einem kritischen Zustand sind?<<

>>Ja, sehr kritisch. Mein Name ist Dr. Alexander Simon, vom BKA. Nach mir wird bestimmt gesucht.<<

>>Ja, das stimmt. Die Kollegen und ein Rettungswagen sind schon unterwegs zu ihnen. Wegen des Nieselregens können wir keinen Hubschrauber schicken. Halten sie durch und legen sie das Telefon nicht weg. Wissen sie, wo und vielleicht wie schwer verletzt sie sind?<<

>>Der Mann hat mir von hinten in den Kopf geschossen. Schlimmer ist der Rücken, da fühlt sich alles taub an, ich glaub, ich verblute. Ich starte den Motor und schalte das Licht an. Augenblick, mal ...<<

Dr. Simon erreicht mit Mühe den Zündschlüssel und startet den Motor. Mit großer Willenskraft gelingt es ihm noch, das Licht und die Warnblinkanlage einzuschalten, dann wird ihm schwarz vor Augen. Zwanzig Minuten später wird er bewusstlos aufgefunden. Nach der Erstversorgung durch die Rettungssanitäter wird er nach München ins Krankenhaus gebracht. Dreißig Minuten später liegt er auf einem Operationstisch.

Freitag, 31. März

Um zwei Uhr am Morgen, wird Dr. Simon auf die Intensivstation gebracht. Das OP-Team, diskutiert seine schweren Verletzungen noch bei den intensiven Waschungen der müden Glieder. Danach läuft das Team auseinander. Auf Bruns bitten hin, hat die Münchner Polizei dem Krankenhaus eine totale Nachrichtensperre diesen Patienten betreffend auferlegt. Auch wird Dr. Simon unter falschem Namen geführt. Er erhält den Namen Märzweiler. Alle Papiere eines gewissen Dr. Simon hat die Münchner Polizei an sich genommen. Bruns hat von Frankfurt aus lange mit seinen Münchner Kollegen telefoniert. Die haben noch am Abend, als das Gespräch stattfand, ein Fahndungsfoto und eine genaue Täterbeschreibung erhalten. Spät am Abend, erfährt Bruns, dass das Landeskriminalamt Bayern den Fall Ebert an sich gezogen hat. Auch mit denen telefoniert Bruns. Kaum das er im Bett liegt und irgendwann eingeschlafen ist, wird er vom Telefon geweckt. Es ist die Klinik. Der Münchner Kollege hatte dort seine Telefonnummer hinterlassen. Aus München erfährt Bruns, am Morgen um halb drei Uhr von dem Verlauf der Operation. In der Klinik ist man der Meinung, dass der Patient gute Chancen hat zu überleben. Bruns ist erleichtert und er bedankt sich für den Anruf. Er versucht noch einmal in den Schlaf zu kommen.



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