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Biopolitik

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Was ist Biopolitik?

Von Hans-Jürgen Krysmanski, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Münster

Biopolit kann u.a. verstanden werden als das 'Fine-Tuning' der biologisch-politischen Struktur einer Bevölkerung im Interesse der jeweiligen Machteliten, beispielsweise durch gesundheitspolitische Maßnahmen oder durch die Manipulation des Gesundheitsverhaltens, wobei differenzierte Bevölkerungsreduktion und Profite der Gesundheitsindustrie durchaus Hand in Hand gehen können.

Michel Foucault benutzt den Begriff der Biomacht, um einen neuartigen Machtmechanismus zu kennzeichnen. In traditionellen Machtformen, insbesondere dem souveränen Nationalstaat, bedeutet Macht letztlich souveränes Recht über Leben und Tod der Untertanen. Seit dem 17. Jahrhundert wird diese alte 'Macht über den Tod' zunehmend von einer neuen Machtform überlagert, deren Ziel es ist, das Leben zu verwalten, zu sichern, zu entwickeln - und letztlich zu bewirtschaften.

Foucault unterscheidet zwei "Entwicklungsachsen der politischen Technologie des Lebens": erstens die Disziplinierung des Individualkörpers: hier geht es um die Serie "Körper - Organismus - Disziplin - Institution" und folglich um Machtformen, die sich in Institutionen wie dem Fabriks- oder Militärsystem realisieren; zweitens die Regulierung der Bevölkerung: hier geht es um die Serie "Bevölkerung - biologische Prozesse - Regulierungsmechanismen - Staat" und folglich um Machtformen, die sich als "Bevölkerungspolitik" realisieren, also die Bevölkerung als "biologisch-politische Entität" begreifen, die durch Beeinflussung der Geburts- und Sterblichkeitsraten, des Gesundheitsniveaus usw. den wirtschaftlichen Interessen gefügig gemacht wird.

Michael Hardt und Antonio Negri kritisieren, dass Foucaults Begriff der Biomacht / Biopolitik zu statisch sei und den Problemen im Übergang zur Postmoderne (Souveränitätsverlust der Nationalstaaten, Privatisierung der Macht, Rolle transnationaler Konzerne und NGOs) nicht gerecht werde. Biopolitik im Sinne von Bevölkerungspolitik dient nicht mehr nur der 'Reproduktion des Lebens', sondern wird direkt zur Steuerung der Produktion eingesetzt. Biomacht ist "eine andere Bezeichnung für die reelle Subsumtion der Gesellschaft unter das Kapital" und steuert die globale Ordnung der Produktion bzw. des wichtigsten Produktionsfaktors, der menschlichen Arbeitskraft.

Susan George beschreibt in ihrem fiktiven 'Lugano Report. Ist der Kapitalismus noch zu retten?', wie eine Expertenkommission den grossen internationalen Organisationen wie Weltbank und Internationaler Währungsfond, den G7-Staaten, den Clubs von London und Paris, dem World Economic Forum usw. sogenannte "Bevölkerungs-Reduktionsprogramme" empfiehlt. Mit dieser 'Weltbevölkerungspolitik' - einer Biopolitik ganz im Foucaultschen Sinne - soll die Menschheit von heute sechs Milliarden auf vier Milliarden im Jahr 2020 reduziert werden. Denn nur so werde der Kapitalismus nicht an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen. Ganz nüchtern setzen die 'Experten' auf eine Reihe von - möglichst rationalen und unauffälligen - Strategien zur Weltbevölkerungsreduktion. Dabei soll sich der überflüssige Teil der Bevöllkerung, der 'Sozialmüll', am besten selbst erledigen und seine wahren Liquidatoren nicht erkennen, und zwar u.a. durch Kampf der Kulturen und Krieg der Identitäten sowie entsprechende Waffenexporte; durch Hungersnöte - denn sie treffen selten die wohlhabenden gesellschaftlichen Eliten; durch Einsatz von Gentechnologie in der Landwirtschaft mit noch unabsehbaren tödlichen Folgen; durch Beförderung von Krankheiten und Seuchen, etwa Tuberkulose, Malaria und vor allem die Immunschwächekrankheit AIDS.

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