Pursuit

ManfredTadema

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Erster Teil1

Zweiter Teil37

Erster Teil

Masaaki

Das Telefon läutet. Blitzschnell habe ich das Schnurlose in der Hand und die grüne Taste gedrückt. Das Telefon am Ohr, sage ich leise, um Sarah, meine Frau und Jan, meinen Sohn, die auf dem Sofa liegen und schlafen nicht zu wecken: >>van Straaten<<

>>Rick, hier Masaaki, erinnerst du dich an mich?<<

Und ob ich mich erinnere, auch habe ich die Stimme am anderen Ende der Leitung gleich erkannt. Masaaki Herada und ich hatten vor langer Zeit am MIT (Massachussetts Institute of Technology) gearbeitet.

>>Masaaki, schön dich zu hören, wie geht es dir?<< frage ich.

>>Danke, es geht mir gut<<, antwortet er.

>>Ich habe gelesen, du gehörst zur Geschäftsführung von World-med und bist Leiter der Endoskopie-Division?<<

>>Ja, und Direktor von fünf Tochtergesellschaften<<, sagt er.

Nach seinem Abschluss in Maschinenbau an der Universität Waseda, kam er zum MIT. Seit den frühen 80ern arbeitet er an der Entwicklung medizinischer Endoskope bei World-med Corp. Heute hat er eine Schlüsselrolle inne, was das Prognostizieren von Zukunftstrends in der Endoskopie und ihren Anwendungen anbelangt. Masaaki war am MIT dadurch aufgefallen, dass er Tag für Tag bis tief in die Nacht gearbeitet hatte.

>>Was kann ich für dich tun?<< frage ich ihn.

>>Ja, weist du, wir entwickeln ein intelligentes Kapsel-Endoskop, eine Kapsel, die komplett geschluckt wird ...<<

Masaaki spricht hervorragend englisch!

>>Kommt mir irgendwie bekannt vor ...<<

>>Natürlich, du hast dir die Kapsel ja ausgedacht. Ich habe dein Buch auf meinem Schreibtisch liegen. Unser Projekt befindet sich noch im Entwicklungsstadium ... es fällt uns schwer zu glauben, dass ein Kapselendoskop in Deutschland fertiggestellt wurde.<<

>>Tatsächlich?<< sage ich.

>>Es kommt noch schlimmer, auch am Royal London Hospital hat man ein Kapsel-Endoskop eingesetzt und an gesunden Probanden getestet.<<

>>Was ist daran auszusetzen?<< frage ich.

>>Die Kapsel wird angetrieben von der Peristaltik, heißt es. Doch das kann nicht sein, das funktioniert nicht.<<

>>Warum nicht?<<

>>Weißt du, Positionierung und Antriebssystem sind das Problem. Ein physiologischer Antrieb funktioniert nicht, die Kapsel taumelt und ist nicht zu kontrollieren. Wie willst du die Kapsel drehen, ohne Drehkontrolle und Antriebssystem, auf das du von außen Einfluss nehmen kannst?<<

>>Verstehe<<, sage ich.

>>Wir suchen noch nach einer Drehkontrolle, um tote Winkel zu minimieren oder Entnahmen an spezifischen Körperteilen durchführen zu können.<<

>>Habt ihr schon einen Prototypen?<<

>>Wir Japaner sind Perfektionisten, das weist du doch. Wir beschäftigen uns derzeit mit der Stromversorgung. Dort liegt auch der Schlüssel zur Drehkontrolle. Wir wollen noch keine Ergebnisse zeigen.<<

>>Das beantwortet meine Frage nicht<<, werfe ich ihm vor.

>>Nein, ich würde unsere Kapsel immer noch als Entwurf bezeichnen. Bis zu unserem Ziel, einer multifunktionalen intelligenten Kapsel bedarf es noch mindestens fünf Jahre Arbeit. Wir haben Freiwillige aus dem Team die Kapsel schlucken lassen, um ihren Weg durch Magen und Darm zu verfolgen.<<

>>Was ist schief gelaufen? Komm auf den Punkt<<, bitte ich.

>>Ein Mitarbeiter ist verschwunden.<<

>>Und der hat so ein Ding im Darm ...<<

>>So ist es!<<

>>Und weiter ...<<

>>Der Mann ist weg, wie vom Erdboden verschluckt.<<

>>Was in Japan leicht passieren kann.<<

>>Leider habe ich einen schlimmen Verdacht ...<<

>>Was denkst du?<<

>>Ich denke, er wurde entführt. Es ist doch eigenartig, dass ein Jahr nach seinem verschwinden, die Deutschen ein Kapselendoskop vorstellen wollen, und sie in London bereits eingesetzt wird.<<

>>Hast du gesagt, seit einem Jahr ist dein Mitarbeiter verschwunden?<<

>>Ja ...<<

>>Hmm, ... sag was du von mir willst, du rufst ja nicht an um mir eine traurige Geschichte zu erzählen<<, sage ich.

>>Nein, ich möchte dich bitten nach Japan zu kommen um für uns Nachforschungen anzustellen.<<

>>Warum gerade ich?<<

>>Hast du keine Zeit?<<

>>Ja, schon ... Wie hast du dir alles weitere vorgestellt?<<

>>Du kommst her, natürlich als mein Gast. Ich stell dich meinen Mitarbeitern vor, du kannst Vorträge halten, Fragen stellen, tun was immer du willst. Wenn nichts dabei herauskommt, dann fliegst du nach Europa zurück und versuchst dein Glück dort.<<

>>He, ich soll für dich Industriespionage betreiben?<<

>>Natürlich nicht ... Du sollst herausfinden wo mein Mitarbeiter abgeblieben ist. Wenn du nebenbei herausfindest, wer uns ausspioniert, bekommst du ein Erfolgshonorar. Reisekosten, Kost und Logis, Auto und Kommunikation übernehmen wir. Nenn mir dein Tageshonorar ...<<

>>So weit sind wir noch nicht ... Wie viel habt ihr bis jetzt in das Projekt investiert?<<

>>Viel!<<

>>Mmh ... Masaaki, ich rede mit meiner Frau. Ich kann dir nichts versprechen. Gib mir drei Tage Zeit, ich melde mich bei dir.<<

Masaaki nennt mir seine Telefonnummer und E-Mailadresse. Danach beenden wir unser Telefonat. Ich sehe zu Sarah hinüber und stelle fest, dass sie nicht mehr schläft, sondern zuhörte.

>>Das war Masaaki, ein alter Freund<<, sage ich.

>>Und was wollte der<<, fragt sie.

>>Er möchte, dass ich nach Tokyo komme und nach einer Kapsel suche.<<

>>Warum du, haben die in Tokyo keine Polizei?<<

*

Sarah will wissen, was es mit der Kapsel auf sich hat. Ich könnte ihr mein Buch in die Hand geben und sagen: da, lies. Sie würde es nicht tun; Sarah liest nicht gern. Meine Sarah malt lieber und sie malt verdammt gut. Von dem Stoff, den ich in meine Bücher packe bekommt sie dennoch so einiges mit, weil sie mich vorlesen lässt. Es ist nicht so, dass sie sich für meine Arbeit nicht interessiert, im Gegenteil!

>>Also, für Magen- und Darmspiegelungen mussten Kranke bisher einen dicken Schlauch schlucken. Diese unangenehme Prozedur soll künftig durch ein Kapsel-Endoskop ersetzt werden. Die Kapsel enthält Kamera, Lampe, einen Sender und noch einiges mehr. Der Sender schickt Aufnahmen an einen Rekorder, den der Patient wie einen Walkman mit sich trägt. Während die Kapsel durch den Körper wandert, sendet die Kamera Bilder von Magen und Darm. Diese können dann vom Facharzt ausgewertet werden. Das ist alles.<<

>>Ich glaube, man ist bald so weit, so ein Ding auch zum Kind im Mutterleib zu schicken, um, was weiß ich alles mit ihm anzustellen<<, sagt Sarah.

>>Grüße bestellen vom Papa, zum Beispiel ... Nein im Ernst, Patienten die sich einer Endoskopie unterziehen müssen, sind meist wenig begeistert von der Untersuchung. Deine Bemerkung halte ich für leicht übertrieben, aber nicht für abwegig. Ein japanischer Hersteller hat eine Mikromaschine entwickelt, die durch die kleinsten menschlichen Blutäderchen flitzt. Sie soll zur Zerstörung von lebensbedrohenden Blutgerinseln dienen. Chirurgen warten auf das Gerät, denn es kann künftig genau dort arbeiten, wo lokal ein Problem auftritt. Anders als bei herkömmlichen chirurgischen Eingriffen wird kein gesundes Gewebe mehr zerstört. Ich bin Nanotechnologe, und seit langem prophezeie ich, dass künftig winzige Maschinen durch unseren Körper rasen und Krankheiten an Ort und Stelle bekämpfen werden. Dem Amerikaner Ross Kelly ist es im letzten Sommer gelungen, einen molekularen Motor aus nur 78 Atomen zu basteln. Und selbst an noch kleineren Geräten wird gearbeitet.<<

>>Was gedenkst du zu tun, wirst du hinfliegen?<<

>>Ich habe mir Bedenkzeit erbeten, du hast es doch gehört?<<

>>Ja, hab ich.<<

>>Ihr kommt natürlich mit.<<

>>Es ist für dich schon eine beschlossene Sache?<<

>>Nein, ist es nicht. Drei Tage haben wir Zeit darüber nachzudenken.<<

>>Möchtest du gern nach Japan?<<

>>Ja.<<

>>In Japan sind andauernd Erdbeben ...<<

>>Sarah, hör auf. Drei Tage, ... nicht heute.<<

>>Ärgerst du dich?<<

>>Nein ...<<

>>Lügner ...<<

Nun muss ich grinsen. Ich nehme vorsichtig ihr Gesicht in beide Hände, und küsse zärtlich ihren Mund. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Jan, unser Sohn, mich misstrauisch ansieht.

>>Du weckst den Kleinen<<, sagt Sarah prompt.

>>Der ist wach.<<

>>Nein?<<

>>Doch!<<

>>Dann lass mich mal ...<<

>>Was?<<

>>Ihn wickeln, danach gehen wir ins Dorf, Farbe kaufen.<<

>>Ich komme mit.<<

>>Fein!<<

>>War das schon alles?<<

>>Neee, ... ich liebe dich.<<

>>Das wollt ich hören.<<

Das wollte ich wirklich hören, und dabei in ihre Augen sehen, denn, wenn Sarah sagt: Ich liebe Dich, dann ist ein ganz besonderer Glanz in ihren Augen und ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie meint was sie sagt.

>>Ich liebe dich auch<<, sage ich und küsse noch einmal ihren wundervollen Mund. Erst danach erhebe ich mich.

*

>>Japan, oder Nippon setzt sich aus vier Hauptinseln zusammen: Hokkaido, Honshu, Shikoku und Kyushu, siehst du?<< frage ich.

>>Ja<<, sagt Sarah.

>>Dazu kommen noch dreitausend kleinere Insel. Japan zieht sich in einem lang gestreckten Bogen über mehr als zweieinhalbtausend Kilometer hin, das sind schätzungsweise zweiundzwanzig Breitengrade von Sachalin im Norden bis Taiwan im Südwesten.<<

>>Warst du schon mal dort?<< will Sarah von mir wissen.

>>Nein ... warum?<< frage ich und blättere in dem großen Atlas.

>>Woher weißt du denn das alles?<<

>>Ich habe mich schlau gemacht, solange du in der Küche warst.<<

>>Aha, na dann mach weiter.<<

>>Die japanischen Inseln sind weiter nichts als Gebirgsketten, die aus dem Meer herausragen. Der eine erstreckt sich von Norden über Sachalin, Hokkaido und Nordhonshu nach Süden bis auf die Höhe von Tokyo, während der andere von Westen über Taiwan, die Ryukyus und Kyushu bis nach Zentralhonshu reicht ...<<

>>Und dort, wo sich die Gebirge treffen, im Zentrum der Hauptinsel, ist ein Grabenbruch, siehst du? Ich wette, dass dort die schlimmen Erdbeben stattfinden<<, sagt Sarah, und deutet auf die Stelle.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

>>Grins nicht so, denk an die vielen Menschen die dort immer wieder zu Tode kommen ...<<

Sogleich bin ich wieder ernst. Sie hat ja recht.

>>Nun übertreib mal nicht. Diesen Grabenbruch nennt man übrigens die „Fossa Magna“, er trennt den Nordosten vom südwestlichen Japan. In diesem Grabenbruch ist die Vulkantätigkeit besonders lebhaft, denke ich. Das scheinen auch die vielen heißen Quellen und die Existenz des Fuji-san dort zu beweisen. Eine zweite Ursache für die Bebenanfälligkeit scheint mir der große Tiefseegraben im Pazifik zu sein.<<

Ich zeige Sarah den Graben auf der Karte. Nur wenige Kilometer östlich von Tokyo sinkt der Meeresboden steil ab und erreicht nach zweihundert Kilometern im Japangraben eine Tiefe von neuntausend Meter. Der schmale Landsockel, auf dem die Oberfläche der japanischen Hauptinsel ruht, kann bei tektonischen Beben, von denen in Japan pro Jahr mehr als eintausend zu spüren sein sollen, keine große Stabilität bieten. Der Druck der gewaltigen Gebirgsmassen auf den nach Osten steil abfallenden Sockel verstärkt die Bebenempfindlichkeit des Landes noch und bedeutet eine ständige Gefahr für die stark besiedelte Ostküste.

>>Wie reist man eigentlich in Japan ein, hast du eine Ahnung wie das geht?<<

>>Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Warte mal<<, sage ich. Vom Schreibtisch hole ich mein Notebook und starte ihn. Als das System geladen ist, lade ich einen Internetbrowser.

Was ich Sarah zeigen will, ist im Speicher. Ich sage: >>Sieh her, da heißt es, dass man ohne Visum für einen Zeitraum von neunzig Tagen als Tourist, zum Besuch von Bekannten oder Verwandten, zur Teilnahme an Veranstaltungen, zu Geschäftskontakten oder ähnlichen Aktivitäten einreisen kann. Dieses Visum kann einmalig um weitere neunzig Tage verlängert werden. Eine zweite Verlängerung ist nicht möglich.<<

>>Man braucht eine Certification of Eglibility, was ist denn das?<< fragt Sarah.

>>Eine CeO wird in der Regel von der der Firma oder der Einrichtung, an der man tätig werden will beantragt. Das Immigration Office bestätigt dann den Grund für den Aufenthalt. Mit dem CeO erhält man binnen kürzester Zeit bei einer Botschaft oder einem Konsulat das Visum<<, lese ich vor.

>>Man braucht einen Bürgen. Die sind aber vorsichtig, wer bürgt denn für uns?<<

>>Das wird Masaaki regeln <<, sage ich.

>>Möchte man während des Aufenthaltes andere Aktivitäten ausführen, als durch das Visum erlaubt, muss man eine zusätzliche Erlaubnis einholen oder ein neues Visum beantragen. Herr-je, ist das kompliziert.<< sagt Sarah.

>>Wenn ich an meine erste Einreise in die USA denke, dann war das auch nicht einfach<<, sage ich.

>>Es gehört sich nicht, in der Öffentlichkeit ein Taschentuch zu benutzen ... Die spinnen ja ... Lautstark die Nase hochzuziehen dagegen, lässt jeden wissen, das man alles unter Kontrolle hat ... Das ist ja tierisch, igitt. Wenn man in Gesellschaft einen Furz lässt, dann jubeln die und sagen: Ah, Lefax, oder was meinst du?<<

Ich habe dazu keine Meinung, ich bin sprachlos.

>>Komm Rick, mach das Ding aus und lass uns ins Bett gehen.<<

Womit ich sehr einverstanden bin. Ich ahne, wir werden guten Sex haben.

*

Drei Monate sind seit dem Anruf von Masaaki Herada vergangen. Wir sitzen in einem Raumschiff von Auto, um zu dem eigens für uns angemieteten Haus zu fahren.

Wir sind vor einer halben Stunde gelandet. Die Begrüßung durch Masaaki war herzlich. Unser Visum wurde geprüft, und Masaaki hatte bei jedem Stempel der in unsere Pässe hinein gehauen wurde zufrieden gegrunzt.

Nach nur wenigen Minuten Autofahrt, habe ich die Orientierung verloren. Ich würde nie mehr ohne Hilfe zum Flughafen zurückfinden. Panik fällt mich an. Wohl ein wenig verzweifelt sehe ich Masaaki an, der aber nickt mir freundlich zu.

Wir sind außerhalb Tokios als der Wagen anhält. Ich nehme den schlafenden Jungen und lege seinen Kopf an meine Schulter. Der Fahrer lädt unser Gepäck und Jans Sportwagen aus. Masaaki gibt Zeichen und wir folgen ihm.

Das Haus ist stabil gebaut, zumindest sehe ich von außen stabile Balken. Das wird Sarah beruhigen, denke ich. Sie glaubt nämlich, dass man nur kräftig pusten muss und ein japanisches Haus fällt um.

Wenn Sie ein japanisches Haus betreten, sollten Sie die Schuhe immer gleich am Eingang ausziehen. Üblicherweise stehen Pantoffeln für die Wohnung bereit, hatten wir gelesen. Es ist so! Wir sehen zu, wie Masaaki vor dem Eingang seine Schuhe auszieht und in Pantoffeln schlüpft, natürlich ohne uns den Rücken zu zeigen, denn das wäre unhöflich. Er gibt uns mit einem freundlichen Lächeln zu verstehen, es ihm gleich zu tun. Dann betreten wir das Haus.

Bevor wir in einen traditionellen Tatamiraum eintreten, müssen wir die Pantoffeln ausziehen. Tatamimatten werden nur barfuß oder in Strümpfen betreten. Masaaki öffnet eine fusuma, eine japanische Schiebetür und wir betreten den Raum. Dort sehen wir einen kleinen Tisch und Kissen, worauf man sich hinsetzt. Wie war das noch? Man sitzt auf der tatami, dieser Reismatte an einem flachen Tisch auf einem Kissen. Ursprünglich wurde dabei immer auf den angehockten Beinen gesessen, was die japanische Dame auch heute noch tut. Nur dem Herrn wird es nachgesehen, wenn er im Schneidersitz hockt oder die Beine heimlich unter dem Tisch ausstreckt. Es gilt als Beleidigung, wenn man seine Beine in Richtung einer anderen Person ausstreckt. Wenn man sich in Japan aufhält hört man früher oder später: Trete nie auf den Rand der Tatami. Wenn man nach dem Grund fragt, erhält man selten eine Antwort.

Nur keinen Fehler machen, denke ich.

Wir sitzen am Boden. Masaaki klatscht in die Hände. Die Schiebetür öffnet sich, und eine junges Mädchen bringt eine Teezeremonieausrüstung. Während ich mich frage, ob auch der Bambuspinsel für die Zubereitung von Tee benötigt wird, beginnt Masaaki mit der Zeremonie. Er bedeutet dem Mädchen zu bleiben.

Die Teezeremonie ist die traditionelle Weise, in der ein Gastgeber seinen Gästen Tee zubereitet und serviert. Sie hat ihren Ursprung im 16. Jahrhundert und wurde stark vom Zen Buddhismus beeinflusst. Heutzutage ist die Teezeremonie nur noch ein beliebtes Hobby. Viele Japaner, die sich für ihre Kultur interessieren, nehmen Teezeremonie-Lektionen bei einem Lehrer. Die Zeremonien werden in traditionellen, japanischen Räumen, in Kulturzentren oder Privathäusern durchgeführt. Die Zeremonie selbst besteht aus vielen Ritualen, die alle auswendig gelernt werden müssen. Fast jede Handbewegung ist vorgeschrieben. Grundsätzlich bereitet der Gastgeber den Tee vor. Der Tee ist bitterer, grüner Machatee aus zerriebenen Teeblättern.

Mir schlafen die Füße ein, ich stöhne.

>>Rick verzeih, ihr seit es nicht gewohnt so zu sitzen, setzt euch bequem hin. Bitte, sie auch Frau van Straaten.<<

Längeres Sitzen in japanischem Stil kann für Ungeübte schnell unangenehm werden. Von Ausländern wird es daher auch nicht erwartet.



Wir haben die lange Reise gut überstanden, wir überstehen auch die Teezeremonie. Masaaki verabschiedet sich, wir werden uns in seinem Büro wiedersehen. Das junge Mädchen bleibt bei uns. Ich gehe in den Garten, finde eine Liege und lege mich hinein.



Sarah hat den krähenden Kleinen geschnappt und sich von dem Mädchen das Bad zeigen lassen. Das Badezimmer besteht aus zwei Räumen: einem ersten Raum mit Lavabo und dem eigentlichen Badezimmer mit Dusche und einer tiefen Wanne. Schnell ist der Kleine ausgezogen und gereinigt. Sarah lässt ihn zu Boden, wo er vergnügt eine Erkundungstour beginnt. Schnell ist auch Sarah ausgezogen und nackt. Das Mädchen nimmt ihre Reisekleidung. Sarah will Badewasser in die Wanne einlassen, doch das Mädchen sagt zu ihr in deutscher Sprache: >>Sie müssen zuerst duschen und sich mit Seife reinigen. Die Wanne ist nur zur Entspannung da.<<

Gehorsam geht Sarah zu allererst unter die Dusche. Das Mädchen füllt derweil die Wanne und beschäftigt sich mit Jan.

Die erneute Zeremonie, diesmal im Bad, wird ein Erfolg, Sarah erzählt mir später, wie sie mit dem Kleinen gebadet hat. Als ich endlich ins Bad kann um zu duschen, begleitet mich das hübsche Hausmädchen nicht, stattdessen zeigt sie Sarah die anderen Räume und schließlich müssen sie wohl in der Küche gelandet sein, denn Kochdünste breiten sich aus als ich das Bad verlasse um meinen Koffer zu suchen.



Sarah stellt fest, dass das Hausmädchen ausserordentlich gut deutsch spricht und ist wie ausgewechselt. Sie hatte alle Zurückhaltung abgelegt und das Mädchen ausgefragt. Sie kannte nun ihren Namen, Raika Ota, und dass das Mädchen vier europäische Sprachen fließend sprach wusste sie nun auch. Raika war gebeten worden, uns das Leben in Tokyo, so angenehm wie möglich zu machen. Außerdem gehört sie zur Familie Herada, war also mit Masaaki verwandt. Es sollte nicht lange dauern, und Sarah hatte für den Anschluss an unsere kleine Familie gesorgt, zu der ja nicht nur der kleine Jan, sondern auch Veronique die Tochter meines ermordeten Bruders gehört. Ich möchte noch erwähnen, dass das Haus in dem wir die nächste Zeit wohnen werden bis auf das Bad und dem Tatamiraum westlich eingerichtet ist. Wir werden Gottseidank in richtigen Betten schlafen.

Nach dem Essen gehen wir in den Garten und Raika erklärt uns die verschiedenen Pflanzen- und Blumenarten.

Unser Anreisetag geht zu Ende. Ich wusste nicht, dass Raika bei uns wohnen wird. Auf meine Frage, ob sie nicht wie alle jungen Leute am Abend in die Disco oder Eisdiele geht erhalte ich keine Antwort. Sie lächelt nur süß mit ihrem Honigmund.



Am nächsten Morgen schickt uns Masaaki Herada einen Wagen. Wir werden in die Firma gefahren, aber nur ich steige aus. Sarah und mein Kleiner werden mir von Raika entführt. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass in Japan Linksverkehr herrscht, und das Lenkrad befindet sich somit rechts im Auto. Beim fahren von Gäste werden auch Regeln beachtet: Rücksitze gelten als besser, wobei der Sitz hinter dem Fahrer als der Beste gilt.



So oft wie heute, werde ich mich nie mehr verbeugen. Die japanische Art sich zu Grüßen ist nun einmal die Verbeugung. Die Weise, auf die sich jemand zu verbeugen hat, hängt vom sozialen Status seines Gegenübers ab. Eine tiefere und längere Verbeugung ist gegenüber einem Lehrer, Vorgesetzten oder einer ältere Person angebracht. Wird auf einem Tatamiboden gegrüßt, begeben sich die Anwesenden zum Verbeugen auf die Knie. Die Verbeugung hat in Japan nicht nur die Funktion des Grüßens, sondern auch diejenige des Bedankens und Entschuldigens. Japaner schütteln sich zum Gruß die Hände eigentlich nie. Ausländern hingegen wird oft die Hand gegeben. Mir bleibt das Händeschütteln weitestgehend erspart. An diesem Tag sollte ich viel über die Sprache und ihre Höflichkeitsstufen lernen. Es gibt derer drei: Die umgangssprachlich, die neutral-höfliche und die sehr höfliche ehrende Stufe, Keigo. Die Japaner selbst brauchen viel Übung, um sich in formellen Situationen korrekt auszudrücken. Wie gesagt, ich konnte viel lernen und bewundere die Japaner nun um so mehr. Die Sprache selbst wollte ich nie lernen - niemals.

Im Allgemeinen sind Japaner gut erzogen. Das brutale Hochziehen der Nase stört mich aber ungemein. Dieser Brauch ist ekelhaft, auf der anderen Seite ist das Geräusch, dass beim Naseputzen aufkommt, nicht gerade besser (in Japan sieht man das Naseputzen nicht). Interessanterweise ist es nicht vom Status abhängig. Der Chef, Angestellte und Arbeiter, fein gekleidete weibliche Mitarbeiterinnen ziehen gleichermaßen hoch. Wenn man es sich als Ausländer jedoch so richtig verscherzen möchte, muss man nur laut seine Nase beim Essen putzen. Ich vermeide alles, womit ich auffallen könnte, auch bei Tisch. In der Kantine stelle ich fest, manche Essgewohnheiten sind ebenfalls gewöhnungsbedürftig. In Japan wird es nicht als unhöflich angesehen, wenn man beim Essen von Suppen schlürft, mit vollem Mund zu reden scheint auch niemanden zu stören, mich eigentlich auch nicht. Schlürfen schon.



Bin ich froh, als meine Sarah, mit Jan und Raika im Schlepptau zu mir geführt werden. Wir bleiben nicht mehr lange in der Firma. Man stellt uns einen Van mit Fahrer zur Verfügung. Der Fahrer trägt meinen Aktenkoffer und mein Notebook zum Auto, ich meinen heiß geliebten kleinen Jungen. Zu Hause angekommen, gehe ich an den Kühlschrank, öffne eine Dose Bier und trinke genüsslich.

>>Wir haben schwarzen Tee und Kaffee eingekauft. Ich habe sogar eine Flasche Rotwein für dich aufgetrieben<<, sagt Sarah.

>>Danke, Liebes. Wenn ich nicht gebraucht werde, gehe ich in den Garten, und sehe mir die Unterlagen an, die Masaaki mir mitgegeben hat. Ist dir doch recht, oder?<<

>>Geh nur, ich muss mich eh um Jan kümmern<<, sagt Sarah.

*

In den folgenden zehn Tagen bin ich überwiegend in den Laboren der Firma zu finden gewesen. Man hatte sich an meine Anwesenheit gewöhnt, und ließ mich durch jedes Mikroskop sehen. Auf meine Meinung schien man großen Wert zu legen. Ich bin mir aber sicher, die Techniker waren nur höflich.

Ich lernte das Unternehmen als Netzwerk von Verbindungen mit flachen Hirarchien kennen, die dazu führen, Entwicklungen zu beschleunigen und den Service zu verbessern. Das gilt auch für die Tochtergesellschaften in Singapur und Silicon Valley.

An fünf Tagen hielt ich Vorträge. Einen im Zentrum für Spitzentechnologie am Utsugi Technology Research Institut, im Tokioter Museum der Wissenschaften, im hauseigenen Life-science Technology Research Center, am DNA Research Institut und vor Studenten der Universität Tokio.



Der verschwundene Mitarbeiter Masaaki's hat inzwischen einen Namen, Michio Morimoto war sein Name, und er war Ingenieur. Michio hat einen Bruder, Mitsuaki Morimoto, der sich an der Tokioter Universität näherte und sich mir vorstellte. Von ihm war ich in sein Elternhaus eingeladen worden. Eben dieser Mitsuaki Morimoto wünscht mich zu sprechen. Ich bitte Raika ihn zu mir in den Garten zu führen.

>>Mr. Morimoto, wie schön, dass sie mich besuchen kommen<<, sage ich. Wir geben uns in abendländischer Manier die Hand und ich biete ihm an, sich zu mir zu setzen, was eine Verbeugung zur Folge hat.

Wenn sich in Japan jemand verbeugt, verbeuge dich ebenfalls, hatte ich gelernt! Also verbeuge auch ich mich.

>>Atsui desu ne? (heiß - nicht wahr?)<<, sagt Mitsuaki Morimoto bevor er sich setzt.

>>Ja, sehr heiß<<, antworte ich und biete eiskalte Limonade an.

>>Mr. van Straaten, Sir, meine Eltern schicken mich ...<<

>>Ja, warum denn?<<

>>Sie schämen sich, nicht die Wahrheit gesagt zu haben und bitten um Vergebung ...<<

Ich sehe Mitsuaki Morimoto fragend an.

>>Wir wissen sehr wohl was geschehen ist ...<<

>>Erzählen sie<<, fordere ich ihn auf.

Mitsuaki Morimoto berichtet mir was mit seinem Bruder geschah, und wie sie ihn überhaupt gefunden hatten.

So endet sein Bericht: >>Wir standen also neben dem geschundenen Leichnam, und leugneten, dass es Michio ist. Er war es, natürlich war er es, doch wir behaupteten das Gegenteil um Schande von der Familie fern zu halten. Wussten wir doch, dass er dem Glücksspiel verfallen war. Er muss mit der Kapsel die er trug geprahlt haben, sie beim Spiel eingesetzt und verloren haben. Sein Leib war geöffnet und seine Innereien entfernt worden. Die Hände hatte man ihm abgehackt, sein Gesicht war zerstört um eine Identifizierung unmöglich zu machen.<<

>>Mein Gott, wie schrecklich, mein Beileid Mitsuaki Morimoto.<<

>>Danke, Sir. Die Wahrheit hätte meiner Familie geschadet, meine Karriere an der Universität beendet. Es war so einfach zu lügen. Erkannt hatten wir ihn an einem Muttermal am Hals, unterhalb vom rechten Ohr.<<

>>Und was geschah danach?<<

>>Nichts, weder die Polizei noch irgendwelche Fremde belästigten uns. Bis, ja bis sie auftauchten. Ich habe ihnen jetzt alles gesagt und möchte sie bitten, nicht mehr zu Fragen.<<

Mir wurde nun so einiges klar. Irgendjemand aus den Labors, den ich nach Michio gefragt hatte, musste Mitsuaki informiert haben. Was sollte ich jetzt antworten? Ich sage: >>Mr. Morimoto, ich danke ihnen für ihre Offenheit. Ich sehe keinen Grund ihre Angaben anzuzweifeln.<<

Merkwürdig, ich beginne mit meinem Gartensessel zu schaukeln.

Ich sehe wie Mitsuaki aus seinem Korbsessel aufspringt, und frage: >>Was ist denn jetzt los?<<

>>Ein Erdbeben<<, sagt er.

Später erfahre ich in den Nachrichten, dass die Erde genau siebenundfünfzig Sekunden bebte, und das mit einem Ausschlag von fünfkommasechs auf der so genannten Richterskala. Bis nach China hinein hatte man das Beben gespürt. Dabei lag das Zentrum des Bebens genau unter meinen Füßen, in zigtausend Metern Tiefe; unvorstellbar.

Sarah mit Jan im Arm und Raika kommen aus dem Haus gerannt. Sarah ist blass um die Nase, und entsetzlich aufgeregt.

>>Raika sagt, das eben war ein Erdbeben?<<

>>Stimmt!<<

>>Hier bleibe ich keinen Tag länger<<, sagt sie.

>>Beruhige dich Sarah, es war nur ein kleines Beben<<, sage ich.

>>Das ist mir egal, wir fliegen wieder nach Hause, sofort!<<

>>Das wird nicht gehen, Sarah. Der Flughafen ist geschlossen<<, flunkere ich und nehme meine beiden Lieblinge in den Arm. >>Meine Mission hier ist beendet, unser Gast hat mir soeben berichtet, dass der Gesuchte tot ist. Es gibt also keinen Grund länger hier zu bleiben. Aber, natürlich muss ich Masaaki noch einmal treffen. Danach fliegen wir heim, versprochen!<<

Mitsuaki Morimoto fährt zwei Stunden später nach Hause. Wir haben den Fernseher auf die Terrasse geholt und erfahren, dass es in Tokio keine ernsten Schäden gegeben hat und sich die Lage zu beruhigen beginnt. Alle Straßen und Autobahnen sind befahrbar, auch die Nahverkehrszüge fahren wieder normal.

Ich bringe Mitsuaki zum Auto und verabschiede mich von ihm. Danach gehe ich zurück, und beginne das Haus auf Schäden zu untersuchen, kann aber keine entdecken. Ich beginne mich zu fragen, ob es wohl noch Nachbeben geben wird. Wieder auf der Terrasse sehe ich im Fernsehen, dass nicht nur ich mich das frage, sondern auch die Tokioter. Tausende richten sich in den Straßen auf eine Nacht im Freien ein.

*

Japan liegt in einer der aktivsten Erdbebenzonen der Welt. Erdbeben, Vulkane und eine große Anzahl an Thermalquellen machen dies besonders deutlich. Kleinere Erdbeben sind in Japan nichts besonderes. In besonders aktiven Phasen können kleine Erdbeben sogar täglich auftreten.

In der Geschichte Japans wurden viele Teile des Landes von schweren Erdbeben getroffen. Das bisher schlimmste Erdbeben traf die Kantoregion um Tokio 1923. Etwa 140000 Menschen starben beim Kanto Erdbeben, Tokio und Yokohama wurden zerstört.

Im Januar 1995 zerstörte ein starkes Erdbeben die Stadt Kobe. Das Hanshin-Beben tötete 5500 und verletzte 415000 Menschen. 100000 Häuser wurden komplett und mehr als 180000 teilweise zerstört. Aufsehen erregte die als erdbebensicher geltende Stadtautobahn, die zusammengebrochen war. Im selben Jahr geschah auch der Saringasanschlag der AUM-Sekte in Tokios U-Bahn. Ich denke, vielen wird es so gehen wie mir: An den Gasanschlag kann ich mich erinnern, an das Erdbeben nicht. ... Doch, an ein Erdbeben erinnere ich mich jetzt wieder. Das Beben geschah in diesem Frühjahr in den Staaten, ich telefonierte zufällig mit Ben in Seattle, als dort die Erde bebte.

Der Mount St. Helens, zuletzt im Mai 1980 aktiv, erscheint vor meinen Augen, als ich sie schließe. Ich sehe mich die North Cascadeshighway, unterhalb der Liberty Bell Mountains entlangfahren und ich sehe die wilden Gräser und Blumen unterm Mount Baker. Wer einmal den Mount Rainier, den Mount Baker, den Mount St. Helens, den Mount Shuksan, die vielen Seen und Dämme sowie den National Park gesehen hat, kehrt immer wieder dort hin zurück. Hier hat der Schöpfer sich richtig Mühe gegeben. Damit die Menschen dort nicht übermütig werden, hat er die Vulkane dort hingepflanzt.

Ben, ein alter Freund hatte das MIT verlassen, um zu Boeing Aircraft in Seattle zu gehen. Dort hatte er es aber nicht lange ausgehalten, er war Fischer geworden. Sein Boot, die Ocean Dancer hatte ich vor fünf Jahren kennen lernen dürfen. Ich war mit ihm hinausgefahren zum fishing.



Tohru Iwago, mein Fahrer und Bodyguard bringt uns zum Tokioter Airport; es geht nach Hause. Tohru wird nachkommen und in London auf mich warten.

London

London hat fünf Flughäfen, die alle relativ einfach vom Stadtzentrum aus zu erreichen sind. Heathrow liegt im Westen. Hier kommen die meisten Linienflüge an. Gatwick liegt südlich der Stadt und wird hauptsächlich von Charterflügen angeflogen. Im Nordosten liegt der neue Flughafen Stansted. Dann sind da noch Luton und der City Airport.

Tohru Iwago holt mich von Heathrow ab; er grunzt und schimpft.

>>Was ist los, Tohru?<< frage ich.

>>Sir<<, sagt er, >>London ist eine grässliche Stadt.<<

>>Fahren wir zum Hotel, ich muss etwas essen, it's Tea-Time <<, sage ich.

Wir fahren zum Melita House, nur dort hatte die World-med, unser Arbeitgeber für uns nebeneinander liegende Zimmer bekommen.

Möchte man eine traditionelle Tea-Time erleben geht man in eines der großen Hotels. Es sei denn, man ist bei Freunden eingeladen. Allerdings ist in den Hotels beim Tea-Time auch eine kleine Mahlzeit enthalten. Meistens besteht diese - typisch englisch - aus Brötchen mit Gurke oder Räucherlachs, Scones, das sind kleine Kuchen und einer Auswahl an Feingebäck. Letztlich gibt es selbstverständlich auch noch eine Auswahl an verschiedenen Tees. Möchte man seinen Tee in einem nicht ganz so formellen Ambiente trinken, dann geht man in eines der großen Kaufhäuser, Brasserien, in eines der Cafes oder Sandwich-Shops. Engländer trinken immer und überall Tee, egal ob er im Plastikbecher oder in einer vornehmen Porzellantasse gereicht wird.

Tohru und ich, lassen uns den Tee im Melita House servieren. Während wir ihn trinken und unser Brötchen essen, telefoniere ich mit Sarah und anschließend mit einem Arzt, den ich von einem früheren Inselbesuch her kenne. Dr. Houtrow ist ein General Practitioner. In Deutschland würde man sagen: ein praktischer Arzt. Er erinnert sich an mich und sagt: >>Der Schriftsteller, nicht war?<< Worauf ich sage: >>Ja, Doc.<< Einen Termin bekomme ich für den nächsten Morgen.

Es wird Zeit, ich bin noch mit David Mooreland, einem Mitarbeiter vom britischen Innlandsgeheimdienst MI5 verabredet. Dazu müssen wir zum Thames Barrier. Zu Tohru sage ich: >>Kommen sie, wir machen noch einen Ausflug. Er wird ihnen gefallen.<<

*

Im Laufe seiner Geschichte wurde London immer wieder von Überschwemmungen durch die Themse heimgesucht. Der Einfluss der Gezeiten, der sich bis zur London Bridge nachweisen lässt, hatte in früheren Zeiten einen positiven Aspekt. Schiffe liefen den Hafen mit der Flut an und ließen sich bei ablaufenden Wasser zurück ins offene Meer treiben.

Nordwinde und das Abschmelzen des Polareises führten in jüngerer Zeit zu bedrohlichem Anstieg der Themse. Überschwemmungen häuften sich und gefährdeten Leben und Existenz von vielen Tausend Menschen. Als bei der bisher größten Hochwasserkatastrophe 1953 über 300 Menschen ertranken, beschloss die Regierung den Bau eines Hochwasserschutzes. Das Problem war damals, dass der Londoner Hafen noch stark genutzt wurde. Als dann die ersten Containerschiffe kamen baute man spezielle Verladedocks in Tilbury, was wiederum dazu führte, dass immer weniger Schiffe die Londoner Docks anliefen. 1974 wurde mit dem Bau der Flutbarriere, dem Thames Barrier begonnen.

Am 8. Mai 1984 wurde die Anlage, die über 500 Millionen Pfund verschlang von Königin Elisabeth II. eingeweiht. Zu dem wurden mehr als 20 km Themseufer östlich der Barrieren mit einem speziellen Wall geschützt. Die Barrieren mit Ihren glänzenden, 1500 Tonnen schweren Stahlschaufeln können besichtigt werden. Die Tore selbst sind der Öffentlichkeit nicht zugängig, man kann sich aber im Thames Barrier Visitor Centre mit Multimedia-Präsentationen und Shows in das Prinzip der Flutschleusen einweihen lassen.

Wir fahren mit dem Schiff zum Barrier. Tohru grunzt wiederholt - vor Vergnügen, hoffe ich. Nörgelnde Menschen sind mir nämlich ein Gräuel.

London liegt etwa 75 km westlich der Mündung der Themse in die Nordsee. Die Themse verläuft quer zur Stadt und wird als Lebensader Londons bezeichnet. In Höhe London Bridge ist der Fluss immer noch 300 Meter breit. Mehr als 65 km Londons - von Ost nach West gesehen - liegen an den beiden Ufern der Themse. Die meisten Sehenswürdigkeiten und Institutionen befinden sich aber auf der Nordseite des Flusses. Die Themse fungiert somit ein wenig als Grenze zwischen Nord- und Südlondon, wobei die nördlichen Stadteile als die prestigeträchtigeren angesehen werden. Nord-Londoner reden auch etwas geringschätzig über jene Leute south of the River.

David Mooreland erwartet mich schon. Er steht vor dem Visitor Centre und liest die Times. Wir begrüßen uns per Handschlag und gehen ins Centre hinein.

>>Wie geht es dir, David?<< frage ich leise.

>>Es könnte mir besser gehen, weißt du? Heute sitze ich fast den ganzen Tag am Computer, bin kaum im Außendienst. Das führt dazu, dass ich schnell alt werde. Nach wenigen Stunden im Büro schmerzen mir die Schultern oder der Rücken derart, dass ich schreien könnte. Du hingegen siehst gut aus, so als kämest du geradewegs vom Golfplatz.<<

>>Für diesen Sport hatte ich nie viel übrig<<, sage ich und grinse.

>>Wer ist das?<< fragt David mich, und deutet auf Tohru.

>>Oh, fast hätte ich vergessen ihn vorzustellen.<<

Ich stelle David Tohru vor und erkläre in knappen Worten, warum Tohru mich begleitet.

>>Mein Vater war im Krieg in japanischer Gefangenschaft. Er mochte die Japaner nicht, er hasste sie und war froh, dass sie ihre Gefangenen nicht mehr lebend kochten.<<

Tohru Iwago schweigt höflich.

>>In deinen Worten liegt Bitterkeit ...Warum hast du mich nie besucht, ich hatte dich doch eingeladen?<<

David sieht mir geradewegs in die Augen, und sagt: >>Rick, erschrick jetzt nicht ... ich habe Krebs!<<

>>David, sag dass das nicht wahr ist<<, sage ich leise, fast flüsternd.

>>Doch, es ist so. Die Ärzte haben bei mir Lungenkrebs diagnostiziert.<<

>>Hast du geraucht?<<

>>Nein, nie!<<

>>Scheiße, das ...<<

>>Kann man wohl sagen. Lass uns von was anderem reden. Ich habe mich was dein Anliegen anbetrifft, ein wenig umgehört. Viel ist es nicht, was ich herausfand. Die Kapsel, die man am Royal London Hospital einsetzt wurde in Irland entwickelt. Hier nimm die Times, im Innenteil findest du Details ... Ich muss hier raus, ich bekomme keine Luft. Lass uns vor die Tür gehen, bitte.<<

>>Kein Problem<<, sage ich, werfe einen letzten Blick auf die Multimedia-Vorführung und gebe Tohru Zeichen voraus zu gehen.

Ich trete als letzter, mit gesenktem Kopf und auf meine Füße achtend vor die Tür und werfe mich als ich Schüsse und hinter mir Glas splittern höre blitzschnell flach auf den Boden.

Eine Frau schreit und will damit gar nicht mehr aufhören.

Keine Schüsse mehr. Ich hebe den Kopf. Das Erste was ich sehe ist, dass Tohru sich die rechte Schulter haltend auf eben diese Frau zugeht und ihr eine kräftige Ohrfeige verpasst. Sogleich ist sie still, und sieht Tohru mit großen Augen an. Dann klappt sie zusammen und wird ohnmächtig. Obwohl Tohru verletzt zu sein scheint, fängt er die Frau auf und legt sie vorsichtig am Boden nieder. Dem fassungslos daneben stehenden Ehemann gibt er zu verstehen, sich gefälligst um seine Frau zu kümmern.

Ich sehe meinen alten und schwer kranken Freund David vor mir am Boden liegen. Auf Knien und ohne auf meine Hosen zu achten, bewege ich mich zu ihm hin. Ich muss ihn umdrehen, denn er liegt auf dem Bauch. David ist schwer verletzt, dass sehe ich sofort. Er lächelt als er mich ansieht. Ich hebe ihn an, und nehme ihn vorsichtig in meinen Schoß. Sanft streichle ich ihm mit der freien Hand über Wangen und Stirn, entferne Haarsträhnen aus seinen Augen.

>>So wollte ich immer sterben, Rick<<, sagt er. Blut strömt aus seinem Mund.

>>Sei still David, nicht reden, es wird bald ein Arzt kommen und ...<<

>>Es ist, ... es ist ... gut so, Rick. Besser so, ... als an diesem ... elenden Krebs zu krepieren, ... glaub mir.<<

Tränen laufen mir über das Gesicht und tropfen dann auf David herunter. Mein Freund wird sterben, ich fühle es. Ich sehe, wie das Leben von ihm weicht.

>>Rick ...<<

>>Ja, David?<<

>>Du ... warst ein guter Freund, ... mein bester ... Freund.<<

David schließt die Augen, Blut läuft nach wie vor aus einen Mundwinkel, er lächelt. Still sitze ich am Boden und halte meinen toten Freund in den Armen. Ich sehe hoch und sehe Tohru und ich sehe in den Himmel. Dunkle Wolken ziehen auf, es wird Regen geben.

>>Sir, ... Sir, würden sie bitte aufstehen ... Sie können nichts mehr tun, er ist tot, Sir.<<

David war kurz untersucht worden, während ich ihn noch hielt.

>>Ich kann nichts mehr für ihn tun, ihn nur noch anständig begraben.<<

Ein letztes Mal ziehe ich David fest an mich, dann gebe ich ihn frei. Ein Rettungssanitäter, vielleicht auch der Notarzt hilft mir hoch. Der Geruch von Blut steigt in meine Nase - Davids Blut. Ich hebe die Times auf und gehe wie im Trance zum Rettungshubschrauber, wo Tohru Iwago medizinisch versorgt wird.

New Scotland Yard

Mit einem Polizeihubschrauber werden wir zur Metropolitan Police, New Scotland Yard gebracht. Tohru und ich sitzen dem Chiefinspector Alan Walsh gegenüber. Seine Assistentin Sergeant Helen Withers telefoniert. Ein Detective Inspector - ich glaube, sein Name ist Clark, Pit Clark lehnt sich an einem anderen Schreibtisch an.

>>Sir, das Video wurde überspielt, möchten sie es sehen?<<

>>Ja, schalten sie bitte den Fernseher ein.<<

Der Chiefinspektor sieht mich an und sagt: >>Sehen sie sich das an. Wie sie sich denken können, wird auch das Barrier Video überwacht.<<

>>Wer ist der Mann, ... IRA?<< frage ich während ich auf den Fernseher starre. Ich sehe wie Tohru und David von Kugeln getroffen werden. Tohru Iwago ist auf die Knie niedergesunken, kann seine Pistole, von der ich nicht wusste dass er sie hat noch ziehen und feuert nun seinerseits auf den Schützen vor sich. Weil Tohru auf die Knie niedergeht, David aber nicht, wird dieser tödlich getroffen. David hatte keine Waffe bei sich.

>>Wer der Mann ist, wissen wir noch nicht<<, sagt der Detective Inspector.

>>Der Schuss, der ihn tötete, war ein Meisterschuss, mitten ins Herz, Herr Iwago<<, sagt der Chiefinspector.

>>Welche Konsequenzen zieht das nach sich?<< will ich wissen.

>>Darüber wird ein Richter entscheiden. Sicher, es war Notwehr. Herr Iwago ist dennoch nicht befugt, in Großbritannien eine Waffe zu tragen.<<

>>Wird er dafür bestraft?<< frage ich.

>>Vielleicht ... Wir haben uns erkundigt, Mooreland war mit keinem Fall betraut, woraus sich schließen lässt, dass der Anschlag ihm galt. Ich denke, er galt ihnen. Nur war der Kerl ein Stümper. Was ist ihre Meinung?<< fragt mich der Chiefinspektor sehr direkt.

>>Einen Moment noch Chiefinspektor. Sergeant Withers, können sie ein Stück zurückspulen und dann noch einmal vor? Da ist noch ein weiterer Mann, der sich recht auffällig benimmt<<, sage ich.

Alle Augen sind auf den Fernseher gerichtet. Nach nur einem Augenblick sage ich: >>Stopp, da ist er. Fällt ihnen auch auf, wie eilig der sich verdrücken will?<<

>>Sie haben recht, aber vielleicht will er nur schnell zu einem Telefon ... Ein Journalist? Könnte doch sein, oder?<< fragt der Chief. Aber, er bittet seinen Sergeanten, das Gesicht scharf zu stellen. Zu mir sagt er: >>Nun, Herr van Straaten, was meinen sie, wem galt der Anschlag?<<

Ich sehe ihn an, lasse mir mit einer Erklärung aber noch Zeit, bewundere stattdessen seinen maßgeschneiderten Anzug. Harrods kommt mir in den Sinn, ein Luxuskaufhaus mit exklusiver Herren- und Damenbekleidung, noch dazu mit exklusivem Service. London ist die Modemetropole schlechthin. Exklusive Designer leben und wirken hier. Ihre neuesten Kollektionen bieten sie in den teuren Geschäften, in der Old Bond Street an, während man in Richtung Oxford Street vermehrt junge Mode findet. Dort oder in der Kensington High Street wird Sergeant Helen Withers sich ihre Klamotten kaufen, vielleicht auch Detective Inspector Pit Clark, den ich zuletzt mustere.

Der Anzug, den ich bewundere, stammt weder aus der Bond Street noch aus der King's Road. Alan Walsh ist Brite bis auf die Knochen. Sein Anzug kommt sicher aus der Saville Row. Von einem Schneider gemacht, der nur die britische upper class bedient. Tradition und Ehre stecken tief in diesem Mann, denke ich.

Es wird Zeit zu antworten. Ich sage: >>Warum sollte mich jemand umbringen wollen?<<

>>Na schön, dann nehmen wir jetzt ein Protokoll auf.<<

*

Tohru Iwago und ich sitzen beim Frühstück. Ich habe mir die Times bringen lassen, und lese einen Erfolgsbericht über den Yard.



... Der Metropolitan Police (New Scotland Yard) gelang gestern ein Schlag gegen einen landesweiten Ring von Kinderpornographie-Produzenten und -Konsumenten ... Der Leiter der Paedophile Unit sagte der Times: "Bilder dieser Art sind Zeugnis des sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung von Kindern - und jeder, der diese Bilder aus dem Netz lädt oder sie weitervertreibt, trägt dazu bei, dass der Kreislauf des Missbrauchs aufrechterhalten bleibt." ...



Der Bericht, über das Geschehen am Barrier, an dem Tohru und ich beteiligt waren, gibt nicht viel her.

>>Ich habe sie schonen wollen<<, sagt eine Stimme hinter mir und ich drehe mich um. Es ist Chiefinspector Alan Walsh.

Ich sage: >>Danke! Setzen sie sich, Chiefinspector.<<

>>Vielen Dank.<<

>>Kaffee?<< frage ich.

>>Ja bitte<<, sagt der Chief und sieht mich durchdringend an.

>>Wann wird Davids Leiche von der Gerichtsmedizin freigegeben?<< will ich wissen.

>>Ich gebe ihnen rechtzeitig Bescheid<<, sagt er.

>>Stimmt doch, dass er keine Angehörigen hat?<<

>>Ja.<<

>>Haben sie den zweiten Mann identifizieren können?<<

>>Nein, aber wir haben ein einigermaßen verwertbares Foto herstellen können. Wie sieht es aus, wollen sie mir jetzt nicht die ganze Geschichte erzählen?<<

>>Ja, das will ich tun<<, sage ich und berichte von Anfang an.



>>Wie haben sie David Mooreland kennen gelernt?<< fragt er mich.

>>Sagt ihnen der Name James Scott etwas?<<

>>Der Schriftsteller?<<

>>Ja der<<, sage ich.

>>Ich habe eines seiner Bücher gelesen. Sind sie mit ihm bekannt?<<

>>Er war mein Freund. Leider ist er ist im Frühjahr gestorben.<<

>>Oh, das wusste ich nicht.<<

>>Macht nichts, jedenfalls habe ich durch ihn David kennengelernt. Das David Mooreland sehr krank war, das wissen sie?<<

>>Nein, woher soll ich das wissen. Ich kannte den Mann doch nicht.<<

>>Von der Gerichtsmedizin, dachte ich. Na, jedenfalls war ich oft mit ihm in den schottischen Highlands unterwegs. Wir haben geangelt und sind zusammen gesegelt. Bis, ja bis ich meine Frau kennenlernte. Das ist jetzt ein Jahr her, und in dem einen Jahr ist so unglaublich viel geschehen, dass wir uns nicht sehen konnten. Mein Bruder wurde ermordet, wissen sie. Gestern dann haben wir uns nach langer Zeit wiedergesehen.<<

>>Hmm ...<<

>>Inzwischen habe ich einen Sohn und eine Ziehtochter ... Wollen sie mal sehen?<< frage ich und hole meine Brieftasche hervor, um dem Chiefinspector ein Bild meiner Familie zu zeigen.

>>Das Mädchen sieht aus wie eine Indianerin<<, meint der Chief.

>>Nicht ganz, sie ist eine Métis. Ein Mischling indianisch-europäischer Abstammung, so hat sie mir erklärt. Veronique studiert in Paris<<, sage ich nicht ohne stolz.

>>Sie ist nicht ihre leibliche Tochter?<<

>>Sie ist die Tochter meines Bruders.<<

>>Was haben sie nun vor, wollen sie noch nach Irland?<<

>>Ja unbedingt, natürlich!<<

>>Ich werde sie nicht aufhalten. Wir sollten aber in Verbindung bleiben, haben sie ein Funktelefon?<<

Ich bejahe und gebe dem Chiefinspector die Nummer. Danach trennen sich vorübergehend unsere Wege. Den mit Dr. Houtrow vereinbarten Termin sage ich ab.

Irland

Irland ist mehr als die Klischees, die uns vom Festland immer sofort einfallen: Rothaarige Biertrinker die in Pubs sitzen, traurigen Liedern lauschen und anschließend eine zünftige Schlägerei vom Zaun brechen.

Irland ist tatsächlich die grüne Insel, wie sie sich selbst gerne nennt. Ich war oft in Irland, und ich war immer gerne dort.

Die ganze Insel ist mit Flüssen, Bächen, und Kanälen durchzogen. Es fehlt auch nicht an Seen. Seine Hügel heben sich purpurn ab vom dominierenden grün und das Meer strahlt in unzähligen Blau-Facetten. Der Westen strotzt vor Ursprünglichkeit und unberührter Natur.

Die großen Städte haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Vorbei ist die Zeit, in der die Insel das Armenhaus Europas genannt wurde. Der Arbeitsmarkt boomt, die Insel hat sich als Top-Standort in Europa etabliert. Vor allem Firmen aus der IT-Branche sind hier zuhauf vertreten.

Irlands Geschichte reicht über Jahrhunderte zurück und ist noch immer aktuell. Kein anderes westeuropäisches Land war so lange eine Kolonie einer fremden Macht, die rigoros auf alle Lebensbereiche eingewirkt hat. Irland hat seine Eigenständigkeit bewahrt. 1912 wurde der Süden unabhängig. Der Norden wird noch immer von den Briten verwaltet.

Irland hat keine eigentlichen Ureinwohner. Die ersten Menschen - die aus Skandinavien stammten - kamen vermutlich 6600 v.Chr. nach Irland. Sie wanderten über eine Landbrücke zwischen Irland und Schottland ein. Vermutlich als es wärmer wurde und die Gletscher schmolzen. Die nächsten Einwanderer kamen in der Bronzezeit. Etwa im Jahr 200 v. Chr. wanderten die aus Mitteleuropa stammenden Kelten ein. Aber erst im Jahre 200 wurde Irland eine keltische Nation. Die Kelten übten den größten Einfluss auf Irland aus und hinterließen ihre Spuren. Von der keltischen Sprache wurden das irische und schottische Gälisch abgeleitet.

Der Heilige Patrick verbreitete auf der Insel das Christentum. Die Iren nahmen den Glauben an und von nun an war die Kirche in Irland fest integriert. 795 landeten die Wikinger an der Ostküste. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden von ihnen die Siedlungen Dublin, Wicklow, Aklow, Wexford, Waterford, Cork und Limerick gegründet. 1536 wurde Heinrich VIII aus England der erste König Irlands. Anfang des 17. Jahrhunderts war fast die ganze Bevölkerung katholisch, nur eine kleine Gruppe war protestantisch.

Im 18. Jahrhundert wurde Irland fester Bestandteil des Vereinigten Königreiches. Irland war von nun an eine Kolonie.

Die Einwohner Irlands fühlten sich als Iren und lösten die ersten Anstöße zur Unabhängigkeit aus. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts begannen die Katholiken um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Da 1920 ein Bürgerkrieg drohte, teilte sich die Insel in zwei Teile. Die Insel wurde in 32 Grafschaften eingeteilt, davon sind 6 mit Großbritannien verbunden, die übrigen 26 bilden die heutige Republik Irland. Doch damit war die Irisch-Republikanische Armee nicht einverstanden. Die IRA leistete Widerstand. Erst als im Mai 1923 eine Waffenruhe vereinbart wurde, konnte der Süden zu einem ruhigen, selbständigen Staat werden. 1949 rief Irland die Republik aus.

Vor zwölftausend Jahren noch, war der Norden von Europa mit Eis bedeckt. Dreitausendfünfhundert Jahre später schmolz das Eis. Der Meeresspiegel stieg an und Irland wurde von Britannien und Britannien vom Kontinent getrennt. Aus Irland wurde eine Insel im Westen Europas. Die Zusammengehörigkeit von Britannien und Irland ist noch sichtbar: Bevor das Eis schmolz und Britannien und Irland sich vom Kontinent trennten, gab es eine Gebirgskette, die von Schottland bis nach Skandinavien reichte; die Wicklow-Berge sind ein Teil davon. Eine weitere Gebirgskette verlief vom Südwesten Englands über die Bretagne bis zum Alpenmassiv; die Erhebungen sind noch zu sehen.

Irland besteht aus einem großen Kalksteintiefland, einem Hügelrelief und den Bergketten in den Küstenregionen. Bis auf eine Ausnahme, der von einem Basaltplateau bedeckte Nordosten, ist Irland mit Granit bedeckt. Die Landschaft zeigt noch deutliche Spuren der letzten Eiszeit. So wurden zum Beispiel Berge abgeschliffen und Steine und Geröll zurückgelassen.

Da Irlands Osten industrialisiert ist, lebt über die Hälfte der Bevölkerung dort. Allein im Großraum Dublin leben etwa eine halbe Million Menschen. Insgesamt lebt ein Drittel der Bevölkerung in den fünf Großstädten Dublin, Cork, Limerick, Galway und Waterford. Die Region um Dublin reitet auf der Welle des Wirtschaftsbooms. Die Auswirkungen spürt man überall, vom turbulenten Nachtleben bis hin zu den vielen Baukränen in der Skyline Dublins.

Dublin, oder Baile Atha Cliath auf Gälisch, ist die Hauptstadt der Republik Irland und ihre größte Stadt. Die Stadt ist das Tor nach Irland für mehr als die Hälfte aller Besucher des Landes. Die von den Wikingern gegründete Stadt verfügt über große Geschichte. Dublin erstreckt sich mit seinen Vororten und Ausläufern im Bogen entlang der Dublin Bay. Eingefaßt durch die Hügel von Howth im Norden, das Vorland von Dalkey und die majestätischen Wicklow Mountains im Süden, wird die Stadt von der Liffey durchteilt. Sein Wasser gibt dem Guinness seinen unverwechselbaren Geschmack.

Das Trinity College, an dem auch ich Gastvorlesungen abhielt ist die angesehenste Universität Irlands und blickt auf eine ungewöhnliche Vergangenheit zurück. Es wurde 1592 von Elisabeth I. gegründet um der Abwanderung von Studenten auf den Kontinent entgegenzuwirken, wo sie - wie man befürchtete - von revolutionärem und katholischem Gedankengut beeinflusst werden könnten. Jahrhundertelang war die Universität ein Zentrum des Protestantismus, katholische Studenten konnten nur Zutritt erlangen, indem sie zum Protestantismus konvertierten. Auf der anderen Seite brauchte man als Katholik ohnehin eine besondere Genehmigung des Bischofs, wenn man am College studieren wollte. Ohne diese war man von der Exkommunizierung bedroht. Diese restriktiven Bestimmungen wurden erst 1970 aufgehoben und die Tatsache, dass heute mehr als siebzig Prozent der Studenten an Trinity Katholiken sind zeigt, wie sehr sich das Blatt in den letzten dreißig Jahren gewendet hat.

Die O’Connell Street, in der Tohru Iwago und ich uns gerade umsehen ist die Hauptachse der Stadt. Bis 1924 unter dem Namen Sackville Street bekannt, gewann sie durch die Konstruktion einer Brücke über den Fluss Liffey an Bedeutung. Diese erste Brücke, die 1794 erbaute Carlisle Bridge, wurde durch die 1880 errichtete, breitere Brücke ersetzt, die noch heute als die O’Connell Bridge steht. Straße und Brücke tragen den Namen Daniel O’Connells, des einflussreichsten irischen Politikers des frühen 19. Jahrhunderts. Die O’Connell Street wird von dem Gebäude der Hauptpost dominiert. Hier treffen wir auf eine Gruppe Japaner. Japanische Touristen trifft man überall auf der Welt, denke ich und sehe, dass Tohru von einem Landsmann aufgehalten wird. Ich sehe, wie sie ein Paar Worte miteinander reden. Haben meine Augen richtig gesehen, oder haben sie mich getäuscht? Irgendetwas hat den Besitzer gewechselt, wenn ich nur wüsste was.

Von den Stufen der Hauptpost aus rief Padraig Pearse 1916 die Republik aus. Die GPO stand im Zentrum des Osteraufstands und wurde, innen wie außen, stark beschädigt. Diese Schäden waren gerade behoben, als gleich darauf der Bürgerkrieg ausbrach und die O’Connell Street ein weiteres mal Schauplatz von Kampfhandlungen wurde. Die heute noch sichtbaren Einschusslöcher in der Außenwand der GPO stammen aus dieser turbulenten Zeit. Am Nordende des Boulevards ragt die Statue Charles Stewart Parnells, des ungekrönten Königs von Irland auf. Ihr gegenüber steht auf dem Südende das Bildnis von Daniel O’Connell. Auf halber Höhe der O’Connell Street, befindet sich die Brunnenplastik der Anna Livia, eine Allegorie des Liffey, benannt nach einer Figur in James Joyces Finnegan’s Wake. Im Volksmund ist sie aber eher als the floozy in the jacuzzi bekannt, was soviel heißt wie das Flittchen im Whirlpool. Die O’Connell Street bietet alles: vom Schnellimbiss bis zum Luxusrestaurant, von der kleinen exquisiten Boutique bis zum Einkaufszentrum.



Wir mieten einen Leihwagen und Tohru und ich machen uns auf den Weg in die Region Shannon. Genauso gern würde ich jetzt in den Südosten Irlands fahren. Der Südosten ist und wird es wohl immer bleiben ein bunter Flickenteppich aus fruchtbaren Tälern und Ebenen; eine Gegend, die schon vor Jahrhunderten Eroberer, Händler, Entdecker und Missionare angezogen hat. Die Landschaft mit seinen malerischen Dörfern, reetgedeckten Cottages, alten Steinbrücken und ruhigen Küstenorten wird durchzogen von einem Flussnetz, dessen Hauptarme die fünf Flüsse Barrow, Blackwater, Nore, Slaney und Suire bilden. Die Region ist reich an historischen Schätzen, Siedlungen, Festungen und Burgen. Klöster zeugen vom Einfluss der Kelten, Wikinger, Normannen und Angelsachsen.

Wir verlassen die Ostküste Irlands und fahren durch die Midlands in Richtung Shannon. Wir streifen den Südosten nur.

Die Region Shannon ist eine der Glanzpunkte des Landes, wie die Cliffs of Moher, der Burren National Park und attraktive Städtchen wie Adare beweisen. Die Shannon Region besteht aus den zwei Grafschaften Clare und Limerick. Clare verfügt über einen großen Reichtum an landschaftlichen Schönheiten, vom River Shannon und dem Lough Derg am Ostrand der Grafschaft bis hin zur zerklüfteten Atlantikküste mit seinen Klippen und den goldenen Stränden im Westen.

Wir erreichen Limerick und suchen uns ein Hotel.

Limerick ist das Zentrum der Shannon Region und hat das Stadtrecht länger als London. Vor kurzem wurde die Stadt durch Frank McCourts Bestseller Angela’s Ashes (Die Asche meiner Mutter) weltberühmt. Die erfolgreiche Verfilmung des Buches kam letzten Winter in die Kinos.

Was gibt es hier zu tun, warum sind wir hier? Das hat mit der Times zu tun, die David mir an den Barriers gegeben hatte. Wir müssen nach Adare, aber nicht mehr heute. Ich freue mich auf eine Dusche, das Essen danach und auf ein Kännchen Tee. Tohru Iwago redet nicht ungefragt, das bewundere ich an ihm. Ich habe ihn auf der Fahrt beobachtet und ich glaube Irland hat ihn sehr beeindruckt. Noch etwas ist mir aufgefallen, sein Jackett hat unter der linken Achsel wieder diese Beule.

*

Der malerische Ort Adare ist wohl das schönste Dorf in Irland. In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts ließ der Dritte Earl von Dunraven vor den Toren seiner frühviktorianischen Residenz eine Straße mit reetgedeckten Häusern und gepflegten Hecken anlegen. Die Geschichte hatte Adare zu diesem Zeitpunkt schon mit einer wunderschönen Kulisse ausgestattet, bestehend aus dem efeubewachsenen normannischen Castle und romantischen Klosterruinen.

In Adare wohnt Professor Timotheus Robinson, der Mann der mich vor Jahren nach Irland eingeladen hatte, um an der Universität, das Trinity College, eine Gastvorlesung abzuhalten. Ich hatte Professor Robinson von London aus angerufen und gebeten ihn besuchen zu dürfen. Er hatte sofort zugestimmt, mich seinerseits darum gebeten für ihn ein bestimmtes Buch aus London mitzubringen. Dieses Buch und ein von mir geschriebenes halte ich in den Händen, als ich vor seinem hübschen Reihenhaus stehe und an der Haustür die Glocke betätige.

Der Professor hat mich wohl kommen sehen, jedenfalls öffnet sich die Haustür bereits nach wenigen Augenblicken. Ich habe kaum Zeit, den gepflegten Vorgarten samt der kurz geschnittenen Hecke zu bewundern.

Nach einer freundlichen, fast herzlichen Begrüßung und nach dem er mir seine Gattin vorgestellt hat, führt er mich in sein Arbeitszimmer. Noch während wir einen Blick in die von mir mitgebrachten Bücher werfen und ich ihm das von mir geschriebene Buch signiere, bringt die Hausherrin uns freundlich lächelnd den Tee. Ich erfahre in den nächsten zwei Stunden vieles von den Beiden, unter anderem, dass die Frau Robinson eine richtige Landärztin ist mit eigener Praxis im Dorf und unglaublich unterhaltend von Land und Leuten erzählen kann. Mein Gastgeber ist Medizinprofessor und bekannt durch seine Diagnosetechniken für verschiedene gastrointestinale Krankheiten, wie zum Beispiel die Frühformen von Magenkrebs. In den USA hatte er vor Jahren eine Brücke geschlagen zwischen dem biomedizinischen Ingenieurwesen und Ärzten. Wegen seiner Grundlagenforschung in den USA und Irland genießt er hohes Ansehen in der Medizinwelt.



Das Wort Endoskop kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie nach innen sehen. Das nach innen sehen hatte Professor Robinson immer wörtlich genommen, und dass die neuesten Endoskope viel mehr können als nur bei der Diagnose helfen, ist mit sein Verdienst.



>>Sie waren also in Japan?<< fragt mich der Professor.

>>Ja, mein Freund Herada bat mich nach Japan zu kommen um für ihn Nachforschungen anzustellen. In Japan wurde ein Mitarbeiter aus seinem Team ermordet. Bei den Barriers starb gestern ein Mitarbeiter des MI5 durch eine Kugel, die vermutlich für mich bestimmt war ... Und das alles geschah vielleicht wegen der Kapsel. Ich weiß es auch nicht ...<<

>>Hmm.<< Der Professor macht ein nachdenkliches Gesicht.

>>Inzwischen wird die Kapsel auch in Deutschland eingesetzt, wie zu lesen war, allerdings ebenfalls ohne Navigationskontrolle. Ohne diese Kontrolle wird dieses Konzept aber seine Grenzen haben. Im Allgemeinen Krankenhaus Altona in Hamburg wurden 50 Patienten mit der Videokapsel untersucht, berichtete mir ein Arzt, der dort die Medizinische Abteilung leitet. Dabei wurden am häufigsten Missbildungen kleiner Blutgefäße im Dünndarm festgestellt, die zu chronischem Blutverlust führen können. Für die Untersuchung von Speiseröhre, Magen und Dickdarm sei die Kapsel-Endoskopie jedoch noch nicht geeignet, weil sich die Videokapsel noch nicht steuern lasse. In der Speiseröhre rutsche sie zu schnell runter und im Magen sei sie wie im Dickdarm nicht steuerbar. Deshalb treibt mein Freund seine Entwicklung voran. Er erforscht die Möglichkeiten einer multifunktionalen intelligenten Kapsel. Er sucht nach einer automatischen Drehkontrolle, um tote Winkel zu minimieren oder Entnahmen an spezifischen Körperteilen durchführen zu können<<, sage ich.

>>Interessant<<, murmelt der Professor und seine Frau nickt zustimmend.

>>Praktische Anwendung und leichte Handhabung stehen bei ihm an erster Stelle. Die Anforderung des Arztes ist für ihn Dreh- und Angelpunkt<<, fahre ich fort.

>>Bei der derzeitigen Endoskopie werden Magen und Darm für die Diagnose mit Luft aufgepumpt. Die Frage ist doch, wie sich ein Kapsel-Endoskop bei dieser Methode integrieren lässt<<, sagt der Professor.

>>Herada denkt, dass sich seine Lösung auch mit dieser Technik vereinbaren lässt.<<

>>Herada denkt, dass die Kapsel die sein Mitarbeiter in Japan bei sich trug den Weg nach Europa genommen hat und nun hier bei uns oder in Deutschland in einem Tresor liegt, habe ich recht?<<

>>Ich weiß nicht so recht, was er denkt. Die Kapsel, die am Royal London Hospital Anwendung findet kommt von hier?<<

>>Ja, die kommt aus Irland.<<

>>Eine irische Entwicklung?<<

>>Eindeutig! Ich bin Berater bei Shire & Sharp in Limerick und habe seine ganze Entwicklung mitverfolgt. Mein Vorschlag lautet daher: wir treffen uns morgen oder übermorgen im Werk. Ich werde ihnen beweisen, dass das Londoner Modell in Irland entwickelt wurde. Wir telefonieren, einverstanden?<< fragt er mich.

>>Ja natürlich, sie sehen mich beschämt Herr Professor.<<

>>Unsinn<<, sagt er.

>>Ich danke ihnen<<, sage ich.

>>Erzählen sie mir etwas über ihr bio-mi-el-G6. Was ist das?<< fragt er mich.

>>Nun wie sie wissen, denke ich ständig über Krankheiten und Schmerz nach und wie sich die Nanotechnologie dagegen einsetzen lässt. G6 könnte eine Antwort auf viele lebensgefährliche Krankheiten und chronische Beschwerden sein. Die mikroskopisch kleinen Geräte, dünner als ein Haar, könnten mit Medikamenten, welche in koordinierten Mengen an den Körper abgegeben werden, mit Muskelzellen und sogar mit winzigen Kameras, die den Gesundheitszustand des Körpers fortlaufend überwachen ausgerüstet werden. Anwendung dürfte sich in der Behandlung von Herzkrankheiten und Diabetes ergeben. Die Entwicklung dieser mikroskopischen Chips eröffnet eine Reihe von faszinierenden Möglichkeiten in der Biomedizin. Meine größte Vision und die ist nicht einmal sehr weit hergeholt ist etwa das robotische Einpflanzen von Mikrochips in das Herzgewebe oder in Blutgefäße. Solche Mikrochips könnten mit Stammzellen ausgerüstet werden und beschädigte Gewebsverbände ersetzen. Stammzellen sind die Urform aller verschiedenen Zelltypen wie wir wissen. Erst in ihrer weiteren Entwicklung spezialisieren sie sich zu Muskelzellen, Hautzellen oder Neuronen. Darüber hinaus könnten Mikrochips mit Chemikalien gefüllt werden, die das Wachstum von Blutzellen stimulieren, oder Medikamente befördern, welche langsam und richtig portioniert an den Körper abgegeben werden. Ich denke auch an den Einsatz von nanotechnologischem Gerät in der Schmerzbehandlung.<<

>>Ein solches System wäre von ungeheurem Nutzen. Medikamenten-Chips würden uns bei der richtigen Dosierung von Medikamenten entscheidend helfen. Sie könnten die Effektivität des Medikaments erhöhen und gleichzeitig die Nebenwirkungen verringern. So könnte ein Chirurg noch während der Operation einen winzigen Chip einpflanzen, und sich und dem Patienten damit eine langwierige Nachbehandlung ersparen. Richtig platzierte Schmerzkiller könnten die Schmerzsignale auf dem Weg zum Gehirn blockieren<<, meint der Professor.

>>Ein ganz besonderes Anwendungsfeld ist die Krebsbekämpfung. Ich denke da an Impf-Chips, an mit Impfstoff gefüllte Mikrochips. Diese könnten dem Chirurgen wichtige Informationen aus dem Körperinneren über krebsiges Gewebe übermitteln. Mit Sensoren ausgestattet könnten sie nach mutierten Genen suchen oder nach gefährlichen Hormonmengen Ausschau halten.<<

>>Die Möglichkeiten einer zellularen Therapie sollten wir nicht vergessen, nicht wahr?<< sagt der Professor.

>>Das ist richtig! ... Erste Ergebnisse, die der Mikro- und Nanotechnologie zu verdanken sind, wurden bereits gemeldet. So gelangen dem Ohio State Team erste Schritte, beschädigte Blutgefäße wieder nachwachsen zu lassen. Sie ließen so genannte Endothelzellen wunschgemäß ausgerichtet wachsen. Diese Keimzellen könnten demnächst gezielt an der Oberfläche von Silizium-Modellen entlang wachsen, die in Form von Kapillaren gebaut sind und deren volle Funktion ausüben können<<, fahre ich fort.

>>Unser Körper verfügt über Zellen, die das Wachstum neuer Blutgefäße anregt. Solche Zellen könnte man für die Schaffung von Keimen für Blutgefäße nutzen und diese dann in den Körper transplantieren. Eines Tages, so hoffe ich, können frische Kapillare von den Mikromaschinen in geschädigtes Herzgewebe transportiert werden und dort Schäden direkt reparieren. Die Nanotechnologie wird Ärzten und Wissenschaftlern viele neue Türen bei Diagnose, Behandlung und Rehabilitation von Leiden aller Art öffnen. Mit den Erkenntnissen aus der Genforschung und den Fortschritten in der Robotik hat nun endlich auch die Medizin den Schritt in das neue Jahrtausend getan<<, sagt der Professor.

>>Ja, das ist wohl wahr.<<

>>Arbeiten sie an einem weiteren Buch, oder war das hier ihr vorerst letztes?<< fragt mich der Professor und zeigt auf das von mir mitgebrachte Werk.

>>Ein weiteres Buch ist fast fertig<<, sage ich freundlich.

>>Wovon handelt es?<<

>>Von einem Roboter, der im Körper eines Menschen auf Tumorjagd geht. Die Maschine ist ein etwa Reiskorn großer Magnet mit schraubenförmiger Messingspitze, der sich mit Hilfe eines Magnetfeldes von außen steuern lässt.<<

>>Wie soll das gehen?<< fragt die Hausherrin.

>>Nun, ein von außen angelegtes magnetisches Wechselfeld bringt den Magneten zum Rotieren, und die Schraubenspitze treibt ihn vorwärts. Das hat in verschiedenen Testflüssigkeiten bereits funktioniert. Der magnetische Roboter schwimmt jedoch nicht nur durch die Blutbahnen, sondern frisst sich auch durch Gewebe. Hat er einen Tumor erreicht, lässt sich die Messingspitze mit einem speziellen Magnetfeld erhitzen, die Krebszellen verbrennen. Japaner führen schon erste Tests mit ihm durch. Im Labor bohrte er sich unter anderem in zwanzig Sekunden durch ein zwei Zentimeter dickes Beefsteak. Er ist allerdings noch weit von klinischer Anwendung entfernt.<<

>>Es geht aber auch anders. Ich habe da einen interessanten Artikel im New Scientist gelesen<<, sagt der Professor.

>>Lassen sie mal hören<<, sage ich.

>>Blutzellen werden als Wirkstofftorpedos genommen. Sie könnten auch schon sehr bald als Transportfähren dienen, um lebenswichtige Medikamente in erkrankte Organe zu liefern. Die irische Firma Gendel arbeitet an einem Verfahren, bei dem Wirkstoffe in rote Blutkörperchen gespeichert werden. Unter Einwirkung von Ultraschall laden die Zellen ihre Fracht am Bestimmungsort ab.<<

>>Womit kann man Medikamente besser transportieren als mit den körpereigenen Zellen?<< sage ich.

>>Eben, diese Idee beschäftigt Wissenschaftler zwar schon länger, doch entsprechende Experimente blieben bislang wenig erfolgreich. Man kann Substanzen in rote Blutkörperchen einschließen. Die Schwierigkeit war immer, sie wieder herauszubekommen. Dieses Problem soll ein neues Verfahren lösen. Es beruht auf eine Entdeckung, die Gendel-Mitbegründer Tony Mc Hale an der University of Ulster machte. Ein elektrisches Feld, so fand er heraus, kann die Blutzellen derart sensibilisieren, dass sie unter Einfluss von Ultraschallwellen aufplatzen. Auf dieser Basis entwickelt Gendel derzeit ein Gerät, das etwa 20 Milliliter Blut eines Patienten aufnimmt und automatisch mit Medikamenten belädt. Dazu wird das Blut zunächst einem pulsierenden elektrischen Feld ausgesetzt, um es für Ultraschall empfänglich zu machen. In einem weiteren Schritt werden die Zellporen geöffnet, damit der Wirkstoff eindringen kann, und danach wieder verschlossen<<, sagt der Professor.

>>Wissen sie wie das funktioniert?<< frage ich.

>>Das will die Firma nach der Patentierung offen legen. Nach zwei oder drei Stunden soll der behandelnde Arzt das präparierte Blut entnehmen können. Nachdem er es dem Kranken gespritzt hat, kann er das betroffene Gewebe gezielt mit Ultraschall behandeln, um dort den in den Blutzellen gefangenen Wirkstoff freizusetzen. Ultraschall geschickt dosiert ermöglicht auch eine Therapie in mehreren Schüben. Die präparierten Zellen zirkulieren nach Angaben von Gendel bis zu vier Monate im Blutkreislauf.<<

>>Wurden schon Versuche durchgeführt?<<

>>Man will das Verfahren bereits ohne schädliche Nebenwirkungen an Mäusen und Schweinen getestet haben. Statt mit Medikamenten wurden die roten Blutkörperchen mit Proteinen bestückt, die fluoreszierende Marker besaßen. So ließ sich kontrollieren, ob die Zellen ihre Ladung tatsächlich nur in dem mit Ultraschall behandelten Gewebe freisetzten.<<

>>Faszinierend<<, sage ich.

>>Gendel hofft, die Technik bald gegen Herzgefäßerkrankungen oder Krebs einsetzen zu können. Dazu sollen die Blutzellen verschiedene Frachten wie Antikörper oder Designerproteine aufnehmen.<<

>>Bisher haben Forscher, die Blutzellen als Medikamentenfähre erprobten, keine Kontrolle über das Freisetzen der Wirkstoffe gehabt, dieses Unternehmen scheint einen Weg gefunden zu haben. Die Firma Gendel würde ich gern einmal besuchen <<, sage ich.

>>Das dürfte kein Problem sein. Ich werde sie bei Les Russell avisieren, ich kenne ihn gut.<<

>>Danke, das ist sehr nett<<, sage ich.

>>Wie halten sie es eigentlich mit ihren Patenten?<<

Die Frage von Professor Robinson überrascht mich nicht und ich sage ihm, dass ich Patente in der Regel sofort verkaufe und dass sie mir und meiner Familie ein angenehmes und sorgenfreies Leben ermöglichen. Dann aber bitte ich darum, mich verabschieden zu dürfen.

>>Ja, natürlich. Ich rufe sie an<<, sagt der Professor.

>>Auf Wiedersehen Frau Doctor. Herr Professor, vielen Dank, dass sie mich empfangen haben!<<

Ich gebe beiden die Hand, und sie bringen mich bis vor die Tür.



Die Grafschaft Limerick besticht durch seine stille Schönheit und ländliche Beschaulichkeit. Die sanftgewellte Landschaft verwöhnt das Auge, vom Golden Vale (das Goldene Tal) im Osten, bis zu den Auen des Shannon. Ein besonderer Charakterzug der Grafschaft sind die Orte Castleconnell am Shannon und Adare, von wo Tohru und ich nun nach Limerick zurückfahren.

Wir fahren durch Patrickswell und ich sage gut gelaunt zu Tohru, der seit Adare kein Wort mit mir geredet hat: >>Tohru, wenn sie nicht bald mal den Mund aufmachen um mit mir zu reden, dann suche ich in Limerick einen Tierarzt auf der sie einschläfert. Haben wir uns verstanden?<<

>>Sir ...<<

>>Was ist mit ihnen?<< frage ich.

>>Meine Verletzung ... Sir.<<

>>Tut mir leid Tohru, warum haben sie das nicht schon in Adare gesagt. Die Frau vom Professor ist nämlich Ärztin und hätte sie neu verbinden können. Wir suchen in Limerick eine Ambulanz auf. Können sie die Schmerzen noch so lange aushalten?<<

>>Natürlich Sir. Wenn sie fahren könnten, währe das eine große Erleichterung für mich.<<

>>Gut, halten sie an und rutschen sie rüber.<<

Ich steige aus, und gehe hinten um das Auto herum. Dabei fällt mir auf, dass in einigem Abstand ein Motorrad angehalten hat. >>Ist ihnen heute ein Motorrad aufgefallen<<, frage ich Tohru, als ich mich ans Lenkrad setze.

>>Ja, in Adare. Ich habe gedacht, dass der Fahrer auf jemanden wartet.<<

>>Sehen sie sich den hinter uns einmal genauer an.<<

Anstatt sich umzudrehen, richtet Tohru den Rückspiegel so ein, dass er das Motorrad und seinen Fahrer sehen kann.

>>Das könnte er sein, ich bin mir aber nicht sicher. Wir werden ja sehen, was er macht, wenn wir weiterfahren.<<

>>Na schön, fahren wir weiter<<, sage ich.

In der nächsten Minute sagt Tohru: >>Er folgt uns.<<

>>Was mag er wollen?<<

>>Vielleicht ist das der zweite Mann von den Barriers?<<

>>Dann bekommen wir vielleicht Ärger?<<

>>Möglich<<, knurrt Tohru.

Ich sehe ihn von der Seite an. Tohru sieht angestrengt in den Rückspiegel. Die Fahrbahn ist nass, hier hat es eben noch geregnet und leichter Dunst steigt von der Fahrbahndecke auf. Ich fasse nach hinten, und ziehe meine Jacke von der Rückbank zu mir in den Schoß. Aus einer der Jackentaschen fische ich mein Funktelefon heraus und schalte es ein. Nach dem das Telefon sich eingebucht hat erscheint Sekunden später eine Mitteilung, die ich zunächst einmal ignoriere. Ich wähle die Nummer von Chiefinspector Alan Walsh in London und habe Glück, der Chief meldet sich sogleich.

Nach kurzem Vorgeplänkel sage ich: >>Es sieht so aus, als würden wir von einem Motorrad verfolgt.<<

>>Wo sind sie jetzt?<<

>>Auf der Straße von Adare nach Limerick. Wir sind eben durch Patrickswell gefahren, wenn ihnen das was sagt?<<

>>Nein, sagt mir nichts! Wie verhält sich das Bike?<<

>>Es ist näher herangekommen.<<

>>Gut, ich versuch da mal was ...<<

>>Sagen sie mir lieber, was ich machen soll wenn es brenzlig wird.<<

>>Dann drängen sie den Biker von der Straße, oder tun sie sonst was ... Nur nicht gleich erschießen, verstanden?<<

>>Na schön, vielleicht lässt er uns ja auch in Ruhe. Ich melde mich wieder<<, sage ich und beende das Gespräch.

Ich lege das Telefon bei Seite und sehe, dass Tohru Iwago eine Waffe in der Hand hält.

>>Hab ich es mir doch gedacht<<, sage ich und zeige auf die Pistole.

Tohru nickt: >>Die Landsleute, die ich in Dublin traf, ganz recht.<<

>>Was macht er?<<

>>Nichts!<<

>>Was glauben sie hat er vor?<<

>>Ich weiß es nicht, Sir. Wir können nur abwarten.<<

>>Sie haben recht. Wir müssten gleich in Limerick sein<<, sage ich.

Wir fahren weiter, ohne das etwas geschieht. Ich habe kein Auge mehr für diese wundervolle Landschaft, warte auf das Ortseingangsschild von Limerick. Als es dann endlich zu sehen ist bemerke ich eine Straßensperre der Polizei. Tohru steckt die Waffe weg. Im Rückspiegel sehe ich, wie das Motorrad bremst, langsamer wird und dann auf der Fahrbahn wendet um in die Gegenrichtung davonzufahren. Wir erreichen die Straßensperre. Ich öffne das Seitenfenster und halte an.

>>Sind sie Rick van Straaten?<< werde ich von einem Officer gefragt.

>>Ja.<< antworte ich.

Eine Wagenbesatzung bekommt daraufhin ein Zeichen und diese folgen mit durchdrehenden Rädern dem Motorrad.

>>Woher wussten sie ... ?<< frage ich.

>>Später, Sir. Wir begleiten sie jetzt bis zu ihrem Hotel.<<

>>Danke!<<

>>Das ist schon okay, Sir.<<

>>Ach Officer, mein Beifahrer braucht einen Arzt<<, sage ich.

Der Officer sieht mich fragend an, sagt dann aber: >>Folgen sie meinem Wagen, ich bringe sie zu einer Ambulanzstation.<<

Gut zwei Stunden später - Tohru Iwago wurde von einer hübschen Irin versorgt, sind wir wieder im Hotel.

>>Morgen ruhen sie sich aus, Tohru. Wenn der Professor anruft, dann fahre ich ohne sie zu Shire & Sharp.<<

>>Wie sie meinen Sir, wenn sie aber noch einen Ausflug planen, dann möchte ich mitkommen.<<

>>Ihnen gefällt es hier?<<

>>Ja, sehr. Irland ist unglaublich schön.<<

>>Da gebe ich ihnen recht. Kommen sie, wir gehen essen. Danach können wir, wenn sie mögen uns ein wenig die Stadt ansehen. Ich will ihnen das King John's Castle zeigen.<<

Doch es sollte ganz anders kommen.

*

Nachdem ich mit Sarah und mit Chiefinspector Alan Walsh telefoniert habe werfe ich einen Blick in die Times. Während ich noch lese: "Bombe explodiert im Londoner Vorort Ealing", kommt unser Essen. Der Anschlag mit einer 45 Kilogramm schweren Bombe in dem belebten Kneipenviertel gilt als der größte und gefährlichste in der britischen Hauptstadt seit dem Karfreitags-Abkommen über den Frieden in Nordirland vor dreieinhalb Jahren, schreibt die Zeitung. Zuvor gab es zwar eine telefonische Vorwarnung an die Polizei, jedoch mit falscher Ortsangabe. Wie barbarisch und feige, denke ich. Die Polizei macht die so genannte Wahre IRA für den Anschlag verantwortlich. Eine Splittergruppe, das wusste ich irgendwoher.

>>Tohru, was hat man mit dem Anführer der AUM-Sekte gemacht? Wurde der in eine geschlossene Anstalt gesteckt, oder hat man ihn ...?<< frage ich meinen Gegenüber, dessen gefüllte Gabel auf halben Weg zum Mund anhält.

>>AUM-Sekte ... ach, sie meinen den Giftgasanschlag ...?<<

>>Genau.<<

>>Ich weiß es nicht, warum wollen sie das wissen, Sir?<<

>>Nur so.<<

>>Sehen sie mal aus dem Fenster, Sir.<<

>>Warum, was ist denn da?<< frage ich mit vollem Mund.

>>Das Motorrad, ... auf der anderen Straßenseite.<<

>>Ja, ich sehe es. Der Biker kommt herüber. Behalten sie die Tür im Auge, Tohru.<<

>>Ja, Sir.<<

Der Ober kommt an unseren Tisch und fragt, ob alles recht ist. Ich bejahe und bitte darum, uns im Anschluss auf das wirklich vorzügliche Essen Tee zu bringen.

>>Selbstverständlich, Sir. Ich lasse den Tee herrichten.<<

>>Danke!<<

Tohru Iwago legt sein Besteck zur Seite. Ich sehe wie er seine Pistole hervorzaubert und diese unter dem Tisch verschwindet.

>>Was soll das Tohru?<<

>>Er kommt direkt zu uns an den Tisch, Sir<<, sagt Tohru.

>>Wer?<<

>>Der Biker, Sir.<<

Ich drehe mich um und sehe, dass der in schwarzem Leder gekleidete unseren Tisch sogleich erreicht hat. Ich erhebe mich und will etwas sagen, doch der Schwarzlederne kommt mir zuvor: >>Keine Aufregung meine Herren, bitte setzen sie sich wieder.<<

Tohru Iwago sieht den Fremden drohend an.

Der sagt leise: >>Keine Angst, sie haben nichts zu befürchten. Ich bin kein Freund, aber auch kein Feind.<<

>>Wer sind sie, und warum verfolgen sie uns?<< frage ich.

>>Gleich! Darf ich mich zuerst setzen?<< fragt der Schwarzlederne.

>>Ja bitte, setzen sie sich, wir wollen hier kein Aufsehen.<<

>>Natürlich nicht<<, sagt der Schwarzlederne und setzt sich.

Tohru beäugt misstrauisch den Fremden, doch der sieht nun mich an.

>>Nun<<, sage ich.

>>Wenn sie ihrem Freund bitte sagen wollen, dass er seine Pistole wegstecken kann, dann will ich mich gerne ausweisen.<<

>>Tohru, tun sie das Ding weg<<, sage ich leise.

Eine Serviette verdeckt die Waffe, die Tohru artig wegsteckt. Der Fremde öffnet umständlich seine Lederkluft und zieht mit spitzen Fingern einen Ausweis aus einer Innentasche hervor. Den Ausweis legt er vor mir ab und ich werfe einen Blick darauf.

>>Zollamt, Duisburg? ... Ulrich Timmermann<<, sage ich.

>>Zufrieden?<<, fragt er.

>>Nicht ganz! Zoll schön und gut, aber was wollen sie von uns? Es muss doch einen Grund dafür geben, dass sie uns verfolgen und jetzt sogar besuchen<<, sage ich. Ganz automatisch rede ich nun deutsch. Deutsch ist ja die Sprache meiner Kindheit, meiner Jugend. Sarah, Veronique und ich reden in Bergen nur deutsch miteinander.

>>Sind sie Deutscher?<< fragt der Zollbeamte.

>>Ja, gebürtiger ... nun bitte, ich höre.<<

Ulrich Timmermann seufzt. >>Ich hatte im Duisburger-Rheinhafen zu tun. Man hatte mir einen Spezialisten zur Seite gestellt. Wir waren sozusagen am lauschen.<<

>>Am lauschen, wie darf ich das verstehen?<<

>>Der Kollege hatte Gerät dabei, mit dem man Funktelefone abhören kann. Jedenfalls haben wir zufällig ein Gespräch mitgeschnitten das sie mit Professor Schumann führten.<<

>>Durften sie das überhaupt, ... ich meine uns abhören?<<

>>Nein, aber das konnte ich nicht wissen. Die Versuchsphase mit dem Catcher war nur bis Ende 99 erlaubt, wie ich kürzlich erfahren habe.<<

>>Das Gespräch war harmlos, so weit ich mich erinnere und der Professor war glaube ich auf seinem Boot.<<

>>Naja, so harmlos nun auch wieder nicht. Immerhin sprachen sie über Micro- oder Macrotechnologie, da hat es sofort bei uns geklingelt.<<

>>Und seit dem werden Schumann und ich überwacht?<<

>>Ja.<<

>>Aber, weder der Professor noch ich haben etwas angestellt, noch sind wir kriminell. Soweit richtig?<<

>>Sieht so aus!<<

>>Hinter wem und was sind sie eigentlich her?<< frage ich den Zoll-Fahnder.

>>Ich befasse mich mit Wirtschaftskriminalität<<, sagt der Fahnder.

>>Und da sind sie ausgerechnet hinter mir her? Ich bin Schriftsteller, guter Mann<<, sage ich leicht angesäuert.

>>..und sprachen mit Schumann über ein Kapselendoskop. Denken sie, ich weiß nicht was das ist? ... Sie sind in Deutschland geboren, wenn ich das richtig verstanden habe. Dort gibt es ein nettes Städtchen namens Aurich. In dieser Stadt hat die Firma Enercon ihren Sitz. Die Ostfriesen, die zu den weltgrößten Herstellern von Windenergieanlagen zählen, hatten allzu sorglos Schaltbilder und Pläne einer neuen Entwicklung, mit der Strom aus Wind erheblich preiswerter gewonnen werden kann, zwischen ihrem Forschungslabor und dem einige Kilometer entfernten Produktionsbetrieb hin- und hergeschickt. Als das Unternehmen seine neue Erfindung in den USA anmelden wollte, nahm der amerikanische Konkurrent Kenetech das Patent für sich in Anspruch und ließ per Gerichtsbeschluss den Verkauf von Enercon-Anlagen in den USA verbieten. Nur durch Zufall kam heraus, wem die Ostfriesen das zu verdanken haben. Ein Agent der amerikanischen National Security Agency outete sich in der Öffentlichkeit und erzählte, wie die Datenleitungen der Ostfriesen angezapft und ihre Konferenzen abgehört wurden. Das ganze Info-Paket gaben die staatlichen Spitzel an Kenetech weiter. Den Tesa-Rom-Erfindern könnte es bald ähnlich ergehen. Seit zwei Wissenschaftler im vorigen Jahres herausfanden, dass sich einfacher Klebestreifen als preiswerter Datenträger nutzen lässt, ist normale Kommunikation nicht mehr ratsam. Immerhin verspricht die Erfindung hohe Gewinne. Eine handelsübliche Rolle Tesafilm wird, wenn die technischen Probleme überwunden sind so viele Informationen speichern können wie 15 herkömmliche CD-Roms. Also wurden jene Rechner, auf denen Tesa-Versuchsprogramme laufen, aus dem Internet genommen. Wo es ging, stiegen die Forscher auf Apple-Systeme um, die weniger gebräuchlich und deshalb weniger anfällig sind. Und doch fanden Lauscher eine Lücke. Vor einigen Wochen bemerkten die Forscher, dass Unbefugte in die Computer ihrer Labors an der Mannheimer Uni eingedrungen waren. Mit speziellen Schnüffelprogrammen hatten die elektronischen Spione die Software durchsucht. Die Forscher konnten die Spur der Spione bis in die USA verfolgen. Wie viel ihrer Forschungsarbeit jetzt auch anderswo bekannt ist, kann keiner sagen.<<

>>Ich verstehe<<, sage ich.

>>Jetzt sind sie dran, van Straaten. Erklären sie mir, was sie mit einem Kapselendoskop am Hut haben. Meines Wissens, wird so ein Ding in Deutschland gebaut und ich meine, dass es erst vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellt wurde<<, sagt Timmermann.

>>Das ist richtig. Gebaut wird das Ding – wie sie es nennen - aber auch in Irland und in Japan<<, sage ich und erzähle von Masaakis Anruf bis zum Besuch bei Professor Timotheus Robinson, alles.

>>So ist das also<<, sagt der Zoll-Fahnder.

>>Ja, genau so.<<

>>Und der britische Innlandsgeheimdienst hat sich nach dem Tod von David Mooreland nicht für sie interessiert?<<

>>Nee, warum sollten sie?<<

>>Denen wird nicht entgangen sein, dass sie mit Mooreland seit Jahren befreundet waren, denke ich mal<<, sagt Timmermann.

>>Kann schon sein<<, sage ich.

>>Ich werde abreisen<<, sagt Timmermann.

>>Wird wohl das Beste sein<<, sage ich.

>>Was halten sie davon, wenn ich in Deutschland ... ?<<

>>Nein, nicht die Pferde scheu machen, geben sie mir ihre Telefonnummer, damit ich sie anrufen kann. Ich denke, in drei vier Tagen bin ich wieder in Bergen, ich muss vorher noch nach London, meinen Freund beerdigen<<, sage ich.

>>Verstehe<<, sagt Timmermann.

Wir tauschen unsere Telefonnummern aus. Danach verabschiedet sich Ulrich Timmermann.

Zu Tohru sagt er: >>Passen sie weiter gut auf ihn auf.<<

Tohru nickt nur.

*

Der Professor ruft recht früh an und bittet mich ins Werk zu kommen.

>>Ich bin gleich bei ihnen<<, sage ich und beende das Gespräch.

Ich nehme ein Taxi, den Leihwagen lasse ich Tohru. Unterwegs lese ich einen Artikel von Franz Frisch, der über Nanotechnik schreibt: ... Eine dünne Fensterscheibe, die aussieht wie jede andere - doch auf Knopfdruck nimmt sie plötzlich eine blaue Tönung an. Das Glas wird künftig sonnenheiße Gebäude komfortabler machen und gleichzeitig den Energiehunger der Klimaanlagen senken. Denn es kann einfallendes Tageslicht stufenlos herunterdimmen ... und die Wärmestrahlung sogar auf null reduzieren, ohne den Durchblick zu stören ... Ein neuer Baustoff - so stabil, dass ein Unimog darüber fahren kann. Ein Gasbrenner vermag ihn nicht in Brand zu setzen. Dabei besteht das leichte und umweltfreundliche Material fast ausschließlich aus Stroh und Hanf ... Die verschiedenen Materialien haben eines gemeinsam: Sie nutzen eine neue Form der Materie. In der konventionellen Technik begegnen uns Materialien meist in einem der drei bekannten Aggregatzustände ... Die chemische Nanotechnik bringt Materie in eine andere Form, schafft neue Werkstoffe, deren Bausteine Nanopartikel sind. Stellt man ... Metalle, Glas, Keramik oder Halbleiter nicht als Festkörper her, sondern als winzige Partikel, die 5000-mal auf die Dicke eines Haares passen, dann können sie plötzlich ganz neue Eigenschaften zeigen: Metalle werden zu Halbleitern, Keramik wird durchsichtig, Glas wird zum Klebstoff, der Magnetismus eines Stoffs lässt sich ein- und ausschalten ... Die Fenster, die sich elektrisch gesteuert verdunkeln, verdeutlichen die Raffinesse der chemischen Nanotechnik. Sie bestehen aus zwei Glasscheiben, die innen jeweils eine leitende Schicht und eine Metalloxydschicht für den Verdunkelungseffekt tragen. Die wichtigste Komponente aber ist ein glasklarer Nanokomposit als Elektrolyt in der Mitte. Er leitet nicht nur die Ionen zwischen den beiden Oxydschichten hin und her, sondern verklebt die beiden Scheiben auch fest miteinander und gleicht Unebenheiten in der Form der Scheiben aus.

Siebzig Prozent aller technischen Innovationen werden durch die Raffinesse der Werkstoffe bestimmt, denke ich.



Mein Chauffeur hält am Tor von Shire & Sharp in Limerick und ich entlohne ihn. Ich werde von einem jungen Mann erwartet der mich in ausgezeichnetem deutsch begrüßt und mich bittet ihm zu folgen. In einem der Entwicklungslabore erwartet mich Professor Robinson, einige Techniker und Wissenschaftler. Man gewährt mir Einblick in die Forschungseinrichtung und ich habe den Eindruck, dass man mir nichts vorenthält. Das Vertrauen, das man mir entgegen bringt ehrt mich, aber auch die Leute, die hier arbeiten. Nach etwa drei Stunden habe ich alles gesehen, viele Fragen beantwortet und etwas dazugelernt. Nach meinem Versprechen, bald wieder vorbeizuschauen lässt man mich gehen. Eine Einladung von Professor Robinson zum Mittagessen lehne ich dankend ab. Ich habe es eilig nach London zu kommen. Dort will ich mich darum kümmern, dass mein Freund David würdevoll beerdigt wird. Tohru ist verständigt und holt mich ab. Wir ziehen aus dem Hotel aus und fahren nach Shannon zum Flughafen. Shannon war der erste Flughafen der Welt, der über einen Duty Free Shop verfügte und ist außerdem der Geburtsort des Irish Coffee. Der Ort liegt ungefähr drei Meilen vom Flughafen entfernt und ist Irlands einzige völlig neuzeitliche Siedlung. Dort geben wir den Leihwagen zurück und sitzen dreißig Minuten später in einem Flieger nach London. Wie er das angestellt hat, ist mir ein Rätsel, aber nur wenige Minuten bevor wir zur Maschine müssen taucht ein Japaner neben Tohru auf und nimmt ein Päckchen entgegen. Tohrus Jacke beult nicht mehr. Aus der Vogelperspektive sehe ich Bunratty Castle. Das Bauwerk ist eine vollständig und authentisch erhaltene mittelalterliche Burganlage.

Zweiter Teil

Bergen

Ich bin zu Hause in Bergen aan Zee und ich bin glücklich, denn auch Veronique ist da. Sie hatte beschlossen, in den Semesterferien, nicht wie geplant nach Kanada zu fliegen, sondern ihre Ferien bei uns zu verbringen. Veronique hat in Paris zu studieren begonnen und sie wohnt dort bei meinem Freund Marc Duquesne. Marc ist Maler.

Sie ist noch schöner geworden. Veronique hatte mir mal erklärt, dass die Farbe ihrer Haut von ihrem Aufenthaltsort abhänge. Natürlich sei sie ein Halbblut, eine Métis, ein Mischling indianisch-europäischer Abstammung, und das bleibe sie auch, ein Leben lang.

Nun denn: Sarah und Veronique haben sich vor meinem Schreibtisch aufgebaut und kichern. >>Was ist los?<< will ich wissen.

>>Wir wollen nach Bergen, Klamotten kaufen, Veronique braucht neue Sachen zum anziehen. Kannst du dich um Jan kümmern<<, fragt Sarah.

>>Na klar ...<<

Die beiden Frauen gehen. Veronique wirft noch einen fröhlichen Blick zurück.